Rezension über:

Christine Hecht: Zwischen Athen und Alexandria. Dichter und Künstler beim makedonischen König Archelaos (= Philippika. Altertumswissenschaftliche Abhandlungen; 112), Wiesbaden: Harrassowitz 2017, X + 230 S., ISBN 978-3-447-10890-4, EUR 58,00
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Rezension von:
Sabine Müller
Philipps-Universität, Marburg
Redaktionelle Betreuung:
Matthias Haake
Empfohlene Zitierweise:
Sabine Müller: Rezension von: Christine Hecht: Zwischen Athen und Alexandria. Dichter und Künstler beim makedonischen König Archelaos, Wiesbaden: Harrassowitz 2017, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 10 [15.10.2018], URL: http://www.sehepunkte.de
/2018/10/30963.html


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Christine Hecht: Zwischen Athen und Alexandria

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Christine Hechts philologische Dissertation hat die Intention, das Desiderat einer systematischen Untersuchung von Archelaos' höfischer Kulturpatronage zu beheben (1). Hauptanliegen ist dabei die Diskussion, inwieweit die von ihm geförderten Künstler und Dichter "Darstellungsweisen, Stile und ästhetische Prinzipien des [...] Hellenismus vorbereiteten" (184). Nach einer knappen Einleitung (1-4) und einem Kapitel zum sozio-politischem Hintergrund von Archelaos' Mäzenatentum (5-18) werden die teilweise in ihrer Historizität umstrittenen Aufenthalte von Euripides, Agathon, Timotheos, Choirilos und Zeuxis an Archelaos' Hof besprochen (19-37). Zumindest für Euripides und Agathon sieht Hecht die Authentizität gegeben (36-37). In der Streitfrage, ob Archelaos oder Amyntas III. die argeadische Residenz nach Pella verlegte, spricht Hecht sich für Archelaos aus (7-8).

Der Hauptteil ist der Darlegung gewidmet, dass die genannten Dichter und Künstler als "Wegbereiter des Hellenismus" (38-191) gelten können, was Hecht anhand von Kriterien wie "Freude am Experiment und Fähigkeit zur Originalität" (184), intertextuellen Bezügen und archaisierenden Tendenzen in Sprache, Metrik und Thematik (185) festmacht. Man hätte allerdings auch umgekehrt fragen können, ob es sich dabei nicht weniger um ein Phänomen von Antizipation in argeadischer Zeit als um eine Rückbesinnung auf die argeadische Kulturpatronage in hellenistischer Zeit handelt. Dies gilt gerade für die ptolemäische Hofkultur in Alexandria, wo der Bezug zu den Argeaden in vielschichtiger Weise hochgehalten wurde. [1]

Hechts Zusammenstellung der Künstler und ihrer Themen ist gewinnbringend und nützlich. Auch ist positiv hervorzuheben, dass die Hauptstreitfragen zu Archelaos' Kulturpatronage detailliert behandelt werden. Allerdings offenbart sich bereits anhand des Buchtitels, dass die Arbeit bezüglich der althistorischen Forschung zu den Argeaden nicht immer auf dem aktuellen Stand ist. So ist die Bezeichnung von Archelaos als "König" in jüngster Zeit immer stärker problematisiert worden, da sie nicht der argeadischen Selbstbezeichnung entspricht: In Inschriften und Münzlegenden taucht basileus für keinen Argeaden vor Alexander III. auf. [2] Der Stellung des Argeadenherrschers als primus inter pares entsprach ein solcher Titel nicht. Nicht einmal für Alexander III. ist unumstritten, ob er sich offiziell basileus nannte oder ob dieser Titel erst postum hinzugesetzt wurde. [3]

