sehepunkte 19 (2019), Nr. 10

Rezension: Neuausgaben zweier Überblicksdarstellungen zur spanischen Geschichte

Am 1. Oktober 2017 führte die katalanische Regionalregierung ein umstrittenes Unabhängigkeitsreferendum durch. Die Abstimmung war das Ergebnis einer jahrelangen, auch nach massivem Einsatz politischer, polizeilicher und juristischer Mittel keineswegs zusammengebrochenen Mobilisierung.

Die Nachwirkungen des Referendums regen dazu an, nicht nur diese Geschehnisse nachzuzeichnen, sondern davon ausgehend auch noch einmal den Blick zurückzuwerfen, also darauf, was wir als Vorgeschichte dieser Auseinandersetzung um die Forderung nach Unabhängigkeit sehen können. Dies geschieht in den hier vorzustellenden Neuausgaben zweier Überblicksdarstellungen in der Paperback-Reihe des Beck-Verlags. Sie sind gemäß ihrer Ausrichtung zwar populär und für ein breiteres Publikum geschrieben, aber zugleich fest in der historischen Forschung verankert. Entsprechend wird auf einen Anmerkungsapparat verzichtet, dafür gibt es eine umfassende Bibliographie zum jeweiligen Thema, ergänzt um hilfreiche Zeittafeln zur Orientierung.

Walther L. Bernecker, langjähriger, inzwischen emeritierter Lehrstuhlinhaber für romanischsprachige Kulturen an der Universität Nürnberg-Erlangen, hatte seine Darstellung der Geschichte Spaniens seit dem Ende des Bürgerkriegs erstmals 1984 vorgelegt. Einige der seitdem vorgelegten Auflagen erhielten kleinere Ergänzungen und Korrekturen, zumeist Fortschreibungen um die jeweils aktuelle Entwicklung. Dieses Buch - in der vierten Auflage von 2010 (2014 unverändert nachgedruckt als fünfte Auflage) - ist seinerzeit in den sehepunkten ausführlich vorgestellt worden, was hier nicht wiederholt werden muss. [1]

Noch die Ausgabe von 2014 enthielt als Titelbild den bereits vom Alter gezeichneten Diktator Franco und dahinter den jugendlichen Juan Carlos gleichsam als Kronprinz. Diese beiden Personen waren die Klammer und der Spannungsbogen für die spanische Zeitgeschichte, obwohl das Land im Laufe der Jahre doch aus dem Schatten Francos herausgetreten war. Insofern hätte das Cover mit gutem Recht ebenfalls die führenden Politiker seit 1976 aufnehmen können, zumal die Macht des Königs in der 1978 verfassungsmäßig festgeschriebenen parlamentarischen Monarchie doch deutlich eingegrenzt war.

Nun aber findet sich auf dem Cover der im letzten Jahr erschienen Neubearbeitung das Bild einer großen Massenkundgebung der Gegner einer katalanischen Unabhängigkeit in Barcelona. Die Fahne des spanischen Staats weht im Vordergrund vor katalanischen und weiteren spanischen Fahnen. Das drückt den Fokus dieser Neubearbeitung aus.

Neben einer Reihe kleinerer Korrekturen ist die Geschichte seit dem ersten Regierungswechsel von den Sozialisten zur Volkspartei 1996, die in den früheren Auflagen nur kurz zusammengefasst wurde, gründlich überarbeitet und um einen ganzen Abschnitt über die Zeit seit der Jahrtausendwende ergänzt worden, der im "katalanischen Labyrinth" (so die Kapitelüberschrift, 346) endet. Bernecker, durchaus kein Anhänger der katalanischen Unabhängigkeit bei allem demokratischen Anspruch auf breite Eigenständigkeit, betont allerdings die Bedeutung der hartnäckigen Verweigerungshaltung der konservativen Volkspartei für die über die Jahre eingetretene Polarisierung. Zudem sei diese gesellschaftliche Spannung ohne die Auswirkungen der Spanien besonders hart treffenden Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2008 nicht zu verstehen. Der Autor lässt zwar Sympathien für eine stärkere Föderalisierung erkennen im Sinne der von Pedro Sánchez - dessen Wahl zum Ministerpräsidenten im Juni 2018 allerdings erst nach Abschluss des Textes erfolgte - erneut ins Gespräch gebrachten, auf den Beginn des 19. Jahrhunderts zurückgehenden Formel von Spanien als "Nation der Nationen" (354). Gemeint ist ein plurales, auf der Anerkennung der Multinationalität basierendes Land. Dennoch sieht Bernecker kurzfristig kaum einen Ausweg aus dem Zyklus von Konfrontation, Polarisierung und Repression.

