sehepunkte 21 (2021), Nr. 5

Pavel Markovič Polian: Briefe aus der Hölle

2015 sorgte der ungarische Film 'Son of Saul' für Aufsehen und gewann im folgenden Jahr in Los Angeles den Oscar als bester internationaler Film. Regisseur László Nemes hat die Geschichte des sog. "Sonderkommandos" des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau adaptiert und daraus ein berührendes Drama gemacht. Es ist die Geschichte der Juden, die für die Täter der SS die Krematorien bedienen und die in den Gaskammern ermordeten Menschen verbrennen mussten. Nemes thematisiert dabei insbesondere das jüdische religiöse Tabu der Einäscherung von Leichen, das der Held des Films einzuhalten versucht: Doch am Ende verliert er den toten Körper seines namengebenden Sohnes Saul - zwar nicht an die Verbrennungsöfen von Auschwitz, aber in einem Fluss.

Zuvor aber hatte er am Aufstand des zu diesem Zeitpunkt etwa 800 Personen starken Sonderkommandos teilgenommen, der am 7. Oktober 1944 tatsächlich stattgefunden hat. Es war eine Revolte der Verzweiflung, ganz ähnlich wie diejenigen in Treblinka und Sobibór 1943, nur dass in diesen beiden Lagern im Anschluss daran immerhin einigen Insassen die Flucht gelang. Nicht so in Auschwitz: Die SS fing alle Entkommenen wieder ein und tötete sie. Zwar hatten die Aufständischen eines von mehreren Krematorien der Vernichtungsfabrik zerstören können, jedoch verstärkten die Mörder im Anschluss daran ihre Bemühungen, alle Zeugen zu ermorden. Das gelang ihnen nicht zur Gänze, und 50 Jahre nach der Befreiung erschien ein Band, der Gespräche mit diesen Überlebenden dokumentierte.

Jedoch sind dies nicht die einzigen erhaltenen Quellen. Noch während der Holocaust im Gange war, gelang es einigen Angehörigen des Sonderkommandos, Notizen und Briefe auf dem Gelände der Krematorien zu verstecken. Die genaue Anzahl dieser Dokumente ist nicht bekannt, vermutlich waren es bis zu 40 Verstecke, von denen in den Jahren 1945 bis 1980 immerhin neun gefunden werden konnten. Die geretteten, vom langen Aufenthalt in nasser Erde teils stark in Mitleidenschaft gezogenen Schriften stammten von fünf Autoren und wurden im Laufe der Zeit in verschiedenen Sprachen veröffentlicht.

Pavel Polian legt nun eine Gesamtedition vor, die alle Texte zusammenführt und auf einer erneuten Prüfung der Originale beruht. Dank modernster Computertechnik gelang es ihm, zahlreiche bisher nicht lesbare Stellen sichtbar zu machen. Dazu ergänzt er diejenigen Teile, die beispielsweise durch die kommunistische Zensur getilgt worden oder für vorangegangene Herausgeber schlicht nicht von Interesse gewesen waren. In diesem Sinne liegt hier nun eine vorerst definitive Sammlung vor, die allerhöchstens durch weitere Fortschritte bei der digitalen Bildbearbeitung einer Revision bedürfte. Etwas unbefriedigend ist allerdings, dass die im Original jiddischen Quellen hier zunächst ins Russische übertragen und dann erst, durchaus sorgfältig, ins Deutsche übersetzt wurden.

Das Fachpublikum wird zudem das Fehlen jeglicher Register bemängeln, und auch die Auswertung der Literatur - die inzwischen viele Regalmeter füllt - ist nicht immer zielführend. Polians eher essayistische Überblicke zum Widerstand, zu den Opferzahlen von Auschwitz oder zum Sonderkommando selbst kommen zwar zu klaren und letztlich überzeugenden Urteilen, sind aber manchmal etwas polemisch geraten und in der Sprache zu wenig distanziert. Das lässt sich insofern verschmerzen, als dafür die Überlieferungsgeschichten der Quellen, die sich nicht selten fast wie Krimis lesen, umfassend rekonstruiert sind. Unfassbar auch, wie nachlässig Historiker sein können: So wurde etwa der 1945 aufgefundene Brief des von Polen nach Frankreich ausgewanderten Herman Strasfogel bis in die jüngste Zeit einem Chaim Herman zugeschrieben - obwohl das Original bereits 1948 an Strasfogels Familie zurückgegeben worden war, die wohl Mitarbeiter der Gedenkstätte Auschwitz damals korrekt identifiziert hatten. Es gibt in deren Akten eine entsprechende Notiz dazu.

