Rezension über:

David M. de Kleijn: Das Pferd im "Nachpferde-Zeitalter". Zur kulturellen Neusematisierung einer Mensch-Tier-Beziehung nach 1945 (= Beiträge zur Tiergeschichte; Bd. 3), Marburg: Büchner Verlag 2019, 590 S., ISBN 978-3-96317-161-1, EUR 38,00
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Rezension von:
Mieke Roscher
Universität Kassel
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Mieke Roscher: Rezension von: David M. de Kleijn: Das Pferd im "Nachpferde-Zeitalter". Zur kulturellen Neusematisierung einer Mensch-Tier-Beziehung nach 1945, Marburg: Büchner Verlag 2019, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 4 [15.04.2021], URL: http://www.sehepunkte.de
/2021/04/33714.html


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David M. de Kleijn: Das Pferd im "Nachpferde-Zeitalter"

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Pferde sind Epochenmarker, soviel scheint sicher. Ulrich Raulff hat sie in seinem vielseits gefeierten Buch über das letzte Jahrhundert der Pferde als "Geburtshelfer der Moderne" stilisiert.[1] Reinhart Koselleck deutete den "Blutzoll", den sie im Zweiten Weltkrieg leisteten, gleichzeitig als Indiz für ihre eigene Ablösung.[2] Der Zeit nach diesem Ende des von Koselleck so gedeuteten Pferdezeitalters, in der ihre Prägekraft scheinbar in sich zusammenfällt, weil die Postmoderne längst das Ruder übernommen hat, widmet sich David M. de Kleijns Dissertationsschrift. Beide Texte, sowohl Kosellecks wie auch Raulffs, sind für diese Arbeit jedoch nicht nur stichwortgebend, nein, de Kleijn arbeitetet sich an ihnen konkret ab. Wie weit es her ist mit dem "allmählichen Obsolizieren[s]" (13) der menschlichen Ausnutzung des Pferdes nach der "Stunde Null", ob es hier tatsächlich zu einer epochalen Zäsur kam, wie Koselleck und auch Raulff suggerieren, damit beschäftigt sich dieses Buch.

De Kleijn untersucht hierin das Verhältnis der prägenden Leitsemantiken, die das Pferd-Mensch-Verhältnis kennzeichneten. Es ist in der Selbstbeschreibung in erster Linie Mentalitätsgeschichte. Als solches bedient es sich sowohl der Publikationen der equiden Instanzen um Zucht, Sport und Hobby als auch den breiten Unterhaltungsmedien, in denen Pferde selbstredend nicht erst seit den 1950er Jahren auftauchten. Die Arbeit ist aber ebenso historische Anthropologie und Tiergeschichte, das zeigt der gewissenhafte Gebrauch interdisziplinärer Perspektivierungen, die eben genauso oft aus der Ethnologie, den Literary Studies und Soziologie entliehen sind wie aus der Geschichtswissenschaft. Das Buch hat vier inhaltliche Hauptkapitel, wobei das erste Kapitel weniger als eine Einführung im herkömmlichen Sinne fungiert, die Aufbau, Methode und Fragestellungen explizieren würde. Vielmehr bildet es eine narrative Rahmung, die sich mit den Zeitwenden des Pferdes in unterschiedlichen kultursemantischen Zusammenhängen befasst. Damit wird aufzeigt, wie schwierig es ist, genauere Anhaltspunkte für das Ende eines Zeitalters zu benennen, das wahlweise etwa mit der Motorisierung Ende des 19. Jahrhunderts, mit der Massenmotorisierung ab den 1960er Jahren oder mit der Auflösung der Kavallerieregimenter im Zweiten Weltkrieg charakterisiert wurde. Durch eine deutsch-deutsche Rahmung der semantischen Aufladungen verspricht er das Prozesshafte der Gestaltung der Leitkategorien herauszuschälen.

Kapitel 2 leistet daher auch weit mehr als eine Brückenerzählung vom "Vorher" zum "Nachher". Vielmehr zeigt es auf, wie stark die Wahrnehmungen von Pferden in der Nachkriegszeit genealogisch geformt waren und wie sehr das Pferdebild ganz vehement auf Vorgängererzählungen baute. De Kleijn illustriert hier etwa, wie zentral Pferde, insbesondere Trakehner, für den Flüchtlings- und Vertriebenentopos waren, den sie auch visuell untermalten. Pferdesport wurde zudem zur Entlastungsinstanz: Statt in der Kavallerie konnte in den ländlichen Reitsportvereinen weiterhin über die Verbundenheit von deutschen Menschen mit deutschen Tieren schwadroniert werden. Dies erklärt der Autor anschaulich an der Narration um den "Reitergeist", die nach Kriegsende freilich ihre nationalistische Aufladung beibehielt, jedoch um "rassistisch-hegemoniale Inhalte bereinigt war" (185). Die "Erhaltungsstrategien" (186) zeigten sich einerseits darin, Pferde als dem Breitensport zugänglich zu präsentieren und andererseits als Ausnahmeerscheinungen, die durch ihre herausragenden Leistungen auf internationalen Wettkämpfen glänzten.

