sehepunkte 21 (2021), Nr. 7/8

Friederike Sattler: Herrhausen

Aus Anlass des 150-jährigen Firmenjubiläums erschien jüngst die Geschichte der Deutschen Bank mit dem programmatischen Untertitel "Die globale Hausbank" [1]. Die Verbindung internationaler und nationaler Elemente gehört auch zu den Fluchtpunkten von Friederike Sattlers Biografie über Alfred Herrhausen, den 1989 ermordeten Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Sie zeigt, wie die zunehmend globale Ausrichtung des größten deutschen Geldhauses zu den eindrücklichen Spuren von Herrhausens Wirken wurde, der sich in seinem Denken und seinen Überzeugungen zwar im Rheinischen Kapitalismus [2] verortete, in seinem Handeln jedoch immer weiter davon entfernte und so zu dessen Transformation beitrug. Auf diese Weise erweitert Sattlers Studie die bisher vorliegenden Arbeiten zur Geschichte der Deutschen Bank [3] um einen bis heute noch wenig ausgeleuchteten Aspekt.

Die Autorin hat dafür auf umfangreiches Quellenmaterial zurückgegriffen. Neben den Archiven der Deutschen Bank und anderer Unternehmen, die zu Herrhausens beruflichen Stationen gehörten, wurden auch das Privatarchiv der Familie Herrhausen sowie Interviews mit ehemaligen Weggefährtinnen und Weggefährten ausgewertet. Gerade dadurch gelingt es Sattler, sowohl den Menschen Herrhausen als auch seine Rolle als Banker und Manager herauszustellen.

Das Buch folgt im Aufbau der Chronologie und gliedert sich in sechs Hauptkapitel. Die ersten beiden Kapitel widmen sich Herrhausens Herkunft, seiner Ausbildung und dem Einstieg ins Berufsleben bei den Vereinigten Elektrizitätswerken Westfalen (VEW). Im Zentrum steht dabei die Frage nach den Voraussetzungen für seinen Aufstieg und Erfolg, der ihn letztlich zum Vorstandsvorsitz der größten deutschen Privatbank führte. Ein entscheidendes Element macht Sattler hierbei im Leistungsethos aus, das Herrhausen bereits im Elternhaus vermittelt bekam, das sich durch seine Schulzeit an einer NS-Eliteschule weiter ausprägte und das er bei seiner frühen Hinwendung zur parlamentarischen Demokratie und sozialen Marktwirtschaft gewinnbringend für sich nutzen konnte. Ein zweites wichtiges Element für seine Karriere sieht Sattler in Herrhausens Entscheidung, lange Zeit den von seinen Eltern, seiner Ehefrau und seinen Schwiegereltern eröffneten und begleiteten beruflichen Bahnen zu folgen. Diese führten ihn nach seinem Studium zu den VEW, bei denen sich der promovierte Betriebs- und Volkswirt nach einem USA-Aufenthalt mit Impulsen zur Modernisierung der Öffentlichkeitsarbeit und des Rechnungswesens bewährte. Wegweisend für seine weitere Karriere wurde seine Rolle als treibende Kraft und Gestalter des Börsengangs der VEW, mit der er beim Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, Wilhelm Christians, auf sich aufmerksam machte. Dies brachte ihm letztlich das Angebot ein, in den Vorstand der Deutschen Bank einzutreten.

Mit seinem Wechsel in den Vorstand der Deutschen Bank 1970 beginnt das dritte Buchkapitel, das sich Herrhausens Aufstieg in der Deutschen Bank widmet und zusammen mit den Kapiteln vier und fünf den größten Raum der Darstellung einnimmt. Bereits zu Beginn betont Sattler die Ausnahmeerscheinung Herrhausens, der als Quereinsteiger in die Vorstandsetagen einer deutschen Bankenbranche vorstieß, die noch weitgehend von Hauskarrieren geprägt war. Erneut gelang es ihm, sich trotz vieler Vorbehalte schnell über seine Zuständigkeit für volkswirtschaftliche Grundsatzfragen zu bewähren. Als richtungsweisend in diesem Kontext erwies sich für Herrhausen besonders die Konjunkturbeobachtung, über die er früh ein handlungsleitendes Verständnis für die Zusammenhänge der Weltwirtschaft entwickelte. Von dieser Verbindung ausgehend arbeitet Sattler überzeugend heraus, wie Herrhausen zu einer treibenden Kraft der Internationalisierung der Deutschen Bank seit den 1970er Jahren wurde. Gleichzeitig sollte dieser Prozess mit einer fortwährenden Stärke im deutschen Heimatmarkt einhergehen. Dazu gehörte unter anderem das Bestreben, den traditionellen Hausbankstatus der Deutschen Bank bei der deutschen Industrie sowie Firmenkunden zu erhalten, was exemplarisch anhand von Herrhausens Aufsichtsratsmandat bei der Continental nachgezeichnet wird. Doch gerade hier sah sich Herrhausen mit dem vom Unternehmen selbst initiierten Prozess konfrontiert, die Bindung von Unternehmen und Hausbank aufzulösen. Dass er sich dieser Entwicklung nicht versperrte, sondern vielmehr ihre Vorteile sah und nutzte, illustriert seine passive Unterstützung für diesen Transformationsprozess, die ihn gerade nicht zu einem "einseitige[n] Promotor des globalen Finanzmarktkapitalismus" (646) mache.

