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Peter Borsay / Gunther Hirschfelder / Ruth-E. Mohrmann (Hg.): New Directions in Urban History. Aspects of European Art, Health, Tourism and Leisure since the Enlightenment (= Münsteraner Schriften zur Volkskunde/Europäischen Ethnologie; Bd. 5), Münster: Waxmann 2000, 217 S., ISBN 3-89325-643-1, DM 49,90

Aus: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde (46 (2001), S. 474-476)

Rezensiert von:
Uwe Spiekermann

Die moderne Stadt- und Urbanisierungsgeschichte befindet sich seit einigen Jahren in einem nachholenden Umbruch. Nach wie vor dominieren zwar quantifizierende Arbeiten, die sämtlich von der Überzeugung getragen werden, historische Struktur- und Massenphänomene seien für diese Art der Realitätsrekonstruktion gleichsam prädestiniert. Doch zugleich mehren sich insbesondere im angelsächsischen Raum die Zeichen für eine "kulturalistische Wende" auch in dieser Teildisziplin: Gerade die fast schon modische Konsumgeschichte führt uns auch den konsumierenden Menschen konkret vor Augen, erkundet dessen Alltag und Umgebung, dessen Wahrnehmung und Erfahrung.

Dieser Trend mag Pate gestanden haben für zwei Sessionen der 4th International Conference on Urban History in Venedig (September 1998), deren Beiträge kulturelle und soziale Veränderungen des Städtewesens und der Stadt des 18. bis 20. Jahrhunderts analysierten. Während sich die Mannen von Prof. Dr. Peter Borsay (University of Lampeter) auf die Geschichte europäischer Bäder konzentrierten, thematisierte die von PD Dr. Gunther Hirschfelder (Universität Bonn) und Prof. Dr. Ruth-E. Mohrmann (Universität Münster) geleitete Session ausgewählte Fallstudien, um soziale und kulturelle Veränderungen in europäischen Städten beispielhaft zu behandeln.

Die Vorgeschichte spiegelt sich in der Gliederung des im Münsteraner Waxmann-Verlages erschienenen Sammelbandes. Vergleichende Studien zum Bäderwesen stehen am Anfang. Peter Borsay analysiert in seinem dicht und präzise geschriebenen Aufsatz, ob und aufgrund welcher Qualitäten die führende britische Badestadt Bath eine aufgeklärte Stadt gewesen sei. Dafür spricht einiges, denn Presse, Kunst und Künstler fanden hier einen Ort, in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts entstand hier eine öffentliche Sphäre. Versammlungsräume und -hallen, Parks und Clubs ließen Raum für Debatten und Begegnung. Die formale Analyse führt jedoch in die Irre. Denn nicht die Politik dominierte in Bath, sondern eindeutig die gesellschaftliche Repräsentation, der Wunsch nach sozialer Begegnung. Entsprechend dominierte der Heiratsmarkt die Politik, standen Bälle und Etikette im Vordergrund, liebte man das Kokettieren mit esoterischem Denken. Borsay hinterfragt mit guten Argumenten die kausale Verbindung von Verstädterung und dem Vordringen aufgeklärten bürgerlichen Geistes. Und er plädiert - wie schon in früheren Schriften - für eine weniger abstrakte, die Stadt-Land-Beziehungen angemessen berücksichtigende Definition von Aufklärung. Einzelstudien dieser Art gewinnen Gewicht, verbindet man sie mit vergleichenden Analysen der unterschiedlichen Bäder.

Jon Stobart untersucht auf der Basis quantitativer Indikatoren das britische Bäderwesen im 17. und 18. Jahrhundert. Dabei zeigt sich, dass dieses zwar - wie erwartet - Vorreiter einer Freizeit- und Konsumkultur war. Doch Bälle, Musik und Theater gab es auch in den Verwaltungs- und Handelsstädten, in denen überraschenderweise auch Luxushandwerke und -händler ihre Produkte zumindest in gleichem Umfang anboten. Entsprechend schälen sich als Alleinstellungskriterien des Bäderwesens deren gesundheitliche Einrichtungen heraus, während sein Beitrag zu einer modernen Konsum- und Freizeitgesellschaft offenbar geringer zu veranschlagen ist als bisher angenommen.

Eine ganz andere und erst im 19. Jahrhundert einsetzende Entwicklung des Bäderwesens findet sich dagegen in Frankreich. Douglas P. Mackaman analysiert in seinem Beitrag das Wechselspiel zwischen politischer Planung, strukturellen Veränderungen des Urlaubs und der bourgeoisen Dynamik in einzelnen Städten. War Urlaub in der ersten Jahrhunderthälfte ein seltenes Privileg begüterter Kreise, so haben wir es um 1900 mit einem auch die Mittelschichten ergreifenden Massenphänomen zu tun. Bis in die 1870er Jahren dominierte in Frankreich der Blick auf den Staat, denn dieser betrieb einzelne Bäder selbst, unterstützte eine Reihe anderer mit Infrastrukturmaßnahmen (Parks, Casinos,...). Erst der kriegsbedingte Rückzug aus dem Bäderwesen erlaubte dann den Aufschwung vieler Urlaubszentren, in denen Unternehmer und Kommunen zu beiderseitigem Nutzen zusammenarbeiteten.

