sehepunkte 21 (2021), Nr. 6

Rezension: "Screenshots" und "Hassbilder"

In dem für die Wagenbach-Reihe Digitale Bildkulturen charakteristischen schlanken Format widmen sich die Bücher von Paul Frosh und Daniel Hornuff aktuellen visuellen Phänomen - nämlich "Screenshots" und "Hassbilder[n]". Hornuffs und Froshs Bücher passen einerseits gut zusammen, da Hassbilder auch durch Screenshots verbreitet werden und im Internet weiterleben. Andererseits fallen im direkten Vergleich der Beiträge die Unterschiede zwischen deutsch- und englischsprachiger Herangehensweise zu wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Themen auf.

Paul Frosh, Professor der Kommunikationswissenschaft an der Hebrew University of Jerusalem in Israel und einer der führenden internationalen Theoretiker visueller Kulturen, geht von der These aus, dass wir durch Screenshots hindurchschauen: "Will man auf etwas aus den digitalen Medien Bezug nehmen, sind Screenshots eine allgegenwärtige Praxis. Da man dabei jedoch meist innerhalb digitaler Medien bleibt, wird der Screenshot in der Regel nicht als eigenständige Kulturtechnik wahrgenommen; man übersieht, dass es sich um eine Darstellungsform handelt, die bestimmte Annahmen voraussetzt und auch befördert" (7, Hervorhebung übernommen). Frosh bezieht sich in dieser Beobachtung und Kritik auf den Rhetoriker Richard Lanham und setzt sich zum Ziel, Screenshots und ihre Funktion zu reflektieren, statt durch sie hindurchzuschauen und sich allein darauf zu konzentrieren, "was sie darstellen" (7).

Frosh legt seinen Text theoretisch an und verwendet lediglich zwei Bildbeispiele, um seine Schlüsselgedanken argumentativ aufzubauen. Screenshot 1 zeigt Donald Trumps Tweet vom 31. Mai 2017 - "Despite the constant negative press covfefe" - dieser ist längst gelöscht, doch covfefe lebt als unvergessene Wortschöpfung in Screenshots weiter, unter anderem in der Berichterstattung der britischen Zeitung The Guardian (8ff.). Screenshot 2 zeigt eine Messenger-Nachricht, die eine Israelin an ihre Tochter im Januar 2017 geschickt hat und darin um Rückmeldung bittet - nicht wissend, dass die geliebte Tochter zu diesem Zeitpunkt bereits als Teil einer Gruppe von Soldat*innen getötet wurde, die ein palästinensischer Lieferwagen-Fahrer mit seinem Fahrzeug niederfuhr (49ff.). Diese Nachricht wurde auf der Titelseite einer der auflagenstärksten Tageszeitungen Israels abgedruckt - anhand der grauen Häkchen ist sichtbar, dass die bereits tote Tochter die Nachricht nie gelesen hat, nach Frosh und Barthes "das punctum des Screenshots" (52, Hervorhebung übernommen). Wir leben mit und in den Medien und konsequenterweise sterben wir auch "darin" (55), schließt Frosh in Anlehnung an Mark Deuze seine Ausführungen.

Fragen der Zeitlichkeit, der (Un-) Gleichzeitigkeit, fragmentierter und doch verbundener Öffentlichkeiten sind die Subthemen, die Frosh fortlaufend bedient: Screenshots bezeugen "Welten sozialer Medien (41), die jedoch in der Rezeption nie zeitgleich ablaufen, wie Frosh die Zeitlichkeit von Screenshots und die Ungleichzeitigkeit der Betrachtung beschreibt. Screenshots dokumentieren Ereignisse in "den Sozialen Netzwerken für all diejenigen [...], die jeweils nicht 'anwesend' waren" (45). Und das selbst bei Plattformen, die wie Snapchat Fotos und Videos nur wenige Sekunden auf den Bildschirmen der Empfänger*innen sichtbar sind und dann vergehen - der Screenshot als "Racheengel der traditionellen Fotografie" (25) verunmöglicht "die konventionelle Verwendung von Fotos als Erinnerungsstücken und Beweismitteln" (25).

Froshs Beitrag ist eine Auskopplung des bislang nur auf Englisch erschienenen Buches "The Poetics of Digital Media" (Polity Press 2019). Frosh aktualisiert darin seine bisherigen Publikationen, vor allem zu Formen der Zeugenschaft und der Remediation als semiotischer Aktivität. Er zeigt zudem vorbildlich, dass dem Schreiben über digitale Bilder und Bildkulturen nicht zwangsläufig Bilder beigefügt werden müssen, wie es so oft in Publikationen verlangt wird.

