Rezension über:

David M. Lewis: Greek Slave Systems in their Eastern Mediterranean Context, c.800-146 BC, Oxford: Oxford University Press 2018, XII + 372 S., ISBN 978-0-19-876994-1, GBP 75,00
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Rezension von:
Winfried Schmitz
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Winfried Schmitz: Rezension von: David M. Lewis: Greek Slave Systems in their Eastern Mediterranean Context, c.800-146 BC, Oxford: Oxford University Press 2018, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 5 [15.05.2020], URL: http://www.sehepunkte.de
/2020/05/32528.html


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David M. Lewis: Greek Slave Systems in their Eastern Mediterranean Context, c.800-146 BC

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Wie die amerikanischen Südstaaten, die Karibik und Brasilien gelten das antike Griechenland und Rom als 'Sklavengesellschaften', die sich von anderen 'Gesellschaften mit Sklaven' unterscheiden. In historischer Perspektive provoziert dies die Frage, welche Bedingungen zur Ausbildung von 'Sklavengesellschaften' in der Antike geführt haben und ob die griechischen Poleis und Rom tatsächlich die einzigen antiken 'Sklavengesellschaften' waren. In seinem Buch unterzieht Lewis die insbesondere von Moses I. Finley dazu vertretenen Ansichten, die in der Forschung nach wie vor große Verbreitung finden, einer grundlegenden Überprüfung.

Nach Einführung und vier einleitenden Kapiteln zu Forschungsgeschichte und Terminologie, zum Eigentumsrecht am Sklaven und dem Freiheitsbegriff als Pendant zur Sklaverei sowie zu Statusunterschieden bei verschiedenen Formen von Abhängigkeit behandelt Lewis in neun Fallstudien Ausgestaltungs- und Rechtsformen, ökonomische Bedeutung und Anteil der Sklaven an der Bevölkerung im Griechenland zur Zeit der Epen Homers und Hesiods, im klassischen Sparta, auf Kreta und in Athen, im eisenzeitlichen Israel, im Assyrien des 8./7. und im Babylonien des 7.-5. Jahrhunderts, in ausgewählten Regionen des persischen Reichs und im punischen Karthago. Lewis hat ganz bewusst das gesamte östliche Mittelmeergebiet einbezogen, denn dies erlaubt es ihm, im kontrastiven Vergleich zu klären, ob sich nahöstliche Sklavereisysteme qualitativ von griechischen unterschieden und welche Faktoren ausschlaggebend waren, Sklavenarbeit gegenüber anderen Formen abhängiger Arbeit zu bevorzugen. Ein mit "Why Slavery?" überschriebenes Kapitel bündelt die gewonnenen Ergebnisse, die in zehn Thesen zugespitzt werden. Eine Appendix zu oikétēs als Synonym zu doúlos, eine umfangreiche Bibliographie, ein Quellenregister und ein Index schließen sich an.

Lewis hat ein beeindruckendes Werk vorgelegt, beeindruckend durch den weiten zeitlichen und räumlichen Horizont, beeindruckend durch die souveräne Diskussion einer Fülle von Quellen unterschiedlicher Sprachen, von antiken Autoren, Schriften des Alten Testaments, von inschriftlichen Gesetzestexten, Verkaufs- und Freilassungsurkunden, auf Leder erhaltenen Korrespondenzen und Tontäfelchen, und durch die Fülle der einbezogenen wissenschaftlichen Literatur. Dabei werden englischsprachige Beiträge intensiver diskutiert als französische und deutsche. Das Buch nimmt den Leser auch durch eine erfrischende Kritikfreude und eine prononcierte Thesenbildung für sich ein, wobei Lewis seine Ansichten nachvollziehbar und mit guten Argumenten vertritt. Das ambitionierte Ziel von Lewis ist es, dem so wirkungsmächtigen Bild von Moses I. Finley (aber auch von Orlando Patterson) ein grundlegend anderes entgegenzustellen, was ihm in vielen Punkten gelingt.

