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Peter Rásonyi: Promotoren und Prozesse institutionellen Wandels: Argrarreformen im Kanton Zürich im 18. Jahrhundert (= Schriften zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte; Bd. 60), Berlin: Duncker & Humblot 2000, 254 S., ISBN 3-428-10005-0, € 62,00

Rezensiert von:
Gunter Mahlerwein
Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität, München

In einer exemplarischen Untersuchung des Wandels der Agrarstruktur im Kanton Zürich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts geht Peter Rásonyi der Frage nach der Entstehung von wirtschaftlich erfolgreichen Institutionen nach. Dabei gilt sein vorrangiges Interesse der Auflösung der Dreizelgenwirtschaft als einem wesentlichen Teilprozess der Agrarmodernisierung. Mit der Benennung der treibenden Kräfte und der maßgeblichen Widerstände innerhalb dieses Prozesses will Rásonyi den Entwicklungsablauf klären. Seine Darstellung stützt er - abgesehen von eigenen Auswertungen des Aktenmaterials der Züricher Naturforschenden Gesellschaft - im Wesentlichen auf bereits vorliegende Literatur, deren Ergebnisse er aus der Sicht des Wirtschaftswissenschaftlers diskutiert.

Das der eigentlichen Darstellung vorangestellte theoretische Kapitel ist dementsprechend umfangreich. Es klärt den Leser über die "neue Institutionenökonomie" auf, die mit einem anderen Institutionenbegriff als dem umgangssprachlich gebräuchlichen arbeitet: Als Institutionen werden Regeln im weitesten Sinne verstanden, die menschliches Verhalten in allen Situationen einschränken und als Produkt menschlicher Konstruktion Veränderungen unterliegen. Rásonyis Lehrer Hansjörg Siegenthaler unterscheidet drei Formen: internalisierte Zwänge, informelle gesellschaftliche Normen und staatlich festgeschriebenes und durchgesetztes Recht. Die letztgenannte Kategorie, insbesondere das Eigentumsrecht, steht in Rásonyis Untersuchung im Vordergrund.

Institutionen bilden die Basis für die Einschätzung der Folgen der Handlungsentscheidungen von Akteuren. Die Zukunft wird somit trotz fortbestehender Unsicherheitsfaktoren strukturiert. Konkret bedeutet das für die Institution des Eigentumsrechtes, dass Akteure sich über das Fortbestehen ihres Besitzes oder über die Kosten zu seiner Verteidigung ein Bild machen können und somit die Bandbreite zukünftiger Entwicklungen reduziert wird.

Rásonyi will aber auch die durch informelle soziale und internalisierte Zwänge sanktionierten Regeln, die die staatlichen Regeln ergänzen, berücksichtigen. In der evolutorischen Theorie sieht er die Forderungen, die er an eine Theorie des Institutionenwandels stellt, erfüllt: Sie soll dynamisch sein, das heißt dem Wandel der Voraussetzungen individuellen Verhaltens nachgehen, die historischen Entwicklungen der Institutionen im Auge behalten (Pfadabhängigkeit) und die Neuerungen in den Entwicklungsprozessen erklären. In dieser Theorietradition werden Modelle eines Variations- und Selektionsprozesses erstellt, mit deren Hilfe zwar Verhalten nicht vorhergesagt, aber ausscheidende Handlungsoptionen benannt werden können.

Mit dem Angebot-Nachfrage-Ansatz als drittem Teil seiner theoretischen Konstruktion geht Rásonyi unter anderem der Frage nach den Interessen nach, die zur Veränderung von Institutionen führen. Da individuelle Interessenwahrnehmung und wirtschaftliche Entscheidungen von mentalen und somit von kulturellen und sozialen Faktoren abhängig sind, kann individuelles Entscheidungsverhalten durch Veränderungen der kulturellen Grundlagen modifiziert werden.

Am Beispiel der Züricher Landwirtschaft will Rásonyi also insbesondere nach Veränderungen des kulturellen, kommunikativen und sozialen Umfelds der Akteure suchen, um die Entscheidungen der Eliten und der Regierung zu Gunsten eines Institutionenwandels, die durch einen streng ökonomischen Ansatz nicht nachvollziehbar sind, zu erklären. Im Mittelpunkt seiner empirischen Darstellung stehen die Aktivitäten der 1746/47 gegründeten Züricher Naturforschenden Gesellschaft, die sich seit den 1750er-Jahren landwirtschaftlichen Themen zuwandte. Das Reformprogramm zur Verbesserung der Agrarwirtschaft gleicht dem ähnlicher Gruppierungen in vielen Teilen Europas: Einführung der Sommerstallhaltung, Abschaffung der Brachweide, der Allmenden und der Brache, Einführung von Kleebau und Kunstwiesen, Verbesserung der Viehzucht, dadurch Steigerung der Düngerproduktion. Trotz der bereits im 18. Jahrhundert nachweisbaren enormen Produktivitätssteigerung mithilfe dieser Maßnahmen war ihre Durchsetzung nicht problemlos. Rásonyi untersucht deswegen die Anreize zur Reform und die ihr entgegenstehenden Vorbehalte auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen. Er beschreibt die verschiedenen Interessenlagen der von der Abschaffung des gemeinen Weidganges und der Allmenden betroffenen Akteure. Waren die Großbauern, abgesehen von wenigen innovativen Vertretern, eher konservativ, so sind für die Kleinbauern und die unterbäuerliche Schicht je nach Viehbesitz unterschiedliche Interessen anzunehmen. In der Frage der Abschaffung des Weidganges ist die Stellung der Zehntherren nicht eindeutig bestimmbar. Dagegen erhofften sie sich allgemein von der Allmendaufteilung größere Zehnterträge. Als größte Zehntherrin war die Züricher Regierung in einer ähnlichen Position, ihr Vorgehen war aber auch von der Sorge um die Nahrungsmittelversorgung mitbestimmt. In der Frage der Allmendindividualisierung ist daher nach der Versorgungskrise von 1770/71 eine Unterstützung der Teilungsinitiativen der Unterschicht durch die Obrigkeit zu beobachten.

