sehepunkte 17 (2017), Nr. 12

Bünyamin Werker: Gedenkstättenpädagogik im Zeitalter der Globalisierung

Die Gedenkstättenpädagogik steht im 21. Jahrhundert vor einer Vielzahl drängender Herausforderungen - durch neue Medien, das Ende der Zeitgenossenschaft und nicht zuletzt die Folgen der Globalisierung. Zögerlich begann vor etwa 20 Jahren das Nachdenken darüber, wie Nationalsozialismus und Holocaust in einer sich pluralisierenden Gesellschaft zu vermitteln seien. Spätestens seit der Ankunft zahlreicher Geflüchteter im Sommer/Herbst 2015 existiert ein breiteres Bewusstsein für die Dringlichkeit, Antworten auf diese Frage zu finden. In dieser Situation nimmt man ein Buch mit dem Titel "Gedenkstättenpädagogik im Zeitalter der Globalisierung" dankbar und neugierig zur Hand.

Bünyamin Werker untersucht, welche Auswirkungen die durch Globalisierung und Migration veränderten gesellschaftlichen Bedingungen auf die Bildungsarbeit an Gedenkstätten haben. Der Autor ist Erziehungswissenschaftler, Leiter der Akademie für Kulturelle Bildung in Nordrhein-Westfalen und war selbst in der historisch-politischen Bildungsarbeit an Kriegsgräberstätten tätig. Es handelt sich bei der vorliegenden Monographie um die geringfügig überarbeitete Version seiner 2015 eingereichten Dissertation. Die aktuelle Fragestellung, Titel und Klappentext ("breite und nuancierte Bestandsaufnahme der Gedenkstättenpädagogik") wecken dabei hohe Erwartungen, denen die Studie aber nur teilweise gerecht wird.

Die Untersuchung ist kleinteilig gegliedert; die ersten beiden Kapitel liefern die Präliminarien: Kapitel eins reflektiert Funktionen und Geschichte von Gedenkstätten sowie deren geschichtskulturellen Rahmen; im zweiten Kapitel werden die unter dem Stichwort Globalisierung verstandenen Prozesse analysiert und zur NS-Geschichte in Bezug gesetzt. Im Hauptteil entwickelt Werker sein Thema in Anlehnung an das von seiner akademischen Betreuerin Christel Adick entwickelte Ordnungsschema erziehungswissenschaftlicher Wissensformen. Die Forschung zur Gedenkstättenpädagogik versteht er als "wissenschaftliches Wissen" (Kap. 3), bestehende Konzepte und Modelle als "Regel- und Professionswissen" (Kap. 4) sowie die pädagogischen Angebote der Gedenkstätten - rekonstruiert mittels qualitativer Inhaltsanalyse der Websites - als "alltägliches Handlungswissen" (Kap. 5).

Zuweilen entsteht dabei der Eindruck, die strenge, schematische Gliederung verhindere, dass der Autor die Erkenntnisse und Befunde aus dem einen Bereich mit denen der anderen in Beziehung setzt. So erfährt man beispielsweise in Kapitel vier etwas über Konzepte, die auf die Pluralisierung der Gesellschaft reagieren wie "interkulturelles Geschichtslernen" oder "Geschichte teilen"; deren Verankerung in der gedenkstättenpädagogischen Praxis allerdings wird nicht thematisiert. Weiterhin impliziert die Systematisierung der Hauptkapitel, die als "Angebote" verstandenen Programme der pädagogischen Abteilungen seien letztlich weniger regelhaft oder professionell reflektiert als die zuvor vorgestellten "Konzepte". Dasselbe Manko wird auch in den anderen Kapiteln deutlich: So präsentiert Werker für 14 Gedenkstätten deren Ortsgeschichte als "historischen Kontext" (Kap. 5), ohne daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Auch im Eingangsteil gelingt es ihm nur ansatzweise, die referierten Theorien und Modelle für seine Arbeit fruchtbar zu machen und deren Relevanz aufzuzeigen.

Dass der Autor weder Historiker noch Geschichtsdidaktiker ist, müsste kein Nachteil sein, führt aber immer wieder zu Irritationen: So stolpert man über grob vereinfachende Darstellungen - etwa zur geschichtsdidaktischen Kompetenzdiskussion (60) - und wundert sich über manche Literaturverweise oder das Fehlen einschlägiger Studien. [1] Der Autor konstatiert zwar berechtigterweise Defizite in der Erforschung und Reflexion der Gedenkstättenpädagogik, erweckt aber nicht den Eindruck, den disparaten Forschungsstand souverän zu überblicken.

