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Birgit Bernard: Die Wallfahrten der St.-Matthias-Bruderschaften zur Abtei St. Matthias in Trier vom 17. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, Heidelberg: Heidelberger Orientverlag 1995, 280 S., ISBN 3-927552-22-4, DM 68,00

Birgit Bernard: Kleine Geschichte der Wallfahrt nach St. Matthias in Trier. Mit einem Beitrag von P. Hubert Wachendorf, Heidelberg: Heidelberger Orientverlag 1993, 32 S., ISBN 3-927552-14-3, DM 8,80

Aus: Rezensiert für die Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 43 (1998)

Rezensiert von:
Alois Döring
Bonn

Mit Bedauern ist festzustellen, daß sich die rheinisch-westfälische Volkskunde in den letzten ein, zwei Jahrzehnten weitgehend aus der Wallfahrtsforschung verabschiedet und das Feld der Historikerzunft überlassen hat. Von deren Seite sind in den letzten Jahren Publikationen unterschiedlichen Niveaus und inhaltlich-thematischer Ausrichtung erschienen. Es sei - um den Blick auf die rheinische Region zu lenken - beispielsweise an die beiden informationsreichen, dank breiter Quellengrundlage historisch fundierten, in volkskundlichen Deutungen populärer Frömmigkeitsformen allerdings bewußt sich zurückhaltenden Arbeiten der Meerbuscher Peter und Wiltrud Dohms zur Kevelaerwallfahrt erinnert [1], deren jüngste Studie an dieser Stelle kurz angezeigt werden soll. Sie widmet sich den Wallfahrten nach Kevelaer aus dem alten Kreise Jülich [2] und stellt die Geschichte der Wallfahrtsprozessionen und der Prozessionswege, der Kultpraktik und der Kultgeographie dar, ergänzt durch einen umfangreichen Anhang zu Nachweis und Geschichte der Kevelaerprozessionen aus dem Untersuchungsgebiet - eine beachtenswerte, wiederum quellenmäßig abgesicherte und gut dokumentierte, in der analytischen Darlegung von Prozessionsstrukturen und Wallfahrerbräuchen indes Unschärfen aufweisende mikroanalytische Studie.

Zu denken ist in unserem Zusammenhang auch an die Arbeit von Dieter Wynands zur Wallfahrt im Bistum Aachen, einem Haupteinzugsgebiet der Trierer Matthiaswallfahrt. [3] Die Darstellung der Wallfahrtsorte des Bistums Aachen sowie der außerhalb des Bistums von Aachener Diözesanen aufgesuchten Wallfahrtsorte basiert auf bibliographisch nicht immer nachvollziehbarer Literatur und ist durchaus fehlerhaft. Die statistischen Tabellen zum Wallfahrtsverhalten der Pfarrgemeinden im Bistum Aachen sind ohne Aussagewert. Die einleitenden Darlegungen zu Wallfahrt in Geschichte und Gegenwart weisen inhaltliche und begriffliche Schieflagen sowie Kenntnismängel gegenwärtiger volkskundlicher Wallfahrtsforschung auf, wenn beispielsweise Praktiken des Wallfahrtskultes durch das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens(!) belegt werden oder Wolfgang Brückners grundlegende Arbeiten zu Wallfahrtsphänomenologie und Frömmigkeitsformen unberücksichtgt bleiben.

Mit der Untersuchung von Birgit Bernard liegt die überarbeitete Fassung der 1989 als Historische Dissertation an der Universität Trier angenommenen Studie zur Bruderschaftsforschung vor. Ludwig Remling konstatierte 1980, daß auf diesem Feld der Frömmigkeitsforschung "systematische Arbeiten mit epochenübergreifender Analyse des Struktur- und Bedeutungswandels der Bruderschaften" fehlten. [4] Birgit Bernard versucht, eine solche "diachrone, d. h. epochenübergreifende, Untersuchung der Sankt-Matthias-Bruderschaften" zu leisten, die einem "dreifachen Kontext" (Bernard, S. 28) räumlicher, zeitlicher und thematischer Konstituenten unterworfen ist.