Im historischen Abriss zu Archelaos (5, 9) hätte Thukydides' Lobpreisung auf ihn als "guten" Argeaden (2,100,2) kritischer behandelt werden können - vor dem Hintergrund, dass der Historiograph damit Archelaos' Vater Perdikkas II. in der Rolle des "schlechten" Argeaden abwertete. Er hatte sich energisch gegen athenische Kontrollbestrebungen gewehrt und war zudem an Thukydides' persönlichem "Waterloo" vor Amphipolis mitbeteiligt gewesen. So widerspricht Thukydides seiner Behauptung, Makedoniens Heer, Verteidigungsfähigkeit und Befestigungsstandards wären unzureichenden Standards gewesen, bis Archelaos Reformen initiiert habe, teilweise in seiner Darstellung selbst. [4]

Bezüglich der Ausführungen zur Ikonographie von Archelaos' Münzen (10) ist einiges zu relativieren: Der Reiter als Münzbildmotiv erscheint nur am Anfang von Archelaos' Prägungen; der Kopf des Herakles ist nicht oft zu sehen, wie Hecht ausführt, und erscheint auf Obolen und Diobolen; der bartlose Jüngling mit Binde um den Kopf war nicht Archelaos selbst, sondern wird entweder als Apollon oder als argeadische Reichsgründerfigur gedeutet. [5] Die ersten lebenden Menschen, die ihren Porträtkopf auf dem Avers ihrer Münzprägungen setzten, waren persische Satrapen in Kleinasien (Tissaphernes, Pharnabazos). Die Argeaden taten dies nicht.

Pydna wird von Hecht als griechische Stadt bezeichnet (11). Es handelt sich um eine makedonische Siedlung, die Thukydides (1,137,1-2) als Stadt Alexanders I. charakterisiert. [6]

Wünschenswert wäre auch eine stärkere Verortung von Archelaos' Kulturpatronage in der argeadischen Tradition gewesen, um den unzutreffenden Eindruck zu vermeiden, er sei diesbezüglich ein Pionier gewesen. So vermisst man eine Auseinandersetzung mit der Förderung Alexanders I. von Bakchylides und Pindar, die ihn besangen. [7]

Hechts These, Euripides habe Archelaos im Archelaos mit einer göttlichen Abstammung ausgestattet und dieser habe "dadurch seine Stellung als Monarch Makedoniens legitimieren" können (186, vgl. 56-57), ist in mehrfacher Hinsicht problematisch. Erstens leiteten sich die Argeaden nachweisbar bereits seit Alexander I., Archelaos' Großvater, von Herakles über Temenos ab (Hdt. 8,137,1). Zweitens würde Hechts Prämisse die Frage aufwerfen, wie sich Archelaos seit seinem Herrschaftsantritt ca. 413 legitimiert hatte, bevor Euripides Archelaos schrieb, dessen Abfassung und Uraufführung sie auf 407/6 datiert (55). Drittens war die Legitimation eines Argeaden weitaus komplexer und auch praktisch orientiert: Neben dem ideologischen Faktor der Zugehörigkeit zum Argeadenhaus, welche die heraklidische Abkunft ohnehin einschloss, war es der militärische Erfolg, das Kriegsglück, das ihn als Auserwählten der Götter zeigte und vor allem mit Beute für seine Distributionspolitik zum Erhalt der Loyalität seiner Führungskreise versorgte. Genau diese persönliche Exzellenz und militärische Leistung des Protagonisten wird in den Fragmenten des Archelaos thematisiert. [8] Ein solches Theaterstück war Teil einer ideologiestärkenden Repräsentationspolitik, die das dynastische Profil konturierte, aber kein primärer Legitimationsfaktor.

In summa ist der Teil der Zusammenstellung der von Archelaos geförderten Künstler und ihrer Sujets ein willkommener Beitrag. Archelaos' Kulturpatronage bleibt ein wichtiges, weiterführendes Thema. Allerdings bedarf die Behandlung einer Einbindung in die Tradition argeadischen Mäzenatentums von Archelaos' Vorgängern und einer Diskussion auf dem aktuellen althistorischen Forschungsstand.


Anmerkungen:

[1] Vgl. M. Lianou: The Role of the Argeadai in the Legitimation of the Ptolemaic Dynasty: Rhetoric and Practice, in: E.D. Carney / D. Ogden (eds.): Philip II and Alexander the Great: Father and Son, Lives and Afterlifes, Oxford 2010, 123-133 (nicht zitiert).

