sehepunkte 18 (2018), Nr. 10

Sophie Lagabrielle: Le verre. Un Moyen Âge inventif

Während die Forschung zur mittelalterlichen Glasmalerei auf eine ehrwürdige Tradition zurückblicken kann, wurde die Qualität mittelalterlicher Hohlgläser lange verkannt, als ob sich die Auffassung vom Mittelalter als einer Zwischenzeit hier besonders hartnäckig hielte. Es ist das große Verdienst von Erwin Baumgartner und Ingeborg Krueger, mit der Ausstellung "Phönix aus Sand und Asche" im Jahr 1988 Licht in dieses Thema gebracht zu haben, das selbst Experten allenfalls undeutlich vor Augen stand. [1] Schon im Jahr darauf erfolgte eine ähnlich groß angelegte Ausstellung in Rouen. [2] Während sich die Ausstellungen an ein breites Publikum richteten, sind ihre Kataloge für die Fachwelt geschrieben und deshalb nach wie vor Referenzwerke für das Studium mittelalterlicher Hohlgläser geblieben.

Die Ausstellung "Le Verre, un Moyen Âge inventif" im Musée de Cluny in Paris 2017/18 bot erstmals seit 1989 die Gelegenheit eines Resümees auf französischem Boden. Die Dauerausstellung des Museums umfasst eine eindrückliche Auswahl von Bleiverglasungen in einem durch die Scheiben selbst beleuchteten Kabinett. Dies wurde für die Glasausstellung ergänzt um einen weiteren Raum mit großen Vitrinen, in denen die Hohlgläser in kleinen Gruppen oder einzeln präsentiert waren. Das kurioseste Exponat war der Überraschungsfund einer Brille, die ein Mönch in einem Buch eingeschlagen und dort vergessen hatte; leider fand diese Entdeckung keinen Eingang mehr in den Katalog. [3]

Der eigentliche Aufwand des Projekts ging in die Publikation, die zwar als Ausstellungskatalog ausgewiesen, aber doch völlig selbständig ist. Das Buch versammelt nicht weniger als 40 Aufsätze (davon 15 von oder unter Mitwirkung der Herausgeberin, Sophie Lagabrielle), die in vier Sektionen und weiteren Gruppen untergegliedert sind. Die Sektionen gliedern das Buch in vier Perioden des Mittelalters, deren Zäsuren in etwa um 1100, 1270 und 1400 angesetzt werden.

Das Buch beginnt mit einem Glanzlicht, der Einführung durch den Mediävisten Michel Pastoureau, der aus seiner reichen Kenntnis der mittelalterlichen Literatur die Wertschätzung für Glas herausstellt. Pastoureau zitiert die Eigenschaftswörter, mit denen enzyklopädische Texte Glas auf subtile Weise beschreiben und weist auf die Mehrdeutigkeit in den französischen Texten hin, indem verre mit vert, vair, voir, vu und vrai zusammenhängt (11-13). Die Faszination für Glas hatte mit dem Verständnis von Licht als Emanation Gottes und einzigem Bestandteil der Welt zu tun, der zugleich sichtbar und immateriell ist.

Die Glasmalerei wird konzentriert in sechs Beiträgen behandelt und findet in weiteren Aufsätzen Erwähnung. Naturgemäß steht nicht die Ikonografie, sondern das Glasmaterial im Vordergrund, also die Ausbreitung über die Jahrhunderte vom kirchlichen ins profane und private Umfeld, die regionalen Schwerpunkte, die Herkünfte der Glasscheiben, deren Größen und Farben, die Auftraggeberschaft und das ausführende Handwerk. Bleiverglasungen füllten die Kirchen allmählich, als individuelle Stiftungen vornehmlich durch das Königshaus und den Adel. Demgegenüber waren die Fenster im Chor von Saint-Denis (1140-1144) und in der Sainte-Chapelle (1244-1248) Teil des ursprünglichen Bauprogramms; insbesondere der unerhört aufwendige Bauauftrag von Abt Suger in Saint-Denis war ein "Schock" (17).