Nach Froshs pointiertem und logisch aufgebautem Beitrag Daniel Hornuffs Überlegungen zu "Hassbildern" zu lesen, macht einerseits Sinn, da Hassbilder auch durch Screenshots weiterverbreitet werden. Andererseits fallen die Schwächen von Hornuffs Buch im direkten Vergleich zu Frosh sehr stark auf, vor allem mäandernde und verallgemeinernde Beschreibungen, sowie die Dekontextualisierung seiner Bildbeispiele: Diese werden keinen Plattformen zugeordnet - lediglich die Endnoten verweisen auf Quellen wie Facebook, Twitter, Wikimedia, Youtube, Blogs -, und damit fehlt auch eine Diskussion plattformspezifischer Nutzer*innen sowie infrastruktureller Affordanzen. Es fehlen Thematisierung und Einordnung misogyner und sexualisierter Gewalt, die überproportional Frauen trifft. Das ist umso erstaunlicher, leitet Hornuff sein Buch doch mit dem Urteil des Landgerichts Berlin ein, in dem es 2019 die Forderung der Herausgabe von Nutzerdaten an die Grünen-Politikerin Renate Künast zunächst verweigerte, die im Internet verbal und sexualisiert beleidigt wurde. [1] Hornuff schließt die von ihm ausgewählten Posts kurz mit der "Aufmachung antijüdischer Hetzschriften, wie sie bereits im 16. Jahrhundert im Umlauf waren" (8). Über weite Teile des Buches spricht der Autor über antisemitische Hassbilder, die er als prototypisch für Hassbilder im Netz versteht (21ff.), da sie als "Instrumente der Denunziation" (22ff.) Gewalt fördern und Hass formalisieren (32ff.). Hornuff erweitert seine Ausführungen zu jihadistischem Hass (38ff.) und medienethischen Fragestellungen "liberaler Mediengesellschaften" (41ff.). Es erstaunt zudem, dass der Autor sich nicht durch den Einsatz von Anführungszeichen von so genannten "Lebensschutzbewegungen" - radikalen und antifeministischen Abtreibungsgegner*innen - abgrenzt (46ff.), deren emotionalisierenden Techniken er sich widmet.

Abschließend wird - zumindest randständig und individualisiert - auf die Frage eingegangen, wer gegen Hassbilder agiert. Als Beispiel geht Hornuff auf Posts ein, mit denen sich die Sängerin Lena Meyer-Landrut bildlich gegen Hasstexte wehrt, indem sie diese sichtbar macht (64ff.). Hornuff schreibt: "Wer die Erfahrung gemacht hat, Objekt von Hass zu sein, erkannte womöglich, dass Hass zumindest in einzelnen Fällen wie ein Material zu nutzen ist, um die erfahrenen Verletzungen und Demütigungen auf- und verarbeiten zu können" (66). Bei der Masse an Hassbildern und Hasstexten in sozialen Medien klingt dies eher wie ein frommer Wunsch. Die Counterbilder (eingedeutscht Konter-Bilder), auf die Hornuff sich bezieht, werden als Memes aufgefasst, aber keinen Akteur*innen zugeordnet (60ff.).

Leider geht der Text nicht so weit, Aktivist*innengruppen oder NGOs vorzustellen, die systematisch Hass in Bild und Text aufspüren und damit die Möglichkeit eröffnen, die Urheber*innen strafrechtlich verfolgen zu lassen. So agiert beispielsweise die Recherchegruppe Die Insider, die auf Twitter, Facebook, Instagram und in Messengergruppen in "AfD-nahen Facebookgruppen [wühlt]" [2], um Antisemitismus, Mordfantasien und Gewaltaufrufe per Screenshot zu dokumentieren - und diese den Betroffenen und relevanten Behörden mitzuteilen. Häufig betroffen sind Personen des öffentlichen Lebens, wie Politiker*innen oder Musiker*innen. Die Insider veröffentlichen auch das Versagen von Plattformen, gegen Aufrufe zur Gewalt vorzugehen - die Todeswünsche etwa bei Facebook werden nicht gelöscht, die Recherchegruppe hingegen wird für gewisse Zeiträume gesperrt und ihre Dokumentation beanstandet. [3]

So relevant die Themen sind, die Hornuff anreißt, so kursorisch liest sich "Hassbilder". Bei Hornuff erscheinen Hassbilder als alleinstehende Bildphänomene - was sie nicht sind. Ihre Verbreitung geschieht nicht von selbst, sondern durch aktive und organisierte Trolle, die Affordanzen der jeweiligen Plattform ebenso wie crossmediale Strategien nutzen. Einen Beitrag über Hassbilder zu schreiben, ohne Urheber*innen, Strategien und Infrastrukturen zu benennen, hinterlässt einen Geschmack der Oberflächlichkeit. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Hornuff nicht dezidiert auf Recherchekollektive oder NGOs eingeht, die sich aktiv Hass im Netz entgegenstellen.

Die Werke von Frosh und Hornuff sind auch in einem Band der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) enthalten, die die ersten fünf Beiträge zur Wagenbach-Reihe "Digitale Bildkulturen" zusammen herausgibt.


Anmerkungen:

[1] Im Januar 2020 wurde das Urteil abgeändert und Künast bekam teilweise die Nutzer*innendaten zur Verfügung gestellt, in: Beck aktuell. Heute im Recht, verfügbar unter: https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/lg-berlin-renate-kuenast-erzielt-teilerfolg-hinsichtlich-nutzerdatenherausgabe-von-social-media-plattform [3.5.2021].

[2] Twitter-page von Die Insider, verfügbar unter: https://twitter.com/Die_Insider [3.5.2021]

[3] Twitter-page von Die Insider, verfügbar unter: https://twitter.com/Die_Insider/status/1344256147780415490 [3.5.2021]

Rezension über:

Paul Frosh: Screenshots. Racheengel der Fotografie. Übersetzt von Franka Kathrin Wolf (= Digitale Bildkulturen), Berlin: Wagenbach 2019, 80 S., ISBN 978-3-8031-3691-6, EUR 10,00

Daniel Hornuff: Hassbilder. Gewalt posten, Erniedrigung liken, Feindschaft teilen (= Digitale Bildkulturen), Berlin: Wagenbach 2020, 80 S., 40 s/w-Abb., ISBN 978-3-8031-3692-3, EUR 10,00

Rezension von:
Evelyn Runge
Institut für Medienkultur und Theater, Universität zu Köln
Empfohlene Zitierweise:
Evelyn Runge: "Screenshots" und "Hassbilder" (Rezension), in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 6 [15.06.2021], URL: http://www.sehepunkte.de/2021/06/34443.html


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