Rezension über:

Marie von Lüneburg: Tyrannei und Teufel. Die Wahrnehmung der Inquisition in deutschsprachigen Druckmedien im 16. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2020, 234 S., 13 s/w-Abb., ISBN 978-3-412-51615-4, EUR 45,00
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Rezension von:
Daniela Müller
Radboud Universiteit, Nijmegen
Redaktionelle Betreuung:
Bettina Braun
Empfohlene Zitierweise:
Daniela Müller: Rezension von: Marie von Lüneburg: Tyrannei und Teufel. Die Wahrnehmung der Inquisition in deutschsprachigen Druckmedien im 16. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2020, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 12 [15.12.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/12/35421.html


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Marie von Lüneburg: Tyrannei und Teufel

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Die vorliegende Studie wurde 2018 als Dissertation im Fachbereich Neuere Geschichte der Universität Rostock angenommen. Als ehemalige Mitarbeiterin der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel kann die Autorin ihr Wissen im Umgang mit alten Drucken eindrucksvoll zeigen. Schon der Titel lässt aufhorchen: Das treffend gewählte Stilmittel der Alliteration rückt den Hauptakzent des Buches in den Fokus. Es geht um die rhetorisch aufgeheizte Stilisierung der Inquisition im reformatorischen Zeitalter als Instrument päpstlicher - und später auch kaiserlicher - Willkür. Dabei wurden alle Register nicht nur der politischen, sondern auch der theologischen Argumentation gezogen. So konnte durch die Disqualifizierung der Inquisition auch der Legitimitätsanspruch der römisch-katholischen Kirche untergraben und die protestantische Glaubensrichtung als die wahre christliche Auslegung profiliert werden. Während die Erforschung der sogenannten "Schwarzen Legende" seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert allgemein Sensibilität dafür weckte, wie stark das fast ausschließlich negativ konnotierte Bild der Inquisition überwiegend der antispanischen Historiographie zu verdanken ist, so wurde in diesem Zusammenhang bislang kaum ein spezifischer Fokus auf das Heilige Römische Reich deutscher Nation gerichtet. Doch vielleicht spielte hier die Vorgeschichte der Inquisition in Deutschland eine Rolle: Bekanntermaßen gab es seit den blutigen Verfolgungen durch Konrad von Marburg im 13. Jahrhundert im deutschsprachigen Teil des Reiches keine etablierte päpstliche oder kaiserliche Inquisition mehr. Die Reformation und ihre Folgen aber wurden zum Auslöser einer medialen Propagandaschlacht, in deren Mittelpunkt die Inquisition stand. Das Buch ist übersichtlich in vier Hauptkapitel gegliedert, dazu gibt es eine Einleitung und ein Fazit, gefolgt von einem Quellen- und Literaturverzeichnis, Abbildungsnachweis und einem Personenregister. Die behandelte Zeitspanne reicht von 1520 bis zum Dreißigjährigen Krieg.

Der in der Einleitung verortete Überblick zum Stand der Forschung, den Arbeitshypothesen, den Quellen und Methoden sowie die Informationen zum Aufbau der Arbeit führen in die Grundlagen des Buches ein.

Kapitel 1 zeigt die Entstehung der protestantischen Publizistik, die sich erstmals medial des Themas Inquisition annahm. Auslöser hierfür war die Verfolgung der Protestanten in den Niederlanden. Damit ergeben sich die Eckpunkte Augsburger Reichstag 1530 mit der Veröffentlichung der Confessio Augustana und das gefürchtete Blutplakat von 1550, ein rigoroses Gesetzeswerk von Karl V. Verknüpft mit diesem Erlass waren die Inquisitions-Instruktionen (Forma Inquisitionis Hispaniae), die im gleichen Jahr für die Spanischen Niederlande erlassen und in Magdeburg neu gedruckt und von dort aus vertrieben wurden. Dem deutschen Publikum wurden damit die Vorgänge in den Niederlanden prägnant vor Augen geführt.

Kapitel 2 beginnt mit der Neu-Etablierung der Römischen Inquisition 1542 und befasst sich dann vor allem mit der konfessionellen Ausnahmesituation im Reich nach dem Augsburger Religionsfrieden, da zeitgleich in den anderen europäischen Großmächten die Protestanten verstärkt verfolgt wurden - auch weil mit Paul IV. ein Zelot auf dem Stuhl Petri saß, der sich einen Namen als fanatischer Groß-Inquisitor gemacht hatte. Auch die Rolle der Jesuiten bei der Inquisition wird beleuchtet.

