sehepunkte 21 (2021), Nr. 4

Christian Seebald: Reform als Textstrategie

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um die Habilitationsschrift des am Institut für Deutsche Sprache und Literatur der Universität Köln tätigen Germanisten Christian Seebald. Sein Interesse am Werk des Basler Dominikaners Johannes Meyer wurde in den Jahren 2014-18 durch eine eigenen Forschungsstelle zu Johannes Meyer gefördert, die ihm bereits wichtige Publikationen zum Thema ermöglicht hat. [1] Der aus Zürich gebürtige Observant Johannes Meyer († 1485), gilt mittlerweile als Schlüsselfigur der Erneuerung des weiblichen Klosterwesens in der Provinz Teutonia, gleichwohl schwankt das Urteil über die Qualität seiner historiografischen Schriften immer noch erheblich. Die sehr sorgfältig erarbeitete Gesamtschau von Seebald bietet künftig eine neue Grundlage für die Einschätzung von Wirkung und Bedeutung seines Schaffens im Dienst der dominikanischen Reform.

In insgesamt sieben, vielfach gegliederten Kapiteln behandelt Seebald die Hauptwerke Meyers in chronologischer Reihenfolge, beginnend (Kapitel 1) mit einer allgemeinen Einleitung zum Forschungsstand und zur Darlegung seiner eigenen Absichten. Ziel des Autors ist nicht eine rein am Faktischen orientierte Lektüre, sondern die Befragung der verschiedenen Texte im Hinblick auf ihre literarische "Faktur", d.h. ihrer sprachlichen und strukturellen Strategien innerhalb des Reformdiskurses. Außerdem soll eine Einordnung der Texte in die "Frömmigkeitstheologie" (Bernd Hamm) des Spätmittelalters versucht werden.

Den Anfang machen (Kapitel 2) zwei Werke aus der Berner Zeit Meyers (1454/55), das Buch der Ämter und das Buch der Ersetzungen. Beide sind erst kürzlich auch von Claudia Engler einer genauen Analyse unterzogen worden. [2] Das Amptbuch liegt zudem in einer vorbildlichen Neuedition von Sarah Glenn DeMaris vor. [3] Sowohl Engler als auch Seebald unterstreichen die grundsätzliche Bedeutung von Meyers Frühwerk für die Konstituierung des weiblichen Ordenszweiges, insofern darin das normative Wissen für Dominikanerinnen in deutscher Sprache verbindlich festgehalten wird. Dazu gehören neben der volkssprachlichen Übersetzung von Augustinerregel und Konstitutionen vor allem die Übersetzung und Adaption der Instructiones de officiis ordinis des fünften Ordensmeisters Humbert von Romans. Das bislang noch nicht edierte Buch der Ersetzungen versteht sich als Ergänzung zum Ämterbuch. Nach Seebald enthält es u. a. elf Musterpredigten, in denen Meyer nach dem Beispiel Humberts von Romans ein spirituelles Programm für die observante Cura monialium entwirft, das m. E. interessante Bezüge zur Devotio moderna aufzeigen könnte.

Zu den bekanntesten Werken Meyers gehört das Buch der Reformacio (Kapitel 3), das bislang nur in der Ausgabe von Benedikt Reichert aus dem Jahr 1909 vorliegt, die nach heutiger Kenntnis erst eine relativ späte Überlieferungsstufe des Buches aus dem Dominikanerinnenkloster St. Gallen (St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 1916) wiedergibt. [4] Laut Seebald existiert neben den mittlerweile bekannten vier Textzeugen der Reformacio sogar noch eine Urfassung des Werkes aus dem Jahr 1464, die Meyer offenbar in Schönensteinbach verfasst hatte und die Seebald in den Archives Départementales du Haut-Rhin der Stadt Colmar in einer späten Abschrift eines Schönensteinbacher Beichtvaters aus dem Jahr 1670 glaubt wiedergefunden zu haben. Das Ergebnis seiner Recherchen ist in einem neuen Handschriftenstemma festgehalten. Vom Inhalt her stuft er Meyers Buch als herausragendes Beispiel der Reformhistoriografie des 15. Jahrhunderts ein, vergleichbar dem Liber de reformatione monasteriorum des Windesheimer Chorherren Johannes Busch (1. Fassung 1459 / 2. Fassung 1464). Diesem Vergleich weiter nach zu gehen, wäre zweifellos sehr lohnend. Zumal Meyer sich gerne die Devotio moderna zum Vorbild nahm und bei Busch möglicherweise auch die erfolgreiche Verknüpfung von Ereignisgeschichte der Reform und Hagiografie seiner Exponenten sehen konnte. Bei Meyer ist es nach Seebald der Mythos der Anfänge der Reform in Schönensteinbach, der zuhanden seines Adressatinnenkreises mit den Viten der ersten Schwestern verbunden wird.

