sehepunkte 21 (2021), Nr. 5

Rezension: Stephen A. Barney (ed.): Petri Cantoris

Im 13. Jahrhundert stand Predigern eine Fülle an Hilfsmitteln zur Verfügung, um daraus Anregung für eigene Sermones zu erhalten. Angaben über Zielsetzungen und Aufbau einer Predigt lieferten die artes praedicandi, thematisches Material die sogenannten alphabetischen Predigtlexika, deren Bedeutung für die mittelalterliche Homiletik kaum zu überschätzen ist. Prediger, die der neuen Form des sermo modernus folgten, in der ausgehend von einem einzigen Bibelvers (thema) das Material in stark ausdifferenzierter Untergliederung (distinctiones) geordnet wurde, widmeten sich der Exegese von Schlüsselbegriffen. Und eben diese zentralen Begrifflichkeiten mit ihren unterschiedlichen Bedeutungsebenen ließen sich durch einen Blick in ein entsprechendes Predigtlexikon, "grab-bags of materials for sermons" (27), recht einfach entschlüsseln.

Petrus Cantor, ausgebildet an der Domschule zu Reims, seit 1183 als Kantor an der Pariser Kathedrale wirkend, wurde zwei Mal zum Bischof gewählt, ohne jedoch die bischöfliche cathedra tatsächlich auch zu besteigen: die Wahl zum Oberhirten von Tournai 1192 wurde nicht bestätigt, diejenige zum Bischof von Paris 1196 lehnte er selbst ab. 1196 starb er in der Zisterzienserabtei von Longpont und wurde im Habit eines Zisterziensers begraben. Petrus schrieb sehr viel, und mit ihm griff kein einfacher, an der Pariser Domschule lehrender magister zur Feder, sondern ein hochgebildeter, einflussreicher und angesehener Kanoniker. Keines seiner schwergewichtigen Werke, die zumeist in mehreren Rezensionen vorliegen und dem Bereich der Schriftkommentare angehören, ist genau zu datieren. Seine wohl einflussreichste Schrift ist das zwischen 1187 und 1192 vollendete Verbum adbreviatum. [1] Ähnlich bedeutend ist das hier zu besprechende Werk, ein thematisches Predigtlexikon mit dem (zeitgenössischen) Namen Distinctiones Abel. Stephen A. Barney ist es nach 50 Jahren Vorarbeit gelungen, die Editio princeps vorzulegen. Und man wird wohl sagen dürfen: die Anstrengungen haben sich gelohnt. Das Editionsprojekt ist umso wichtiger, als neben den Distinctiones Abel lediglich eine weitere moderne vollständige Edition einer Distinctiones-Sammlung vorliegt. [2]

Die Vorbemerkungen zur eigentlichen Edition sind derart umfangreich ausgefallen, dass sie in einen eigenen Band ausgegliedert wurden. Dort finden sich Angaben zu Autor und Werk ebenso wie zu den Handschriften, der Überlieferungstradition und zur editorischen Methodik.

Die Distinctiones Abel, bisher nur in Auszügen gedruckt, entstanden zwischen 1174 (Bernhard von Clairvaux wird als sanctus bezeichnet) und dem Todesjahr des Autors 1197, und sind in 88 Handschriften überliefert, von denen jede ausführlich beschrieben wird (53-275). Petrus' Distinctiones präsentieren sich als Kompilation, deren Originalität in der Anordnung des Materials begründet liegt. Das Werk entstand in und verbreitete sich von Paris aus. Die Mehrzahl der überlieferten Handschriften entstand in der ersten Hälfte (vor allem im ersten Drittel) des 13. Jahrhunderts. Danach ging die Kopiertätigkeit dramatisch zurück. Lediglich zwölf der 88 Handschriften entstanden nachweislich nach 1250. Die mittelalterlichen Besitzer von immerhin 43 Handschriften lassen sich ermitteln. An der Spitze der besitzenden Institutionen stehen Klöster, gefolgt von Bibliotheken von Domkapiteln, großen Kirchen und Regularkanonikergemeinschaften. Die rege Verwendung einzelner Handschriften durch geistliche Institutionen ist aufgrund theologischer Marginalien von unterschiedlicher Hand nachgewiesen. Neun Codices waren durch Anbringung einer Kette gesichert (codices catenati). Mitunter lassen Texte, die mit den Distinctiones Abel zusammengebunden wurden, Rückschlüsse auf das intellektuelle Profil der besitzenden Klöster bzw. Kirchen zu.

Angesichts der Tatsache, dass die Mehrzahl der Handschriften wenige Jahrzehnte nach dem Tod des Autors in der Île de France angefertigt wurde, mithin zu einem Zeitpunkt, als sich der Text alles andere als stabil präsentierte und in unterschiedlichen Fassungen mit vielerlei Ergänzungen vorlag, war die Erstellung eines stemma codicum ein Ding der Unmöglichkeit. Davon, wie umfangreich diese Ergänzungen ausfallen konnten, legt der kritische Apparat Zeugnis ab. Der stereotype Aufbau insbesondere der jeweiligen Anfangssequenzen barg Gefahren für die Kopisten: Zeilensprünge waren unvermeidlich.

