sehepunkte 19 (2019), Nr. 11

Katrin Lehnert: Die Un-Ordnung der Grenze

Als ein österreichischer Grenzjäger 1840 einen (vermeintlichen) Schmuggler am Grenzübertritt hinderte, traf ihn der Zorn der sächsischen Bevölkerung, die den Tatverdächtigen und seine Ware befreite und zusammen mit dem Zöllner nach Sachsen brachte, der sich erinnerte: "Ich konnte der Menschen Anzahl, welche aus mehr als 100 Mann bestehen konnte, nicht widerstehen [...] und [sie] schlugen theils mit Fäusten als Stöcken mich als wehrlos nach Belieben" (181). Diese Episode illustriert anschaulich, dass die Herstellung von Grenzen und die Kontrolle von Mobilität umkämpfte Prozesse waren, die täglich und von ganz unterschiedlichen Akteuren gestaltet wurden. Katrin Lehnerts sehr gut strukturierte und flüssig geschriebene Studie, mit der sie 2013 an der LMU München promoviert hat, beschreibt ausgehend von der Grenzregion zwischen Sachsen und Böhmen die mobilen Praktiken der ländlichen Bevölkerung, die Regulierung und Kontrolle ihres mobilen Alltags und somit aus einer umfassenden Mikroperspektive die Entstehung des Migrations- und Grenzregimes im 19. Jahrhundert.

Dabei steht die Erforschung von Migration aus der Akteursperspektive im 19. Jahrhundert vor einem großen Problem, denn die mobile Bevölkerung hat kaum Spuren hinterlassen. Entsprechend arbeitet Lehnert mit umfangreichen Beständen aus dem Sächsischen Staatsarchiv, deren Bezüge von Landwirtschaft, Polizei, Hausierhandel über Arbeitsgenehmigungen und Heimatscheinen bis hin zu Schulen und Kirchen reichen. Darüber hinaus zieht sie kirchliche und städtische Überlieferungen sowie gedruckte Quellen hinzu und ergänzt das Material um Landkarten, Fotografien, Faksimiles von Pässen und anderem.

Mit dem Fokus auf kleinräumiger Mobilität [1] verbindet die Verfasserin Migrations- und Mobilitätsforschung und nutzt dazu den Ansatz der ethnografischen Grenzregimeanalyse, der hier im Sinne der Historischen Anthropologie produktiv auf zeitlich zurückliegende Verhältnisse übertragen wird. In der Einleitung werden die genannten Perspektiven präzise erklärt und ihr Nutzen für die Untersuchung historischer Grenzen, Grenzregionen, Migrationen und Mobilitäten erläutert: "Im Mittelpunkt steht die alltägliche Mobilität [...] und die Frage, von wem diese Mobilität wann und warum als grenzüberschreitend wahrgenommen beziehungsweise als Objekt von Kontrollmechanismen identifiziert, klassifiziert und reguliert wurde" (36). Es geht um lokale, sprachliche, konfessionelle, soziale Grenzen, die oft nicht mit Zoll- und Staatsgrenzen übereinstimmten.

Zunächst stellt Lehnert die Herrschaftsentwicklung des Gebietes in der Oberlausitz und im angrenzenden Böhmen vor, das heißt im Dreiländereck zwischen Preußen, Sachsen und Österreich, denn die Region und ihre Kommunen unterstanden seit dem frühen Mittelalter unterschiedlichen Regierungsgewalten. Nicht nur deshalb musste eine "lineare" Staatsgrenze auch im 19. Jahrhundert noch durchgesetzt werden, die Grenze selbst war häufig "prekär, bruchstückhaft" (65). So wechselten noch Mitte des Jahrhunderts einige Enklaven und ihre Bevölkerungen die staatliche Zugehörigkeit, um den Grenzverlauf zu begradigen, wie Lehnert detailliert und anhand von Kartenmaterial rekonstruiert. Die Situation in den Ortschaften entlang der Grenze wird auch in den folgenden Kapiteln immer wieder einbezogen, die lokale Bedeutung von Mobilität und ihrer Kontrolle dadurch deutlich herausgearbeitet.

