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Peter Clark: British Clubs and Societies 1580-1800. The Origins of an Associational World (= Oxford Studies in Social History), Oxford: Oxford University Press 2000, XVIII + 516 S., ISBN 0-19-820376-4, £ 60,00

Rezensiert von:
Detlef Döring
Sächsische Akademie der Wissenschaften, Leipzig

Dass zu den bemerkenswertesten Charakteristika des Zeitalters der Aufklärung die Existenz und das Wirken einer Vielzahl von Sozietäten zu zählen ist, bedarf längst nicht mehr der näheren Erläuterung. Dennoch fehlt für den deutschen Sprachbereich bis heute die große und umfassende Darstellung der Geschichte der Sozietäten im 18. Jahrhundert; van Dülmens bekannte Broschüre war ein erster (wichtiger) Versuch, der jedoch nun bereits 16 Jahre zurückliegt.[1] Schon auf Grund dieses Mankos ist es für den mit Mitteleuropa befassten Aufklärungshistoriker von Interesse, die Beschäftigung mit dem Thema Sozietäten in anderen europäischen Regionen zu verfolgen. Seit dem Jahre 2000 liegt nun für den anglophonen Bereich eine Gesamtdarstellung vor, wie sie für das deutsche Beispiel soeben vermisst wurde.

Peter Clarks Buch stützt sich auf langjährige intensive Studien zur Entwicklung der Gesellschaften im Britischen Empire in der Epoche der Frühen Neuzeit. Das Werk vermittelt in der ersten Hälfte einen Überblick über die Geschichte der britischen Sozietäten von den Anfängen im 16. Jahrhundert bis zum Zeitpunkt ihrer vollen Entfaltung Ende des 18. Jahrhunderts. Ein zweiter Teil behandelt die Ursachen für den Aufstieg der Gesellschaften, ihre Mitgliederschaft und ihre Organisation. Einen dritten Komplex bilden die Ausführungen zu ausgewählten Typen von Sozietäten, sowohl nach ihrer inhaltlichen Ausrichtung als auch nach regionalen Gesichtspunkten (einschließlich der englischen Überseebesitzungen). Alle Kapitel beruhen auf einer breiten und souveränen Beherrschung der gedruckten und überlieferten handschriftlichen Quellen. Es dürfte unbezweifelbar sein, dass Clarks gründlich recherchiertes Werk für lange Zeit Handbuchcharakter tragen wird. Im folgenden soll es allerdings nicht um eine Gesamtbewertung des hier zu rezensierenden Buches gehen, sondern um Clarks Kernthese, das britische Sozietätswesen weise grundsätzliche Unterschiede im Vergleich zu Kontinentaleuropa auf.

Den eigentliche Gegenstand der Untersuchung Clarks bilden die "voluntary associations", die freilich nirgends genau in ihrem Charakter definiert werden. Vielleicht hilft hier ein Blick auf deren Gegenteil weiter, das der Verfasser in den kontinentalen Akademien des 17./18. Jahrhunderts, die anscheinend als pars pro toto für das festländische Sozietätswesen insgesamt stehen, erkennt: starr, hierarchisch, monopolistisch, wenig erfolgreich, staatsabhängig, ja, geradezu Agenturen des Ancien Régimes (16).[2] Dagegen steht die dynamische, offene, pluralistische, neue Ideen produzierende, staatsunabhängige Welt der "voluntary societies" in England. Dieses Kontrastbild in Schwarz-Weiß-Manier ist für den kontinentaleuropäischen Betrachter kaum akzeptabel, bei aller Billigung der Existenz von Unterschieden.[3] Die Behauptung, speziell in Deutschland sei das Spektrum der Sozietätsbewegung weitaus enger gewesen als in Großbritannien,[4] ist nicht haltbar und wird auch gar nicht bewiesen. Was der Verfasser an Typen von "voluntary societies" aufzählt, kann zum größten Teil auch auf dem Festland gefunden werden: wissenschaftliche Vereine, philanthropische Verbindungen, Sonntagsschulen, Freimaurer, musizierende Gesellschaften, Predigergesellschaften, Künstlergesellschaften, Missionsvereine, Rednergesellschaften und so weiter.[5]

