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Hans-Wolfgang Bergerhausen: Friedensrecht und Toleranz. Zur Politik des preußischen Staates gegenüber der katholischen Kirche in Schlesien 1740-1806 (= Quellen und Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte; Bd. 18), Berlin: Duncker & Humblot 1999, 315 S., ISBN 3-128-09917-6, DM 118,00

Rezensiert von:
Jürgen Luh
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg

In seiner an der Universität Würzburg im Wintersemester 1998/99 angenommenen Habilitationsschrift widmet sich Bergerhausen sowohl der zeitgenössischen Interpretation (vor allem durch die habsburgische und die preußische Seite) als auch der Wirkung der Religionsbestimmungen in den preußisch-habsburgischen Friedensverträgen über Schlesien von Breslau und Berlin 1742 und Hubertusburg 1763. Ihn interessiert, "inwieweit diese [Bestimmungen] dazu beitragen konnten, die katholische Kirche in Schlesien zu stabilisieren" (36).

Die Grundlage der Untersuchung bildet die Auswertung der umfangreichen Literatur und der gedruckten Quellen vor allem zu den Themenbereichen Toleranz, Schlesien und Friedrich der Große - wobei sich die von Max Lehmann bearbeitete siebenbändige Quellensammlung "Preußen und die katholische Kirche seit 1640" nach wie vor als ein unentbehrliches Hilfsmittel erweist - sowie diejenige ungedruckter Materialien des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz in Berlin, des Haus-, Hof- und Staatsarchivs in Wien und des Staatsarchivs Würzburg.

Bergerhausens Buch gliedert sich in sieben systematische Kapitel. Im ersten bestätigt er die seit dem 19. Jahrhundert von der historischen Forschung immer wieder hervorgehobene These über die Grundlage der friderizianischen Religionspolitik: nämlich die "gewachsene Tradition religiöser Duldung", auf die Friedrich II. zurückblicken konnte, als er "in drei Kriegen das bikonfessionelle Schlesien eroberte und behauptete" (13). Diese Tradition stand durch die Einverleibung des mehrheitlich katholischen Schlesiens in das protestantisch geprägte Preußen vor einer großen Bewährungsprobe, denn erstmals war der Hohenzollernstaat "mit einer Religionsgemeinschaft konfrontiert, die mehr als jede andere bisher in ihm vertretene Konfession eigenes Gewicht besaß" (14).

Den Fragen, wie Friedrich und seine Erben mit diesem Problem umgingen und welcher Art die preußische Religionspolitik in Schlesien war, gehen folglich die eigentlichen analytischen Kapitel über Krieg und Konfession zwischen 1740 und 1748, die Deutung und Anwendung der Friedensverträge von Breslau und Berlin zwischen 1742 und 1756, über den Frieden von Hubertusburg, die Isolierung der katholischen Kirche Schlesiens in Preußen und Europa sowie über die Durchsetzung alternativer Interpretationen der Friedensschlüsse nach.

Darin gewinnt Bergerhausen der Materie - neben der sprichwörtlichen Toleranz der Hohenzollern und vor allem derjenigen Friedrichs des Großen (28 ff. und 270) - einen weiteren, bisher wenig beachteten Gesichtspunkt ab, indem er die Religionsbestimmungen der drei Verträge sowie deren Zustandekommen abgewogen analysiert (bes. 63 ff. und 157 ff). Dabei zeigt sich, dass die in den Verhandlungen mit Vertretern Habsburgs vereinbarten Artikel, die den Katholiken in Schlesien ihre alten Rechte zusicherten, verschiedentlich mit dem Anspruch des preußischen Königs kollidierten, das Land souverän, nach einem System, "das einzig und allein aus einem Kopf entsprang, nämlich dem des Herrschers", (269) zu regieren. Denn entgegen den Vorstellungen und Wünschen Berlins festigten die Verträge von Breslau und Berlin die katholische Kirche in Schlesien. Dies war der Fall, weil eine im Berliner Frieden enthaltene Klausel bestimmte, dass der König sich seiner Souveränitätsrechte nicht zum Nachteil der schlesischen Katholiken bedienen dürfe. Preußischerseits hielt man sich im Grundsatz an diese Bestimmung, da man lange Zeit befürchtete, dass die Habsburger bei einer Einengung der katholischen Freiheiten in Schlesien zugunsten ihrer Glaubensgenossen intervenieren könnten. Innenpolitische Regierungsentscheidungen mussten vor diesem Hintergrund also von Berlin außenpolitisch abgesichert werden (109 ff.). "Insgesamt", urteilt Bergerhausen, "entsteht ... der Eindruck, dass der Blick nach Wien erheblichen Einfluss auf die preußische Kirchenpolitik hatte" (121).

Im Hubertusburger Frieden war diese restriktive Bestimmung jedoch nicht mehr enthalten. Obwohl ausdrücklich festgelegt worden war, dass die "Zeit der Präliminarien von Breslau und des Friedensvertrages von Berlin" für den Rechtsstatus der Katholiken in Schlesien ausschlaggebend sein sollte (190), spielte die Tatsache, dass Berlin und Wien sich zu keinem Zeitpunkt über eine verbindliche Interpretation dieses Zustandes sowie des Religionsbegriffs, des Kirchenverständnisses der Temporalien und der Souveränitätsrechte einigen konnten, dem preußischen Staat in die Hände: Er konnte ab 1763 damit beginnen, nach und nach seine religionspolitischen Vorstellungen durchzusetzen - was nichts anderes hieß, als die Rechte der Katholiken stärker zu beschneiden.

Die Schlussfolgerung, die Bergerhausen am Ende der Untersuchung zieht, ist seit langem bekannt: dass nämlich Toleranz dem "unumschränkten Herrschaftsanspruch [Friedrichs und seiner Nachfolger] keine 'ganz scharfe Grenze'" zog. In der Tat wurde Toleranz "wesentlich von ihrer Funktion für den Staat aus beurteilt. Es ging nicht um Verwirklichung irgendwelcher liberaler oder humanitärer, gar aus einem Individualitätsgedanken abgeleiteter Postulate, sondern darum, dem Staat innere Stabilität und Prosperität zu gewährleisten. Insofern diente Toleranz der Effektivierung und Steigerung monarchischer Herrschaft" (269).

Mit seinem Buch hat Bergerhausen einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der sonst vernachlässigten Friedenschlüsse von Breslau, Berlin und Hubertusburg geleistet. Doch dadurch, dass er im Rahmen der Untersuchung die Duldsamkeit Friedrichs II. gegenüber den schlesischen Katholiken nie wirklich in Frage stellte, ist die Interpretationsmöglichkeit der preußischen Religionspolitik von vornherein eingeschränkt.

Redaktionelle Betreuung: Michael Kaiser

Empfohlene Zitierweise:

Jürgen Luh: Rezension von: Hans-Wolfgang Bergerhausen: Friedensrecht und Toleranz. Zur Politik des preußischen Staates gegenüber der katholischen Kirche in Schlesien 1740-1806, Berlin: Duncker & Humblot 1999, in: PERFORM 2 (2001), Nr. 4, URL: <http://www.sehepunkte.de/perform/reviews.php?id=137>

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