Mit seiner Wahl zum zweiten Vorstandssprecher 1985 trieb Herrhausen fortan federführend den Prozess voran, das klassische Geschäftsmodell rund um die Außenhandelsfinanzierung und Industriekreditvergabe auf neue Geschäftsfelder wie die Kapitalmarktfinanzierung oder das Investmentbanking zu erweitern. Herrhausens Vision sieht Sattler dabei im Umbau der Deutschen Bank zu einer globalen Universalbank, die offen für neue Kunden und Produkte sowie gegenüber der Konkurrenz aus Übersee wettbewerbsfähig sein sollte. Mit diesen Umbauplänen, die Herrhausen seit 1988 als alleiniger Vorstandssprecher weiter forcierte, traf er jedoch auf erhebliche Vorbehalte bei seinen Vorstandskollegen. Nicht nur an dieser Stelle versteht es Sattler, ihr Portrait Herrhausens um die Grenzen seiner Gestaltungsmacht zu nuancieren.

Zu diesem vielschichtigen Bild gehört auch sein Wirken jenseits des engen Unternehmenskontexts, das immer wieder in die Darstellung eingeflochten wird. Sattler charakterisiert ihn als einen engagierten Interessenvertreter von Banken und Wirtschaft, dessen Einfluss jedoch ambivalent blieb. Gelang es ihm beispielsweise in der Studienkommission "Grundsatzfragen der Kreditwirtschaft" wichtige Bankeninteressen zu verteidigen, zeigten sich Grenzen seines Einflusses bei seiner Beratertätigkeit für die Kanzler Schmidt und Kohl. Gesellschaftspolitisch hinterließ Herrhausen durch sein Engagement beim Ausbau der Weiterbildung nachhaltige Spuren, was sich unter anderem im Aufbau der Privatuniversität Witten-Herdecke niederschlug.

Insgesamt gelingt Sattler mit ihrer Studie sowohl ein vielschichtiges Porträt des Bankiers und Menschen Alfred Herrhausen als auch ein wichtiger Beitrag zum Wandel der Deutschen Bank im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Sie hebt auf diese Weise die historische Figur aus dem Schatten des Attentats vom 30. November 1989, dessen Hergang und die bis heute nicht völlig geklärten Hintergründe Sattler im sechsten Kapitel knapp und konzise beschreibt. Die im Buch eingebetteten Erkenntnisse zum Wandel des Kapitalismus regen darüber hinaus zu weiteren Forschungen über seine globale Transformation seit den 1970er Jahren an.


Anmerkungen:

[1] Werner Plumpe / Alexander Nützenadel / Catherine R. Schenk: Deutsche Bank. Die globale Hausbank 1870-2020, Berlin 2020.

[2] Hans Günter Hockerts / Günter Schulz (Hgg.): Der "Rheinische Kapitalismus" in der Ära Adenauer, Paderborn 2016.

[3] Lothar Gall u. a.: Die Deutsche Bank. 1870-1995, München 1995; Lothar Gall: Der Bankier Hermann Josef Abs. Eine Biographie, 2 Aufl., München 2005.

Rezension über:

Friederike Sattler: Herrhausen. Banker, Querdenker, Global Player. Ein deutsches Leben, München: Siedler 2019, 811 S., ISBN 978-3-8275-0082-3, EUR 36,00

Rezension von:
Rouven Janneck
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Rouven Janneck: Rezension von: Friederike Sattler: Herrhausen. Banker, Querdenker, Global Player. Ein deutsches Leben, München: Siedler 2019, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 7/8 [15.07.2021], URL: http://www.sehepunkte.de/2021/07/35565.html


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