sehepunkte 21 (2021), Nr. 5

Helen Maurer / B. M. Cron (eds.): The Letters of Margaret of Anjou

Handelt es sich nicht gerade um illustre Persönlichkeiten wie Eleonore von Aquitanien oder Margrete Valdemarsdatter, dann wurden Frauen in der Geschichtsschreibung zum europäischen Mittelalter lange Zeit randständig betrachtet. Nicht selten skizzierte man dabei das legendenhaft verzerrte Bild einer Person, deren Wirken ursächlich für viele Zerwürfnisse jeweiliger Nationalgeschichtsschreibung gewesen sei. Idealtypisch lässt sich dies am Beispiel der englischen Königin Margarethe von Anjou (1430-1482) nachvollziehen, die als Gattin des englischen Königs Henry VI. (1421-1471) zunächst als Queen Consort, später aber auch als Königinwitwe, Vormund, Exilantin und Gefangene eine Schlüsselrolle während der Vor- und Frühphase der so genannten Rosenkriege spielte. Spätere britische Historikergenerationen sahen in Margarethe als mächtiger und darüber hinaus französischer Fürstin lange Zeit eine ideale Hauptschuldige. Erst in den letzten Jahrzehnten erfuhr ihre Rezeption im Fahrwasser neuer Perspektiven auf das Thema von Fürstinnen und Königinnen eine Neuausrichtung, so dass Margarethe nun als fähige Fürstin ihrer Zeit betrachtet wird.

Mit den "Letters of Margaret of Anjou" präsentieren Helen Maurer und B. M. Cron, zwei führende Expertinnen zur Person [1], nun einen weiteren wichtigen Forschungsbeitrag. Anlass des Vorhabens war die von beiden Bearbeiterinnen geteilte Einschätzung, dass die zwar schon 1863 publizierte, jedoch nach wie vor maßgebliche Edition von Cecil Monro einer Neubearbeitung bedürfe. [2] Hierfür wurden nicht nur die bereits von Monro bearbeiteten Briefe neu aufgearbeitet und fehlerhafte Textstellen korrigiert, sondern auch bislang unberücksichtigte Bestände ergänzt. Da die Bearbeiterinnen hierbei jedoch nicht nur von Margarethe verfasste und an sie adressierte Briefe, sondern auch - wenn auch zumeist auszugsweise - auf Margarethe bezugnehmende Korrespondenz Dritter berücksichtigen (etwa Nr. 1), liefert das Buch dabei durchaus mehr, als es sein eher programmatischer Titel verspricht.

In technischer Hinsicht blieben die Bearbeiterinnen dem Vorbild Cecil Monros weitgehend treu. So werden sämtliche nicht auf Mittelenglisch verfassten Briefe ins moderne Englisch übersetzt, um sie auch weniger sprachkundigen Leser*innen zugänglich zu machen. Der kritische Apparat der jedoch ohnehin meist kopial überlieferten Briefe erschöpft sich indes in der optischen Kenntlichmachung von Abweichungen von der älteren Edition Monros (etwa 69, Nr. 40) bzw. textlichen Interpretationen Dritter sowie den knappen Angaben der Quelle oder weiterer Editionen. Weiterführende Angaben etwa zur Überlieferung fehlen vollständig, so dass nicht immer direkt ersichtlich ist, ob es sich hier um eine originale oder kopiale Überlieferung handelt. So ist beispielsweise im Fall eines Briefes an die Vertreter der Hansestädte in Lübeck nur nach Prüfung des angegebenen Bandes der Hanserezesse ersichtlich, dass das seiner Zeit in Lübeck befindliche Original heute als verloren gilt (270 f.).

Inhaltlich wird das Buch durch eine leider äußerst schlank gehaltene thematische und konzeptionelle Hinführung, in der insbesondere eine Auseinandersetzung mit der Überlieferung vermisst wird (nur knapp auf zwei Seiten), sowie ein bibliografisches Verzeichnis und ein Register eingerahmt und optisch durch zwei die Überlieferung stellvertretend illustrierende Digitalisate aufgelockert. Für die Edition der Briefe entschieden sich die Bearbeiterinnen für eine Unterteilung in zwei Oberkapitel, in denen sich aus unterschiedlichen Perspektiven den Schriftstücken und somit der Person Margarethe von Anjou genähert wird.