Die 88 Handschriften sind zwei Rezensionen zugehörig, alpha (α) mit 27 und beta (β) mit 61 Codices, wobei β sich als Überarbeitung von α präsentiert. Die Edition beruht auf der zur Rezension β gehörenden Handschrift Reims, Bibl. Mun., 508, f. 2r-113r (R), deren orthographische Gestalt (außer bei offensichtlichen lapsus pennae) weitestgehend beibehalten wurde. Eingriffe erfolgten lediglich bei der Groß- und Kleinschreibung, der Worttrennung und der Interpunktion. Die Wahl fiel vor allem deshalb auf einen Vertreter der späteren β-Version, weil er für eine "more fully rationalized version, which became more widespread and hence presumably more influential" (303) steht. Kollationiert wurde R mit der Handschrift L (Luxemburg, Bibl. nat. 125, fol. 73ra-200vb), zugehörig zur Rezension α, und mit den beiden Handschriften P (Paris, BnF, ms. lat. 3236B, f. 47ra-96ra) und N (Nîmes, Bibl. Carré d'Art, 42, f. 1r-72v) der β-Rezension. Fragwürdige Stellen wurden mit vier weiteren Handschriften der β-Version abgeglichen.

Ein Appendix (A Summary of Alpha MS L, Letters A and S (331-343)) liefert für einzelne Buchstaben einen instruktiven und detaillierten Vergleich der α- und β-Rezension der Distinctiones. Umfangreiche Indices (index locorum sacrae scripturae, index fontium et locorum parallelorum) beschließen den Teilband (377-548).

Die in den Distinctiones Abel behandelten Begrifflichkeiten reichen vom Buchstaben A mit Lemmata zu ABEL, ADULATIO oder ANGELUS bis hin zum Buchstaben V mit Einträgen zu VAS, VISIO, HVMILITAS (n.b.: Begriffe finden sich nicht immer dort, wo man sie erwarten würde) und vielem weiteren mehr. Häufig wird den Begrifflichkeiten ein ternäres Ordnungsschema zugewiesen, was ausgesprochen benutzerfreundlich ist, finden sich doch auf der Gliederungsebene des sermo modernus sehr häufig genau drei Bestandteile eines Begriffes erläutert. Die Begriffe werden in den allermeisten Fällen knapp abgehandelt. Beispiele hierfür bieten etwa die Lemmata CARCER (82), EPISCOPUS (241) oder VENTUS (643), wo jedoch trotz aller Kürze das Bemühen unverkennbar ist, der Interpretationsbreite durch nähere Erläuterungen in bonam et malam partem gerecht zu werden. Im Falle von Hochfrequenznomina wie CARITAS (82-98) oder ELEMOSINA (230-240) können sich Erläuterungen aber auch über sehr viele Seiten erstrecken.

Interessant bei solcherart Texten ist die Frage, ob darin allgemein über Sinn, Bedeutung und Zielsetzung von sermo gehandelt wird, ob darin also so etwas wie eine professionelle Standortbestimmung des Autors stattfindet. Die Antwort fällt im Fall der Distinctiones Abel ambivalent aus. Ein eigener Eintrag findet sich für sermo bzw. collatio nicht, einige der Aspekte, die dort zu erwarten gewesen wären, sind aber dem Begriff VERBUM (mit seinen Untergruppen Verbis Dei abutuntur, Verbum Dei erit) zugewiesen (643-645). Auffällig dabei, wie stark die dem "Wort" innwohnende destruktive Gefahr betont wird.

Die Edition verfügt über drei Apparate: biblicus, fontium und criticus. Sie zeugen insgesamt von der großen Sorgfalt, mit der der Editionstext erstellt wurde. Insbesondere die Qualität und Genauigkeit des apparatus fontium ist nicht hoch genug zu loben. Häufiger finden sich dort für ein Zitat gleich mehrere (sekundäre) Belegstellen. Dokumentiert wird freilich auch, was der Editor in einzelnen Sammlungen zu finden hoffte, tatsächlich aber nicht gefunden hat, so wie im Falle des Begriffs ADULATIO (13), wo das Zitat Plus nocet lingua adulatoris quam manus persecutoris in gleich drei Psalmkommentaren nachgewiesen wird, dabei aber ergänzend bemerkt wird: Non inveni in Decretis.

Summa summarum: eine Edition, die kaum Wünsche offen lässt und eine (mehr oder minder) florierende Predigtforschung zusätzlich beflügeln dürfte.


Anmerkung:

[1] Ralf Lützelschwab: Rezension zu Monique Boutry: Petrus Cantor Parisiensis. Verbum adbreviatum. Textus prior (= Corpus Christianorum. Continuatio Mediaeualis, CXCVI A), Turnhout 2012; Monique Boutry: Petrus Cantor Parisiensis. Verbum adbreviatum. Textus alter (= Corpus Christianorum. Continuatio Mediaeualis, CXCVI B), Turnhout 2012, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], http://www.sehepunkte.de/2014/09/22151.html

[2] Radulphis de Longo Campo (Raoul de Longchamp): Distinctiones (Mediaevalia Philosophica Polonorum, 22), hg. v. J. Sulowski, Breslau 1976. Diese Sammlung, die auf einem in der Bibliothek des Escorial verwahrten codex unicus beruht, entstand kurz nach 1184.

Rezension über:

Stephen A. Barney (ed.): Petri Cantoris. Distinctiones Abel I (= Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis; 288), Turnhout: Brepols 2020, 550 S., ISBN 978-2-503-57805-7, EUR 310,00

Stephen A. Barney (ed.): Petri Cantoris. Distinctiones Abel (= Corpus Christianorum. Continuatio Mediaevalis; 288 A), Turnhout: Brepols 2020, 704 S., ISBN 978-2-503-59040-0, EUR 385,00

Rezension von:
Ralf Lützelschwab
Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Ralf Lützelschwab: Stephen A. Barney (ed.): Petri Cantoris (Rezension), in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 5 [15.05.2021], URL: http://www.sehepunkte.de/2021/05/35362.html


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