Rezension über:

David B. Small: Ancient Greece. Social Structure and Evolution (= Case Studies in Early Societies), Cambridge: Cambridge University Press 2019, XVI + 270 S., 3 Kt., 62 s/w-Abb., ISBN 978-0-521-71926-1, GBP 26,99
Inhaltsverzeichnis dieses Buches
Buch im KVK suchen

Rezension von:
Veronika Sossau
Universit├Ąt Basel
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Veronika Sossau: Rezension von: David B. Small: Ancient Greece. Social Structure and Evolution, Cambridge: Cambridge University Press 2019, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 4 [15.04.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/04/33817.html


Bitte geben Sie beim Zitieren dieser Rezension die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

David B. Small: Ancient Greece

Textgröße: A A A

Mit der Reihe "Case Studies in Early Societies" setzt sich Cambridge University Press ein ambitioniertes Ziel: die Bücher sollen Studierenden, aber auch Forschern aus benachbarten Disziplinen, Grundlagenwissen vermitteln. Zugleich soll die Betrachtung langfristiger Entwicklungen aber unter Anwendung einer kontemporären archäologischen Analysemethode erfolgen und damit eine eigenständige Fallstudie darstellen. [1]

David B. Small versucht diesen Spagat zu lösen, indem er die Dynamiken struktureller Veränderungen innerhalb der Entwicklung der "griechischen" Kultur zwischen dem Neolithikum und dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert mit Hilfe des analytischen Rahmens der Komplexitätstheorie analysiert. Damit greift er ein Modell aus dem Bereich der Evolutionstheorie auf, das Gesellschaften als offene und dynamische Systeme charakterisiert. Diese bewegen sich zwischen Perioden mit identifizierbaren sozialen Strukturen und Phasen, die von strukturellem Chaos gekennzeichnet sind; Chaos ist dabei jeweils das Resultat von Veränderungen, etwa neu entstandenen Bedürfnissen, an die die bestehenden sozialen Strukturen nicht ausreichend angepasst sind. Transitive Phasen sind daher von Reaktionen bzw. Bemühungen gekennzeichnet, die fehlenden Strukturen zu schaffen bzw. anzupassen und führen folglich wiederum zu Perioden mit identifizierbaren Strukturen.

Es überrascht daher nicht, dass den Übergangsphasen in dieser Analyse besonders viel Aufmerksamkeit gewidmet wird. Small möchte vor allem den Akteuren nachspüren, die für die Anpassung, Veränderung oder Neuentwicklung sozialer Strukturen verantwortlich waren. Dabei benennt er die Festkultur als zentrale, von den jeweiligen Eliten beeinflussbare und archäologisch gut nachvollziehbare Institution, anhand derer sich struktureller Wandel besonders gut ablesen ließe (5-6). Prägende transitive Phasen erkennt er in der Entstehung der ägäischen koiné und der Palastkultur auf Kreta (Kapitel 5) sowie auf dem Festland (Kapitel 6). Besonders hebt er jedoch die Rolle der frühen Eisenzeit (Kapitel 7) hervor: diese Periode strukturellen Chaos habe nach dem 8. Jahrhundert zu einer plötzlichen und umfassenden Entwicklung völlig neuer sozialer Strukturen Institutionen geführt (100 und 106). Small hebt dabei die große Ähnlichkeit griechischer Gemeinschaften in ihren grundlegenden Institutionen hervor, die daraufhin weite Räume und zahlreiche Poleis durchzogen und miteinander verbunden hätten (Kapitel 8) - mit Ausnahme Kretas, was als eigenständiger Fall behandelt wird (siehe dazu Abschnitt 10). Die zentralen Institutionen und Strukturen der übrigen griechischen Welt sieht er auch während der hellenistischen Periode und der römischen Kaiserzeit kaum von dynamischen Veränderungen betroffen, Small spricht vielmehr von "Addenda" (183). In seinem Fazit (Kapitel 11) charakterisiert er die griechische Welt als aus zahlreichen ähnlichen, aber unabhängigen Systemen bestehendes Konstrukt. Fehlende Möglichkeiten einer stärkeren Kontrolle sozialer Eliten habe die Entwicklung einer starken politischen Ökonomie geschwächt bzw. verhindert. Die Fallstudie der Evolution der "griechischen Kultur" lasse schließlich auch einen interkulturellen Vergleich zu, der ähnliche Entwicklungen auch andernorts erkennen lasse (Kapitel 12). Ähnlich wie die Griechen hätten etwa auch die Maya unter dem konzeptuellen Unvermögen gelitten, dazugewonnene bzw. eroberte Politien ins ökonomische System zu integrieren und wären dadurch eine "disjointed structure of small polities" geblieben (216).

Der analytische Rahmen wurde kongruent umgesetzt und die Fokussierung auf die jeweilige Rolle der als zentral definierten Institutionen (v. a. Organisation der Haushalte und Festaktivitäten) führt zu einer übersichtlichen Binnenstruktur des Buches. Auch diverse Infoboxen und eine kurze Diskussion weiterführender Literatur am Ende der jeweiligen Abschnitte richten sich an die Zielgruppe Studierender und fachfremder Forscher und unterstreichen den Handbuchcharakter. Doch der einerseits sehr breite und zugleich sehr spezifische Ansatz führt auch zu Problemen und erkennbaren Unschärfen.