Damit wird auch der Blick zurück etwas skeptischer auf das, was jahrzehntelang als große Erfolgsgeschichte des modernen Spanien erzählt worden ist. Ein Beispiel dafür ist die Abänderung eines Satzes auf S. 255 im übernommenen Teil. Die vorherigen Ausgaben bilanzierten den Autonomisierungsprozess bei der Entwicklung der Verfassungsstrukturen Ende der 1970er Jahre dahingehend, dass deren endgültige Ausformulierung wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Diese Interpretation war verhalten-optimistisch mit einem gesunden Schuss an Realismus. Die Neuauflage betont hingegen die festgefahrene Lage und die unversöhnlichen politischen Lager.

Das Buch bleibt durch seine Neubearbeitung weiterhin auf der Höhe der Zeit und ist damit die empfehlenswerte Überblicksdarstellung zur spanischen (Gesamt-)Zeitgeschichte.

Die Synthese zur Geschichte Kataloniens von Carlos Collado Seidel, Außerplanmäßiger Professor an der Universität Marburg, folgt derselben Grundstruktur mit einer allgemeinen (elfseitigen) Bibliographie und ohne Anmerkungsapparat. Zur besseren Orientierung sind eine Zeittafel sowie im Text Karten und - für die neueste Zeit - einige Erklärungseinschübe zu wichtigen Stichworten eingefügt. Diese Neuausgabe enthält jetzt erfreulicherweise auch ein Personenregister. Zumindest dort hätten allerdings die im Text durchgehend mit der deutschen Namensform aufgeführten mittelalterlichen Herrscher auch noch zusätzlich mit ihren katalanischen "Originalnamen" versehen werden sollen, um sich besser in anderen Darstellungen orientieren zu können.

Das Buch erschien zum ersten Mal 2007 im Zusammenhang mit dem Auftritt Kataloniens als "Gastland" auf der Frankfurter Buchmesse und war so Teil einer kleinen Welle an Publikationen zu der bis dahin außerhalb eines engen, zumeist romanistischen Fachkreises kaum wahrgenommenen katalanischen Eigenheit. Hier liegt es nun mit einer Erweiterung um das letzte Jahrzehnt vor, das durch die dramatische Zuspitzung der Unabhängigkeitsfrage gekennzeichnet ist. Im Jahr des Ersterscheinens war sie politisch noch marginal. Die Zustimmungsrate für ein selbständiges Katalonien ließ politische Erschütterungen kaum erwarten. Das drückte auch die damaligen Umschlagillustrationen aus: zwei historische Persönlichkeiten aus der Geschichte und zwei Aufnahmen zu architektonischen Einzelheiten. Sie spannten den Bogen vom Mittelalter in die Neuzeit. Nun charakterisiert ein Bild mit katalanischen Fahnen die alles beherrschende Auseinandersetzung, gleichsam als ob die ganze Geschichte des Landes darauf hinauslaufe.

