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Stephan Conermann: Neuere Forschungen zur Goldenen Horde. Einführung, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 9 [15.09.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
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Neuere Forschungen zur Goldenen Horde

Einführung

Von Stephan Conermann

Die Historiographie zur Goldenen Horde ist nicht ganz unproblematisch. Die Mongolistik ist ein zahlenmäßig kleines Fach. So gibt es in Deutschland allein in Bonn eine Professur, aber auch weltweit gesehen handelt es sich nur um eine nicht allzu große Zahl von Expert*Innen. Das zu bearbeitende Forschungsfeld ist aufgrund der großen Sprachenvielfalt (neben dem Mongolischen etwa: Chinesisch, Persisch, Arabisch, Latein, Uigurisch, Chagathaiisch), der unterschiedlichen disziplinären Zugänge (geschichts-, literatur-, sprachwissenschaftlich, archäologisch, kunsthistorisch etc.) und der gewählten Zeitabschnitte unübersichtlich. Die Forscher*Innen müssen sich entscheiden oder treffen ihre (Vor-)Entscheidung einfach durch die Wahl ihrer Neben- oder Beifächer. Aufgrund der sehr dürftigen Quellenlage (eigentlich haben wir kaum Textzeugnisse) ist die Beschäftigung mit der Goldenen Horde nicht unbedingt beliebt. Die letzten Gesamtdarstellungen sind vor zwei Generationen erschienen. [1] Da scheint die Geschichte des sogenannten "Mongolenreiches" unter Chingiz Khan, des Il-Khanats, der Yüan-Dynastie, der Tirmuriden oder der Mongolei im 20. oder 21. Jahrhundert offenbar lohnenswerter. Hinzu kommt, dass russische Historiker sehr lange Zeit die Vorstellung des "Mongolenjoches" nicht aufzugeben bereit waren. Erst seit den 1980er Jahren findet man hier und da Ansätze, diese einseitige nationalistische Sichtweise fallenzulassen und die Eigendynamik der Zeit anzuerkennen. [2]

Vor diesem Hintergrund ist es eigentlich sehr erfreulich, dass nun drei Bücher zur Goldenen Horde erschienen sind. Marie Favereau befasst sich auf der Grundlage arabischer Quellen aus Ägypten mit der Etablierung von diplomatischen Beziehungen zwischen den Jochidenherrscher Berke (reg. 1257-67) und dem Mamlukensultan Baybars (reg. 1260-77). (Conermann zu Favereau) Die beiden anderen Veröffentlichungen stammen von Alexandr V. Pačkalov, der am Historischen Institut der Finanzuniversität der Regierung der Russischen Föderation arbeitet. Das eine Werk präsentiert in 18 Aufsätzen Auswertungen regionaler Münzfunde aus der Wolga-Ural-Region, aus Sibirien, aus der kasachischen Steppe und aus Zentralasien. Die Befunde bilden die Grundlage für eine Neuinterpretation der Geschichte der räumlichen Ordnung innerhalb der Goldenen Horde. (Smolarz zu Pačkalov) In seiner zweiten Buch stehen die urbanen Zentren an der Wolga, dem Don, dem Ural und im nördlichen Kaukasus im Mittelpunkt. Sehr spannend sind natürlich die Ausführungen zu Alt- und Neu-Sarai. Der Autor kommt zu dem anscheinend überzeugenden Schluss, dass nicht Carev gorodišče, sondern das 110 Kilometer von Astrachan gelegene Selitrennoe gorod das von Uzbek Khan (gest. 1341/42) um 1330 gegründete Neu-Sarai darstellt. (Witzenrath zu Pačkalov)

Anmerkungen:
[1] Angestoßen u.a. durch Mark Batunsky: Muscovy and Islam. Irreconcilable Strategy, Pragmatics, Tactics, in: Saeculum 39 (1988), 63-81, Donald Ostrowski: The Mongol Origins of Muscovite Political Institutions, in: Slavic Review 49 (1990), 525-542 und ders.: Muscovy and the Mongols: Cross-Cultural Influences on the Steppe Frontier, Cambridge 1998.
[2] Bertold Spuler: Die Goldene Horde. Die Mongolen in Rußland, 1223-1502, Wiesbaden 1965; G. A. Fedorov-Davydov: Obščestvennyj stroj Zolotoj Ordy. Moskau 1973.

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