sehepunkte 20 (2020), Nr. 4

Maggie Torres: Anarchism and Political Change in Spain

Die große Besonderheit der spanischen Arbeiterbewegungsgeschichte ist zweifellos die jahrzehntelange Hegemonie des Anarchismus. Oftmals ist er als eine Art vorkapitalistisches, agrarisches Relikt in der Tradition millenaristisch-chiliastischer Endzeitbewegungen zur unmittelbaren Realisierung einer religiös gefärbten Utopie des "Himmels auf Erden" (wenn auch hier im säkularen Gewand des "libertären Kommunismus" auftretend) missverstanden worden. [1] Doch hatte er im Gegenteil seine Position als Gewerkschaftsbewegung erlangt, in Gestalt der 1910 gegründeten Confederación Nacional del Trabajo (CNT, Nationaler Bund der Arbeit), mit zentralem Kern in der Arbeiterschaft Kataloniens als der meist entwickelten Industrieregion des Landes. Die CNT war also durchaus Ausdruck einer spezifischen Modernität unter den besonderen Gegebenheiten des Landes, und sie wurde zum Inbegriff des Anarchosyndikalismus, der Zusammenführung der ideologischen Traditionen des Anarchismus mit dem Syndikalismus, der in Frankreich vor 1914 geprägten kämpferischen Form der Gewerkschaftsbewegung (von frz. syndicat für Gewerkschaft). Von Beginn an war sie aber von ständigen Konflikten durchzogen zwischen einem mehr den gewerkschaftlichen Kampf betonenden Flügel und einem, der für den unmittelbaren Kampf für die anarchistischen Prinzipien eintrat.

Ihren Höhepunkt erlebten die spanischen Anarchisten im Bürgerkrieg von 1936 bis 1939; dies hat auch in der einschlägigen Literatur Niederschlag gefunden. Doch warum wurden sie dann von der Entwicklung an die Seite gedrängt und stellen heute nach einem kurzfristigen Aufschwung unmittelbar nach dem Tod Francos Ende 1975 nur noch eine vergleichsweise marginale Kraft dar? Es ist nicht einfach nur die Folge einer Kombination von Flucht bzw. Repression und dann der Umwälzungen seit den 1950er Jahren, die aus dem rückständigen Spanien ein modernes Industrieland machten. Es hat vor allem mit dem Verhalten der Anarchisten nach 1939 selbst zu tun, ihren Grabenkämpfen und Spaltungen im Exil, während dabei die Wahrnehmung der Entwicklung in Spanien in den Hintergrund rückte, auf die man so immer weniger Einfluss nehmen konnte oder wollte.

Dies ist die These der für die Veröffentlichung stark bearbeiteten und durch neuere Literatur aktualisierten Dissertation von Maggie Torres [2] über den Weg der CNT von 1939 bis 1979. Im Wesentlichen der Chronologie folgend, geht sie nach einer sehr gerafften Einleitung über die Jahre von 1910 bis 1939 ausführlich auf die schwierigen Bedingungen ein, mit denen die CNT sowohl in Frankreich, ab 1940 von den Deutschen besetzt, wie in Spanien fertig werden musste und auf die ein Teil der Führung - um die ehemalige Ministerin Federica Montseny - mit der Einigelung in der Orthodoxie reagierte. Man argumentierte, zur Niederlage gegen Franco sei es auch deshalb gekommen, weil man die anti-politischen Prinzipien des Anarchismus der Zusammenarbeit in der Volksfront geopfert habe. Da diese Gruppe eine wesentliche Kontrolle über die geretteten Finanzmittel hatte und zudem die Bewegung schon im Bürgerkrieg eine starke Zentralisation durchgemacht hatte, war das der perfekte Ausgangspunkt für organisatorische Konflikte. Denn auf der anderen Seite sah man keine Alternative zu einer - wie auch immer konkret gestalteten - Einheit der antifrankistischen Kräfte. Das galt insbesondere in Spanien selbst. Zugleich versuchte das Regime, allerdings bei Aufrechterhaltung des Verfolgungsdrucks, nicht so exponierte Aktivisten der CNT zu umwerben, damit sie der Staatsgewerkschaft ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit verschafften. Das blieb bei einer kleinen Minderheit sogar nicht ganz erfolglos, vor allem später in den 1960er Jahren, trotz scharfer Verurteilung durch die überwältigende Mehrheit.

Angesichts der angestauten Konflikte führte die Situation 1945 in Frankreich nach der Befreiung zur Spaltung des Exils, während in Spanien die Bemühungen, den Bedingungen entsprechend, stärker auf der Suche nach antifrankistischer Zusammenarbeit lagen. Die folgenden Jahrzehnte waren vom Kampf um Einfluss zwischen beiden Sektoren gekennzeichnet. Dabei brach der innerspanische Widerstand angesichts des Überlebens des Franco-Regimes und der Auswirkungen der Verfolgungen Ende der 1940er Jahre zusammen. Der Anarchismus wurde in Spanien zu einer mythischen Größe. Verschiedene Reorganisationsbemühungen scheiterten, auch wenn es 1960 zu einer Wiedervereinigung im Exil kam. Doch inzwischen erlebte Spanien eine große sozioökonomische Umwälzung, und es bildete sich eine neue Generation im Kampf gegen die Diktatur. Der wichtigste Ausdruck davon war die neue Arbeiterbewegung in Gestalt der Arbeiterkommissionen, die mit ihrem basisdemokratischen Anspruch eigentlich ein ideales Feld für die Anarchisten gewesen wären, hätten sie dort eine organisatorische Präsenz gehabt.