Einleitend legt die Autorin den Forschungsstand von Wallfahrts- und Bruderschaftswesen dar und gibt Erläuterungen zur Abgrenzung des Untersuchungsgegenstandes und zur Quellenlage (Kap. I. Einleitung, S. 15-34). Es folgen wenig glücklich Das Umfeld (Kap. II., S. 35-88) genannte Darlegungen der Geschichte des Bruderschaftswesens sowie obrigkeitlicher Verordnungen zum rheinischen Wallfahrtswesen in Frühneuzeit und Neuzeit. Daran schließt die komplexe Geschichte der Matthiasverehrung unter besonderer Berücksichtigung der daran beteiligten Bruderschaften bis in die Zeit nach 1945 an (Kap. III, S. 89-135).

Der Hauptteil gilt der Geschichtlichen Phänomenologie der Matthiasbruderschaften (Kap. IV., S. 137-207) und behandelt zunächst Selbstverständnis und Zielsetzung, Organisationsstruktur und Leben der Bruderschaften. Dann geht die Autorin auf die Wallfahrtsprozessionen ein, auf Organisation und Verlauf, auf Wege und Stationen, auf Andachtsriten und Devotionalkult. Resümierende Überlegungen (Kap. V., Resümé, S. 209-216) zur Geschichte der Mattheiser Wallfahrt und zur "konfessionell integrativ" (Bernard, S. 215) wirkenden Funktion von Wallfahrts- und Bruderschaftswesen runden die Untersuchung ab.

Der Anhang (Kap. VI., S. 217-271) bietet - neben Quellen- und Literaturverzeichnis - alphabetische und chronologische Indices der Matthiasbruderschaften sowie alphabetische, chronologische und sachthematische Indices der Matthias-Kultzeugnisse; letztere Listen wirken im Kontext des Untersuchungsgegenstandes doch eher wie Anhängsel.

Abgesehen von punktuellen Sach- und Setzfehlern liegt hier eine kenntnisreiche, durch ein breites Spektrum erschlossener Quellen abgesicherte Studie zur rheinischen Frömmigkeitsgeschichte vor, die zu weiteren Forschungen gerade auf dem Feld des Bruderschaftswesens Anregungen geben sollte.

Ergänzend sei auf die kleine, handliche Broschüre hingewiesen, in welcher die Autorin die Geschichte der Trierer Matthias-Wallfahrt von den Ursprüngen bis zur Gegenwart in knapp gehaltener, nach Epochen gegliederter Darstellung schildert sowie "Stein gewordene" und devotionale Zeugnisse des Wallfahrtswesens vorstellt. Der Benediktinerpater Hubert Wachendorf reflektiert in diesem "Wallfahrtsbüchlein" über das Pilgern in unserer heutigen Zeit.

Anmerkungen:

[1] Peter Dohms in Verbindung mit Wiltrud Dohms und Volker Schroeder: Die Wallfahrt nach Kevelaer zum Gnadenbild der "Trösterin der Betrübten" (350 Jahre Kevelaer-Wallfahrt, Bd. 2), Kevelaer 1992. Peter Dohms in Verbindung mit Wiltrud Dohms: Rheinische Katholiken unter preussischer Herrschaft. Die Geschichte der Kevelaer-Wallfahrt im Kreis Neuss (Veröffentlichungen des Kreisheimatbundes Neuss, Nr. 4), Meerbusch 1993.

[2] Peter und Wiltrud Dohms: Die Kevelaerwallfahrten des Jülicher Landes. Eine Studie zur rheinischen Frömmigkeitsgeschichte. (Forum Jülicher Geschichte, Bd. 21). Jülich 1997.

[3] Dieter P.J. Wynands: Geschichte der Wallfahrten im Bistum Aachen (Veröffentlichungen des Bischöflichen Diözesanarchivs Aachen, Bd. 41), Aachen 1986.

[4] Ludwig Remling: Bruderschaften als Forschungsgegenstand. In: Jahrbuch für Volkskunde N.F. 3, 1980, S. 84-112, hier S. 105.

Empfohlene Zitierweise:

Alois Döring: Rezension von: Birgit Bernard: Die Wallfahrten der St.-Matthias-Bruderschaften zur Abtei St. Matthias in Trier vom 17. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, Heidelberg: Heidelberger Orientverlag 1995, in: INFORM 1 (2000), Nr. 3, URL: <http://www.sehepunkte.de/inform/reviews.php?id=359>

Alois Döring: Rezension von: Birgit Bernard: Kleine Geschichte der Wallfahrt nach St. Matthias in Trier. Mit einem Beitrag von P. Hubert Wachendorf, Heidelberg: Heidelberger Orientverlag 1993, in: INFORM 1 (2000), Nr. 3, URL: <http://www.sehepunkte.de/inform/reviews.php?id=359>

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