sehepunkte 19 (2019), Nr. 6

Christian Th. Müller: Jenseits der Materialschlacht

In dem - angesichts des Themas - schmalen Buch geht der Verfasser der Frage nach, welche Möglichkeiten und Grenzen einer beweglichen Kriegführung im Ersten Weltkrieg bestanden. Um eine Antwort geben zu können, beschreibt Müller nicht nur die Lage an der Westfront, sondern auch an der Ostfront, in Serbien, Rumänien, Mesopotamien, Palästina und Ostafrika. Im Fokus stehen die großen kriegführenden europäischen Mächte. Zeitlich dehnt Müller seine Analyse aus auf ausgewählte Konflikte (Burenkrieg, russisch-japanischer Krieg) und militärisches Denken und Planen vor 1914, zurückreichend bis in die napoleonische Zeit. Ein Ausblick auf den Zweiten Weltkrieg mit einer kurzen Darstellung der Bedeutung mechanisierter Großverbände in engem Zusammenwirken mit der Luftwaffe bei den Kämpfen in Polen (1939), Frankreich (1940) und in der Sowjetunion (1941) schließt seine Betrachtung ab. Unter der Überschrift "Auswege aus dem Dilemma des Stellungskrieges?" werden Gas, Trommelfeuer und Feuerwalze, Panzer sowie Sturmtruppen behandelt, das Fragezeichen am Ende deutet an, dass keiner der Faktoren die Starre aufbrechen konnte.

Das Buch ist klar strukturiert, zwei Kapitel zu den Jahren 1914 und 1918 umschließen die Kapitel, die sich mit dem Stellungskrieg beschäftigen, sowie mit den anderen Kriegsschauplätzen und den Versuchen, den Stellungskrieg aufzubrechen. Fotografien (die allerdings, wie etliche Bilder aus den Kriegsjahren, nicht wirklich eine tiefere Erkenntnis ermöglichen) sowie Karten ergänzen die Informationen und Thesen. Müller verzichtet auf einen überbordenden Anmerkungsapparat. Gut lesbar ist das Buch nicht nur aufgrund der sorgsam eingesetzten Zitate aus zeitgenössischen Quellen und der aktuellen Forschung, sondern auch, weil der Verfasser klare und wohlüberlegte Thesen formuliert.

Das Buch wendet sich an Leser, die sich - sei es als Fachleute oder "interessierte Laien" - von der vertrauten Westfront entfernen und der Frage nachgehen wollen, an welchen Orten und bis zu welchem Grad der Konflikt als Bewegungskrieg geführt wurde. Der Titel ist allerdings etwas irreführend, denn er suggeriert, dass der Erste Weltkrieg jenseits der Westfront ein Bewegungskrieg gewesen sei. Doch genau diese Vermutung wiederlegt Müller im Laufe seiner Darstellung. Er zeichnet nach, dass Militäranalysten vor 1914 an der Überzeugung festhielten, dass taktische Offensive und fester Wille zum Sieg der Schlüssel für eine erfolgreiche Kriegführung seien (54f.). Diese Annahme beruhte jedoch mehr auf dem Glauben als auf konkretem Wissen, denn es fehlten Erfahrungswerte, etwa, wie Millionenheere, die technischen Neuerungen im Militärwesen und die Verkehrsinfrastruktur die Kriegführung beeinflussten (55).

Müller zeichnet nach, welche Faktoren den Bewegungskrieg behinderten: unzureichende Infrastruktur, zerstörte Kommunikationsmittel, Mangel an Baumaterial, Fahrzeugen oder Gummi für die Bereifung. Zahlreiche Beispiele verdeutlichen, in welchem Maß die Witterung, mangelndes Futter für die Zugtiere (250), schlechte und unzureichende Nahrungsmittel für die Soldaten sowie Krankheiten (188) verhinderten, dass ein Durchbruch in einer dauerhaften Vorwärtsbewegung fortgeführt werden konnte. Einmal in Bewegung, wurde der Nachschub der Truppe an allen Fronten schnell zu einem massiven Problem. Im Sinai und in Palästina etwa wurde der Transport von Nahrungsmitteln, Waffen und anderen Materialien durch den Sand und mit Kamelen mühsam und kräftezehrend. Eisenbahnrouten und Wasserpipelines wurden gebaut und bestimmten das Tempo der Bewegung, im Durchschnitt waren es 0,5 bis 1 Meile pro Tag (200). Weitere Faktoren bremsten den Vormarsch: hungernde Soldaten, die sich an den vorgefundenen üppigen Rationen der Gegner satt aßen, statt vorzurücken (257); der durch tagelanges Artilleriefeuer unpassierbar aufgewühlte Boden (215) oder das Vordringen in Gebiete, für die keine detaillierten Karten vorlagen, wie es der britischen Armee im Oktober 1918 geschah (267). So konnte auch ein zunächst erfolgreicher Durchbruch ausgebremst werden, wie Müller am Beispiel der 12. Isonzo-Schlacht oder der deutschen Frühjahrsoffensive im Jahr 1918 aufzeigt.

