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Johannes Hürter / Winfried Süß: Die Hohenzollern und der Nationalsozialismus. Einführung, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 11 [15.11.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/11/forum/die-hohenzollern-und-der-nationalsozialismus-263/

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Die Hohenzollern und der Nationalsozialismus

Einführung

Von Johannes Hürter / Winfried Süß

Seit über zwei Jahren erregt der Streit um das Erbe der Hohenzollern wie kaum ein anderes zeithistorisches Thema das Interesse der Öffentlichkeit. In der Debatte zeigt sich eine starke Spannung zwischen dem öffentlichen Informationsbedürfnis einer Mediendemokratie und den Geheimhaltungswünschen von Parteien, die hinter verschlossenen Türen über Millionenwerte verhandeln. Auch die Art der Konfliktaustragung hat einigen Anlass zu kritischen Diskussionen gegeben, denn mehrfach richteten sich rechtliche Schritte nach missliebigen Äußerungen auch gegen Historikerinnen und Historiker, so dass die Befürchtung im Raum steht, der intensive Gebrauch des Äußerungsrechts durch den "Chef" des "Hauses Hohenzollern" könne die Debatte auf unangemessene Weise beeinflussen und die Bereitschaft erschweren, sich öffentlich daran zu beteiligen. [1]

Zugleich fokussiert die Hohenzollern-Debatte Grundfragen deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert: den Aufstieg des Nationalsozialismus und den Anteil konservativer Eliten daran, die Legitimität und Stabilität von Eigentum in den politischen Systembrüchen; und zumindest unterschwellig verhandelt die kontroverse Diskussion auch, welche Bezüge auf die untergegangene Monarchie in der Berliner Republik möglich und erwünscht sind. All dies verdichtet sich in der Frage, ob Ex-Kronprinz Wilhelm dem Nationalsozialismus "erheblichen Vorschub" geleistet hat: Das im Zuge der deutschen Einigung geschaffene Vermögensrecht bindet die Restitution von Gütern, welche die sowjetische Besatzungsverwaltung beschlagnahmt hatte (beziehungsweise einen finanziellen Ausgleich dafür), an eine "Würdigkeitsprüfung", die bei der Feststellung des "erheblichen Vorschubs" negativ ausfallen muss. [2]

Nun ist nicht jede geschichtspolitische Kontroverse gleich ein neuer Historikerstreit, auch wenn das in diesem Fall mancher behaupten mag, wohl auch, um eine Antwort auf die "Vorschub"-Frage offenzuhalten. Gegen den breiten Konsens unter Zeithistorikerinnen und Zeithistorikern darüber, dass Kronprinz Wilhelm vielfach, beständig und durchaus nicht wirkungslos mit den Nationalsozialisten paktiert hat, um die Weimarer Demokratie zu Fall zu bringen, sind auch Gegenpositionen formuliert worden. [3] Alles andere würde überraschen, denn die Zeitgeschichte lebt als Reflexionswissenschaft vom Austausch kontroverser Standpunkte und ihrer fachlichen Prüfung in öffentlichen Debatten.

Dazu will dieses FORUM einen Beitrag leisten. Es stellt zwei Bücher vor, die auf der Grundlage intensiver Quellenarbeit das Verhältnis zwischen den Hohenzollern - insbesondere dem Ex-Kronprinzen Wilhelm - und den Nationalsozialisten ausleuchten und damit eine Antwort auf die zeithistorische Kernfrage der Debatte zu geben versuchen. Daher erscheint es angemessen, dass sich im Folgenden gleich vier fachlich bestens ausgewiesene Spezialistinnen und Spezialisten mit diesen Forschungsergebnissen beschäftigen. Die Bücher unterscheiden sich deutlich in ihrem Entstehungskontext, ihrer Quellenbasis und ihren Perspektiven. Wo Lothar Machtan seinem Finanzier Friedrich Georg Prinz von Preußen dankt, richtet Stephan Malinowski den Dank an eine Vielzahl von Kolleginnen und Kollegen, die ihn bei seinen Forschungen unterstützt haben. Machtan gründet seine Studie insbesondere auf das Hausarchiv der Hohenzollern (ohne dort Quellen entdeckt zu haben, die das bekannte Bild grundstürzend verändern), während Malinowski, der zahlreiche deutsche und internationale Archive auswertete, Quellenfunde gelangen, die unterstreichen, wie kompromisslos verschiedene Protagonisten der entmachteten Kaiserfamilie die Weimarer Demokratie abgelehnt haben. Wo Malinowski aus der Vogelperspektive eine untergegangene Monarchie und ihre Nachwirkungen als sozialkulturelles Phänomen analysiert und dabei vier politische Generationen der Hohenzollernfamilie in ihrem Verhältnis zu Demokratie und Diktatur untersucht, blickt Machtan aus der Nahdistanz in die Hinterzimmer der Macht und wählt mit den Jahren 1930-1934 einen zeitlich deutlich kürzeren Untersuchungsschwerpunkt als Malinowski.

