sehepunkte 19 (2019), Nr. 7/8

Ben Caspit: The Netanyahu Years

Was bewegt den Premier Israels? Sicherheit für die Nation oder politische Macht, Ruhm und Reichtum? Antworten auf diese Frage sucht Ben Caspit in seiner Biografie über Benjamin Netanyahu, und für den israelischen Journalisten ist die Sache klar: Netanyahus Ideologie heißt Machterhalt; er wolle um jeden Preis Regierungschef bleiben und würde nichts tun, was seine Macht gefährde. Vor allem auf der Basis zahlreicher Interviews erzählt Caspit Netanyahus faszinierenden politischen Werdegang. Der Premier prägte in den letzten drei Jahrzehnten ohne Zweifel die Politik Israels; er transformierte die politische Kultur des Landes regelrecht. Caspits gut recherchierte, detailreiche und spannend erzählte Biografie lässt sich wie ein Politkrimi lesen: Nach 14 Jahren an der Regierung beansprucht Netanyahu das Amt des Regierungschefs auch 2019, und dies obwohl gegen ihn schon vor den letzten Wahlen drei Anklagen wegen Korruption eingereicht worden sind.

Was ist Netanyahus Geheimnis? Auf den ersten Blick hat er eine normale Sozialisation: 1949 in Jerusalem geboren, stammt er aus einer osteuropäisch-zionistischen Familie, die 1920 nach Palästina immigriert war. Sein Großvater war Rabbiner und ein bekannter zionistischer Redner, sein Vater - Historiker für Jüdische Geschichte - arbeitete kurze Zeit mit dem zionistischen Revisionisten Zeev Jabotinsky in New York. Der junge Netanyahu wuchs behütet in Jerusalem auf und diente fünf Jahre in einer Eliteneinheit der israelischen Armee. Doch Netanyahu ist kein Mann des Establishments, denn er verbrachte seine Jugend und die Studienzeit in den USA. "Absteiger" (Yordim) nannte man abschätzig diejenigen, die Israel verließen. Und obwohl Netanyahu in der Armee gedient hat und seinen Bruder 1976 im Einsatz verlor, galt er von Anfang an als Außenseiter.

Netanyahus politische Karriere begann in den USA; in den Medien profilierte er sich als begabter Vertreter der israelischen Sache, und so avancierte er 1984 zum UN-Vertreter Israels. 1988 kehrte er mit 39 Jahren nach Israel zurück und schloss sich der Likud-Partei an, die er zwischen 1988 und 1992 auch in der Knesset vertrat; als stellvertretender Außenminister sammelte er zudem erste Regierungserfahrung. 1993 griff Netanyahu erstmals nach dem Vorsitz des Likud. Caspit zeichnet Netanyahu als fleißigen und entschlossenen Politiker - zielgerichtet und raffiniert; überdies hebt er sein Charisma und seine rhetorischen Fähigkeiten hervor, ebenso seine guten Englischkenntnisse und seine ausgezeichneten Kontakte in die USA. Mit Netanyahu begann eine neue mediale Ära in Israels politischer Kultur. Seither stehen Politiker im Zentrum, weniger Parteien oder Programme; Rhetorik und Performance sind gefragt. Den Friedensprozess mit den Palästinensern bekämpfte der Oppositionsführer zwischen 1993 und 1996 mit beispielloser Hetze, wobei Caspits Ausführungen vermuten lassen, Netanyahu seien alle Mittel recht gewesen, um an die Macht zu kommen. Dabei sei er sich der Konsequenzen seines Handelns nicht ganz bewusst gewesen. Tatsächlich wurde auch der Likud-Chef von der Ermordung Jitzchak Rabins im November 1995 überrascht, allerdings fürchtete er dabei vor allem sein eigenes politisches Aus.

Netanyahus überraschender Wahlsieg im Mai 1996 sei vor allem auf Fleiß, politisches Talent und Professionalität zurückzuführen, so Caspit. Gerade in diesem Wahlkampf erwies sich Netanyahu als ebenso geschickt wie ambitioniert - und als intimer Kenner der Medienlandschaft Israels. Der auch im Likud umstrittene Wahlslogan: "Netanyahu ist gut für die Juden" brachte ihm ohne Zweifel den knappen Sieg. 1996 forderte Netanyahu nicht nur das Establishment mit Shimon Peres an der Spitze heraus, sondern letztlich die lange gewachsene politische Kultur, die Parteien und ihre Programme. Mit 47 Jahren wurde Netanyahu der jüngste Premierminister Israels. 1999 verlor er sein Amt an Ehud Barak von der Arbeitspartei, kehrte aber 2003 zurück, und zwar als Finanzminister der Likud-Regierung unter Ariel Sharon. Eine ausgesprochen neoliberale Politik begünstigte die Erholung der israelischen Wirtschaft nach Jahren einer tiefen Krise - eine Erholung die freilich mit schweren sozialen Spannungen erkauft wurde. Ariel Sharons Rückzugsplan aus Gaza 2004 unterstützte Netanyahu nur zeitweise, so dass die Räumung Gazas 2005 den Likud spaltete. Netanyahu übernahm erneut den Vorsitz des Likud, mit dem er in die Opposition ging. 2009 gelang es ihm, seine politischen Gegner auszumanövrieren und eine Regierung gegen die Partei Kadima zu bilden, obwohl diese über mehr Abgeordnete in der Knesset verfügte. Seither amtiert Netanyahu ununterbrochen als Premierminister.