Im zweiten Kapitel stehen Konfession, religiöser Alltag, Kirchen- und Schulbesuch im Zentrum, war Sachsen doch protestantisch und Böhmen katholisch, sodass die zahlreiche grenzüberschreitende Nahmigration zu ganz unterschiedlichen Problemen im Alltag der Menschen (und für die Behörden) führte. Mit Blick auf einzelne Gemeinden wie auch auf umstrittene Fälle von Schulbesuchen und konfessioneller Erziehung zeigt sich, dass das Ziel einer homogenisierten Staatsbevölkerung auch durch die Grenzbegradigungen nicht erreicht wurde. Anschließend widmet sich die Verfasserin Wirtschaft, Schmuggel und Zoll. Die ökonomischen Beziehungen zwischen Sachsen und Böhmen waren eng, denn viele Waren wurden beiderseits der Grenze produziert und konsumiert, auch die grenzüberschreitende Arbeitsmobilität war gleichbleibend hoch. Aus diesem Grund wurde die Mobilität der Bewohner und Bewohnerinnen zunehmend reguliert (viertes Kapitel), wurden nach den Zoll- auch Personenkontrollen, Legitimationsscheine und Pässe eingeführt - wogegen sich die lokale Bevölkerung wehrte, wie der eingangs erwähnte österreichische Grenzjäger schmerzhaft am eigenen Leibe erfahren musste. Ob seine Angreifer ausfindig gemacht und verurteilt wurden, ist übrigens nicht überliefert. Dass sich die Bevölkerung beiderseits der Grenze von den zunehmenden Kontrollen schikaniert fühlte, während Schmuggel häufig der Existenzsicherung diente, macht Katrin Lehnert an unterschiedlichen Beispielen deutlich.

Was die Autorin schon in den ersten Kapiteln entfaltet, argumentiert sie im fünften Kapitel noch einmal gesondert: Die Grenze war ein sozialer Raum. Der Arbeitsalltag im Grenzgebiet weist darauf hin, dass Mobilität und Immobilität sich häufig abwechselten, insbesondere bei landarmen oder landlosen Schichten, wie Heimweber und Heimweberinnen, Dienstpersonal, Tagelöhner und Tagelöhnerinnen oder Fabrikarbeiter und Fabrikarbeiterinnen. Die Bevölkerung war also von den verschiedenen staatlichen Regelungen, von Praktiken der lokalen Verwaltung, von der Entwicklung des (europäischen) Arbeitsmarktes und von übergreifenden Diskursen um Mobilität direkt betroffen. Dass sich diese Debatten zunehmend nationalisierten, wird abschließend mit der Entwicklung der antislawischen Migrationskontrolle im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert thematisiert (im Vergleich mit den antipolnischen Maßnahmen Preußens).

Das Buch nimmt gleich mehrere wichtige Aspekte der neueren Forschung auf: Nicht nur stellt Lehnert die historischen Subjekte in den Mittelpunkt, sondern sie geht auch ländlichen Migrationsbewegungen nach, beides Desiderate in der einschlägigen Forschung. Mit ihrer dichten Beschreibung kann sie historische Mobilitäten und zugleich die Geschichte der (mehr oder weniger) sesshaften Bevölkerung nachzeichnen, fragt aber auch nach zeitgenössischen Wahrnehmungen und Diskursen von und um Mobilität, Grenzen und Fremdheit. Diese theoretisch unterfütterte und quellengesättigte Untersuchung leistet einen wichtigen Beitrag zur historischen Migrationsforschung und setzt einen hohen Maßstab für zukünftige Studien.


Anmerkung:

[1] Zu diesem Thema siehe auch Katrin Lehnert / Lutz Vogel (Hgg.): Transregionale Perspektiven. Kleinräumige Mobilität und Grenzwahrnehmung im 19. Jahrhundert, Dresden 2011.

Rezension über:

Katrin Lehnert: Die Un-Ordnung der Grenze. Mobiler Alltag zwischen Sachsen und Böhmen und die Produktion von Migration im 19. Jahrhundert (= Schriften zur sächsischen Geschichte und Volkskunde; Bd. 56), Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2017, 461 S., ISBN 978-3-96023-005-2, EUR 64,00

Rezension von:
Levke Harders
Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld
Empfohlene Zitierweise:
Levke Harders: Rezension von: Katrin Lehnert: Die Un-Ordnung der Grenze. Mobiler Alltag zwischen Sachsen und Böhmen und die Produktion von Migration im 19. Jahrhundert, Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 11 [15.11.2019], URL: http://www.sehepunkte.de/2019/11/33656.html


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