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Christian Hoffmann: Ritterschaftlicher Adel im geistlichen Fürstentum. Die Familie von Bar und das Hochstift Osnabrück. Landständewesen, Kirche und Fürstenhof als Komponenten der adeligen Lebenswelt im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung 1500-1651 (= Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen; Bd. 39), Osnabrück: Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 1996, XII + 434 S., ISBN 3-9803412-7-5, DM 45,00

Aus: Württembergisch Franken (Bd. 83 (1999), S. 447-449)

Rezensiert von:
Norbert Haag

Die Hochstifte gehörten zu den Institutionen des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, die von der Reformation besonders hart getroffen wurden. Bereits seit dem späten Mittelalter in verstärktem Maße fürstlich-dynastischen Expansionsbestrebungen ausgesetzt, sahen sie nunmehr auch ihre Legitimationsgrundlage durch die neue Lehre in Frage gestellt. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts sollte sich erweisen, daß die Entscheidung, ob ein Hochstift reformiert wurde oder nicht, in hohem Maße von dem jeweiligen regionalen Kraftfeld abhing, in welches das jeweilige Hochstift eingebettet war. Das Hochstift Osnabrück, Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit, ist insofern von besonderem Interesse, als das dem niederrheinisch-westfälischen Kreis zugehörige Hochstift im Einzugsbereich rivalisierender Großdynastien, der Welfen und des Hauses Hessen-Brabant, lag, die seit Beginn des 16. Jahrhunderts ihre Bemühungen intensivierten, um in dem traditionell vom regionalen Adel kontrollierten Stift Fuß zu fassen. Als im Verlauf des 16. Jahrhunderts der fürstlich-adelige durch den konfessionellen Gegensatz überlagert wurde, lief der Adel des Hochstifts nicht nur Gefahr, in eine fürstliche Klientel eingebunden zu werden und an Einfluß zu verlieren, sondern auch, in eine konfessionelle Option mit weitreichenden politischen Folgen hineingezwungen zu werden.

Den Handlungsraum des regionalen Adels am Beispiel der Familie Bar überzeugend beschrieben zu haben, ist das Verdienst der vorliegenden, bei Anton Schindling im Rahmen des Graduiertenkollegs "Bildung in der frühen Neuzeit" entstandenen Dissertation. Paradigmatische Bedeutung kommt der Arbeit insofern zu, als jüngere, quellenfundierte Arbeiten zum Stiftsadel im konfessionellen Zeitalter Mangelware sind; für das Hochstift selbst fehlen, wie der einschlägige Artikel der "Territorien des Reichs" (Bd. 3, S. 146) zu Recht moniert, "Arbeiten über die Familien des Osnabrücker Stiftsadels und ihre Stellung zu Reformation und Gegenreformation" völlig. Überzeugend gelingt es dem Autor, der die Fülle des einschlägigen Quellenmaterials sorgsam ausgewertet hat, nachzuweisen, daß die Formationsphase des ritterschaftlichen Landstandes - in dem die Familie von Bar eine zentrale Rolle spielte - nicht wie bisher angenommen in das 15., sondern erst in das frühe 16. Jahrhundert zu datieren ist. Der Adel, begünstigt durch das Abklingen der spätmittelalterlichen Agrardepression, beendete das Konnubium mit dem Patriziat der Stadt Osnabrück und monopolisierte, favorisiert durch das päpstliche Adelsindult für das Osnabrücker Stift, die Kapitelsstellen für die Angehörigen seines Standes. Gegenläufig zur korporativen Verfestigung des Stiftsadels als Landstand wirkte sich seine konfessionelle Diversifikation aus: Begünstigt durch den von Hessen gestützten Fürstbischof Franz von Waldeck, optierte ein Teil des Adels zugunsten der neuen Lehre, während die Majorität unter Führung des Domdechanten Herbrod von Bar beim alten Glauben verblieb. Entschieden wurde der Konflikt, in dem mit der konfessionellen Entscheidung zugleich um die politischen Kontrolle des Hochstifts (Fürstbischöfe, Stiftsadel) bzw. dessen Situierung im regionalen Kraftfeld gerungen wurde, durch den Ausgang des Schmalkaldischen Krieges: Der Sieg des Kaisers stärkte den Adel, der bezeichnenderweise trotz der vorausgegangenen Konflikte an dem Waldecker festhielt, um sich der jetzt drohenden Übermacht der Welfen erwehren zu können. Unter dem Nachfolger des Waldeckers, Fürstbischof Johann von Hoya, erfolgte - parallel zum Prozeß der administrativen Durchdringung des stiftischen Territoriums - die Ausbildung und Ausformung des Landständewesens, und zwar in weitgehendem Konsens zwischen Fürstbischof und Ständen. In diesem Prozeß gelang es der Familie von Bar, ihre traditionell führende Rolle im stiftischen Adel institutionell abzusichern (Rezeß des Herbord von Bar für das Erblanddrostenamt 1608).