Die von ihm konstatierte Besonderheit der britischen Sozietäten gegenüber ihren kontinentaleuropäischen Schwestereinrichtungen will Clark mit der Beantwortung zentraler Fragestellungen belegen: Ursachen für das beeindruckende Anwachsen der Sozietätsbewegung in den Jahrzehnten nach dem Bürgerkrieg, ihre sozialen Trägerschichten, Rahmenbedingungen dieser Entwicklung, Beitrag der Sozietäten zur Herausbildung der modernen britischen Gesellschaft, etwaiger Anteil jener Vereinigungen an der Integration der einzelnen Gebiete des anwachsenden Weltreiches. Zuerst und vor allem wird auf die weitgehende Verstädterung ("urbanization") der englischen Gesellschaft verwiesen, die sich in einem vergleichbaren Grade auf dem Festland nicht nachweisen lasse. Um 1800 existierte auf den Inseln ein polyzentrisches Netz von Städten ganz unterschiedlichen Charakters. Diese bildeten Anziehungspunkte für den Landadel, der seinen Lebensschwerpunkt immer stärker in die Stadt verlagerte. In den Städten selbst erlebten Berufsgruppen wie Kleriker, Juristen, Mediziner, Verleger und Schriftsteller eine sichtbare Aufwärtsentwicklung, sowohl in der Zahl ihrer Mitglieder als auch in ihrer Bedeutung. Bedeutsam war weiterhin die "large expansion of the middle classes" (153), was wiederum zu einem scharfen Konkurrenzdruck innerhalb dieser Schichten führte. Alle diese Gruppierungen bilden eine "powerful consumer force" (155) für die Herausbildung einer Welt der Sozietäten. Wichtig ist weiter die voranschreitende Auflösung der ständischen Gesellschaft, was zur Isolation des Individuums führt. Die sich herausbildenden Sozietäten können hier die Möglichkeit einer neuen strukturellen Einbindung bieten. Clark verweist dann auf die im Zusammenhang mit der Urbanisation stehende hohe Mobilität der Bevölkerung. Die Welt der Sozietäten bot den neuen Einwohnern einer Stadt den Weg zur Integration innerhalb der ihnen ungewohnten Umgebung. Der Ausbau des "service sector" in den Städten, das heißt insbesondere die Einrichtung zahlloser Gasthöfe, Cafés und ähnlicher Institutionen, schuf erst die Voraussetzungen für das Aufblühen des Sozietätswesens. Genannt werden unter den zivilisatorischen Verbesserungen weiter unter anderem die Einführung der Straßenbeleuchtung ("colonization of night"), das Niederreißen der Stadtmauern, die Verbesserung der Kommunikationsmöglichkeiten und vor allem das Aufblühen des Pressewesens. Alles bisher Gesagte sind freilich Entwicklungen, die sich zum Beispiel auch in Deutschland beobachten lassen, insbesondere in großen Handelsstädten wie Hamburg und Leipzig. Die Besonderheit englischer Sozietäten lässt sich mit dem Hinweis auf einen vermeintlich singulären Prozess der frühneuzeitliche Urbanisation nicht begründen, selbst wenn London in vielen Entwicklungen die Städte des Kontinents in quantitativer Hinsicht hinter sich lassen dürfte.

Auch das Kapitel zum Thema der inneren Organisation der "voluntary associations" bietet nur wenige Mitteilungen, die dem Kenner der deutschen Situation überraschend erscheinen möchten, von Clark aber anscheinend als spezifisch englische Phänomene betrachtet werden: Statuten, Verhaltensmaßregelungen für die Mitglieder, Hierarchisierung, Finanzierungsmechanismen, Publikationen, Veranstaltung von Festivitäten und so weiter bilden keine typisch britischen Erscheinungen des sozietären Lebens. Die im Vorwort formulierte Kernthese, die Existenz der "Georgian voluntary society" sei eine der entschiedensten Triebkräfte für die Entwicklung der englischen Aufklärung gewesen, führt in der letzten Konsequenz zur Bestreitung der Existenz einer Aufklärung in den kontinentaleuropäischen Ländern, ist doch nach Auffassung des Autors die "voluntary association" eine im Wesentlichen auf England begrenzte Erscheinung.