Vielleicht liegt es auch im disziplinären Hintergrund begründet, dass der Autor Begriffen und sprachlicher Prägnanz nicht genügend Aufmerksamkeit schenkt. Daran ändern auch Definitionsversuche - etwa von Gedenkstättenpädagogik (64) - wenig. Denn ein so zentraler Begriff wie Holocaust wird von Werker überhaupt nicht definiert und innerhalb weniger Sätze völlig unterschiedlich verwendet: einmal als Sammelbegriff für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung, dann für die Verfolgung verschiedener Minderheiten und die NS-Verbrechen insgesamt (82). Die auf diese Weise hervorgerufene Irritation wird noch gesteigert angesichts der befremdlichen Zurückhaltung mit der Werker die NPD-Wortschöpfung des "Bomben-Holocaust" für die Bombardierung Dresdens wiedergibt und lediglich als "vollkommen neu" (81) charakterisiert. Statt die dahinterliegenden Absichten zu beleuchten, begnügt sich der Autor mit dem bequemen (und im Angesicht des AfD-Wahlerfolgs noch unsicherer gewordenen) Postulat, "die Erinnerung bzw. das Gedenken an die Opfer des Holocaust [bleibe] der zentrale Akt deutscher Selbstvergewisserung" (81). Wer in diesem Kontext behauptet, dass es "die Erinnerung an den Holocaust [ist], die einen kosmopolitischen Erinnerungsraum schafft, im Rahmen dessen die Erinnerung an Bombenopfer und Vertriebene Anerkennung erfährt" (81), verschleiert die Absichten rechter Ideologen und rüttelt damit - wenn auch unfreiwillig - am oben erwähnten Konsens. [2]

Bünyamin Werker demonstriert mit seiner Arbeit, dass die Gedenkstättenpädagogik begonnen hat, sich auf die Folgen der Globalisierung einzustellen. Dabei macht er eine Fokussierung auf Migration und Menschenrechte aus: In den untersuchten Bereichen reagierten Forschende und Pädagogen einerseits auf die migrationsbedingte Pluralisierung der Zielgruppe; andererseits werde versucht, den historischen Gegenstand zu transnationalisieren und durch die Perspektivierung auf Menschenrechte und deren Verletzung zu universalisieren, ohne dabei jedoch den nationalen Kontext abzustreifen. Als Entwicklungsaufgaben definiert Werker die weitergehende Qualifikation der pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Überwindung der westlich-europäischen Perspektive sowie die Konzeption der Gedenkstättenpädagogik als internationale Pädagogik.

Nach der Lektüre bezweifelt die Rezensentin allerdings, ob eine stärkere Orientierung an der Pädagogik die Gedenkstätten wirklich voranbringen kann. Es drohen eine Entkonkretisierung und Entkontextualisierung der NS-Geschichte, die zum Steinbruch für moralische Lehrstücke aller Art verkommt, während historisches Verstehen und Begreifen in den Hintergrund gedrängt werden. Um nicht aus den Augen zu verlieren, dass es im Kern um historisches Lernen geht, scheint es daher dringlicher, die Anbindung an die Fachwissenschaft zu wahren und den Schulterschluss mit der Geschichtsdidaktik zu vollziehen.


Anmerkungen:

[1] Zu den zentralen Studien, die fehlen, gehören: Rosa Fava: Die Neuausrichtung der "Erziehung nach Auschwitz" in der Einwanderungsgesellschaft. Eine rassismuskritische Diskursanalyse, Berlin 2015; Astrid Messerschmidt: Weltbilder und Selbstbilder. Bildungsprozesse im Umgang mit Globalisierung, Migration und Zeitgeschichte, Frankfurt/M. 2012; Nora Sternfeld: Kontaktzonen der Geschichtsvermittlung. Transnationales Lernen über den Holocaust in der postnazistischen Migrationsgesellschaft, Wien 2013.

[2] Überhaupt scheinen die deutschen Opfer und ihre Re-Integration in den nationalen Gedächtnisrahmen seit Mitte der 1990er dem Autor sehr am Herzen zu liegen. Er kommt häufiger darauf zu sprechen (vgl. 51-53, 81, 281). Irritierend ist dabei auch seine Diskussion von Jörg Friedrichs umstrittenen Buch, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945, München 2002.

Rezension über:

Bünyamin Werker: Gedenkstättenpädagogik im Zeitalter der Globalisierung. Forschung, Konzepte, Angebote (= Sozialisations- und Bildungsforschung: international, komparativ, historisch; Bd. 17), Münster: Waxmann 2016, 309 S., ISBN 978-3-8309-3496-7, EUR 39,90

Rezension von:
Ulrike Löffler
Europäisches Kolleg Jena "Das 20. Jahrhundert und seine Repräsentationen" an der Friedrich-Schiller-Universität, Jena
Empfohlene Zitierweise:
Ulrike Löffler: Rezension von: Bünyamin Werker: Gedenkstättenpädagogik im Zeitalter der Globalisierung. Forschung, Konzepte, Angebote, Münster: Waxmann 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 12 [15.12.2017], URL: http://www.sehepunkte.de/2017/12/30761.html


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