sehepunkte 19 (2019), Nr. 3

Philipp Kufferath: Peter von Oertzen 1924-2008

Die biographische Geschichtsschreibung über die deutsche Sozialdemokratie in der Nachkriegszeit orientierte sich lange Zeit an ihren großen Köpfen - die Zahl an Studien zu Willy Brandt und Helmut Schmidt ist kaum zu überblicken. Der "Volkspartei" SPD in ihrer Bandbreite wird dieser Zugriff meistens kaum gerecht. Deshalb sind in jüngster Zeit einige Abhandlungen über SPD-Politiker aus zweiter Reihe erschienen. [1] 2017 legte Philipp Kufferath eine Biografie über den niedersächsischen SPD-Politiker Peter von Oertzen vor. Zunächst Kriegsteilnehmer und anfangs ein Anhänger des Nationalsozialismus, wandelte sich von Oertzen zu einer führenden Figur des linken Flügels in der SPD. Von Oertzen verstand sich selbst als reformistisch-linkssozialistisch und als Anhänger eines pluralistischen und undogmatischen Marxismus mit starken Sympathien für rätedemokratische Ideen. Über sein Engagement im Sozialistischen Deutschen Studentenbund fand er in die SPD. Zunächst agierte er auf lokaler Ebene, vor allem in verschiedenen linkssozialistischen, gewerkschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Zirkeln, um eine Plattform für einen Dritten Weg zwischen dogmatischem Kommunismus und Kapitalismus zu organisieren. Später wandte sich von Oertzen verstärkt der Parteiarbeit zu: In den 1970er Jahren leitete er den einflussreichen SPD-Bezirk Hannover und den niedersächsischen Landesausschuss. Nach seiner Zeit als niedersächsischer Kultusminister von 1970 bis 1974, in der er sich gegen massiven Widerstand für mehr Mitbestimmungsrechte an den Hochschulen einsetzte, wirkte er bis 1993 als Mitglied des SPD-Parteivorstands. Parallel dazu verfolgte von Oertzen eine nicht immer geradlinige, für sein politisches Wirken aber eminent wichtige wissenschaftliche Karriere. Er studierte in Göttingen, dort wurde er auch promoviert und habilitierte sich, bevor er als Professor für Politische Wissenschaft an die Technische Hochschule Hannover berufen wurde. Zwischen seinen politischen Zielen und seiner wissenschaftlichen Arbeit war oft nur schwer zu unterscheiden, beispielsweise hinsichtlich rätedemokratischer Konzepte.

Kufferaths Buch wirft ein erhellendes Schlaglicht auf die linkssozialistischen Strömungen in und außerhalb der SPD. Von Oertzen bewegte sich bis in die 1960er Jahre stets am linken Rand der Partei, bei grundsätzlicher Abgrenzung vom Kommunismus sowjetischer Prägung. Er ordnete sich dem "antikommunistischen Konsens in seiner Partei" unter (683), entzog sich aber nicht der Diskussion mit seinen politischen Gegnern, hatte im Zusammenhang verschiedener politischer Projekte und Publikationen bisweilen gar Kontakte zu KPD/DKP- und SED-nahen Kreisen. Er besaß eine "Brückenfunktion" (15) zwischen der Sozialdemokratie und Gruppierungen links von ihr, die von der SPD-Führung jedoch oft skeptisch beäugt wurde. Von Oertzens Ziel war nämlich, jenseits aller Parteigrenzen eine Mehrheit für eine grundlegende Strukturveränderung reformsozialistischer Prägung zu organisieren. Dass von Oertzen 1959 als einer der wenigen Delegierten gegen das Godesberger Programm stimmte, war insofern folgerichtig. Erst schrittweise wandte er sich einem pragmatischeren Kurs zu. Als niedersächsischer Kultusminister erfuhr er ab 1970 die realpolitischen Einschränkungen der Regierungsverantwortung am eigenen Leib, nicht zuletzt im Umgang mit Berufsverboten. Er unterstützte nun die Parteilinie der Kooperationsverbote mit kommunistischen Organisationen und Institutionen, dennoch blieb von Oertzen eine Integrationsfigur für die linken Kreise in der Partei. Durch seine Mitarbeit am Orientierungsrahmen ´85 wie auch als Mitglied der Programmkommission versuchte er, einen positiven Bezug auf die marxistische Gesellschaftsanalyse in der Partei zu bewahren - auf lange Sicht jedoch mit eher geringem Erfolg. Seinen Bestrebungen, einen offenen und konstruktiven Dialog mit den Neuen Sozialen Bewegungen, später auch mit der PDS, zu führen, schloss sich die Parteiführung meist nicht an. Ebenso wenig konnte sein Engagement die zunehmende Marktliberalisierung der SPD seit den 1990er Jahren verhindern. Noch 2005, drei Jahre vor seinem Tod, trat er aus Protest gegen Gerhard Schröders Agenda-Reformen aus der SPD aus.