In Ostafrika, so Müller, kann man zwar von einem exzessiven Bewegungskrieg sprechen, spätestens, nachdem Lettow-Vorbeck sich nach Portugiesisch-Ostafrika zurückgezogen hatte und dort einen Safari-Krieg führte (206f.). Aber, so relativiert der Verfasser, sei die Bewegung nicht darauf ausgerichtet gewesen, eine operative Entscheidung herbeizuführen, sondern stattdessen diese konsequent zu vermeiden. Das Vorgehen Lettow-Vorbecks sei als Akt des reinen Widerstands zu deuten: ein Kampf sei nicht beabsichtigt gewesen, vielmehr sei es darum gegangen, die Kräfte des Gegners zu binden und ihn zu erschöpfen. Für den "Ego-Trip" Lettow-Vorbecks zahlte am Ende die afrikanische Bevölkerung: 350.000 als Träger rekrutierte Männer und noch einmal so viele Zivilisten starben (207).

Eine Wende sieht Müller im Jahr 1917: in der 12. Insonzo-Schlacht gelang es deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen innerhalb von zwei Wochen, 140 Kilometer vorzudringen. Der Erfolg sei das Ergebnis eines sorgfältig vorbereiteten und erfolgreich geheim gehaltenen Angriffs gewesen. Die Soldaten der Mittelmächte waren bestens geschult und konnten das Überraschungsmoment gut nutzen. Doch der Erfolg kann nur vollständig erklärt werden mit dem massiven Versagen der italienischen Führung. Und selbst nach diesem Erfolg, so Müller, sei der Durchbruch aufgrund von Nachschubschwierigkeiten, Erschöpfung und mangelnden Reserven zusammengebrochen (247f.). Ähnlich analysiert er die deutschen Erfolge im Frühjahr 1918: die 80 Kilometer breite Bresche, die der deutsche Angriff zwischen die britischen und französischen Truppen schlug, habe nur zu einem "Ausbauchen" der Front geführt (257). Operativ oder strategisch sei nichts erreicht worden. Unter dem Oberbefehl von Foch wurde die Lage rasch stabilisiert. Und auch die alliierte Offensive, die sich an die gescheiterte deutsche Michael-Offensive anschloss, gipfelte nicht in einer entscheidenden Schlacht, auch wenn das angesichts des folgenden Waffenstillstands plausibel erscheinen mag. Müller betont, dass solche Phasen maximal als "beweglicher Abnutzungskrieg" bezeichnet werden können (268).

Allein die Schlacht von Tannenberg beschreibt Müller als Kesselschlacht, nicht jedoch als Vernichtungsschlacht und nicht als Kampf von kriegsentscheidender Wirkung. Eine überraschende Umfassung und Vernichtung des Gegners habe es in den Jahren des Ersten Weltkrieges nicht gegeben. Das Ideal des Bewegungskrieges mit raschen, raumgreifenden Manövern, die in möglichst kriegsentscheidenden Vernichtungsschlachten münden sollten, spiegelten die Pläne der Militärs wider, nicht jedoch die Wirklichkeit auf den Schlachtfeldern. Fast immer bewegten sich Angreifer und Verteidiger im Schritttempo (269). Allerorts fehlten schnelle und geländegängige Gefechts- und Transportfahrzeuge.

Die Idee des Bewegungskrieges blieb in zweifacher Hinsicht ein Trugbild: erstens, weil es an der notwendigen Mobilität fehlte, zweitens, weil die Heere viel zu groß waren, als dass eine Schlacht den Konflikt hätte besiegeln können (274). Entschieden wurde der Weltkrieg, so Müller abschließend, nicht durch innovative Techniken und Taktiken, sondern durch die kumulativ wirkenden Faktoren Hunger und Erschöpfung (280).

Rezension über:

Christian Th. Müller: Jenseits der Materialschlacht. Der Erste Weltkrieg als Bewegungskrieg, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2018, VI + 297 S., 20 Kt., 28 s/w-Abb., ISBN 978-3-506-77870-3, EUR 39,90

Rezension von:
Susanne Brandt
Historisches Seminar, Heinrich-Heine-Universität, Düsseldorf
Empfohlene Zitierweise:
Susanne Brandt: Rezension von: Christian Th. Müller: Jenseits der Materialschlacht. Der Erste Weltkrieg als Bewegungskrieg, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2018, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 6 [15.06.2019], URL: http://www.sehepunkte.de/2019/06/32034.html


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