Rezension über:

Wolfgang Mährle (Hg.): Spätrenaissance in Schwaben. Wissen - Literatur - Kunst (= Geschichte Württembergs. Impulse der Forschung; Bd. 2), Stuttgart: W. Kohlhammer 2019, 509 S., 98 s/w-Abb., ISBN 978-3-17-033592-9, EUR 35,00
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Rezension von:
Christof Paulus
Ludwig-Maximilians-Universität, München
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Christof Paulus: Rezension von: Wolfgang Mährle (Hg.): Spätrenaissance in Schwaben. Wissen - Literatur - Kunst, Stuttgart: W. Kohlhammer 2019, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 9 [15.09.2019], URL: http://www.sehepunkte.de
/2019/09/33275.html


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Wolfgang Mährle (Hg.): Spätrenaissance in Schwaben

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19 Beiträge aus unterschiedlichen Fachdisziplinen, verteilt auf die Kapitel "Gelehrsamkeit und Wissenschaft", "Gelehrte und Poeten in der respublica litteraria", "Bildungseinrichtungen und -konzepte", "Literatur" und "Bildende Kunst", vereint der anzuzeigende Sammelband mit dem Ziel, die Kulturlandschaft Schwaben vom Schwarzwald bis an den Lech im Zeitraum von 1530 bis 1650 ins Blickfeld zu nehmen. Hierbei spricht sich der Herausgeber für die Verwendung des kulturgeschichtlichen, zudem einen europäischen Referenzrahmen absteckenden Begriffs der Spätrenaissance aus, der nach Peter Burke als "Zeitalter der Mannigfaltigkeit" ("age of variety") anderen epochenetikettierenden Begrifflichkeiten wie "Konfessionellem Zeitalter", "Manierismus" oder "Späthumanismus" vorzuziehen sei, wolle man die Zeit in ihrer Breite abbilden.

Der Sammelband eröffnet ein schillerndes Kaleidoskop - von der dominierenden späthumanistischen Schullexikographie zwischen Caspar Bruschius und Johann Mayer bis zu den Hoffnungen der württembergischen Regenten, durch Alchemisten ökonomisch-innovative Impulse für das Herzogtum zu erhalten; von Daniel Federmanns "Erquickstunden" als erster Übersetzung aus dem Italienischen innerhalb der humanistischen Fazetienliteratur bis zu den bedeutenden Leistungen schwäbischer Gelehrter für die Entwicklung einer symbolischen Algebraschreibweise (Plus-, Minuszeichen, Wurzelhaken oder cossische Zeichen); von der als "Faszinationsgemeinschaft" (144-146) charakterisierten Gruppe der Tübinger Osmanisten bis zur breiten Bestandsaufnahme der Befestigungsbauten, die zeigt, dass sich - entgegen gemeinhin vorgetragenen Anschauungen - das Bastionärsystem erst nach Dreißigjährigen Krieg in Schwaben durchzusetzen begann.

Eindringlich wird aufgezeigt, in welch hohem Maß der der Epoche nicht selten aufgedrückte Stempel der Epigonalität unzutreffend ist bzw. nur einen geringen Teil der kulturellen Ausprägungen charakterisieren kann. Natürlich klang der humanistische Cantusfirmus weiter durch die zentralen schwäbischen Bildungsinstitutionen, die in ihren regionalen, aber gerade im benediktinischen Fall auch überregionalen Koordinatensystemen vorgestellt werden. Gewiss wirkte die zunftgebundene Determinierung des "Künstlers" weiter und dies noch über Jahrhunderte, wie eine Analyse der Malerzunftordnungen zwischen Freiburg im Breisgau und Schongau ergibt. Selbstverständlich prägten epistolare Netzwerke die Gelehrtenwelt weiterhin, wie zwei Studien zum unsteten Nikodemus Frischlin vorführen, und ebenfalls wurde die Passionsspieltradition von Formen getragen, die teilweise noch aus dem Spätmittelalter herrührten. Doch zeigt sich auch eine hohe Eigenständigkeit und Innovationsfreude, wenn etwa der Blick auf die utopische Literatur in der Nachfolge von Thomas Morus fällt, die keineswegs und wie oftmals angenommen von einer zunehmenden freudlosen konfessionell bedingten Entironisierung gekennzeichnet ist, oder auf den doch recht heterogenen schwäbischen Renaissanceschlossbau, für den sich kein feststellbarer Formenkanon nachweisen lässt, stattdessen einige in die Barockzeit weisende Elemente (Enfilade, dreiräumiges Gemach, regelmäßige Dreiflügelanlage).