Kapitel 3 nimmt diesen Topos auf und vertieft ihn mit Blick auf die Bedeutungen, die diese Demokratisierungen des Reitsports eigentlich für die Pferdezucht und auch für tierethische Fragen hatten. Es stellt heraus, dass sich nun zunehmend eine Liebessemantik durchzusetzen vermochte, die das Pferd, ähnlich wie die Heimtiere, zum Companion werden ließ, womit auch die Debatte um die richtige Haltung in den Vordergrund rückte. Die Frage, ob eher Ponys oder Pferde als "Freizeittiere" geeignet seien, welche didaktischen Komponenten die Reiterei aufgreifen müsse und wie es eigentlich um das Mensch-Natur-Verhältnis bestellt sei, prägten den Diskurs nachhaltig. Vor allem aber zeigt das Kapitel, inwieweit Pferdesport für Frauen sowohl emanzipatorisches Potenzial offenbarte - auf internationaler Ebene wurde er zur einzigen Disziplin, in der Frauen und Männer gegeneinander antraten - gleichzeitig aber die Pferde als "Platzhalter" (336) entweder für Kinder, mehr aber noch, männliche Partner apostrophiert wurden.

Das vierte Kapitel blickt auf das Nachpferdezeitalter in der DDR und zeigt auf, wie wichtig Pferde für die Landwirtschaft, "konträr zu den Modernisierungspostulaten" (397) noch bis weit in die 1960er Jahre blieben und wie der Reitsport als Teil einer allgemeinen Wehrertüchtigung reüssierte. Die Liebessemantiken stellt de Kleijn hier als vorwiegend utilitaristisch geprägt dar, tiermoralische Aspekte seien vor allem im Hinblick auf die richtige Ausbildung und hier unter einer starken Verwissenschaftlichung des Sujets aufgetaucht. Reitsport wurde propagandistisch vor allem als Abgrenzungsfolie zum kapitalistischen Westen genutzt. Medial setzte sich ein Bild durch, das eine emotionalisierte, affektive Verbindung zum Pferd zurückwies, ihr lediglich einen pädagogischen Eigenwert zuschrieb, aber sonst einer Verwertungsmatrix verbunden blieb. Dazu gab es, wie de Kleijn expliziert, durchaus Gegendiskurse. Vor allem das beliebte "Indianerfilm"-Genre unterstrich "natürliche" Affektbindungen. Diese hätten aber wiederum primär funktionalen Wert. So auch in der Geschlechterfrage, die der Autor hier vielleicht ein wenig zu schematisch anspricht. Anders als in der BRD, so lautet sein Urteil, sei Affekt hier zielgerichtet für die Berufsqualifikation eingesetzt worden. Platzhalter für männliche Partner seien Pferde hier selbst innerdiskursiv nie gewesen.

Die Relevanz dieses Buch ist aber genau in Bezug zu diesem Themenkomplex evident, denn es räumt auf mit gradlinigen und oft viel zu einfachen Geschlechterzuweisungen in den Mensch-Pferd-Beziehungen, indem es sie konsequent historisiert. Dass Kosellecks "Niedergangsnarrativ" mit der vermeintlichen Verweiblichung der Beziehungsformation zu Pferden ab den 1950er Jahren zusammenfällt, ist eben kein Zufall. Vielmehr ist es geprägt durch das "verengte Sichtfeld einer heteronormativen, hegemonialen Perspektive des gegengeschlechtlichen Argwohnes" (361), die sich in der historischen Narration gut erhalten zu haben scheint.

David M. de Kleijn hat ein spannendes und kluges Buch vorgelegt, das beweist, was eine konsequente Einbeziehung der Tiere für die Kulturgeschichte bedeuten kann, wenn es auch zuweilen mit einem Überschuss an kulturwissenschaftlicher Prosa daherkommt und sich an der ein oder anderen Stelle kleine Redundanzen finden lassen. Diese ergeben sich aber aus dem genealogischen Ansatz, dem de Kleijn folgt, und ihm erlauben, die verschiedenen Ebenen der Semantisierung von Pferden als "Freunde, Gefährten, Partner oder Familienmitglieder" (515) in ihrer Vielschichtigkeit und ihren unterschiedlichen Persistenzen aufzuzeigen.


Anmerkungen:

[1] Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde: Geschichte einer Trennung, München 2015, 50.

[2] Reinhart Koselleck: Der Aufbruch in die Moderne oder das Ende des Pferdezeitalters, in: Berthold Tillmann (Hg.): Historikerpreis der Stadt Münster, Münster 2005, 159-74, hier 172.

Mieke Roscher