Im ersten, weit umfänglicheren Abschnitt werden die Briefe mit inhaltlichem Bezug auf generelle Tätigkeitsprofile von Herrscherinnen gesammelt, die sich am Beispiel der Korrespondenz Margarethes abbilden lassen. Die acht, die Quellen jedoch betontermaßen eher lose sortierenden Unterkapitel umfassen 92 Briefe, denen Informationen zu fürstlichen Aktivitäten wie etwa der Heiratsvermittlung, dem Umgang mit dem Klerus, dem Auftreten als Intervenientin, Unternehmerin, Schutzherrin, Vermittlerin, Grundherrin und Haushälterin, ihrem Verhältnis zur Religion sowie nicht zuletzt auch dem Auftreten als standesbewusste Jägerin entnommen werden können. Während das erste Kapitel hauptsächlich das um weitere Briefe ergänzte Corpus der älteren Edition Monros umfasst, finden sich im zweiten Hauptteil 30 überwiegend ergänzte Briefe der "Political Queen", also jene Briefe, die "particular to the circumstances of Margarete's life" sind, so dass "no other queen of England could have written them" (3). Dies meint die Korrespondenz mit ihrer Familie, insbesondere ihrem Onkel König Karl VII. von Frankreich (1403-1461), ihre Korrespondenz während der Thronwirren der 1450er Jahre, ihr Wirken nach der Absetzung ihres Gatten sowie ihre Briefe aus dem Exil.

Die Wiedergabe der oft ohnehin nicht datierten Briefe folgt dabei keiner chronologischen Ordnung, sondern der Aussagekraft der jeweiligen Schriftstücke für die thematischen Unterkapitel. Diese bestehen nämlich nicht nur aus den Transkriptionen und gelegentlichen Übersetzungen, sondern auch aus einer umfassenden, die einzelnen Schriftstücke verknüpfenden und erklärenden Handreichung, die den Leser*innen umfassende, aber stets kritisch eingeordnete Informationen zur Vorgeschichte, den erwähnten Personen, Objekten oder auch Prozessen liefert. Hier profitiert das Werk zweifelsfrei von der großen fachlichen Expertise sowie der Kenntnis der Forschungsdiskurse seitens der Bearbeiterinnen. Diese Vorgehensweise macht das Werk auch weniger zu einer klassischen Quellenedition, sondern verleiht ihm eher den Charakter einer Fürstinnenskizze, die sich anhand der Quellen direkt nachvollziehen lässt. Dies bringt einerseits den Vorteil mit sich, dass selbst Leser*innen ohne eine umfassende Kenntnis der Forschungsliteratur ein erster Zugriff auf die Person ermöglicht wird, birgt jedoch gleichwohl die Gefahr einer zu großen Lenkung.

Trotz kleinerer konzeptioneller Schwächen ist Helen Maurer und B. M. Cron somit ein wichtiges, interessantes und gleichwohl verständlich geschriebenes Werk gelungen, das nicht nur für die weitere Auseinandersetzung mit Margarethe von Anjou einen wichtigen Beitrag liefert, sondern darüber hinaus Anknüpfungspunkte für die strukturelle und vergleichende Erforschung reginaler Herrschaft oder Witwenschaft im spätmittelalterlichen Europa bietet. Es bleibt zu hoffen, dass es zahlreiche Nachahmer*innen finden wird.


Anmerkungen:

[1] Siehe u.a. Helen Maurer: Margaret of Anjou. Queenship and Power in Late Medieval England, Woodbridge 2003; B. M. Cron: Margaret of Anjou and the Men around her, Gloucester 2021.

[2] Cecil Monro (Bearb.): The Letters of Queen Margaret of Anjou and Bishop Bekington and Others, written in the reigns of Henry V and Henry VI (= Camden Society, old ser. 86), Westminster 1863.

Rezension über:

Helen Maurer / B. M. Cron (eds.): The Letters of Margaret of Anjou, Woodbridge: Boydell Press 2019, XIV + 303 S., 2 s/w-Abb., ISBN 978-1-78327-424-6, GBP 95,00

Rezension von:
Stefan Magnussen
Universität Leipzig
Empfohlene Zitierweise:
Stefan Magnussen: Rezension von: Helen Maurer / B. M. Cron (eds.): The Letters of Margaret of Anjou, Woodbridge: Boydell Press 2019, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 5 [15.05.2021], URL: https://www.sehepunkte.de/2021/05/34513.html


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