So positioniert sich Small etwa nur vage zu der Frage, wen er innerhalb des langen Untersuchungszeitraum unter "den Griechen" versteht. Zwar weist er im zweiten Kapitel kurz auf das Problem geografischer Eingrenzungsversuche hin und betont die Rolle gemeinsam genutzter kultureller Praktiken wie der Sprache, der Kunst, der Philosophie und politischer Strukturen in weiten Teilen der damals bekannten Welt. Wann und unter welchen Voraussetzungen diese griechische Identität aber konkret konstruiert wurde und wie, bzw. gegenüber wem sie sich abgrenzte, bleibt im Wesentlichen unbeantwortet bzw. auf die Frage nach der Einführung der griechischen Sprache im Gebiet des heutigen Griechenlands reduziert. Diese Herangehensweise führt zu einer graekozentrischen Perspektive, innerhalb derer andere im Mittel- und Schwarzmeerraum ansässige bzw. mobile Kulturen sowie die Bedeutung der kulturellen Kontakte kaum Berücksichtigung finden. [2]

Die Fokussierung auf transitive Phasen führt zudem zu einem gewissen Ungleichgewicht bei der Darstellung der Perioden und manchmal sehr selektiven Aufgriffen von Belegen und Betonungen von Strukturen. Besonders die sehr knappe Zusammenfassung der hellenistischen und römischen Periode wird weder der Komplexität der politischen Ereignisse und Systeme noch der Dynamik der Veränderungen gerecht. Dabei werden Einzelthemen, wie etwa die Entwicklung neuer institutioneller Funktionen in Haushalten, derart generisch abgehandelt, dass die daraus gewonnenen Aussagen weder konkreten Beispielen zuzuordnen noch nachprüfbar sind.

Immer wieder vermisst man Hinweise auf zentrale wissenschaftliche Diskussionen, etwa die Frage nach der Autorenschaft der homerischen Epen bzw. die Diskussion ihrer Datierung (oder den Umgang mit verschiedenen Quellengattungen im Allgemeinen). Damit entsteht der Eindruck, die von Small eingenommene Position entspreche der Lehrmeinung. Andernorts werden zwar spezifische Thesen aufgegriffen und andiskutiert, die Argumentation wird allerdings nur verkürzt und auch nicht immer auf der Grundlage des aktuellen Forschungsstandes ausgeführt. [3] All dies sind Faktoren, die es besonders Lesenden ohne bestehende Vorkenntnisse erschweren, die jeweiligen Positionierungen erkennen und nachzuvollziehen sowie in den bestehenden wissenschaftlichen Diskurs einordnen zu können. Viele dieser Probleme hätte sich mit einer sorgfältigeren Redaktion vermeiden lassen.

Die Idee, sich mit Hilfe theoretischer Modelle in Fallstudien auch großräumigen und langzeitlichen Entwicklungen anzunähern und in einen größeren interkulturellen Vergleich zu stellen, ist grundsätzlich äußerst begrüßenswert und kann zu sehr interessanten Anstößen führen. [4] Dass das Format eines einführenden Handbuchs in diesem Fall das geeignete Format dazu ist, erscheint mir allerdings zweifelhaft. Ein gewisses Grundlagenwissen vorausgesetzt, ließe sich einerseits die Diskussion der gewählten Fragen mit einer wesentlich größeren Tiefe führen. Zugleich wäre den Lesenden eine eigenständige Beurteilung der Auswahl repräsentativer Kontexte zumutbar.


Anmerkungen:

[1] So die Reihenbeschreibung des Verlags unter https://www.cambridge.org/core/series/case-studies-in-early-societies/2D6CA46C5EC5C9D892782D0758E0625D (02.03.2021).

[2] Diesem Problem begegnete Tamar Hodos unlängst mit Hilfe des analytischen Rahmens der Globalisierungstheorie: Tamar Hodos: The Archaeology of the Mediterranean Iron Age. A Globalising World c. 1100-600 BCE, Cambridge 2020.

[3] Hier können nur Einzelbeispiele aufgeführt werden, etwa die Diskussion der Thesen von A. Mazarakis Ainian (110), die sämtliche Forschung nach 1997 unberücksichtigt lässt, darunter die Befunde von Oropos, wo durchaus Häuser innerhalb des Siedlungszusammenhangs beurteilbar wären; Die Befundsituation, die zum Interpretationsspielraum der Toumba von Lefkandi führt, wird nicht beschrieben (116). Das Symposion wird - obwohl es eine zentrale Institution im Zusammenhang mit Festkultur bildet, nur gestreift (ohne weiterführende Angaben zu wesentlicher Forschung). Dass dabei ausgerechnet auf die in den 1990er Jahren unter anderem durch Leslie Kurke aufgebrachte Charakterisierung des Symposions als Anti-Polis als aktuelle Forschungsthese verwiesen wird (166 Anmerkung 8) erscheint für eine 2019 erschienene Publikation unglücklich; Ebenfalls unglücklich erscheint die generelle Bezeichnung statuarischer Weihgeschenke sämtlicher Perioden in Heiligtümern als Ehrenstatuen (147-8).

[4] Siehe beispielsweise das oben genannte Buch von Tamar Hodos [Anm. 2].

Veronika Sossau