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Bernhard R. Kroener / Ralf Pröve (Hg.): Krieg und Frieden. Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit, Paderborn: Schöningh 1996, 353 S., ISBN 3-506-74825-4, DM 78,00

Aus: Württembergisch Franken (Bd. 83 (1999), S. 416 f.)

Rezensiert von:
Alexander Maisch

Der Band faßt die Beiträge einer Tagung in Potsdam 1995 zusammen, auf der es um die Auswirkungen des Aufbaus stehender Armeen auf die frühmodernen Gesellschaften ging. Gefragt wurde nach den Folgen für Verwaltung, Wirtschaft und Steürsystem, als die Staaten sich für die Beibehaltung ihrer vorher nur fallweise engagierten Truppen entschieden. Thematisiert wurde auch die Lebenswirklichkeit der Soldaten, die auf vielfältige Art mit der sie umgebenden Gesellschaft in Verbindung stand. Einen dritten Diskussionsbereich bildeten die Leiden der Bevölkerung im Kriegsfall.

Am Anfang des Bandes steht der Beitrag von Bernhard K. Kroener über die "Bedeutung der bewaffneten Macht in der europäischen Geschichte der frühen Neuzeit". In den wichtigsten europäischen Staaten des 18. Jahrhunderts gehörte ca. l % der Bevölkerung dem Militär an (Frankreich, Österreich, Rußland, Großbritannien). Nur in Preußen wurde dieser Wert mit 3,5 % deutlich übertroffen, was erhebliche ökonomische Folgen hatte. Das Militär war allerdings nicht flächendeckend über die Staaten verteilt, es konzentrierte sich regional und lokal. In Garnisonsstädten konnte bis zu einem Drittel der Bevölkerung aus Soldaten bestehen. Da noch zu Anfang des 18. Jahrhunderts viele Soldaten verheiratet waren und zum Militär auch ein ganzer Mikrokosmos von Marketendern gehörte, dürfte das demographische und ökonomische Gewicht sogar noch größer gewesen sein. Im 17. und 18. Jahrhundert bauten sowohl Frankreich wie die deutschen Staaten Militärverwaltungen auf, deren Aufgabe die Beitreibung spezifischer Steuern zum Unterhalt des Militärs und dessen Versorgung mit Lebensmitteln, Uniformen und Waffen war. Hans Schmidt vergleicht in seinem Beitrag die Entwicklung diesseits und jenseits des Rheins. "Kriegsfinanzen und Reichsrecht im 16. und 17. Jahrhundert" untersucht Kersten Krüger. Die Kriegskosten wurden häufig und mit steigender Tendenz auf die Bevölkerung abgewälzt. Plündernde Landsknechte wurden im 16. Jahrhundert zu einem Problem. Das Reichsrecht nahm sich dieser Materie aber nur zögernd an. Erst die Reichspolizeiordnung von 1577 verbot das "Garden" und übertrug den Reichskreisen die Aufgabe, derartige Söldner im Zaum zu halten. Bestimmte Personengruppen wurden unter einen spezifischen Schutz gestellt und durften nicht geplündert werden. Im Zusammenhang mit den Türkenkriegen hatten die Reichstage von Speyer 1542 und 1544 die Grundlagen eines modernen Steuersystems beschlossen: eine Vermögensteuer in Höhe von 5 %. Dem Reich nutzte dies allerdings wenig, denn die Reichsfürsten ließen sich sofort von der Besteuerung ausnehmen und spätere Türkensteuern griffen wieder auf die "Römermonate" mit festen Beiträgen der einzelnen Reichsstände zurück. Die Territorien aber erhoben ihre Steuern nach dem Prinzip des 1542 kreierten Gemeinen Pfennigs.

Dem Thema Militärfinanzierung wendet sich auch Norbert Winnige zu. Das Militär konnte entweder über eine Kontribution, d. h. eine direkte (Vermögens)Steuer, oder die Akzise, d. h. eine Verbrauchssteuer, finanziert werden. Häufig verschob sich vom 16. bis zum 18. Jahrhundert die Finanzierung von der ersten zur zweiten Möglichkeit, was wiederum zwar den Kreis der Steuerpflichtigen ausdehnte, aber zugleich zu sozialen Ungerechtigkeiten führte, da die Ärmeren überproportional belastet wurden.

