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Martina Steber, Institut für Zeitgeschichte München - Berlin: Mehrfachbesprechung: Martin Conway: Western Europe's Democratic Age. 1945-1968. Einführung, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 12 [15.12.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
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Mehrfachbesprechung: Martin Conway: Western Europe's Democratic Age. 1945-1968

Einführung

Von Martina Steber, Institut für Zeitgeschichte München - Berlin

Zunächst verhalten und nur für Experten sichtbar, mittlerweile aber deutlich erkennbar, hat sich die Geschichte der Demokratie nach 1945 zu einem lebendigen Feld zeithistorischer Forschung entwickelt. Geleitet von einem Demokratiebegriff, der die Demokratie als historisches Phänomen konzipiert und nicht als überzeitlich gültigen normativen Ordnungsentwurf, interessieren sich Historikerinnen und Historiker zwar auch weiterhin für den demokratischen Staat, für Parlamente, Parteien, Regierungshandeln und für demokratische Öffentlichkeiten. Doch sie fragen nun ganz explizit nach zeitgenössischen Demokratieverständnissen, nach Konflikten um die Implementierung demokratischer Prinzipien, nach Aneignung und Abwehr, nach den Spannungen zwischen den demokratischen Versprechen von Freiheit und Gleichheit, von Gerechtigkeit und Sicherheit und den Handlungsoptionen, die sich daraus ergaben. Sie untersuchen die Demokratie als Staatsform und als Lebensform gleichermaßen.

Dass die Geschichte der Demokratie in der Zeitgeschichtsforschung neu verhandelt wird, hat zum einen theoretisch-methodische Gründe. Kultur- und sozialgeschichtliche Ansätze der Politikgeschichtsschreibung, die in der Forschung zur Geschichte der Weimarer Republik entwickelt wurden, werden seit einigen Jahren für die Geschichte der Demokratie nach 1945 fruchtbar gemacht. Dazu kommt, dass die in den letzten Jahren boomende Behördenforschung einen frischen Blick in die Innenräume des demokratischen Staates der 1950er und 1960er Jahre wirft und Fragen nach Kontinuität und Diskontinuität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts neu stellt.

Zum anderen zeigt sich in der Hinwendung zur Demokratiegeschichte so deutlich wie in kaum einem anderen Forschungsfeld die Verschränkung von Zeitgeschichtsforschung und gegenwärtiger politischer Debatte. Die kritischen Anfragen an die Demokratie, die Sorge um ihre Stabilität, das Erstarken des Rechtspopulismus, die Diskussion um die staatlichen Spielräume in der Pandemiebekämpfung, die Infragestellung des europäischen Demokratieprojekts - all diese gegenwärtigen Herausforderungen lenken die zeithistorische Aufmerksamkeit auf die Geschichte der Demokratie. Diese neue Aufmerksamkeit ist nicht nur in der deutschen Forschung zu erkennen, sondern ein internationales Phänomen.

Mit Martin Conways Buch widmet sich dieses sehepunkte-FORUM einer der bedeutendsten Neuerscheinungen der demokratiehistorischen Forschung der letzten Jahre. Zum ersten Mal wird die Geschichte Westeuropas zwischen 1945 und 1968 als transnationale Geschichte der liberalen Demokratie erzählt. Das ist ein mutiges Unterfangen. Mit Martin Conway (geb. 1960) nimmt sich ihm ein britischer Historiker an, der sich die Erforschung der kontinentalen westeuropäischen Geschichte zur Lebensaufgabe gemacht hat. Seine empirischen Schwerpunkte liegen in der Geschichte Belgiens und des politischen Katholizismus zwischen dem Ersten Weltkrieg und den 1960er Jahren sowie der europäischen Integration.

Western Europe's Democratic Age verdient es, so meinen wir, etwas ausführlicher besprochen zu werden. Wie interpretiert Conway die Demokratieprojekte der westeuropäischen Staaten nach den so unterschiedlichen Erfahrungen mit faschistischen Diktaturen, Besatzungsregimen und dem rassistischen Vernichtungskrieg? Wie erklärt er die unwahrscheinliche Erfolgsgeschichte der liberalen Demokratie nach dem Zivilisationsbruch? Welche interpretatorischen Schwerpunkte setzt er? Wo finden sich Leerstellen der Argumentation? Wo liegen die Stärken des Buches, wo seine Schwächen? Und welche Forschungsperspektiven für die deutsche und die europäische Zeitgeschichte eröffnet das Werk?

Wir haben Historikerinnen und Historiker unterschiedlicher Generationen und Forschungshintergründe für die Besprechung gewonnen: Anselm Doering-Manteuffel (Universität Tübingen), Sonja Levsen (Universität Freiburg), Kim Priemel (Universitetet i Oslo) und Annelie Ramsbrock (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) haben sich intensiv mit dem Buch auseinandergesetzt. Ihre Leseeindrücke und ihre weitergehenden Reflexionen über die Zeitgeschichte der Demokratie mögen dazu beitragen, das junge Forschungsfeld zu befruchten, vielleicht einfach auch nur Lust auf die historische Auseinandersetzung mit der Demokratie zu machen - und auf diese Weise zum so notwendigen Verständnis der liberalen Demokratie in Europa beizutragen.

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