Dass die ländliche Bevölkerung über innovative Techniken informiert war und diese bei einer Lockerung enger institutioneller Rahmenbedingungen auch anwandte, zeigen die Untersuchungen Andreas Inneichens bereits für das 16. Jahrhundert. Über den Weg der Informationsbeschaffung gibt Rásonyi kaum Auskunft. Die bekannten Versuche der Ökonomen, ihr Fachwissen in der ländlichen Gesellschaft zu verbreiten, bewertet er eher kritisch: Preisfragen, Bauerngespräche, landwirtschaftliche Versuche und Expertisen seien nur von geringer Wirkung gewesen. Mehr Wirkung schreibt er der zunehmend reformorientierten Agrarpolitik der Züricher Regierung zu, die in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts unter dem Einfluss von in Räten und Kommissionen engagierten Ökonomen stand und zu Kompromisslösungen führte, die den lokalen Verhältnisse angepasst waren.

Der Frage nach der Motivation der Mitglieder der Naturforschenden Gesellschaft, sich für die Modernisierung der Landwirtschaft einzusetzen und über ihren Einfluss auf die Regierung schließlich einen Institutionenwandel herbeiführen zu helfen, geht Rásonyi im letzten, eigentlich zentralen Kapitel der Untersuchung nach, in dem er, anders als im vorhergehenden Teil, vorwiegend auf eigene Quellenauswertungen zurückgreift. Er diskutiert ein Bündel von möglichen Motivationsursachen. Dass, wie von den Ökonomen vorgegeben, die Gemeinnützigkeit Beweggrund für ihr Handeln gewesen sei, wird angesichts ihrer Herrschaftsinteressen als Vertreter der Oberschicht in Frage gestellt. Weder wird die Brisanz der Versorgungskrise von 1757/58 als ausreichender Motivationsschub angesehen, noch reicht das Interesse an einer Produktivitätssteigerung zur Herrschaftsstabilisierung und zur Erhöhung der Staatseinnahmen zur Erklärung des Phänomens aus, da hiermit zwar das kollektive Interesse der Oberschicht benannt wird, aber nicht die individuellen Interessen beziehungsweise die "selektiven Anreize", die zur zeitaufwändigen Mitarbeit in der Naturforschenden Gesellschaft führten, beschrieben werden können. Als individuelle Interessen listet Rásonyi auf: 1. wirtschaftliche Interessen, die aber nur bei einer Minderheit der Mitglieder der Naturforschenden Gesellschaft, die eigene Landgüter besaßen, anzunehmen sind; 2. das Interesse an persönlicher Weiterbildung, das eines der Gründungsmotive der Gesellschaft war; 3. die Verbesserung politischer Karrierechancen, 4. die mit der Mitgliedschaft verbundene gesellschaftliche Anerkennung und die durch sie geförderten sozialen, auch überlokalen bis hin zu europaweiten Kontakte.

Trotz der Bedeutung gerade dieses letzten Punktes stellt Rásonyi abschließend noch einmal die Frage, warum sich ein großer Teil der Mitglieder der Naturforschenden Gesellschaft gerade für die Verbesserung der Agrarpraxis engagierte. Er verweist auf die Entwicklung des Diskurses der Landwirtschaftsmodernisierung, indem er die Debatten in den Kontext der europäischen Spätaufklärung stellt, auf politische Unruhen in den 1760er-Jahren, nach deren Unterdrückung eine Hinwendung zum Landleben und zur Landwirtschaft stattgefunden habe, und beschreibt schließlich die Entstehung der Vision eines reformfähigen, aufgeklärten Staates, in der die Reform der Landwirtschaft als Lösungskern aller wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Probleme verstanden wurde. Durch ihre frühzeitige Beschäftigung mit dem Thema hatten die Ökonomen einen deutlichen Argumentationsvorsprung gegenüber anderen Mitgliedern der Oberschicht in den als Krisenjahren empfundenen 1760er Jahren, so dass sie ihre Vorstellungen der Agrarmodernisierung erfolgreich in die Regierungspolitik einbringen konnten.

In der Beschreibung der außerökonomischen Motivationen, die letztlich zu einem Institutionenwandel führten, ist der Hauptertrag der Arbeit Rásonyis zu sehen. Ob für dieses Ergebnis allerdings die Darstellung der die Fragestellung präzisierenden theoretischen Vorüberlegungen in diesem Umfang - bei aller Freude, die ihre Lektüre dem ökonomisch nur rudimentär gebildeten Leser bereitet - notwendig gewesen wäre, wäre - auch unter ökonomischen Aspekten - weiterer Überlegung wert.

Redaktionelle Betreuung: Matthias Schnettger

Empfohlene Zitierweise:

Gunter Mahlerwein: Rezension von: Peter Rásonyi: Promotoren und Prozesse institutionellen Wandels: Argrarreformen im Kanton Zürich im 18. Jahrhundert, Berlin: Duncker & Humblot 2000, in: PERFORM 3 (2002), Nr. 11, URL: <http://www.sehepunkte.de/perform/reviews.php?id=243>

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