Nichtsdestotrotz handelt es sich weiterhin um einen sachkundigen Gesamtüberblick zu Katalonien. Nach einem Abschnitt zur Antike setzt der Autor ausführlich mit der Herausbildung der Grafschaft Barcelona im Mittelalter ein. Nach der Assoziation mit dem Königreich Aragón und der Expansion nach Valencia und den Balearen wurde sie vom 12. bis zum 15. Jahrhundert eine bestimmende Macht im Mittelmeerraum. Diese katalanische Eigenstaatlichkeit, zumal als Kern eines kleinen "Imperiums", liefert heute den - legitimierenden - Ausgangspunkt für alle Befürworter der Unabhängigkeit. Dem folgen die Jahrhunderte des Niedergangs und der dynastischen Union mit Kastilien. Daraus entstand dann das im 18. Jahrhundert von den Bourbonen übernommene Königreich Spanien, das nach zentralistischen Vorgaben die Eigenheiten der früheren (Teil-)Königreiche einebnete.

In diesem Rahmen setzte ein Neuaufschwung im Verlauf des 18. und dann verstärkt mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert ein. Dieser entwickelte sich in kompliziertem Zusammenspiel mit Madrid. Dabei stand die ökonomische Führungsrolle der Region in einem konfliktreichen Wechselverhältnis zur Suche nach der eigenen kulturellen und politischen Identität, zunehmend begründet in dem als Schriftsprache wiederbelebten Katalanischen. So sehr auch bald die Forderung nach Unabhängigkeit auftauchte, sie blieb in den Wendungen der spanischen Geschichte zwischen Monarchie und Republik, dem Bürgerkrieg und der Franco-Diktatur sporadisch. Erst im Gefolge der weltweiten Wirtschaftskrise 2008 fand sie eine Massenbasis, die nun fast die Hälfte der Bevölkerung umfasste - nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Diese jüngste Entwicklung konnte nur knapp nachgezeichnet werden. Auf viele Einzelheiten, noch frisch in der Erinnerung aus der tagesaktuellen Berichterstattung, hat der Autor zweifellos aufgrund des beschränkten Umfangs verzichtet. Manches erscheint etwas zu verkürzt. Beispielsweise gilt dies für den Verweis auf die "Unabhängigkeitserklärung" vom 27. Oktober 2017. Sie wurde sofort zurückgenommen und löste juristisch nie den Anspruch auf Inkrafttreten ein. Ähnlich schloss die in diesem Zusammenhang erfolgte Verlegung vieler Firmensitze weg aus Katalonien, auf die er hinweist, keineswegs eine Verlagerung der Produktionsstätten ein. Somit hatte sie keine unmittelbaren wirtschaftlichen Auswirkungen. Der inzwischen gegen die Führer der Unabhängigkeitsbewegung eingeleitete Prozess in Madrid ist hier noch nicht aufgenommen.

Zusammengenommen bleibt das Buch weiterhin eine komprimierte und sachkundige Überblicksdarstellung auf dem neuesten Stand. Sie liefert für Nicht-Spezialisten wichtige Grundlagen für eine - auch kontroverse - Diskussion über die "katalanische Frage".


Anmerkung:

[1] sehepunkte 12 (2012), Nr. 9 (15.09.2012), URL: http://www.sehepunkte.de/2012/09/20923.html

Rezension über:

Walther L. Bernecker: Spaniens Geschichte seit dem Bürgerkrieg, 6., neubearb., erw. Auflage, München: C.H.Beck 2018, 395 S., eine Kt., ISBN 978-3-406-71394-1, EUR 16,95

Carlos Collado Seidel: Kleine Geschichte Kataloniens, 2. aktualisierte und erweiterte Ausgabe, München: C.H.Beck 2018, 255 S., 5 Kt., ISBN 978-3-406-72766-5, EUR 14,95

Rezension von:
Reiner Tosstorff
Johannes Gutenberg-Universität, Mainz
Empfohlene Zitierweise:
Reiner Tosstorff: Neuausgaben zweier Überblicksdarstellungen zur spanischen Geschichte (Rezension), in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 10 [15.10.2019], URL: http://www.sehepunkte.de/2019/10/32372.html


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