sehepunkte 24 (2024), Nr. 3

Myles Lavan / Daniel Jew / Bart Danon (eds.): The Uncertain Past

Die Frage nach den Möglichkeiten der Quantifizierung der Vergangenheit ist eine der meist diskutierten methodischen Fragen der Alten Geschichte, insbesondere im Bereich der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Skeptiker verweisen auf die wüste Unvollständigkeit unserer Überlieferung, Befürworter verweisen darauf, dass es bereits ein Gewinn sei, wenigstens die Größenordnung von Bevölkerungszahlen, Urbanisierungsraten oder Wohlstandsverteilungen zu kennen. Angesichts der unvollständigen Überlieferung kombinieren alle Modellrechnungen primäre Daten, die aus literarischen Angaben, häufiger aber aus archäologischen Grabungen, Surveys, numismatischen Sammlungen oder Inschriften stammen, mit Vergleichswerten aus besser dokumentierten vorindustriellen Gesellschaften, die aufgrund ähnlicher Strukturvoraussetzungen als stellvertretend gelten. Weil die Auswahl und Kombination dieser Daten vielfältige heuristische Entscheidungen erfordert, ist die Quantifizierung der antiken Vergangenheit Schauplatz anspruchsvoller Methodendebatten.

Der vorliegende Band liefert zu diesen Debatten einen wichtigen Beitrag. Wichtig nicht in erster Linie, weil er neues Quellenmaterial erschließt, sondern weil er anhand bekannter Quellenbestände einen neuen Ansatz präsentiert: Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ungewissheit (uncertainty) aufgrund ungenügender Daten, so argumentieren Myles Lavan und Daniel Jew in der Einleitung, sei durchaus kein Monopol der Alten Geschichte (2). Tatsächlich müssten sich auch Disziplinen, die Aussagen über die Gegenwart oder Zukunft träfen, wie Metrologen, methodisch mit der Unvollständigkeit und Vorläufigkeit ihrer Daten auseinandersetzen. Letztlich bestehe kein kategorischer Unterschied zwischen stochastischer und epistemischer Ungewissheit. Und weil alles Wissen über die Welt beobachterabhängig sei, sei jede Schätzung subjektiv: "there is no such thing as 'objective' probability" (10 f.). Ziel müsse es daher sein, die Prämissen und Modelle subjektiver Wahrscheinlichkeitsschätzungen klarer zu benennen, auf ihre logische Konsistenz zu testen und die Verteilung der Wahrscheinlichkeit unserer Mutmaßungen feinkörniger darzustellen. Das Mittel dafür sind computergestützte Monte-Carlo-Simulationen (die Fallstudien des Bands wurden mit R durchgeführt), bei denen zufallsbasiert sehr viele Wiederholungen (z.B. 100.000 Durchgänge) der zugrunde gelegten Funktion mit unterschiedlichen Variablenwerten (innerhalb der definierten Zahlenbereiche) durchgeführt werden, um stabile Verteilungen möglicher Ergebnisse zu erhalten. In der Einleitung erläutern Lavan und Jew diese Methode am Beispiel von Jews Arbeiten zum Getreideanbau in Attika.

Emily Mackil modelliert die Wahrscheinlichkeit von Vermögensverlust durch Konfiskation in der griechischen Welt des 5. und 4. Jahrhunderts. Mackil kombiniert dafür die Zahl griechischer Städte mit ihrer durchschnittlichen Einwohnerzahl und der durchschnittlichen Häufigkeit von Verbannung als Folge von Bürgerzwist (staseis), Vertreibung oder Versklavung nach Eroberung und der Gründung von Kleruchien. Mackils Ergebnis ist, dass die Wahrscheinlichkeit der Konfiskation zwischen 2,6 % und 18,6 % lag, mit einem Mittelwelt bei 10,5 %. Ganz gleich, welchen dieser Werte man für subjektiv plausibel hält: Sie alle stellen die populäre Forschungsthese in Frage, laut der hohe Eigentumssicherheit einer der Hauptgründe für die Prosperität der klassischen Zeit gewesen sei (82 f.).

Bart Danon verwendet die Wohnflächen privater Häuser in Pompeji, um zu zeigen, dass sehr wahrscheinlich ist, dass es in Pompeji Haushalte gab, die den senatorischen Census erfüllten. Dieses Ergebnis ist bedeutsam, weil kein einziger Senator aus Pompeji bekannt ist. Das lenkt den Blick auf alternative Erklärungsansätze wie Rechtsstatus, Geschlecht usw.