Caspit sieht die Ära Netanyahu äußerst kritisch - diese Jahre seien für Israel nur vertane Zeit gewesen. Netanyahu habe seine eigenen Pläne aufgegeben und sei - zusammen mit seiner dominanten Ehefrau - dem Luxus verfallen. Doch wie sahen diese Pläne aus? In seinem Buch "A Place among the Nations" argumentierte Netanyahu 1993, der Grund für den Konflikt zwischen Israel und der arabischen Welt sei nicht die Palästinafrage. Vielmehr gehe es um den Hass der arabischen Welt gegenüber dem Westen, zu dem Israel gehöre. In diesem Sinne ist der militärisch-territoriale Status quo die notwendige Voraussetzung für die Überlegenheit - und damit für die Sicherheit - Israels gegenüber seinen arabischen Nachbarn. Das Besatzungsregime gilt Netanyahu - und nicht nur ihm - bis heute als alternativlos. Netanyahu ist allerdings kein sicherheitspolitischer Hardliner. 2011 schloss der Premier beispielsweise mit der Hamas einen Deal und tauschte den 2006 entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit gegen mehr als tausend gefangene Hamas-Mitglieder aus. Im Sommer 2014 stimmte Netanyahu dem Gaza-Krieg nur widerwillig zu und war jederzeit bereit - so Caspit -, das Feuer einzustellen. Eine Eskalation des Konflikts scheint für Netanyahu keine Perspektiven zu bieten, sondern gefährdet den Status quo mehr, als sie ihm dienen würde.

Seine politische Macht baute Netanyahu auf dem Image auf, er sei der unschlagbare, unverzichtbare Retter Israels. Er ist überzeugt vom Schein als Machtinstrument, und dazu bedarf es einer "guten Presse". 2007 gründete sein amerikanisch-jüdischer Gönner, der Casino-Milliardär Sheldon Adelson, eine neue israelische Tageszeitung. "Israel HaYom" galt und gilt noch immer als Netanyahus Blatt. Später kaufte Adelson zwei weitere israelische Zeitungen, um Netanyahu zu unterstützen. Doch auch die Mainstream-Presse wollte dieser für sich gewinnen; willfährige Berichterstattung im Tausch gegen illegale Begünstigungen war die Devise, wie sich in den Anklagen gegen Netanyahu wegen Korruption zeigt. Es verwundert nicht, dass sich der Premier seither durch den Rechtsstaat und seine Institutionen bedroht sieht.

Netanyahus Wahlkämpfe dienen so einem doppelten Zweck: dem Machterhalt und dem Schutz vor Strafverfolgung. Doch 2018 bewies Netanyahu mit der Verabschiedung des umstrittenen Gesetzes, das Israel als jüdischen Nationalstaat definiert, und mit der Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem, dass es ihm neben Machterhalt sehr wohl um eine bestimmte zionistische Ideologie geht. Nationalismus, Rechtspopulismus, Neoliberalismus und Neokonservatismus bilden den ideologischen Wurzelgrund von Netanyahus Politik. Ben Caspit bietet einen spannenden Einblick in Netanyahus Lebensgeschichte und damit auch in Netanyahus Israel - in die Welt des umstrittensten Premiers in der Geschichte Israels, der 2019 noch lange nicht Geschichte ist.

Rezension über:

Ben Caspit: The Netanyahu Years. Translated by Ora Cummings, New York: St. Martin's Press 2017, 506 S., ISBN 978-1250087058, USD 29,99

Rezension von:
Tamar Amar-Dahl
Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Tamar Amar-Dahl: Rezension von: Ben Caspit: The Netanyahu Years. Translated by Ora Cummings, New York: St. Martin's Press 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 7/8 [15.07.2019], URL: http://www.sehepunkte.de/2019/07/32852.html


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