Großes Gewicht legt der Verfasser auf die Betonung der fast völligen Unabhängigkeit der englischen Gesellschaften gegenüber allen staatlichen Einrichtungen; dazu kommt die Abwesenheit der Pressezensur. Auf dem Kontinent sei dagegen der Staat gleichsam omnipräsent gewesen, auch in der Kontrolle des Sozietätswesens. Dazu tritt ein rigoroser Gebrauch der Pressezensur. Wenn auch diese Feststellungen in der Tendenz nicht unbegründet sind, so erscheinen bei einem näheren Hinsehen die Dinge wenigstens auf dem Festland in einem differenzierteren Bild. Die staatliche Kontrolle der Sozietäten besaß lediglich einen partiellen und temporären Charakter, und wer wollte zum Beispiel behaupten, Schlözers Zeitschriften seien nicht mit der englischen "indepedent newspaper press" vergleichbar?

Für Clark sind die britischen Sozietäten der Frühen Neuzeit nicht nur eine Erscheinung der sich herausbildenden neuen Welt unter vielen. Sie besitzen vielmehr einen konstituierenden Charakter für die Entstehung der westlichen, demokratisch geprägten Welt schlechthin. Schon auf der ersten Seite des Vorwortes wird diese These benannt, und das Buch endet mit der wiederholten Beschreibung dieser Auffassung: Vor allem in Ländern mit "voluntary associations" war es möglich, eine "civil society" zu entwickeln, die bestimmt ist durch politische Stabilität und soziale Solidarität (VII). Solche Sozietäten konnten sich zuerst und insbesondere "in the British world" entwickeln, denn dort existierten im Gegensatz zu Kontinentaleuropa die oben angedeuteten notwendigen Bedingungen (470 und 488).

Clarks Grundthese ist in der Spannweite ihrer Aussage sicher beeindruckend, kann aber letztlich nicht überzeugen. So bestechend die Kenntnisse des Autors über das Sozietätswesen in Großbritannien auch sind, so ist sein Bild der Sozietätslandschaft außerhalb des britischen Empires eher holzschnittartiger Natur. Andererseits sind Clarks Fehlurteile über die kontinentaleuropäische und speziell über die deutsche Sozietätsbewegung aber auch als Beleg für die immer noch nur schwach entwickelte Forschung zu diesem Thema zu werten. Auf ein in der Qualität mit Clarks Darstellung konkurrierendes Werk zu den deutschen Sozietäten der Frühen Neuzeit werden wir noch lange Zeit warten müssen.

Anmerkungen:

[1] Richard van Dülmen, Die Gesellschaft der Aufklärer. Zur bürgerlichen Emanzipation und aufklärerischen Kultur in Deutschland. Frankfurt/M. 1986.

[2] Clark ist insofern konsequent, als er auch die Royal Society nur sehr am Rande berücksichtigt; sie gerät nach seinem Urteil im 18. Jahrhundert in eine wachsende Stagnation. Es bedarf nicht der näheren Ausführung, dass jenes eben angedeutete Bild der Akademien bestenfalls sehr partiell und sehr temporär mit der Wirklichkeit überein stimmt.

[3] Immerhin bemerkt Clark an einer Stelle (16), die Unterschiede zwischen England und dem Kontinent sollten nicht übertrieben ("exaggerate") werden. Daraus werden jedoch keine weiteren Schlussfolgerungen gezogen.

[4] "Yet the signs are that continental voluntary associations failed to attain the diversity, vitality and importance of their British counterparts. In the case of Germany Çthe spectrum of societies was much narrower...'" (18). Als Quelle des Zitats ab "the spectrum" wird angegeben: Eckhart Hellmuth [ed.], The Transformation of Political Culture. England and Germany in the late eighteenth century. Oxford 1990, 23.

[5] Selbstverständlich gibt es auch Typen von Sozietäten, die in Deutschland weniger anzutreffen sind, zum Beispiel politische Debattierklubs und Sportvereine.

Redaktionelle Betreuung: Holger Zaunstöck

Empfohlene Zitierweise:

Detlef Döring: Rezension von: Peter Clark: British Clubs and Societies 1580-1800. The Origins of an Associational World, Oxford: Oxford University Press 2000, in: PERFORM 3 (2002), Nr. 2, URL: <http://www.sehepunkte.de/perform/reviews.php?id=217>

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