sehepunkte 18 (2018), Nr. 11

Christina Isabel Brüning: Holocaust Education in der heterogenen Gesellschaft

Das Erstarken nationalistischer und populistischer Parteien in Europa wird flankiert von gesellschaftlichen Debatten, in denen Geschichtsrevisionismus, Antisemitismus und Rassismus sich Bahn brechen. Der "Vogelschiss"-Vergleich des AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland [1] und die aktuelle Diskussion über Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen sind hierfür exemplarisch. Doch nicht erst seit der Fluchtbewegung der Jahre 2015 und 2016 scheinen nationalistische, rassistische und antisemitische Vorfälle und Aussagen wieder salonfähig, sie werden nur lauter. Der Bezug auf Geschichte wird dabei häufig mit dem Ziel bemüht, eine linear verlaufende Geschichtsschreibung zu manifestieren, die unabdingbar ist für das natio-ethno-kulturelle Selbstverständnis von Nationalstaaten. In einer heterogenen Gesellschaft, in der Narrationen und historische Bezüge vielfältig sind, scheint es daher geboten, Geschichtslernen neu zu denken.

Christina Isabel Brünings empirische Forschungsarbeit zur "Holocaust Education in der heterogenen Gesellschaft" widmet sich vor dem Hintergrund des demographischen Wandels in Bezug auf Generation und Migration einer zeitgemäßen Vermittlung des Holocausts im Schulunterricht in der (post-)migrantischen Gesellschaft (43). Im Mittelpunkt steht die Frage, wie und was Jugendliche im Umgang mit videographierten Zeitzeug_inneninterviews zum Holocaust lernen (25). Brüning arbeitet heraus, wie Lerngruppen mit heterogenen Identitätsbezügen produktiv eigen-sinnige Narrationen [2] in den Auseinandersetzungen mit den Interviews gestalten und welche Schwerpunkte sie dabei in ihren Neu-Erzählungen setzen (140). Gegenstand sind digitalisierte Interviews des Visual History Archives der USC Shoah Foundation (VHA). Die explorative Studie füllt eine Forschungslücke, da bisher keine Arbeiten vorliegen, die auf Lernprozesse mit digitalen Quellen fokussieren, die zukünftig verstärkt in Schulen eingesetzt werden (47).

Die Autorin bezieht sich zunächst auf vorangegangene Studien zu diesem Gegenstandsbereich und nimmt dabei die Arbeiten von Meik Zülsdorf-Kersting [3], Viola B. Georgi [4], Carlos Kölbl [5], Johannes Meyer-Hamme [6] und Rosa Fava [7] unter die Lupe. In diesem Zusammenhang wird der pädagogische Ansatz der Holocaust Education im deutschsprachigen Raum diskutiert, der den Genozid an den europäischen Juden und anderen Gruppen zum Lerninhalt macht und sich auf Adornos 'Erziehung nach Auschwitz' bezieht (106). Diskurse zur historisch-politischen Bildung werden dabei in ein Verhältnis zu post-kolonialen Ansätzen der Erziehungswissenschaft gesetzt.

Die Studie geht über den Ansatz der Holocaust Education hinaus, indem die Autorin konstatiert, dass sich eine Vermittlung des Holocausts in heterogenen Lerngruppen deutlich erfolgreicher über einen rassismuskritischen Zugang vermitteln ließe: "Aufgrund der Verfolgungs-, Migrations- und Fluchtgeschichten der überlebenden Zeug_innen kann die Arbeit mit dem großen Bestand der pluralen Narrative in digitalen Online-Archiven insbesondere für heterogene Lerngruppen Gegenwartsbezüge offenbaren und inhaltliche Grundlagen für Herrschaftskritik und rassismuskritische historisch-politische Bildung legen, die im klassischen Schulbuchunterricht zu Nationalsozialismus und Holocaust eher vernachlässigt werden" (119). Dieser Ansatz führt auch zu der Auswahl der insgesamt sechs Interviews für die von der Autorin untersuchten Projekttage mit Schulklassen. Die Autorin wählt bewusst vielfältige Aspekte der Verfolgungs- und Vernichtungsgeschichte, die im NS-Rassestaat zentral waren (150). Die von ihr ausgewählten Personen - die ihr als Fälle dienen - wurden aus unterschiedlichen Gründen verfolgt: als Juden, Homosexuelle, Sinto, sogenannte "Asoziale" und "Rheinlandbastarde".

Die Zielgruppe der Studie waren Lernende der Klassenstufen 9 und 10, die den Nationalsozialismus im Unterricht bereits durchgenommen hatten (212) und aus unterschiedlichen Schulformen kamen. 122 Schüler_innen arbeiteten an zwei Projekttagen mit den digitalisierten Interviews. Das methodische Vorgehen, ein vierstufiges Erhebungsverfahren, bestand aus Vorab-Fragebögen, um den Wissensstand von Schüler_innen zu ermitteln, einer Präsentation der Schüler_innen, die sie anhand eines der sechs Zeugnisse vornahmen, Gruppeninterviews und Feedback-Bögen. Die Frage nach unterschiedlichen Migrationshintergründen, diente dazu, "differenzierte Auskünfte geben zu können, ob Jugendliche unterschiedlicher familiärer Hintergründe in ihren Einstellungen, Wissen und Erfahrungen tatsächlich variieren" (214).