[2] Vgl. J. Heinrichs / S. Müller: Ein persisches Statussymbol auf Münzen Alexanders I. von Makedonien. Ikonographie und historischer Hintergrund des Tetrobols SNG ABC, Macedonia I, 7 und 11, in: ZPE 167 (2008), 283-309, hier 289-291; N.G.L. Hammond: The Macedonian State. The Origins, Institutions and History, Oxford 1989, 69-70; G. Wirth, Philipp II. Geschichte Makedoniens 1, Stuttgart 1985, 16.

[3] Für einen postumen Zusatz plädieren: H.A. Troxell: Studies in the Macedonian Coinage of Alexander the Great, New York 1997, 92-93, 96-98 (Münzen); P.J. Rhodes: The Literary and Epigraphic Evidence to the Roman Conquest, in: J. Roisman / I. Worthington (eds.): A Companion to Ancient Macedonia, Oxford / Malden 2010, 23-40, hier 36-37 (Inschriften).

[4] Unter Perdikkas II. konnten die Athener Pydna nicht einnehmen; eine thrakische Invasion mit einer Heeresstärke von angeblich über 100.000 Mann konnte in Perdikkas' Reich nichts erreichen, da sich die Makedonen in Befestigungen zurückzogen, die standhielten (Thuk. 2,100,1,). Vgl. S. Müller: Perdikkas II. - Retter Makedoniens, Berlin 2017, 35-38, 262; M.B. Hatzopoulos / P. Paschidis: Makedonia, in: M.H. Hansen / T. H. Nielsen (eds.): An Inventory of Archaic and Classical Poleis, Oxford 2004, 794-809, hier 800, 806.

[5] Reiter: H. Gaebler: Die antiken Münzen von Makedonia und Paionia 2, Berlin 1935, Tafel 29.10. Herakles: H. Nicolet-Pierre: Numismatique grecque, Paris 2002, 190. Zu dem bartlosem Jüngling: Gaebler 1935, 155, Archelaos Nr. 2. Zur Benennung als Apollon: U. Westermark, Remarks on the Regal Macedonian Coinage, ca. 413-359 B.C., in: G. LeRider et al. (eds.): Kraay - Mørkholm Essays. Numismatic Studies in Memory of C.M. Kraay and O. Mørkholm, Louvain 1989, 301-315, hier 303. Identifikation als Dynastiegründer: S. Kremydi: Coinage and Finance, in: R. Lane Fox (ed.): Brill's Companion to Ancient Macedon, Leiden / Boston 2011, 159-178, hier 163. Diese numismatische Spezialliteratur wird nicht zitiert.

[6] Vgl. M.B. Hatzopoulos / P. Paschidis: Makedonia, in: M.H. Hansen / T. H. Nielsen (eds.): An Inventory of Archaic and Classical Poleis, Oxford 2004, 794-809, hier 806. Pydna ging den Argeaden zu einem unbekannten Zeitpunkt vor der Rückeroberung 411/0 verloren. M.B. Hatzopoulos: Macedonian Institutions under the Kings, I: A Historical and Epigraphic Study, Athen 1996, 470. geht davon aus, dass dies erst zu Beginn von Archelaos' Regierung geschah.

[7] Bakchyl. F 20 B; Pind. F 120 (Schol. Pind. Nem. 7,1a); F 121 (Dion. Hal. Dem. 26; 1,185 Usener-Radermacher). Maßgeblich dazu: F. Pownall: The Role of Greek Literature in Intellectual Macedonian Circles, in: S. Müller et al. (eds.): The History of the Argeads - New Perspectives, Wiesbaden 2017, 215-229, hier 215-218.

[8] Vgl. S. Müller, Geschichte Makedoniens bis zum Zeitalter Alexanders des Großen, Paderborn 2016, 98-99; A. Duncan: Nothing to Do With Athens? Tragedies at the Court of Tyrants, in: D.M. Carter (ed.): Why Athens? A Reappraisal of Tragic Politics, Oxford 2011, 69-84, hier 79.

Sabine Müller