Gleichwohl: Wer sich einen veritablen Historikerstreit erhofft, wird durch die beiden Bücher ebenso enttäuscht wie auch durch dieses Rezensionsforum. Beide Studien und ihre hier präsentierten Besprechungen stimmen in ihrer zentralen Aussage weitgehend überein: Der Ex-Kronprinz und seine Umgebung waren erbitterte Feinde der Weimarer Republik, die sie zerstören wollten. Sie setzten Anfang der 1930er Jahre auf die Karte Hitler, um ihre eigene politische Macht zu restituieren, und förderten in dieser illusionären Zielsetzung aus ideologischer Überzeugung und purem Hass auf die Demokratie die Machtübertragung an die Nationalsozialisten. Dieses Ergebnis entspricht im Wesentlichen dem bereits vor der aktuellen Hohenzollern-Debatte erreichten Forschungsstand, wird durch die neuen Publikationen aber empirisch besser belegt, nuancierter gezeichnet und schärfer konturiert.

In der Frage, wie relevant die Unterstützung Hitlers durch die politisch den Ton angebenden Mitglieder der Hohenzollern-Familie war, gehen die Meinungen indes auseinander. Während Stephan Malinowski und die vier Rezensenten und Rezensentinnen dieses Forums die wichtige Rolle insbesondere des Ex-Kronprinzen und seines medienwirksamen Symbolhandels in der Vorgeschichte und Frühphase der NS-Diktatur akzentuieren, wird dessen Bedeutung von Lothar Machtan als eher gering eingestuft. Dies ist ein Streitpunkt, an dem sich sowohl die Entwicklung des Faches als auch das wissenschaftliche Erkenntnispotenzial der aktuellen Debatte aufzeigen lassen. Der älteren Forschung waren das antidemokratische Denken und Engagement Wilhelms von Preußen und anderer Hohenzollern bekannt, doch nahm sie deren Agieren kaum ernst, da ihr direkter Einfluss auf die Politik klein zu sein schien. In der Gegenwart mit solchen Deutungen der älteren Weimarforschung gegen neueste Forschungsbefunde zu argumentieren, geht aber an den Erträgen einer kulturgeschichtlich erweiterten Geschichtswissenschaft vorbei und verfehlt das Ziel, zum Erkenntnisfortschritt beizutragen.

In der zeithistorischen Forschung ist die Wirkungsmacht politischen Symbolhandelns inzwischen unstrittig. Dies gilt gerade für durch Massenmedien geprägte Gesellschaften, in denen öffentliche Aufmerksamkeit eine wichtige politische Kraftquelle bildet. Und in dieser Hinsicht hatten der ehemalige Kronprinz und andere gestiefelte "Reklameprinzen" (Gustav Stresemann) einiges zu bieten. Ob man auf die gut erforschten traditionellen Eliten des Militärs, der Verwaltung, der Schwerindustrie oder den bis zur gegenwärtigen Debatte ziemlich unterschätzten Adel blickt: In der fragilen Weimarer Republik bestanden soziale und politische Netzwerke fort, die bis 1918 durch ihre enge Verbindung zur Hohenzollern-Monarchie geprägt waren. Auch danach war es in diesen politisch weiterhin einflussreichen Milieus nicht gleichgültig, wie sich die maßgeblichen Vertreter des früheren Herrscherhauses erst zur Demokratie und dann zum Nationalsozialismus verhielten. Die Signale, die der Ex-Kronprinz aussandte, und die performativen Akte, in denen er auftrat - mit dem "Tag von Potsdam" als Höhepunkt -, waren in ihrer politischen Botschaft eindeutig. Sie erleichterten den Aufstieg des Nationalsozialismus und die Machtsicherung der Diktatur, deren Erfolg gerade in ihrer Frühphase ganz erheblich davon abhing, inwieweit die ehemals königstreuen alten Eliten und darüber hinaus die Masse der monarchistisch gesinnten Deutschen die "Bewegung" Adolf Hitlers als legitime politische Alternative akzeptierten und sich in die NS-Diktatur einfügten.

Die nachfolgenden Besprechungen der Bücher von Lothar Machtan und Stephan Malinowski verdeutlichen, dass die Rolle des abgedankten Kaiserhauses in diesen politischen und sozialen Figurationen keinesfalls unterschätzt werden sollte. In dieser Hinsicht kann die aktuelle Debatte tatsächlich einen wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt anstoßen.

Anmerkungen:
[1] So etwa die damalige VHD-Vorsitzende Eva Schlotheuber in einem Radiointerview am 15.6.2021; www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/eva-schlotheuber-klagen-der-hohenzollern-formen-die-debatte-100.html. Mehr als 80 rechtliche Auseinandersetzungen dokumentiert der Hohenzollern-Klage-Wiki; wiki.hhu.de/spaces/viewspace.action?key=HV [28.10.2021].
[2] Gesetz über staatliche Ausgleichsleistungen für Enteignungen auf besatzungsrechtlicher oder besatzungshoheitlicher Grundlage, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können, 27.9.1994, § 1, Art. 4; vgl. dazu Constantin Goschler: Prinzen, Bürger und Preußen. Die Eigentumsfrage in Ostdeutschland und die Entschädigungsforderungen der Hohenzollern, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 68 (2020), 322-336.
[3] Eine Gegenposition dazu formulieren etwa Die Welt vom 15.4.2021: "Historiker entlasten den Hohenzollern-Kronprinzen" (Ulrich Schlie/Thomas Weber) und Wolfram Pyta / Rainer Orth: Nicht alternativlos. Wie ein Reichkanzler Hitler hätte verhindert werden können, in: Historische Zeitschrift 312 (2021), 400-444.


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