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Manfred Jakubowski-Tiessen (Hg.): Jahrhundertwenden. Endzeit- und Zukunftsvorstellungen vom 15. bis zum 20. Jahrhundert (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte; Bd. 155), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1999, 402 S., ISBN 3-525-35471-1, DM 78,00

Rezensiert von:
Arndt Brendecke
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München

Der vorzustellende Band geht auf eine im Mai 1998 abgehaltene Tagung des Göttinger Max-Planck-Instituts für Geschichte zurück, die sich dem Thema der Jahrhundertwenden, insbesondere ihren Endzeit- und Zukunftsvorstellungen widmete.[1] Schon der erste Beitrag von Johannes Schilling stellt nicht ohne Enttäuschung fest, daß die Suche nach solchen Endzeit- und Zukunftsvorstellungen ergebnisarm blieb: Es ließen sich weder Prophetien finden, die sich explizit auf die Jahrhundertwende 1500 bezogen, noch autobiographische oder stadtchronistische Eintragungen. Schillings Kommentar: "Womöglich also, so wäre meine vorläufige Annahme, nahm man die Jahrhunderte [...] noch gar nicht wahr." Heinrich Dormeier blickt anschließend in einem weitgehend den Stand der Forschung resümierenden Beitrag auf italienische Kunstwerke des Jahres 1500. Neben Botticelliwerken sind es vor allem die Signorellifresken, die bereits in den 1950er Jahren von André Chastel mit der Jahrhundertwende 1500 in Bezug gebracht worden waren. Hier hatte die Heranziehung von Sekundärquellen durch Jonathan B. Riess (1985) gezeigt, daß sich die apokalyptische Dimension der Fresken durch Pest, Krieg und Himmelszeichen begründen läßt, schwerlich aber durch die Jahrhundertwende selbst. Helga Robinson-Hammerstein wendet sich vom engeren Thema der Endzeiterwartung ab und behandelt einerseits das päpstliche Heilige Jahr von 1500, andererseits die Wahlpropaganda für Karl V., in der sein Geburtsjahr (1500) gelegentlich anklang: "Ein vollständiges Erwartungsmuster wurde hier entwickelt und appliziert, aber nicht explizit an die Jahrhundertwende angebunden. Es steht von vornherein fest, mit dem Datum allein konnte man nichts anfangen."

Die Lage ändert sich mit 1600, wie Thomas Kaufmann zeigen kann. Sein Beitrag konzentriert sich v. a. auf das protestantische Schriftgut und dort auf eine bemerkenswerte Zahl an eschatologischen Bezugnahmen auf die Jahrhundertwende (z. B. D. Schaller, A. Termopedius, J. Hilten). Zudem weist er auf einen bemerkenswerten Vorgang hin: Manch protestantischer Prediger nahm den Beginn des Jahres 1600 zum Anlass für einen feierlichen historischen Jahrhundertrückblick. Dieser "konfessionskulturelle Memorialakt" richtete sich einerseits gegen das gleichzeitige katholische Heilige Jahr und wies andererseits auf die Fest- und Gedenkpraktiken des Reformationsjubiläums von 1617 voraus. Eine Beobachtung, deren Bedeutung ich nur unterstreichen kann.[2] Zweifel hege ich jedoch in Hinsicht auf die Konsequenzen des Jubiläumstreibens für zeitgenössische Endzeiterwartungen. Kaufmann meint: "Die Inszenierung des evangelischen Jubelfestes 1600 als Reformationsgedächtnis setzt die apokalyptische Naherwartung des Jüngsten Tages nicht außer Kraft, sondern dient der Stärkung des angefochtenen Häufleins der Gerechten im Angesicht des Endes." Das Feiern eines historischen Jubiläums, das man im übrigen zuvor schon an der protestantischen Universität Tübingen einübte, ließe sich meines Erachtens auch als Zeichen weltlicher Konsolidierung verstehen, und damit als ein eminent anti-apokalyptisches Moment.