Ungefähr zeitgleich, in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts, fällt auch das Aufblühen einer ausgeprägten, von der Renaissance inspirierten Adelskultur, augenfällig insbesondere durch die repräsentativen Schloßanlagen und Grabmäler. Zwiespältig blieb das Verhältnis des Adels zum fürstbischöflichen Hof, bot Herrschernähe doch die Chance politischer Einflußnahme und der demonstrativen Befähigung, adeligen Lebensstil demonstrieren zu können, freilich auf Kosten drohender ökonomischer Überforderung. In konfessioneller Hinsicht standen dem Adel lange Zeit alle Optionen offen, weil weder Johann von Hoya noch seine protestantischen - durchweg mindermächtigen Adelsfamilien entstammenden - Nachfolger den Versuch unternahmen, die offene konfessionelle Situation des Fürstbistums zu vereindeutigen. Verschiedene konfessionelle Optionen innerhalb eines adeligen Familienverbandes waren, wie das Beispiel der Familie von Bar trefflich illustriert, keine Seltenheit und auch nicht per se konfliktträchtig. Prekär wurde die Lage erst, als der Konsens des weitgehend protestantischen Stiftsadels mit dem seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert in den Sog der Gegenreformation geratenen, sich strikt katholisch erneuernden Domkapitels zerbrach (1615 Professio Fidei Tridentini). Mit der Wahl Eitelfrieds von Hohenzollern durch das Domkapitel im Jahre 1623 wurden - im Zeichen der für die Katholiken siegreich verlaufenden ersten Phase des Dreißigjährigen Krieges - die Weichen auf Konfrontation gestellt: Der protestantische Stiftsadel mußte sich enormen Drucks durch den Fürstbischof erwehren, ein Druck, der erst mit der schwedischen Besetzung des Hochstifts nachließ (freilich auf Kosten einer hohen finanziellen Belastung des Stiftsadels, der die Hauptlast der finanziellen Forderungen der Schweden zu tragen hatte). Erst mit dem Westfälischen Frieden konnten die konfessionell bedingten Spannungen im Stiftsterritorium bereinigt werden, als mit dem Normaljahr von 1624 und dem für das Hochstift festgeschriebenen Wechsel zwischen katholischen Fürstbischöfen und protestantischen Administratoren traditionelle Konfliktfelder ausgeräumt wurden.

Empfohlene Zitierweise:

Norbert Haag: Rezension von: Christian Hoffmann: Ritterschaftlicher Adel im geistlichen Fürstentum. Die Familie von Bar und das Hochstift Osnabrück. Landständewesen, Kirche und Fürstenhof als Komponenten der adeligen Lebenswelt im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung 1500-1651, Osnabrück: Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück 1996, in: INFORM 2 (2001), Nr. 1, URL: <http://www.sehepunkte.de/inform/reviews.php?id=416>

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