Gilles Bransbourg widmet sich dem Münzumlauf zur Zeit der Antoninen. Bransbourg zielt auf die Widerlegung von Richard Duncan-Jones' bahnbrechender Schätzung der Monetarisierung aus dem Jahr 1994. Nach Duncan-Jones' Schätzung wäre die römische Wirtschaft extrem monetarisiert gewesen (umlaufendes Münzgeld im Wert von 20 Mrd. Sesterzen, 100-200 % des von anderen Autoren geschätzten Bruttoinlandsprodukts) und ein Großteil der umlaufenden Münzen, ca. zwei Drittel, Goldmünzen. Methodisch ist Bransbourgs Kritik an Duncan-Jones ein Lehrstück numismatischer Quellenkritik. Inhaltlich mündet sie in einer Revision: deutlich wahrscheinlicher sei ein Münzaufkommen von 16 Mrd. Sesterzen, von dem nur ein Drittel Gold war, der Großteil hingegen Silber (161). Das Ergebnis ist in zweierlei Hinsicht wichtig: zum einen spreche eine so hohe Monetarisierungsrate im Vergleich zur Monetarisierungsrate anderer vorindustrieller Gesellschaften dafür, das BIP des römischen Kaiserreichs höher anzusetzen als frühere Studien. Zum anderen spreche der hohe Silberanteil dafür, die Bedeutung von Handel und Geldgeschäften für die kaiserzeitliche Wirtschaft höher zu veranschlagen: Gold diente der Thesaurierung, Silber dem Geldumlauf.

Paul Kelly untersucht die Wahrscheinlichkeit mit der Familien im kaiserzeitlichen Ägypten gezwungen waren, Kinder auszusetzen, um dem wirtschaftlichem Ruin zu entgehen. Kelly kommt zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit für die meisten Familien zwar eher gering war, aber doch so hoch, dass jede Familie Nachbarn, Freunde oder Verwandte kannte, denen dieses Schicksal zugestoßen war - zumal die Wahrscheinlichkeit ungleich verteilt war: manche Familien waren von diesem schlimmen Schlag öfter bedroht als andere (216).

Nicholas Solonakis, Anicet Touré und Mohamed Elhouderi untersuchen die Erfolgschancen von städtischen Fonds zum Getreideankauf in Hellenismus und Kaiserzeit. Das Ergebnis ihrer Simulation ist die Nicht-Linearität der Chancenverteilung. In den ersten Jahren nach Gründung war die Chance eines Zusammenbruchs relativ hoch; waren diese Anfangsjahre überstanden, standen die Chancen hingegen gut, dass die Fonds mittel- oder langfristig bestehen blieben und ihre Funktion erfüllten (250). Diese Fonds waren demnach eine zu Recht häufig eingesetzte Waffe im Kampf gegen städtische Versorgungsnöte und dem daraus erwachsenden sozialen Unfrieden (252).

J. W. Hanson nutzt im letzten Beitrag quantifizierende Methoden, um auf Grundlage der archäologisch bekannten Stätten die Urbanisierung im römischen Kaiserreich um das Jahr 200 n. Chr. zu schätzen. Das Ergebnis ist, dass eine urbane Gesamtbevölkerung zwischen 14 und 15 Mil. Menschen am wahrscheinlichsten ist - eine methodisch reflektierte Bestätigung bisheriger Schätzungen (282 f.).

Eher klassisch arbeitenden Althistorikern wie dem Rezensenten verlangt die Lektüre des Bandes einige Konzentration ab. Stellenweise hätte man sich gewünscht, dass die Autoren ihre stochastische Begrifflichkeit noch laienfreundlicher erläutern. In der Sache kann hingegen kein Zweifel an der Relevanz und Qualität des Bandes bestehen. Methodische Reflektiertheit und Rigorosität der Fallbeispiele sind vorbildlich. Sie zeigen, dass eine wahrscheinlichkeitsbasierte Analyse neue Erkenntnisse zu vielen Fragen der antiken Sozial- und Wirtschaftsgeschichte verspricht und ausgezeichnet in der Lage ist, die von Archäologie, Numismatik, Epigraphik und Papyrologie bereitgestellten massenhaften Daten computergestützt auszuwerten. Man wünscht dem Band deshalb eine breite Rezeption, auch als Appell für eine Alte Geschichte, die Methodenvielfalt und innerdisziplinäre Arbeitsteilung noch stärker in der Forschungspraxis verankert.

Rezension über:

Myles Lavan / Daniel Jew / Bart Danon (eds.): The Uncertain Past. Probability in Ancient History, Cambridge: Cambridge University Press 2023, XIV + 307 S., ISBN 978-1-009-10065-6, GBP 90,00

Rezension von:
Moritz Hinsch
Ludwig-Maximilians-Universit√§t M√ľnchen
Empfohlene Zitierweise:
Moritz Hinsch: Rezension von: Myles Lavan / Daniel Jew / Bart Danon (eds.): The Uncertain Past. Probability in Ancient History, Cambridge: Cambridge University Press 2023, in: sehepunkte 24 (2024), Nr. 3 [15.03.2024], URL: https://www.sehepunkte.de/2024/03/38063.html


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