Dazu gehört, dass Lewis bei der Definition von Sklaverei für eine Rückbesinnung auf das Eigentumsrecht eintritt: Sklave ist derjenige, der eines anderen Eigentum ist, und daher ge- und verkauft, vermietet, vererbt und verschenkt, misshandelt und getötet, aber auch freigelassen werden kann. Die wirtschaftliche Ausbeutung seiner Arbeitskraft und die dem Sklaven verbleibenden Handlungsspielräume ("agency") seien demgegenüber sekundäre Merkmale von Sklaverei. Da auch in den nahöstlichen Kulturen Sklaven Eigentum ihrer Herren waren, ist ein direkter Vergleich möglich, und mindestens das punische Karthago teilt mit Griechenland und Rom eine 'Sklavengesellschaft' gewesen zu sein. Die Heloten in Sparta und die Klaroten in kretischen Städten seien keine servants mit eingeschränkten Rechten der Eheschließung und der Besitzfähigkeit gewesen, sondern Sklaven im persönlichen Eigentum ihrer Herren. Die Unterschiede zu den 'Kaufsklaven' in anderen griechischen Städten seien also geringer, als dies die Forschung angenommen hat, und rechtfertigten nicht, von unterschiedlichen Graden der Unfreiheit zu sprechen. Für die nahöstlichen Gesellschaften fehlten hinreichende Quellen, um die Relation von Sklavenarbeit und anderen Formen abhängiger Arbeit genauer zu bestimmen. Aber alle untersuchten Gesellschaften kannten Sklaven als individuelles Eigentum ihrer Herren.

Ungeachtet der beeindruckenden Leistung von Lewis stimme ich ihm in einigen Punkten nicht zu. Mit Verweis auf die homerischen Epen und Hesiods Werke und Tage weist Lewis die Ansicht von Finley zurück, erst im Laufe des 6. Jahrhunderts sei die Sklaverei in griechischen Städten deutlich angestiegen und habe sich eine 'Sklavengesellschaft' herausgebildet. Vielmehr sei Sklaverei auch in archaischer Zeit verbreitet gewesen und seien Sklaven auch jenseits einer Elite zum Einsatz gekommen. Aber die bei Hesiod belegten dmṓes pauschal als Sklaven aufzufassen, basiert auf schwachem Fundament. Einzuwenden ist, dass Lewis dabei den in archaischer Zeit im bäuerlichen Bereich verbreiteten wechselnden Gesindedienst von Freien außer Betracht lässt. Dies gilt auch für Quellen, die die Abwanderung des Gesindes in die Städte und Hafenorte und deren Substitution durch Sklaven bezeugen. Diese Quellen legen nahe, dass es am Übergang zur Klassik einen deutlichen Anstieg der Sklavenzahlen gegeben hat, die Arbeit von Theten der von Sklaven wich und erst im 5. und 4. Jahrhundert auch Angehörige jenseits der Oberschicht Sklaven erwarben. Schließlich weist Lewis die späten Quellenangaben zurück, die von öffentlichen Sklaven in Sparta und auf Kreta sprechen. Seine Ansicht von kretischen woikeís als 'privately owned slaves' gründet unter anderem auf dem Erbrecht Gortyns und dem von Stefan Link übernommenen Argument, dass die Landgüter (klároi) in der chṓra, also außerhalb der Polis, mit den dort arbeitenden woikeís an Söhne und Töchter vererbt würden, also privates Eigentum waren. Ephoros aber verwendet für den Erbteil der Töchter, die einen halben Sohnesanteil erhielten, den Begriff phernḗ. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass phernḗ ein aus Land und Sklaven bestehendes Erbe bezeichnet hätte. Wenn aber die Landgüter in der chṓra mit den darauf arbeitenden woikeís nicht Bestandteil des Erbes waren, legt dies nahe, dass in Kretas Städten ein System öffentlicher Sklaverei bestanden hat. Angaben in den Quellen, dass diese Formen öffentlicher Sklaverei durch Eroberungskriege entstanden seien und den Herren verboten war, die Unterworfenen nach auswärts zu verkaufen oder freizulassen, sollten daher nicht vorschnell beiseitegeschoben werden. Aber auch wenn man von einer öffentlichen Sklaverei in Sparta, auf Kreta, bei den Mariandynern und in Thessalien ausgeht und diese Form der Sklaverei von der 'Kaufsklaverei' stärker abgrenzt, bedeutet das nicht - und da ist Lewis zuzustimmen -, dass den Gewaltunterworfenen eigene Rechte zukamen.

Aufgrund des umfangreich präsentierten und intensiv diskutierten Quellenmaterials, seiner kritischen Besprechung der einschlägigen Forschungsliteratur, seiner Einwände gegen etablierte, vermeintlich sichere Forschungspositionen und seines weiten thematischen Ausgreifens wird das Buch von Lewis als wichtiges Grundlagenwerk zur Sklaverei im östlichen Mittelmeerraum anerkannt werden und eine rege Diskussion auslösen. Ungeachtet meiner Einwände ist Lewis dafür zu danken, ein so profundes, gut geschriebenes, solide recherchiertes und zugleich thesenreiches Buch vorgelegt zu haben. Durch seine vergleichende Perspektive hat Lewis außerdem einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, Forscher unterschiedlicher Disziplinen ins Gespräch zu bringen.

Winfried Schmitz