Gerade aus den Ausführungen zu von Oertzens Parteilaufbahn nach 1982 lässt sich ein großer Erkenntnisgewinn ziehen. Schließlich liegen zur SPD nach der Ära Brandt/Schmidt bisher entweder nur summarische Gesamtdarstellungen oder Detailstudien zu einzelnen Politikfeldern vor, jedoch keine Arbeiten, die sich eingehender mit den inhaltlichen und personellen Konfliktlinien der 1980er und 1990er Jahre beschäftigen. [2]

Kufferaths Buch besticht darüber hinaus durch eine außerordentlich akribische und vielfältige Quellenanalyse. Vor allem auf Grundlage der beinahe lückenlos erhaltenen Korrespondenz von Oertzens lassen sich Beziehungsgeflechte in Politik und Wissenschaft detailliert nachzeichnen. Kufferath bezieht darüber hinaus die umfangreichen wissenschaftlichen und publizistischen Veröffentlichungen seines Protagonisten mit ein. So gelingt es dem Autor überzeugend, Handlungsrahmen, Netzwerke, inhaltliche Streitfragen und Brüche des politischen und wissenschaftlichen Wirkens von Oertzens über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg zu rekonstruieren. Allerdings hätten dem Buch Kürzungen gutgetan, denn oft kommt von Oertzen durch die Quellen zu ausführlich zu Wort. Dadurch hätten sich auch Redundanzen zugunsten einer pointierteren Thesenbildung vermeiden lassen.

So überzeugend der Hauptteil des Buches dennoch ist, am Schluss fehlt eine schlüssige Synthese, die über von Oertzens Lebensweg hinausreicht und Aufschluss darüber bietet, wie es um die Stellung politischer Intellektueller in der (west-)deutschen Politik und in der SPD bestellt war. War von Oertzen ein Beispiel für einen Bedeutungsverlust intellektueller Leitfiguren in der Sozialdemokratie? Zeigt sich an seiner Biografie, dass eine schleichende Marginalisierung der Parteilinken kaum zu verhindern war - oder ist seine große Bedeutung für das linke SPD-Spektrum bis in die 1990er Jahre eher ein Beleg für das Gegenteil? Das "Spannungsfeld zwischen Selbstwahrnehmung und Parteifunktionen" (13) wird letztlich nicht völlig zufriedenstellend analysiert.

Trotz dieser Kritikpunkte ist Kufferath eine außerordentlich lesenswerte Biografie gelungen. Im Lebensweg von Oertzens kreuzen sich viele verschiedene Spannungslinien: zwischen Wissenschaft und Politik, zwischen linkssozialistischen Aufbruchshoffnungen und realpolitischer Ernüchterung sowie zwischen außerparlamentarischem Engagement und den Beschränkungen einer immer formalisierteren und unbeweglicheren Parteiendemokratie. Das Buch ist damit mehr als eine Biografie Peter von Oertzens. Es illustriert die zahlreichen Brüche und Wandlungen der (west-)deutschen Linken und ihrer Wirkungsmöglichkeiten in der Sozialdemokratie.


Anmerkungen:

[1] U.a. Uwe Danker / Jens-Peter Steffen (Hgg.): Jochen Steffen. Ein politisches Leben, Malente 2018; Werner Abelshauser: Nach dem Wirtschaftswunder. Der Gewerkschafter, Politiker und Unternehmer Hans Matthöfer, Bonn 2009; Renate Faerber-Husemann: Der Querdenker. Erhard Eppler - eine Biographie, Bonn 2010.

[2] Z.B. Franz Walter: Die SPD. Biographie einer Partei, überarbeitete und erweiterte Taschenbuchausgabe, Reinbek bei Hamburg, 3. Aufl. 2009; Bernd Faulenbach: Geschichte der SPD. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 2012; Sebastian Nawrat: Agenda 2010 - ein Überraschungscoup? Kontinuität und Wandel in den wirtschafts- und sozialpolitischen Programmdebatten der SPD seit 1982, Bonn 2012.

Rezension über:

Philipp Kufferath: Peter von Oertzen 1924-2008. Eine politische und intellektuelle Biografie (= Veröffentlichungen des Zeitgeschichtlichen Arbeitskreises Niedersachsen; Bd. 33), Göttingen: Wallstein 2017, 797 S., 45 s/w Abb., ISBN 978-3-8353-3049-8, EUR 49,90

Rezension von:
Felix Lieb
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Felix Lieb: Rezension von: Philipp Kufferath: Peter von Oertzen 1924-2008. Eine politische und intellektuelle Biografie, Göttingen: Wallstein 2017, in: sehepunkte 19 (2019), Nr. 3 [15.03.2019], URL: http://www.sehepunkte.de/2019/03/30977.html


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