Robin B. Barnes, ein weiterer Kenner des Materials, legt im Anschluss dar, dass die zeitgenössischen astrologischen Lehren, die mit der Vorstellung einer physisch alternden Welt Hand in Hand gingen, zwar in den Jahren und Jahrzehnten um 1600 ihren Höhepunkt fanden, nicht jedoch wegen der kalendarischen Jahrhundertwende. Man muss also genau hinsehen, will man die zeitgenössische Wahrnehmung und Argumentation des Weltendes historisch gewichten. Genau dies tut Hartmut Lehmann, der sich einen zeitgenössischen Schlüsseltext vornimmt: Daniel Schaller diskutierte in seinem 1595 und erneut 1604 veröffentlichen "Herold" zweiundzwanzig Beweise für die Endlichkeit der Welt, unter denen die Jahrhundertwende freilich keine Rolle spielt: Das Jüngste Gericht erwartete Schaller für 1630. Es lässt sich, so Lehmann, "keine direkte Verbindung beobachten zwischen seinen Endzeitüberlegungen [...] und dem Jahr 1600, das heißt dem Jahrhundertende." Schallers Zeichendeutung ließe sich vielmehr als intensive Wahrnehmung der sozialen, politischen und natürlichen Umwelt verstehen. Sie könnte Ausdruck eines regionalen Krisenbewusstseins sein.

Den Blick auf 1700 eröffnet Manfred Jakubowski-Tiessen mit einem Beitrag, der sich v. a. auf eine bemerkenswerte Jahrhundertwendepredigt Philipp Jakob Speners konzentriert. Hans Schneider spitzt die Frage nach dem pietistischen Zeithorizont zu. Obwohl es ihm gelingt, Beispiele apokalyptischer Erwartungen des radikalen Pietismus um 1700 in faszinierender Dichte vor Augen zu führen, resümiert er: "Die Erwartung einer Zeitenwende hatte mit der kalendarischen Jahrhundertwende nichts zu tun. Das Aufflammen von Endzeiterwartungen war, wie schon in früheren Zeiten, auch am Ausgang des 17. Jahrhunderts von anderen Faktoren bestimmt."

Was will uns das sagen? Immer wieder liest man in diesem Band, dass es zwar apokalyptische Erwartungen gab, dass diese jedoch sinnvollerweise auf andere Faktoren, nicht auf die Jahrhundertwende, zurückbezogen wurden: Die Arbeitshypothese des Buches war demnach wohl falsch. Man ging davon aus, dass Jahrhundertwenden in signifikanter Weise Ängste und auch Hoffnungen hervorriefen. Die Leistung der einzelnen Beiträge besteht nun eben darin, dass sie diese Frage differenziert, ja distanziert abhandeln. Schon damit hebt man sich positiv ab von manch anderem Sammelband, der das schaurig-schöne, aber gänzlich falsche Bild der pünktlich zum Jahrhundertende wiederkehrenden Fins de siècle ausmalte.[3]

Erst an der Jahrhundertwende von 1800/1801 beginnen die Zeitgenossen, unseren Erwartungen bezüglich der Jahrhundertwenden halbwegs zu entsprechen: Nun nahmen sie die Jahrhundertwende wahr und als Symbol des Übergangs ernst. Die Jahrhundertwende wurde "weitgehend als positives Ereignis begrüßt und gefeiert"; auch wenn man, wie Benigna von Krusenstjern zeigt, im Angesicht des Zweiten Koalitionskrieges in vielen Gedichten und Zeitungsbeiträgen über die Geißel des Krieges klagte, muss festgehalten werden, "dass in der zeitgenössischen Publizistik [...] der Endzeitgedanke so gut wie fehlt." Ausnahmen, wie sie etwa in der Frühromantik anklingen, spüren Kurt Nowak und Ludwig Stockinger in zwei ideengeschichtlich ausgerichteten Beiträgen nach, die sich Gottfried Menken und Friedrich Schleiermacher sowie dem frühromantischen Kairosbewusstsein zuwenden.

Wenn Harry Oelkes Durchsicht der evangelischen Publizistik von 1900 zu der Feststellung gelangt, "zu apokalyptischen Untergangsszenarien fühlt man sich durch den Jahrhundertwechsel nicht veranlasst", so überrascht dies längst nicht mehr. Auch "zukunftsorientierte Ausblicke werden kaum gewagt." Ulrike Wolff-Thomsen stellt die Frage nach dem Zusammenhang von Kunst, Endzeitthemen und der Jahrhundertwende 1900. Nach anschaulichen Exkursen zu Dürer, Rodin und Gauguin bleibt die Antwort leider vage: In der Kunst habe man an eine Wende, nicht an ein Ende gedacht.