Kapitel 4 behandelt die universalhistorisch angelegten Werke Meyers. Der Basler Dominikaner bewegt sich hier stärker als in seinen anderen Werken in den traditionellen Bahnen der dominikanischen Geschichtsschreibung und schreibt diese auch teilweise aus. Dazu gehören die Viten des Gerhard von Frachet, die Chroniken Martins von Troppau und die Weltchronik des observanten Bischofs Antoninus von Florenz. In seiner Papstchronik vermerkt Meyer jeweils, inwieweit der betreffende Papst die Ordensreform begünstigt oder behindert hat. In seiner Kaiserchronik widerlegt Meyer ausführlich den Vorwurf der Vergiftung des Luxemburger Kaisers Heinrich VII. von Seiten einiger Ordensbrüder. Im Unterschied zu Seebald scheinen mir die regelmäßigen Hinweise auf die positiv konnotierte Rolle der Dominikaner bei der Ketzerverfolgung nicht unwichtig zu sein, denn sie sind ein Teil des Mythos einer Rückkehr zu den Anfängen und erklären das verstärkte Engagement des Ordens auf dem Gebiet der Inquisition. So schreibt Meyer in seiner Papstchronik zu Papst Clemens V. (1305-1314): "Dieser gab etlichen Brüdern Prediger Ordens Befehl, dass sie die Ketzerei des Unglaubens 'bekämpften', die sich in der Lombardei erhoben hatte durch einen Erzketzer genannt Dolcinus, und das geschah durch die Prediger, dass der Unglaube gelöscht wurde und die Ketzer verbrannt". Meyer hatte diese Notiz höchstwahrscheinlich dem Inquisitions-Handbuch seines spanischen Ordensbruders Nikolaus Eymericus entnommen, das bekanntlich in observanten Kreisen rezipiert wurde.

Ein ganz anderes Thema behandelt Kapitel 5. Hier untersucht Seebald Meyers redaktionellen Umgang mit den Schwestern-Viten des 14. Jahrhunderts. Im Fokus stehen die Handschriften Nürnberg, Cod. Cent. V 102 und Breslau, UB ms. IV F 194a mit den Schwesternbüchern und Chroniken von Toess, St. Katharinental, Oetenbach und St. Michael zu Bern. Interessant ist darin Seebalds Deutung von Meyers Vorwort zu Elisabeth Stagel im Toesser Schwesternbuch. Meyers Vorwort übernimmt darin Elemente aus der Vita Seuses im Exemplar und fabriziert daraus, Seebald zufolge, die 'einzelpersönliche Vita' einer Schwester, die in vorbildlicher Weise den geistlichen Anweisungen ihres Beichtvaters folgt und deshalb zum spirituellen Massstab für die übrigen Schwestern des Buches wird. Nach Sebald (241) "erscheint die Elsbeth-Vita als Komplement zur Vita Seuses, insofern sie die dort grundgelegte Rolle der geistlichen Tochter noch einmal in Form des erzählten Lebens [...] verdichtet, pointiert und im Kontext des Programms der Toesser Sammlung als 'Exemplar' neu fokussiert". Dazu passt m. E. auch, dass Meyer den Lebenshintergrund ihres Beichtvaters durch den Vornamen Heinrich und die Vita seiner Mutter konkretisiert und an anderer Stelle mit Hilfe der Ikonografie des stigmatisierten Seuse in der Handschrift Basel , Cod. E III 12, die Grundlagen für eine spätere Heiligsprechung legt.

In Kapitel 6 ergänzt Seebald seine bisherigen Untersuchungen durch einen Blick auf die lateinischen Geschichtswerke Meyers und ihre Vorbilder. Sie sind bestimmt für den männlichen Zweig des Ordens, dem auf dem Weg der Viten berühmter Ordensangehöriger ein 'Memorialbuch und literarischer Pantheon' vor Augen geführt werden soll. In sie sind Seebald zufolge auch die spirituellen Ziele des Gebweiler Kreises eingeflossen, dem sich Meyer 1465 angeschlossen hatte. Ergänzende Angaben zum Liber de illustribus viris enthält schließlich die Chronica brevis, die nur in einer Handschrift aus dem Windesheimer Kloster Birklingen überliefert ist und somit das Interesse der Devotio moderna an Meyer bestätigt.