Eine besondere Qualität dieses Buches liegt in der Aufmerksamkeit für Randthemen der Glaskunst, etwa die Bedeutung von Glas als Wandverkleidung, die als pseudo-Hinterglasmalerei oder in Form blauer Glasscheiben vor vergoldetem Hintergrund aufgebracht wurde (62-65). Christine Descatoire stellt in drei knappen Beiträgen die Geschichte der Emaillierkunst vom Gruben- und Zellenschmelz im 12. Jahrhundert über das transluzide Email des 14. und das Maleremail des 15. Jahrhunderts dar. Eine vorbildliche Einführung in das Thema, die man vielleicht eher in einem Werk über Goldschmiedekunst erwarten würde. Bemerkenswert ist die Rolle von Glas im Zusammenhang mit Edelsteinen. Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, dass Glas nicht nur billiges Imitat war, aber die Untersuchung von 17 Goldschmiedearbeiten aus dem 12./13. Jahrhundert im Louvre und Musée de Cluny hat ergeben, dass von 124 Cabochons 55 aus Glas bestehen und bis auf etwa 10% zeitgenössischer Auswechslungen offenbar wissentlich verarbeitet wurden (84-85). Zugleich aber gibt es Quellen, die solche Glasgemmen als "faux doubles" oder "pierrerie sans valeur" bezeichnen und damit wiederum die Ambivalenz des Materials Glas im Mittelalter bestätigen.

Das Hohlglas, also vornehmlich Trinkgläser, wird in sieben Beiträgen behandelt, hinzu kommen zwei Aufsätze zur Rolle von Glas in der Wissenschaft. Noch im 15. Jahrhundert waren Glasgefäße in Frankreich, wie Sophie Lagabrielle in einem kulturgeschichtlichen Beitrag darstellt, auf Kirche, Aristokratie und auf Tavernen beschränkt, sie spielten in Privathaushalten noch keine Rolle (174-176). Die Beiträge stammen im Übrigen von der Archäologin Nicole Rodrigues und geben einen Eindruck von der lückenhaften archäologischen Überlieferung (85). Dennoch erlauben die Funde ein Bild des Wandels bei den Hohlgläsern (112-115, 170-173). Die Beiträge fassen die zeitlichen und regionalen Unterschiede gut zusammen, aber die Andeutungen zu den möglichen Gründen sind sparsam.

Das Konzept, jeden Zeitabschnitt für sich zu behandeln, ist nachvollziehbar, führt aber dazu, dass die meisten Beiträge durch die rigide Systematik in mehrere Teile zerschnitten sind. In dem Bemühen, die Zusammenhänge in den großen Wandlungen dieser Epoche zu begreifen und Synthesen zu erfassen, wird die Leserschaft ziemlich allein gelassen, und die Voraussetzungen vor allem an historischem Vorwissen sind beträchtlich. [4]

Wie schon in der Ausstellung in Rouen 1989 steht der Blick auf Frankreich im Vordergrund. Auf der einen Seite bildet diese Form nationaler Forschung eine wesentliche Grundlage zum Gesamtverständnis, auf der anderen Seite aber birgt der Blick auf die moderne Nation die Gefahr, die sehr spezifischen regionalen Entwicklungen und die lebhaften überregionalen Bezüge zu verunklären. Um dem zu begegnen, enthält das Buch Beiträge, die sich mit den Regionen oder auch mit byzantinischem und islamischem Glas auseinandersetzen und Quellen jenseits der französischen Grenzen zitieren (146-151, 200-207). Gänzlich aus dem Rahmen dieses Buches fällt der allerdings hervorragende Beitrag von Philippe Braunstein zu den Deutschen und der venezianischen Glaskunst im Spätmittelalter, ein Extrakt aus seiner umfangreicheren wirtschaftshistorischen Forschung zu den Deutschen in Venedig. [5] Braunstein beleuchtet die überraschende Komplexität des deutsch-venezianisch-levantinischen Handels, indem z.B. aus Murano importierte Glasperlen um 1490 in Deutschland gebohrt und anschließend wieder über Venedig in den Nahen Osten vertrieben wurden (194). Der "goût allemand" trug auch zur Herausbildung der venezianischen Luxusglasproduktion bei, und so zeigt gerade dieser Beitrag, wie problematisch die Unterscheidung "nationaler" Glastraditionen sein kann.