In Kapitel 3 wird insbesondere auf die Publikationswelle eingegangen, die den Aufstand der Niederlande begleitet hat und in der das Thema Inquisition zu einem Dauerbrenner der Publizistik wurde.

Kapitel 4 zeigt die aus protestantischer Sicht gelungene Identifizierung der Inquisition als Repressionsmittel der katholischen Mächte, um Europa zu einer einheitlichen politischen und religiösen Diktatur zu machen. Hier werden auch Fragen zur Medienlandschaft im ausgehenden 16 Jahrhundert beleuchtet.

Das Fazit macht deutlich, dass sich erst nach der Mitte des 16. Jahrhunderts die Wahrnehmung des Konfessionskonflikts im Reich als Thema der Medien verschärfte. In der frühen Phase des Konfessionskonfliktes war es die Inquisition, die als übernationale Institution das Gefühl der Bedrohung der "nationalen" Staaten versinnbildlichte, später übernahmen die Jesuiten diese Rolle. Damit kann das Buch erweisen, dass im Reich die Schwarze Legende schon vor 1568 begann und den deutschsprachigen Territorien bei der Etablierung des Themas Inquisition als konfessionelles Schreckgespenst ein wichtiger Anteil zufiel. Insgesamt kann das Fazit noch einmal die entscheidenden Ausgangspunkte zusammenfassen und miteinander vernetzen.

Das Buch beeindruckt durch die sorgfältige Auswertung der publizistischen Quellen (Flugschriften und Flugblätter), die ein lebendigeres und alltagstauglicheres Bild entstehen lassen als die Traktate der Theologen. Dabei wird die besondere Situation der deutschsprachigen Gebiete des Heiligen Römischen Reiches deutlich: Mutterland der Reformation und (noch) ohne nationalstaatliche Verankerung wird hier zwar länger als anderswo nach friedlichen Kompromissen des Zusammenlebens der Konfessionen gesucht, aber das Gebiet wird gerade wegen des weniger starken Verfolgungsdrucks zur Hauptregion der publizistischen Offensive gegen die katholischen Universalmächte Kaiser und Papst. Dabei erweist sich das Thema Inquisition als geschicktes Propagandamittel, da besonders die spanische Inquisition als Modellbeispiel der Zusammenarbeit von kaiserlicher und päpstlicher Macht dienen konnte. Die neuen Medien wurden geschickt genutzt, um den Kampf emotional aufzuladen. Der Autorin gelingt dabei der Nachweis der interaktiven Netzwerke zwischen Autoren und Leserschaft, und sie zeigt damit ein vielfältigeres Verständnis von Öffentlichkeit auf, als es die Habermas'schen Thesen zur bürgerlichen Öffentlichkeit vermuten ließen.

Bisweilen hätte eine vertiefte Kenntnis der "Urform" der mittelalterlichen Inquisition die Interpretation der Quellen noch schärfer akzentuieren können: So sind etwa die im Originalwortlaut zitierten Aussagen zur Todesstrafe im Blutplakat (79) eine Verschärfung, die der inquisitorischen Arbeit zuvor unbekannt war: Reumütige wurden ursprünglich nie zum Tode verurteilt. Diese drakonischen Veränderungen hätten intensiver gewichtet werden können. Ebenso wäre eine Begriffsklärung von General- und Großinquisitor gut gewesen. Störend wirken auch die stark wertenden Beschreibungen der Arbeit der Inquisition als "Ermorden und Foltern der Ketzer" (89; vgl. 99 "ermordet" und 142 "Morde"). Hat hier der von der Autorin selbst zitierte Sprachgebrauch der antipäpstlichen Propaganda (100-101) auf sie selbst abgefärbt? Ebenso lassen es die neuesten Forschungen zur spanischen Inquisition, etwa von Bartholomé Bennassar, Stephen Haliczer oder von Jean-Pierre Dedieu fraglich erscheinen, ob die spanische Inquisition als brutal zu kennzeichnen ist (93: "Die Brutalität der Spanischen Inquisition..."). Entweder hätte es eines nuancierten Sprachgebrauchs bedurft oder die Autorin hat sich von den Wertungen ihrer Quellen zu stark einnehmen lassen.

Abgesehen von diesen Details ist das Buch eine wertvolle Studie zur Rezeption des Themas Inquisition und kann zu einer differenzierten Grundlage werden, um gerade auch das aktuelle, immer noch exklusiv negative Bild der Inquisition in den heutigen Medien wie Literatur und Film kritisch zu bewerten.

Daniela Müller