sehepunkte 18 (2018), Nr. 2

Manfred Rasch / Herbert Nicolaus (Hgg.): Zum Transformationsprozess der DDR-Stahlindustrie zwischen Plan- und Marktwirtschaft

Im Herbst 1989 begann ein Prozess, der in kurzer Zeit zur Wirtschafts- und Währungsunion, zur Wiedervereinigung Deutschlands und in der Folge auch zur vollständigen Systemtransformation von der Plan- zur Marktwirtwirtschaft auf dem Gebiet der neuen Bundesländer führte. Einer der zentralen Industriebereiche in der ehemaligen DDR war die Eisen- und Stahlindustrie, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst unter der Demontagepolitik der sowjetischen Besatzungsmacht litt. Seit dem Ende der 1940er Jahre und insbesondere mit dem Aufbau des Prestigeobjekts Eisenhüttenkombinat Ost (EKO) ab 1950 forcierte die SED-Führung die staatliche Industriepolitik und damit den (Wieder-)Aufbau der Stahlindustrie, die in Mitteldeutschland vor dem Krieg mit wenigen Ausnahmen auch aufgrund von Standortnachteilen eine nur untergeordnete Rolle gespielt hatte. Zeitgleich mit dem Ende der DDR und der avisierten Privatisierung durch die Treuhandanstalt (THA) wurden die Stahlstandorte in den neuen Ländern, die vor allem in Brandenburg (Eisenhüttenstadt, Hennigsdorf und Brandenburg an der Havel), Sachsen (Riesa, Freital und Gröditz), aber auch in Sachsen-Anhalt (Burg, Thale) sowie in Thüringen (Unterwellenborn) angesiedelt waren, einer neuen Wettbewerbssituation ausgesetzt.

Die Voraussetzungen der ehemaligen DDR-Stahlindustrie sowie die Folgen der Privatisierungspraxis der THA waren Gegenstand einer Tagung des Stahlinstituts VDEh (Verein Deutscher Eisenhüttenleute) am 30. August 2012 in Eisenhüttenstadt. Auf der Basis dieser Tagung und der Beiträge entstand der vorliegende Band. In insgesamt zehn Aufsätzen werden dabei die Entwicklung der Stahlindustrie in der DDR und die Privatisierungsergebnisse an den Standorten Eisenhüttenstadt und Freital bis in die Gegenwart nachgezeichnet. Hervorzuheben sind insbesondere die Überblicksdarstellungen zur Entwicklung der DDR-Stahlindustrie vor und nach 1989 von Rainer Karlsch, aber auch von Karl Döring und Herbert Nicolaus am Beispiel EKO sowie von Melanie Eißner und Stefan Jentsch im Hinblick auf das Edelstahlwerk Freital. Karlsch betont die schwierigen Ausgangsbedingungen der ostdeutschen Stahlindustrie und eine unvollständige Konsolidierungspolitik in der DDR, die zwar zu Teilmodernisierungen an den Standorten, aber etwa bei EKO zu einem nicht geschlossenen Produktionszyklus führten. Auch wenn die Entwicklung der Standorte nach 1990 mit einem Schrumpfungs- und Modernisierungsprozess einherging, an dessen Ende heute noch etwa 10.000 Beschäftigte gegenüber von etwa 86.000 vor der Wiedervereinigung in der Stahlindustrie Ostdeutschlands tätig sind, so spräche insbesondere der Anteil ostdeutscher Stahlerzeugnisse an der gesamtdeutschen Produktion, der deutlich über den Vergleichswerten anderer Bereiche des produzierenden Gewerbes liegt, für eine Restrukturierung, die "als gelungen" bezeichnet werden könne (38). Am deutlichsten sei dies am Beispiel EKO zu sehen, dessen Privatisierung eine "der Erfolgsgeschichten für die Transformation großer Kombinate in Ostdeutschland" gewesen sei (33).

Die Beiträge von Karl Döring, bis 2000 Geschäftsführer der EKO Stahl AG, sowie von Herbert Nicolaus enthalten Details über die Produktionsverfahren und technologischen Weiterentwicklungen sowie zum Teil autobiographische Schilderungen über den Stahlstandort Eisenhüttenstadt und dessen historische Transformation vor und nach 1990. Das Beispiel EKO und seiner schlussendlich gelungenen Privatisierung zeigt exemplarisch, wie schwierig die Gemengelage aus (westdeutschen) Wirtschaftsinteressen, europäischen Stahlquoten sowie der existentiellen Bedrohung einer kompletten Region (Eisenhüttenstadt) durch eine drohende Abwicklung tatsächlich war. Diese Ausführungen korrespondieren mit dem Beitrag von Dieter Ameling über die Kapazitäten der europäischen Stahlindustrie in den 1970er und 1980er-Jahren, in deren Folge Konzerne wie Thyssen und Krupp sich strikt gegen eine Ausweitung der ostdeutschen Stahlkapazitäten und die Bereitstellung staatlicher Modernisierungshilfen stellten. Vor diesem Hintergrund ist auch die Tatsache kaum verwunderlich, "dass sich an der langfristigen Sanierung der größeren Unternehmen der Stahlindustrie in der DDR kaum westdeutsche Unternehmen beteiligt haben" (67).