Erst Anfang der 1970er Jahre, als das biologische Ende des Diktators absehbar war, kam es in Spanien zu Rekonstruktionsversuchen, die nach Francos Tod in den Jahren 1977/78 sogar einen gewissen Zulauf hatten. Doch jetzt stellte sich die Frage: Sollte die CNT vor allem eine an betrieblichen Kämpfen orientierte Gewerkschaft sein, auch wenn sie angesichts der politischen Kräfteverhältnisse nicht unbedingt den direkten Aufstand in Angriff nehmen konnte? Oder sollte sie doch mehr der Ausdruck einer militanten, mehr an einer alternativen Gegengesellschaft interessierten "Szene" sein? Beide hier nur sehr grob skizzierten Alternativen ließen sich organisatorisch nicht unter einen Hut bringen. Nach sehr heftigen, teils sogar gewalttätigen Auseinandersetzungen brach die CNT 1979/80 in zwei Teile auseinander. Schließlich musste noch das "bürgerliche Gericht" entscheiden und billigte den Namen aus formalen Gründen dem "orthodoxen" Teil zu, während die andere CNT sich in CGT (Confederación General del Trabajo, Allgemeine Konföderation der Arbeit) umbenennen musste. [3]

Maggie Torres hat diesen Bogen von 1939 bis 1979 entlang der zentralen Wegmarken in der CNT-Entwicklung geschlagen, ohne dabei die Verbindung zum gesamtgesellschaftlichen Kontext zu vergessen. Wesentliche Quellen stellen neben zahlreichen schriftlichen Materialien Interviews mit verschiedenen Protagonisten dar, aus denen sie auch immer wieder längere Auszüge eingestreut hat. Damit geben sie auch einen "atmosphärischen" Eindruck von den innerorganisatorischen Auseinandersetzungen. So wenig sie ihre Sympathien für den syndikalistischen Flügel in der Konfrontation mit der Orthodoxie des Exils verschweigt, so überzeugt doch ihre Begründung, wonach aus den innerorganisatorischen Verwerfungen heraus der wesentliche Grund dafür kam, dass die spanischen Anarchisten den Anschluss an die Entwicklung verpassten. Insgesamt liefert Torres einen soliden Überblick, der nicht nur für die des Spanischen unkundigen Leser von großem Interesse ist. Denn die spanischsprachige Bibliographie, zwischen einer vielfältigen autobiographischen Literatur und zahlreichen Mikrostudien, ist mittlerweile kaum noch überschaubar. Dazu gesellt sich inzwischen noch vielfältiges Online-Material. Allerdings liegt auf Spanisch in der Arbeit von Ángel Herrerín über die Jahre von 1939 bis 1975, dem Todesjahr Francos, eine noch weit detailliertere akademische, ebenfalls auf eine Dissertation zurückgehende Studie vor. [4]


Anmerkungen:

[1] Dem folgt selbst Eric Hobsbawm in seinen Studien über "archaische Sozialbewegungen". Schließlich lag die spanische Erfahrung bis in den Bürgerkrieg quer zum orthodox marxistisch-leninistischen Modell der Verkörperung des "proletarischen Klassenbewusstseins" in einer Arbeiterpartei. Vgl. Martha Grace Duncan: Spanish Anarchism Refracted: Theme and Image in the Millenarian and Revisionist Literature, in: Journal of Contemporary History (1988), 323-346.

[2] Vgl. das Interview mit Torres, in der sie auch die Unterschiede zur Dissertationsfassung und die Umstände ihrer ursprünglichen Erarbeitung nur wenige Jahre nach dem Endpunkt ihrer Studie darstellt: http://www.cazarabet.com/conversacon/fichas/fichas1/maggietorres.htm (letzter Aufruf 18.03.2020).

[3] Das sollte sie aber nicht daran hindern, als eine gesamtspanische linke Minderheitsgewerkschaft mit einigen wichtigen Schwerpunkten z. B. bei SEAT oder der Metro in Barcelona die weitaus einflussreichere Organisation zu werden.

[4] Ángel Herrerín López: La CNT durante el franquismo. Clandestinidad y exilio (1939-1979), Madrid 2004.

Rezension über:

Maggie Torres: Anarchism and Political Change in Spain. Schism, Polarisation and Reconstruction of the Confederación Nacional del Trabajo 1939-1979 , Brighton: Sussex Academic Press 2019, XXIII + 379 S., ISBN 978-1-84519-936-4, GBP 85,00

Rezension von:
Reiner Tosstorff
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Empfohlene Zitierweise:
Reiner Tosstorff: Rezension von: Maggie Torres: Anarchism and Political Change in Spain. Schism, Polarisation and Reconstruction of the Confederación Nacional del Trabajo 1939-1979 , Brighton: Sussex Academic Press 2019, in: sehepunkte 20 (2020), Nr. 4 [15.04.2020], URL: https://www.sehepunkte.de/2020/04/33015.html


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