Methodisch streitbar ist die Auswahl der biographischen Fälle, die den Schüler_innen zur Präsentation angeboten wurden. Neben fünf Männern stand nur eine Frau zur Auswahl, deren Zeugnis zudem von den 122 Schüler_innen kein einziges Mal ausgewählt wurde. Diese Perspektive bleibt damit unberücksichtigt. Ebenso schade, wie unvorhergesehen, war der starke Bezug der Schüler_innen auf das Thema der Homosexualität zweier Zeug_innen. Das führte zu Ablenkungen - "grenzüberschreitende, pubertierende Neugier" (284) - weniger aber zu Umerzählungen von Geschichte. Brünings kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen methodischen Vorgehen jedoch (377) verdeutlicht die Unwägbarkeiten in Schulen empirisch zu forschen. Kenntnisse und Schulformen variieren oft, wofür sehr unterschiedliche Gründe im Einzelnen herangezogen werden können. Dieses Ergebnis zeigt, dass verallgemeinernde Aussagen quantitativer Erhebungen darüber, wieviel und was Schüler_innen heute noch über einzelne historische Ereignisse wissen, kritisch zu bewerten sind und komplexerer Analysen bedürfen. Hier leistet Brüning mit ihrer Forschung zweifelsohne einen entscheidenden Beitrag.

Die Ergebnisse lassen sich dahingehend zusammenfassen, dass Lebensweltbezug und Alltagsnähe zentral sind für das Lernen über die Shoah (337). Das digitale Medium und die Arbeit mit den aufgezeichneten Interviews wurden als gelungene Abwechslung zum regulären Unterricht bewertet. Der Umgang mit dem Medium ist weniger ein Problem als die digitalen Quellen kritisch einzuordnen (375). In Bezug auf die heterogenen Lerngruppen stellte sich heraus, dass das Bildungsniveau und nicht die familiäre Herkunft dafür ausschlaggebend ist, wie Schüler_innen lernen.

Zentral ist der Befund von Brüning, im Geschichtsunterricht historische und politische Bildung zusammenzudenken: "Durch die Einbindung von Antisemitismus in den größeren Rahmen von damaligem und gegenwärtigem Rassismus lassen sich Kontinuitäten und Diskontinuitäten thematisieren. Hier spielt insbesondere die Wahrnehmung gemachter Diskriminierungserfahrungen seitens der Lernenden eine Rolle" (386).

Brüning argumentiert - und auch das ist eine Qualität der Arbeit - aus der Perspektive der Lernenden und nicht der Lehrenden: "Statt Antisemitismus allein als Hauptfokus zu setzen, bringt der Fokus auf den Rassismus des Nationalsozialismus die Schüler_innen dazu, zu reflektieren, wer eigentlich damals alles betroffen war und was das mit der eigenen Lebenswelt zu tun haben könnte" (388). Der Ansatz ist zwar vielversprechend und spiegelt die Ergebnisse der Studie wieder, blendet aber doch eine Herausforderung aus: Reicht es aus, rassismuskritische Bildung zu betreiben, um die strukturellen Wirkungsweisen von Antisemitismus reflektieren zu können?


Anmerkungen:

[1] https://www.afdbundestag.de/wortlaut-der-umstrittenen-passage-der-rede-von-alexander-gauland/ (zuletzt aufgerufen am 10.09.2018).

[2] Martin Lücke / Christina Isabel Brüning: Nationalsozialismus und Holocaust als Themen historischen Lernens in der Sekundarstufe I - Produktive eigen-sinnige Aneignungen, in: Hanns-Fred Rathenow / Birgit Wenzel / Norbert H. Weber (Hgg.): Handbuch Nationalsozialismus und Holocaust. Historisch-politisches Lernen in Schule und Lehrerbildung, Schwalbach / Ts. 2013, 149-165.

[3] Meik Zülsdorf-Kersting: Sechzig Jahre danach: Jugendliche und Holocaust. Eine Studie zur geschichtskulturellen Sozialisation (Geschichtskultur und Historisches Lernen; Bd. 2), Berlin 2007.

[4] Viola B. Georgi: Entliehene Erinnerungen. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland, Hamburg 2003.

[5] Carlos Kölbl: Geschichtsbewußtsein im Jugendalter. Grundzüge einer Entwicklungspsychologie historischer Sinnbildung, Bielefeld 2004.

[6] Johannes Meyer-Hamme: Historische Identitäten und Geschichtsunterricht. Fallstudien zum Verhältnis von kultureller Zugehörigkeit, schulischen Anforderungen und individueller Verarbeitung (Schriften zur Geschichtsdidaktik; Bd. 26), Idstein 2009.

[7] Rosa Fava: Die Neuausrichtung der Erziehung nach Auschwitz in der Einwanderungsgesellschaft. Eine rassismuskritische Diskursanalyse, Berlin 2015.

Rezension über:

Christina Isabel Brüning: Holocaust Education in der heterogenen Gesellschaft. Eine Studie zum Einsatz videographierter Zeugnisse von Überlebenden der nationalsozialistischen Genozide im Unterricht, Frankfurt/M.: Wochenschau-Verlag 2018, 441 S., 3 s/w-Abb., 3 Tbl., ISBN 978-3-7344-0666-9, EUR 41,60

Rezension von:
Viola Georgi / Lena Kahle
Institut für Erziehungswissenschaft, Universität Hildesheim
Empfohlene Zitierweise:
Viola Georgi / Lena Kahle: Rezension von: Christina Isabel Brüning: Holocaust Education in der heterogenen Gesellschaft. Eine Studie zum Einsatz videographierter Zeugnisse von Überlebenden der nationalsozialistischen Genozide im Unterricht, Frankfurt/M.: Wochenschau-Verlag 2018, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 11 [15.11.2018], URL: http://www.sehepunkte.de/2018/11/31761.html


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