Der Band schließt mit zwei systematischen Beiträgen: Reinhart Staats blickt von 2000 auf das Jahr 1000 zurück und konstatiert dabei nicht nur die Utopie- und Eschatologiearmut unserer Zeit, er erzählt auch die Entstehungsgeschichte der zähen Legende von den angeblichen 'Schrecken des Jahres 1000'. Und Gerhard Sauter stellt zuletzt Methodenfragen: Können wir Geschichte denken, ohne ihr Ende zu denken? Wie lassen sich Eschatologie und Historiographie methodisch vereinen? Spannende Fragen, gewiss, denen man nach der Lektüre des Buches jedoch noch weitere hinzuwünscht: Wieso beispielsweise denken wir bei 'Jahrhundertwenden' zu allererst an Endzeit- und Zukunftserwartungen?

Jahrhundertwenden finden sich seltener in der Quellensprache als auf der metasprachlichen Ebene, mit der wir über die Vergangenheit berichten. Dass etwa, wie Andreas Holzem in seinem Beitrag zum katholischen Schrifttum um 1700 erwähnt, der Altbestand der Bayerischen Staatsbibliothek 2197 Einträge für 1700 ausweist, aber nur 1467 Einträge für 1701, ist kein Zeichen für die zur Jahrhundertwende anschwellende Publikationsfreude der Zeitgenossen. Es verrät jedoch etwas über die Arbeitsweise der Bibliothekare, die Werke 'ohne Jahr' bei der EDV-Katalogisierung gerne der nächstgelegenen runden Jahreszahl zuwiesen. Jahrhunderte und ihre Wenden strukturierten das Geschichtsbild ganzer Generationen, und zwar v. a. deshalb, weil die zuständigen Historiker, Bibliothekare und Schullehrer die Zeit bequem in dezimale Stücke teilten. Ein Beitrag über diese Einteilungssysteme, über die narrative Funktion von Metaphern wie 'Ende', und 'Wende' oder über das kulturgeschichtliche Paradigma des Fin de siècle hätte den Band, der von den feinen Beobachtungen einzelner Autoren lebt, um eine kritische Ebene erweitert.

Anmerkungen:

[1] Weitere Publikationen zum Thema jüngst u. a.: Ute Frevert (Hg.): Das neue Jahrhundert. Europäische Zeitdiagnosen und Zukunftsentwürfe um 1900 (= Geschichte und Gesellschaft; 18), Berlin 1999; Walter Koller (Hg.): Apokalypse oder Goldenes Zeitalter? Zeitenwenden aus historischer Sicht, Zürich 1999; Jahrhundertwenden 1000 - 2000. Rückblicke in die Zukunft, herausgegeben vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe, Baden-Baden 1999; Mythos Jahrhundertwende. Mensch, Natur, Maschine in Zukunftsbildern 1800 - 1900 - 2000, Baden-Baden 2000; Lothar Gall (Hg.): Das Jahrtausend im Spiegel der Jahrhundertwenden, Berlin 1999; Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge 1, 2000; Arndt Brendecke: Die Jahrhundertwenden. Eine Geschichte ihrer Wahrnehmung und Wirkung, Frankfurt am Main/New York 1999.

[2] Vgl. dazu Arndt Brendecke, wie Anm. 1, S. 98-104; Winfried Müller: Erinnern an die Gründung. Universitätsjubiläen, Universitätsgeschichte und die Entstehung der Jubiläumskultur in der frühen Neuzeit, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 21 (1998), S. 79-102.

[3] Vgl. dazu Arndt Brendecke: Fin(s) de siècle und kein Ende. Wege und Irrwege der Betrachtung von Jahrhundertwenden, in: Historische Zeitschrift 268 (1999), S. 107-120.

Empfohlene Zitierweise:

Arndt Brendecke: Rezension von: Manfred Jakubowski-Tiessen (Hg.): Jahrhundertwenden. Endzeit- und Zukunftsvorstellungen vom 15. bis zum 20. Jahrhundert, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1999, in: PERFORM 1 (2000), Nr. 3, URL: <http://www.sehepunkte.de/perform/reviews.php?id=34>

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