Die Vielzahl der Themen und die Zerschneidung der Beiträge bedingt, dass diese durchwegs sehr kurz ausfallen. Manche, wie die erwähnten Darstellungen der Emaillierkunst, sind als Einführungen auch für das allgemeine Publikum geeignet, während andere, wie die Texte von Valentine Weiss zu den aus Steuerakten ermittelbaren glasbezogenen Aktivitäten in Paris, sich wohl nur an Grundlagenforschung interessierte Spezialisten richten (47-49, 104-105, 158-159). Alle Beiträge verweisen - mit unterschiedlicher Intensität - mit Fußnoten auf den inzwischen reichlich angeschwollenen Fundus der relevanten Literatur, verzichten aber oftmals auf genauere Seitenangaben, sodass die Information dann allerdings ziemlich nutzlos bleibt. Gleichwohl ist die angegebene Literatur umfang- und hilfreich, und das Buch zudem durch ein vielleicht nicht ganz vollständiges Stichwortverzeichnis erschlossen. Wer den genannten strukturellen Hindernissen trotzt, wird in dem Buch eine sehr eindrucksvolle und - insbesondere in den Beiträgen von Sophie Lagabrielle - anregende Zusammenfassung des gegenwärtigen Wissensstandes vorfinden, die die Bandbreite mittelalterlicher Glaskunst eindrucksvoll vor Augen stellt und mit sehr gutem Layout und insgesamt hervorragenden Abbildungen besticht. [6]


Anmerkungen:

[1] Erwin Baumgartner / Ingeborg Krueger: Phönix aus Sand und Asche. Glas des Mittelalters (Ausst.-Kat. Bonn / Basel 1988), München 1988.

[2] Danièle Foy / Geneviève Sennequier (Hgg.): À travers le verre du moyen âge à la renaissance (Ausst.-Kat. Rouen 1989), Rouen 1989.

[3] Das Thema der Brillen wird im Katalog an anderen Beispielen abgehandelt: 146-151, 194, 200-207.

[4] So hätte die Unterscheidung der territoires français et Plantagenêt (letzteres ist die westliche Region unter englischer Vorherrschaft um 1160 bis ca. 1204) wohl einer Kommentierung bedurft, wenn die französische Geschichtskunde dem Niveau deutscher Gymnasien entspräche.

[5] Philippe Braunstein: Les allemands à Venise (1380-1520), Rom 2016.

[6] Nur in seltenen Fällen sind die Abbildungen unbefriedigend klein, wie bei der Salomon- oder Chosroès-Schale (117) (die im Übrigen auch nicht im Index erschlossen ist).

Rezension über:

Sophie Lagabrielle: Le verre. Un Moyen Âge inventif, Paris: Réunion des Musées Nationaux 2017, 240 S., ISBN 978-2-7118-6262-7, EUR 38,00

Rezension von:
Dedo von Kerssenbrock-Krosigk
Glasmuseum Hentrich, Kunstpalast, Düsseldorf
Empfohlene Zitierweise:
Dedo von Kerssenbrock-Krosigk: Rezension von: Sophie Lagabrielle: Le verre. Un Moyen Âge inventif, Paris: Réunion des Musées Nationaux 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 10 [15.10.2018], URL: http://www.sehepunkte.de/2018/10/32087.html


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