Dieser Aufschwung des Bäderwesens lässt sich auch in Österreich-Ungarn feststellen. Hier entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein das gesamte Staatsgebiet umgreifendes Netzwerk neuer Badeorte. Doch anders als in Frankreich, wo nach dem verlorenen Krieg mit Deutschland eine Art Nationalisierung der Bäder feststellbar ist, zeigte sich im Vielvölkerstaat eine klare soziale und ethnische Differenzierung. Jill Steward hebt allerdings zu Recht hervor, dass die gemeinsamen Entwicklungstendenzen der Infrastruktur der Bäder sowie der insgesamt stark wachsenden Urlauberscharen vereinheitlichende Momente bildeten, die staatlicherseits bewusst unterstützt wurden. Auch wenn die vorgestellten Beiträge eher strukturbezogen argumentieren, zeigt sich in ihnen (nicht aber in dem aufgrund der Quellenproblematik besser nicht publizierten Beitrag von Lorente und Targett über die Künstler im viktorianischen London) doch das hohe Potential einer Historie, die sich gezielt dem Konsum- und Kultursektor widmet.

Dieses verdeutlichen auch die Studien des zweiten Teiles des Bandes, die sich einzelnen Bereichen nun intensiver widmen. Den Anfang macht Tomomi Hotaka, die vor allem am bekannten Leipziger Beispiel die Bedeutung von (Schreber-)Gärten und Pflanzen im kaiserlichen Deutschland ausleuchtet. Obwohl sie praktisch kein neues Quellenmaterial auswertet, zeigt das kulturelle Erstaunen der Japanerin über die Liebe der Arbeiter zu ihren Blumen und den Aufschwung der Kunst- und Handelsgärtnerei doch eine eher unübliche Perspektive auf die vermeintlichen Selbstverständlichkeiten unserer Vorfahren.

Originell ist auch Helen Mellers Beitrag über die Entwicklung kultureller Infrastruktur in Hamburg und Marseille zwischen 1890 und 1930. Trotz ähnlicher wirtschaftlicher Struktur lassen sich im kulturellen Sektor (darunter wird auch die Städteplanung verstanden) zahlreiche Unterschiede feststellen. Sie sind vor allem auf unterschiedliche Positionen im nationalen Städtesystem sowie der historischen Identitätsbildung der bürgerlichen Eliten zurückzuführen. Hier zeigen sich allerdings deutliche Grenzen der Einzelstudie, die aus Sonderentwicklungen vor Ort doch zu einfach auf strukturelle Unterschiede schließt. Das belegt indirekt auch die schöne vergleichende Studie von Taina Syrjämaa, die der Tourismuswerbung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt. Sie zeigt eindringlich, über welche Kanäle sich kulturelle Stereotypen anderer Städte und Länder ausbilden, wie diese Werbung reduktionistisch und wirkungsvoll zugleich war.

Der Band schließt mit einer vergleichenden Studie der Musikpolitik in französischen Regionalstädten, die Françoise Taliano-des Gerets allerdings zu spezifisch geraten ist, um auch abseits der Details Akzente zu setzen.

Zusammengefasst haben Borsay, Hirschfelder und Mohrmann einen wissenschaftlich anregenden und vielfach spannend zu lesenden Sammelband vorgelegt. Auch wenn die Qualität der Einzelbeiträge recht unterschiedlich ist, machen die unterschiedlichen Ansätze und Analysemuster doch zugleich Charme und Reiz dieses Bandes aus. Angesichts des allgemein gehaltenen Obertitels wäre es allerdings sinnvoll gewesen, wenn die drei Herausgeber die vielfältigen Facetten der Beiträge aufgegriffen und sie theoretisch reflektiert verbunden hätten. Dadurch wäre der Nutzen für den erwartungsfrohen Leser deutlich gestiegen. Doch auch ohne derartige Mühen ist die Lektüre des Bandes Gewinn bringend. Sie lenkt den Blick auf Themen, die Zukunft haben, da sie alltagsrelevant und auch abseits der hehren Zinnen der Universitäten verwertbar sind. Sie zeigt abermals die Chance, die in interkulturellem und vergleichendem Arbeiten steckt. Und sie verweist nicht zuletzt auf die vielfältigen theoretischen und methodischen Herausforderungen, die mit einer breiter, vielleicht aber auch anders gefassten modernen Stadt- und Urbanisierungsgeschichte verbunden sind.

Empfohlene Zitierweise:

Uwe Spiekermann: Rezension von: Peter Borsay / Gunther Hirschfelder / Ruth-E. Mohrmann (Hg.): New Directions in Urban History. Aspects of European Art, Health, Tourism and Leisure since the Enlightenment, Münster: Waxmann 2000, in: INFORM 2 (2001), Nr. 6, URL: <http://www.sehepunkte.de/inform/reviews.php?id=472>

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