Polian hat seinem Band eine Übersicht der bisherigen Veröffentlichungen seiner Quellen beigegeben, außerdem hilfreiche Karten und drei bislang unbekannte Aussagen von Über-lebenden, die diese 1945 vor der sowjetischen Außerordentlichen Staatskommission in Oświęcim getätigt haben. Seine Glossierung der Dokumente ist zurückhaltend, auch weil diese eindrucksvollen Texte für sich selbst sprechen. Salmen Gradowski etwa, ein aus dem nordostpolnischen Lunna-Wola stammender Anführer des Aufstands vom Oktober 1944, hat zwei Texte hinterlassen. Er tritt mit dem Leser in einen Dialog, spricht diesen direkt an und trägt ihm auf, das Vermächtnis von Erinnern - und von Rache - anzunehmen: Die Täter sollen mit ihrem Genozid nicht ungestraft davonkommen.

Von den fünf Autoren stammt nur Marcel Nadjari nicht aus Polen, sondern aus dem griechischen Saloniki. Sein Brief an die Familie galt bisher als weitgehend zerstört, aber Polian konnte dessen Lesbarkeit dank einer bemerkenswerten Digitalisierung von 10 auf 90 Prozent erhöhen. Er veröffentlichte ihn bereits 2017, was für ein beachtliches Medienecho sorgte. Wegen der neu entschlüsselten Passagen ist der Brief der einzige hier edierte Text, der tatsächlich aus der Originalsprache ins Deutsche übersetzt wurde. Es ist ein knapper Abschied, eine Art Testament, in dem Nadjari kurz seine Tätigkeit im Sonderkommando und die deutschen Verbrechen schildert. Wie die anderen Autoren geht er nicht davon aus zu überleben - aber er täuschte sich. Tatsächlich ist er einer von weniger als 20 Überlebenden des Sonderkommandos, und der einzige, dessen Aufzeichnungen geborgen werden konnte. Das geschah allerdings erst 1980, als Nadjari schon neun Jahre tot war. Es dürfte indes eine interessante Aufgabe sein, seine Erinnerungen nach 1945 neben dieses Schreiben an die Familie zu legen.

Die Tätigkeit in Auschwitz, der Horror des Vernichtungslagers und die Ermordung der übrigen Deportierten stehen eindeutig im Vordergrund aller hier gedruckten Quellen. Nur Gradowski und der aus Maków Mazowiecki stammende Rabbiner Lejb Langfuß berichten zudem über die Verfolgung und Ghettoisierung vor der Verschleppung. Langfuß' Schrift bietet in ihrer tiefen Religiosität eine weitere Perspektive auf den Holocaust, die in der Historiografie bislang wenig Berücksichtigung fand: die der Orthodoxie, deren Angehörige aufgrund ihrer kompromisslosen Gläubigkeit meist besonders schlechte Überlebenschancen hatten und deren Schicksal daher besonders dürftig dokumentiert ist. Auch Langfuß versuchte, die Vorschriften der Väter einzuhalten, und erfuhr dafür - und für seine spirituelle Anführerschaft - viel Respekt und teils Unterstützung der Mithäftlinge. Die gegenseitigen Erwähnungen der Protagonisten bzw. die Referenzen, die in Nachkriegsaussagen zu ihnen gemacht wurden, belegen den Zusammenhalt der Männer, aber auch, wie außergewöhnlich gerade die hier edierten Schreiber waren: Auschwitz hat sie eben nicht gebrochen, sogar unter den Bedingungen des Sonderkommandos fanden sie die Zeit zu schreiben. Es war der Aufschrei der Kultur am anus mundi.

Polian hat eine wichtige Edition vorgelegt, die unerlässlich zum Verständnis von Auschwitz ist und sich auch in der Lehre mit einigem Gewinn verwenden lässt, weil sie so viele An-knüpfungspunkte bietet. Und mehr noch, sie ist ein Denkmal für die Autoren, das auch dem Sonderkommando Gerechtigkeit widerfahren lässt.

Rezension über:

Pavel Markovič Polian: Briefe aus der Hölle. Die Aufzeichnung des jüdischen Sonderkommandos Auschwitz. Aus dem Russischen von Roman Richter. Bearbeitet von Andreas Kilian, Darmstadt: wbg Theiss 2019, 632 S., ISBN 978-3-8062-3916-4, EUR 48,00

Rezension von:
Stephan Lehnstaedt
Touro College, Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Stephan Lehnstaedt: Rezension von: Pavel Markovič Polian: Briefe aus der Hölle. Die Aufzeichnung des jüdischen Sonderkommandos Auschwitz. Aus dem Russischen von Roman Richter. Bearbeitet von Andreas Kilian, Darmstadt: wbg Theiss 2019, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 5 [15.05.2021], URL: http://www.sehepunkte.de/2021/05/35868.html


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