Die Schlussüberlegungen des Autors (Kapitel 7) betonen nochmals das Ziel des Historiografen Meyer, seine Werke zuhanden der Reform des weiblichen Klosterwesens geschrieben zu haben, einen Dienst für den er selbstbewusst die Autorschaft beansprucht, obgleich er sich bewusst ist, aus anderen Werken geschöpft zu haben und nicht immer in der Lage war, die gewünschten Informationen zu erhalten.

Das klar gegliederte Buch bietet einen umfassenden Einblick in die Gedankenwelt von Johannes Meyer. Es bringt neue Gesichtspunkte und Einsichten, die eine interessierte Leserschaft dazu anregen werden, noch weiter in die Geschichtswerkstatt des Basler Dominikaners einzudringen.

Das Werkzeug dazu findet man im Anhang des Buches. Besonders hervorzuheben sind: A: ein Katalog der Schriften Johannes Meyers samt Überlieferung und Ausgaben sowie ein Verzeichnis der verschollenen Schriften; B: die Lebensstationen Johannes Meyers samt der Chronologie der größeren Schriften. Hinzu kommen ein Literatur- und Handschriftenverzeichnis und ein Register der Handschriften und Archivalien sowie ein Personenregister. Elf Abbildungen aus Handschriften der Werke Meyers in guter Wiedergabe runden den schön gestalteten Band ab.


Anmerkungen:

[1] Christian Seebald: Schreiben für die Reform. Reflexionen von Autorschaft in den Schriften des Dominikaners Johannes Meyer, in: Schriftstellerische Inszenierungspraktiken. Typologie und Geschichte (= Beihefte zum Euphorion; Bd. 62), hgg. von Christoph Jürgensen / Gerhard Kaiser, Heidelberg 2011, 33-53; Christian Seebald: Ein Basler Codex mit Schriften des Johannes Meyer. Zugleich ein Beitrag zur Überlieferungs- und Textgeschichte der 'Vitas fratrum', der 'Papst-' und der 'Kaiserchronik', in: ZfdA 143 (2014), 202-219; Christian Seebald: Zu den Handschriftenverhältnissen von Johannes Meyers Buch der Ämter und Buch der Ersetzung, in: ZfdPh 134 (2015), 394-430.

[2] Martina Wehrli-Johns: Rezension von: Claudia Engler: Regelbuch und Observanz. Der Codex A 53 der Burgerbibliothek Bern als Reformprogramm des Johannes Meyer für die Berner Dominikanerinnen, Berlin 2017, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 10 [15.10.2017], URL: Siehe http://www.sehepunkte.de/2017/10/30339.html.

[3] Stefanie Neidhardt: Rezension von: Sarah Glenn DeMaris (Hg.): Johannes Meyer. Das Amptbuch, Rom 2015, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 2 [15.02.2017], URL: www.sehepunkte.de/2017/02/29444.html.

[4] Johannes Meyer: Buch der Reformacio Predigerordens. I., II., und III. Buch (= Quellen und Forschungen zur Geschichte des Predigerordens; Bd. 2), hg. von Benedictus Maria Reichert, Rom 1909; Johannes Meyer: Buch der Reformacio Predigerordens. IV. und V. Buch (= Quellen und Forschungen zur Geschichte des Predigerordens; Bd. 3), hg. von Benedictus Maria Reichert, Rom 1908.

Rezension über:

Christian Seebald: Reform als Textstrategie. Untersuchungen zum literarischen Œuvre des Johannes Meyer O.P. (= Literatur - Theorie - Geschichte; Bd. 16), Berlin: De Gruyter 2020, 391 S., 12 Farb-, 8 s/w-Abb., ISBN 978-3-11-065456-1, EUR 109,95

Rezension von:
Martina Wehrli-Johns
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Empfohlene Zitierweise:
Martina Wehrli-Johns: Rezension von: Christian Seebald: Reform als Textstrategie. Untersuchungen zum literarischen Œuvre des Johannes Meyer O.P., Berlin: De Gruyter 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 4 [15.04.2021], URL: https://www.sehepunkte.de/2021/04/34123.html


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