Aus dem Rahmen fallen die Beiträge des ehemaligen IG-Metall-Vorsitzenden Jürgen Peters über die gescheiterte Privatisierung des "Schwermaschinenbau-Kombinats Ernst Thälmann" SKET in Magdeburg sowie der Aufsatz von Franco Lehmann über den institutionellen Wandel der Bergakademie Freiberg als ehemaliger Forschungs- und Ausbildungseinrichtung in der DDR im Zeitraum von 1989 bis 1994. Zum einen handelt es sich bei SKET um ein Maschinenbau-Unternehmen, das nicht der Stahlindustriesparte der DDR zugerechnet wurde, zum anderen lässt die Darstellung der Bergakademie Freiberg nur einen unzureichenden Blick auf die Bedeutung für die Entwicklung der Stahlindustrie in der DDR zu und konzentriert sich vornehmlich auf personelle und strukturelle Anpassungsprozesse. Insbesondere bei den Ausführungen von Peters findet sich eine durchweg generalisierende Kritik vor allem an der Arbeit der THA, die zugleich eine Reflexion der ökonomischen Rahmenbedingungen sowie eine Analyse des Kräfteverhältnisses der Privatisierungsakteure vermissen lässt. Peters' pauschalisierende Äußerungen wie: "Die Treuhandanstalt sah die Zeit gekommen, das zu tun, was sie schon immer vorhatte: das Unternehmen weiter zu zerschlagen und einen weiteren Personalabbau zu erzwingen" (109), wird keine ausgewogene Analyse der fehlgeschlagenen Privatisierungsverhandlungen bei SKET entgegengesetzt, wie dies an anderer Stelle bereits geschehen ist. [1]

Bei dem Tagungsband handelt es sich nicht um eine umfassende Darstellung zur Transformation der Stahlindustrie in den neuen Bundesländern; den Schwerpunkt bildet eindeutig die EKO Stahl AG sowie in etwas abgeschwächter Form das Edelstahlwerk Freital. Demgegenüber fehlen detaillierte Darstellungen zu weiteren bedeutsamen Standorten etwa in Hennigsdorf oder zur Maxhütte Unterwellenborn, die als einziger Standort in Ostdeutschland schon vor dem Zweiten Weltkrieg Rohstahl herstellte. Zudem wäre eine Analyse der Standorte, bei denen eine Privatisierung letztlich scheiterte (dies betraf vier der 19 Standorte in der ehemaligen DDR) wünschenswert gewesen. Darüber hinaus enthalten die Beiträge auch widersprüchliche Aussagen etwa zur Leistungsfähigkeit der ostdeutschen Stahlindustrie. Mit Schaubildern, Grafiken und Darstellungen zur Entwicklung vor aber auch nach 1990 bietet der Tagungsband jedoch einen fundierten Einblick in die Entwicklungsprozesse der Stahlindustrie der ehemaligen DDR. Für eine umfassende Beschreibung der Privatisierungsverläufe sämtlicher Standorte bietet sich nach wie vor die Studie von Jörg Raab an, die zudem das Akteurs- und Beziehungsgeflecht aus Politik, Wirtschaft, Gewerkschaft und Treuhandanstalt eingehend analysiert. [2]


Anmerkungen:

[1] Helmut W Jenkis: SKET Magdeburg - eine gescheiterte Privatisierung, in: Das war die DDR: DDR-Forschung im Fadenkreuz von Herrschaft, Außenbeziehungen, Kultur und Souveränität, hg. von Heiner Timmermann, Münster 2004, 43-74.

[2] Jörg Raab: Steuerung von Privatisieru

Rezension über:

Manfred Rasch / Herbert Nicolaus (Hgg.): Zum Transformationsprozess der DDR-Stahlindustrie zwischen Plan- und Marktwirtschaft, Essen: Klartext 2016, 206 S., zahlr Farbabb., ISBN 978-3-8375-1352-3, EUR 22,95

Rezension von:
Wolf-Rüdiger Knoll
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Wolf-Rüdiger Knoll: Rezension von: Manfred Rasch / Herbert Nicolaus (Hgg.): Zum Transformationsprozess der DDR-Stahlindustrie zwischen Plan- und Marktwirtschaft, Essen: Klartext 2016, in: sehepunkte 18 (2018), Nr. 2 [15.02.2018], URL: http://www.sehepunkte.de/2018/02/30901.html


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