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Gerhard Menk: Die "Denkwürdigkeiten" des Pfarrers Jonas Hefentreger-Trygophorus im Kontext. Bezugsfelder und Aussagekraft chronikalischer Überlieferung im 16. Jahrhundert (= Waldeckische Historische Hefte; Bd. 6), Bad Arolsen: Waldeckischer Geschichtsverein 2000, 112 S., 4 Abb., ISBN 3-932468-02-3, DM 21,00

Aus: Nassauische Annalen (Bd. 112 (2001), S. 576 f.)

Rezensiert von:
Jill Bepler

"Die Denkwürdigkeiten des Jonas Trygophorus" wurden erstmals 1914 durch Albert Leiß in einem Band der Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck publiziert. Leiß hat dem Text der chronikartigen Aufzeichnungen eine kurze Einleitung vorangestellt, in der hauptsächlich die Funktion der Schrift als Familienchronik hervorgehoben wird. Die Monographie, die jetzt vom Kenner der waldeckischen Geschichte Gerhard Menk vorgelegt wird, stellt die Chronik des Pfarrers Hefentreger-Trygophorus in einen größeren Zusammenhang und öffnet den Blick für die gattungsspezifischen, aber auch die lokal- und reichspolitische Bezüge dieser scheinbar zufällig zusammengestellten Notizen. Menk stützt sich dabei auf die reichhaltige archivalische Überlieferung, in der die Chronik eingebettet ist - auf die überlieferten Schreibkalender des Hefentreger-Trygophorus, auf Briefe und Akten aus dem Umkreis des humanistisch gebildeten Waldecker Grafen Wolrad II. und auf die vielseitige Dokumentation der Tätigkeit des Jonas Hefentreger-Trygophorus und anderer Mitglieder seiner erweiterten Familie, die verschiedene Ämter im Waldeckischen innehatten.

Die "Denkwürdigkeiten" des Jonas Hefentreger-Trygophorus (1525-1580) umfassen die Zeit von der Geburt des Verf.s bis in das Jahr 1563, brechen damit noch 17 Jahre vor dessen Tod ab. Damit haben wir es hier nicht mit der kontinuierlichen Dokumentation des eigenen Lebens bis in das hohe Alter zu tun, wie zum Beispiel bei der berühmten Chronik des Katholiken Johann Oldecop (1493-1574) aus Hildesheim (1891 ediert), die gleichzeitig entstand, und an deren Redaktion der Verf. bis in sein letztes Lebensjahr arbeitete. Beim weitgereisten Oldecop, der seine persönliche Reaktionen auf Erlebtes und Ereignisse, besonders in der Reformationszeit, festhält, fällt es nicht schwer, seine Schrift als "Ego-Dokument" zu bezeichnen. Hefentreger-Trygophorus ist dagegen nicht in vergleichbarer Weise das Zentrum der eigenen Aufzeichnungen, in denen er sogar häufig von sich in der dritten Person spricht. Wie bei Oldecop vermischen sich jedoch Berichte aus der eigenen engeren Umgebung (hier Hildesheim, da Waldeck) mit Zusammengelesenem zur Zeitgeschichte, wobei sich beide Chronisten ausgiebig beim Geschichtswerk des Johann Sleidanus bedienen und von einer starken konfessionspolitischen Sicht geprägt sind.

Aus seiner profunden Kenntnis des waldeckischen Archivmaterials arbeitet Menk in fünf Kapiteln die charakteristischen Merkmale der Chronik des Hefentreger-Trygophorus heraus. Als Reformator der zweiten Generation, dem Vermächtnis des Vaters Johann Hefentreger-Trygophorus verpflichtet, schreibt Jonas aus einer klaren konfessionsgebundenen Haltung heraus, wie Menk anhand der in der Chronik aufgezeichneten Ereignisse, ob lokal- oder reichspolitisch, nachweist. Wichtig sind ihm jedoch in einem methodisch ungewöhnlichen und erhellenden Zugriff auch jene Ereignisse, die keine Erwähnung finden bzw. schnell übergangen werden. Anhand solcher "Ausblendungen" werden uns die Nähe des Textes zu den Tagebüchern des Grafen Wolrad II. und des Nieder-Enser Pfarrers "grafennahe Ansichten" deutlich, insbesondere im Hinblick auf Fragen, die das Verhältnis Waldecks zum alten Landgrafen Philipp von Hessen, dessen engster Verbündete Graf Wolrad II. zeitlebens blieb, und Spannungen innerhalb des Grafenhauses selbst, berührten. Auch sprachlich legt die Chronik des Pfarrers den Bezug zum amtlichen Schrifttum im Umkreis des Grafen Wolrad II. nahe. Anders als beim eingangs erwähnten Oldecop verfaßte Hefentreger-Trygophorus seine Chronik fast ausschließlich in Latein, der Sprache seines Briefwechsels mit dem gelehrten Grafen, obwohl seine Kalenderaufzeichnungen, zum Teil ausführlichere Grundlage der Chronik, seine sonstige Korrespondenz sowie seine für den Grafen verfaßte Dokumentation eines Eheprozesses auf Deutsch geschrieben wurden. Für die Nähe der eigenen chronikartigen Aufzeichnungen zu dem im Umkreis des Eisenberger Grafen entstehenden Schrifttum spricht weiter ein von Menk aufgefundener Beitrag des Hefentreger-Trygophorus zu einer am Eisenberger Hof in Angriff genommenen Genealogie des Grafenhauses. Die von Menk akribisch nachgezeichnete Verquickung der chronikalischen Darstellung der Interessen des waldeckischen Grafenhauses mit der eigenen Familiengeschichte interpretiert er als Hinweis auf das erwachende Selbstbewußtsein bürgerlicher Funktionseliten. Die Aufzeichnungen des Hefentreger-Trygophorus werden ihm zur Trockenbeerauslese konzentrierten Darstellung des politischen und weiteren Umfeldes. Dieses Konzentrat ist nun mit der vorliegenden Arbeit von G. Menk in seinen vielfältigen Bezügen, nicht nur für die waldeckische Geschichtsschreibung, sondern auch in seiner Bedeutung für das Verständnis der Staatsbildung der Kleinterritorien der Frühen Neuzeit ausführlich herausgearbeitet worden. Da die Edition der "Denkwürdigkeiten" von 1914 lediglich 43 Seiten umfaßt, wäre es für die Leser vielleicht hilfreich gewesen, wenn sich die Herausgeber der Reihe zu einem Neudruck des Textes im Anhang entschlossen hätten.

Empfohlene Zitierweise:

Jill Bepler: Rezension von: Gerhard Menk: Die "Denkwürdigkeiten" des Pfarrers Jonas Hefentreger-Trygophorus im Kontext. Bezugsfelder und Aussagekraft chronikalischer Überlieferung im 16. Jahrhundert, Bad Arolsen: Waldeckischer Geschichtsverein 2000, in: INFORM 2 (2001), Nr. 4, URL: <http://www.sehepunkte.de/inform/reviews.php?id=444>

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