Söldner waren nicht gerade ein angesehener oder auch nur gesellschaftlich akzeptierter Berufsstand, wie Brage bei der Wieden zeigt. Theologen und Moralisten äußerten massive Vorbehalte. Aber auch die Obrigkeiten, die doch die eigentlichen Arbeitgeber der Söldner waren, waren von dieser militärischen "Nebengesellschaft" keineswegs angetan. Matthias Rogg untersucht die soldatische Tracht und ihre Wandlungen im 16. Jahrhundert, die sich deutlich von der etwa der Bauern unterschied. Soldaten trugen zu diesem Zeitpunkt noch keine Uniform, sondern orientierten sich am Kleidungsstil der Adligen und der Stadtbürger.

Die Aufsätze von Hartmut Harnisch und von Jürgen Kloosterhuis sind dem preußischen Kantonsystem gewidmet. Die Regimenter rekrutierten sich aus den Kantonen, deren Einrichtung durchaus zu Widerstand bei den betroffenen Bevölkerungen (so im preußischen Westfalen) führte. Einquartierung war eine Erfahrung, die die meisten Haushaltsvorstände der frühen Neuzeit einmal machten. Ralf Pröve geht der Frage nach, wie sich die Präsenz von Soldaten auf die sie beherbergenden Haushalte auswirkte. Die Bauern und Bürger hatten bestimmten Anforderungen der Soldaten und Offiziere Genüge zu tun, während umgekehrt die kostenlose Unterbringung für die Soldaten ein wesentlicher Teil ihrer Entlohnung war. Zu den Hinterlassenschaften stehender Heere gehörten in der frühen Neuzeit immer auch uneheliche Kinder. Zwar waren zahlreiche Soldaten verheiratet und lebten am Garnisonsort mit ihren Frauen und Kindern. Die Zahl der Frauen und Kinder dürfte der der Soldaten in etwa gleich gekommen sein. Soldatenwitwen und -waisen fielen häufig der Armenfürsorge zur Last, so daß die Obrigkeiten versuchten, die Zahl der verheirateten Soldaten eher einzudämmen, was wiederum zu außerhelichen Vehältnissen führte. Diese wurden geduldet, um Desertionen vorzubeugen.

Desertion war ein Problem aller Heere des 18. Jahrhunderts. Michael Sikora schätzt, daß ein bis zwei Prozent aller Soldaten jedes Jahr desertierten. 30 bis 50% aller Abgänge aus dem Militär gingen auf Desertionen zurück. Die Soldaten waren Söldner, die mehr oder minder freiwillig beim Militär waren. In Notlagen war nur mangelhaft für sie gesorgt. Durch die Pflege eines "Korpsgeistes" versuchte die militärische Führung, dem unerlaubten Verschwinden ihrer Untergebenen Einhalt zu gebieten.

Bernd Roeck stellt die Frage nach der psychischen und mentalen Bewältigung des Geschehens im Dreißigjährigen Krieg mit seinen unerhörten Grausamkeiten gegen Zivilisten und Soldaten. Da es an Zeugnissen für Reaktionen mangelt, läßt sich diese Frage nur schwer beantworten. Möglicherweise leistete der Krieg einer durchgreifenden Christianisierung Vorschub: die Religion bot den Trost, der es ermöglichte, die Schrecken der Zeit auszuhalten.

Auch an den Söldnerkriegen war die Bevölkerung aktiv beteiligt. Gerade im Dreißigjährigen Krieg griffen Zivilisten bei Aufständen und Belagerungen zu den Waffen, wie Michäl Kaiser zeigt. Spannungsgeladen war insbesondere in belagerten Städten das Miteinander von Bürgern und Soldaten. Festungsstädte hatten ja auch immer zivile Bewohner, denen ohne weiteres die Beteiligung am Krieg zugemutet wurde, wie aus dem Beitrag von Daniel Hohrath zu ersehen ist.

Invasion und langjährige Okkupation bildeten im Siebenjährigen Krieg das Schicksal manchen Territoriums und mancher Provinz. Plünderungen wurden zwar eingedämmt, die Ressourcen der betroffenen Gebiete aber dennoch von der Besatzungsmacht effektiv genutzt. Repressalien gegen zahlungsunwillige Bevölkerungskreise gehörten nach wie vor zum Alltag unter militärischer Besetzung. Die Humanisierung des Krieges blieb begrenzt, wie Horst Carl in seinem Beitrag belegt.

Insgesamt handelt es sich um einen sehr anregenden Band, der das gestellte Problem unter einer Vielzahl von Aspekten beleuchtet.

Empfohlene Zitierweise:

Alexander Maisch: Rezension von: Bernhard R. Kroener / Ralf Pröve (Hg.): Krieg und Frieden. Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit, Paderborn: Schöningh 1996, in: INFORM 2 (2001), Nr. 1, URL: <http://www.sehepunkte.de/inform/reviews.php?id=403>

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