Ziel des Sammelbands ist es weniger, eine Synthese anzubieten, als vielmehr, Horizonte einer Epoche abzustecken. So bleibt die Musikgeschichte ausgespart (vgl. hier 13) und es gibt terminologische Überlegungen, aber keine abstrahierende Zusammenfassung. Demzufolge sind die meisten Beiträge auch Detailstudien, etwa zu Georg Rodolf Weckherlins Dichterideal eines dilettierenden Fürsten (im Vergleich zur Poetologie von Martin Opitz) oder zur Adelserziehung im diesbezüglich nur kurz blühenden Konstanzer Jesuitenkolleg, was wiederum Fragen zu nicht im Band Thematisiertem aufkommen lässt: warum kein Beitrag zu Bidermanns "Cenodoxus", zum Wirken Adrians de Vries, zum Kunstnetzwerker Philipp Hainhofer oder zur späthumanistischen, gerade in den schwäbischen Metropolen epochal gepflegten Byzantinistik?

Nur wenige Aufsätze suchen die übergeordneten Perspektiven oder problematisieren, inwiefern überhaupt von einer schwäbischen Spätrenaissance gesprochen werden kann. So wird etwa eine dezidiert schwäbische Spielart des Späthumanismus geleugnet (228). Eine Analyse ex- und inkludierender Passagen in Policeyordnungen zwischen Stuttgart und Lindau kann dementsprechend auch die Vielzahl der Identitätsmuster zwischen Reich und jeweiliger Herrschaft herausarbeiten und der Vergleich zwischen dem in der Universitätsbibliothek Tübingen überlieferten Tagebuch des Historikers und Altphilologen Martin Crusius und dem Diarium Causabons betont auch eher die Unterschiede der beiden Aufzeichnungen und die Eigenständigkeit des an der Universität Tübingen lehrenden Crusius.

Über Epochen und Epochengrenzen kann man immer streiten, genauso wie über die Berechtigung bestimmter Terminologien. Ob indes die Setzung einer grundsätzlich schillernden auf keinen Nenner zu bringenden Zeit hilft, zwischen der Skylla der Verkürzung und der Charybdis der Beliebigkeit hindurchzusegeln, mag bezweifelt werden. "Laßt Euch um Himmels willen auf keine Synthese ein!", sagt einer der Protagonisten im Triester Antico Caffè San Marco in der gleichnamigen literarischen Miniatur von Claudio Magris. Vielleicht könnte ein janusköpfiger, weniger phänomenologisch-deskriptiv als an einer Forschungsfrage ausgerichteter Blick zwischen Rezeption und Innovation - einerseits auf aus früheren Zeiten weiterblühende Äste, andererseits auf die Wurzeln der Barockzeit - helfen, das Wesen der sogenannten Spätrenaissance genauer zu erfassen. Hierzu braucht es zweifellos weitere ähnlich instruktive Überblicke wie den vorliegenden, nicht zuletzt auch zu den Nachbarterritorien Schwabens, um letztlich zu einer vergleichenden Perspektive zu gelangen. So könnte sich auch an der Frage der Grenze und der Grenzüberschreitung eine spannende Profilierung abarbeiten.

Christof Paulus