sehepunkte 17 (2017), Nr. 11

Rezension: Aktuelle Publikationen zur Kindheiten-Forschung

Kindheiten sind Forschungsgegenstand unterschiedlichster Wissenschaftsdisziplinen. Mit ihnen beschäftigen sich Expertinnen und Experten, deren Arbeitsschwerpunkte in der Sozial- und Gesellschafts-, oder auf dem Gebiet der Generationen- oder der Bildungsgeschichte liegen; genauso werden in der Psychologie, Ethnologie, in den Sozialwissenschaften, der Pädagogik oder Biografieforschung Kindheiten erforscht. Eine sinnvolle Aufgabe besteht deshalb sicher zum einen darin, eine facettenreiche und Disziplinen übergreifende Überblicksdarstellung zu erarbeiten. Zum anderen öffnen sich neue wissenschaftliche Perspektiven, wenn einzelne Aspekte vertieft untersucht werden. Im Folgenden seien zwei aktuelle Publikationen vorgestellt, die sich diesen Herausforderungen der Kindheits- oder besser wohl Kindheiten-Forschung in je verschiedener Weise annehmen.

Martina Winklers Einführung in die Kindheitsgeschichte sucht das Forschungsfeld knapp und umfassend zu beschreiben. Geschichtswissenschaftliche Einführungen, Kompendien, Kursbücher und Handbücher dienen dem Zweck, sich auf dem weiten Feld ihrer Teildisziplinen, Methoden, Fragestellungen und Untersuchungsgegenstände zurechtzufinden. Sie stellen nicht zuletzt für Studierende einen Kompass dar, indem sie Möglichkeiten einer ersten Orientierung bieten. Dieser Aufgabe - bezogen auf das große Gebiet der Kindheitsgeschichte - widmet sich Martina Winkler, Professorin für Kulturgeschichte Ostmitteleuropas, mit der vorliegenden Publikation, und zwar vom Mittelalter bis zur Gegenwart, unter Berücksichtigung breiter methodischer und inhaltlicher Aspekte sowie globalhistorischer Perspektiven. Eine komprimierte Version dieser Einführung in die Kindheitsgeschichte findet sich im Internetportal "Docupedia". [1]

Martina Winkler stellt sich einer Herausforderung, die Mut und Unbefangenheit erfordert und wohl auch konkret dem Impuls aus einer Vorlesung der Hochschullehrerin zum Thema Kindheitsgeschichte zu verdanken ist. Eine solche Vorlesung und die darauf aufbauende Einführung in Buchform setzt Entscheidungen zur Strukturierung, Akzentsetzung und Verallgemeinerung voraus, die dem Anspruch gerecht werden sollen, nachvollziehbar begründet und hinreichend fundiert zu sein. Winkler gliedert ihre Einführung in dreizehn Kapitel, von denen hier nur einige ausführlicher vorgestellt werden können. Sie beginnt ihre Einleitung, die zur Beschäftigung mit Kindheitsgeschichte einladen soll, mit der Zusammenfassung einer Filmszene aus einer US-Fernsehserie, in der ein zehnjähriger Junge in einem Großstadtviertel, in dem Drogendealer ihr Unwesen treiben, auf dem Fahrrad unterwegs ist. Zur Überraschung des Zuschauers, so Winkler, erweise sich der Junge nicht als bedrohtes Kind, sondern als Täter, der einen Dealer niederschießt. Die Autorin nimmt diesen Einstieg zum Anlass, grundlegende Fragen des Buches zu entwickeln, solche nach Vorstellungen von Kindheit, Erwartungen und Klischees beispielsweise. Warum dieser Einstieg gewählt wurde? In dem Buch jedenfalls geht es nicht um Kinder als Opfer und Täter, sondern um eine "neue, innovative und unverzichtbare Perspektive auf Kultur- und Gesellschaftsgeschichte überhaupt und Einsichten für die Gegenwart." (12f.)

In der Einleitung werden erwartungsgemäß Definitionen vorgenommen. So wird mit wenigen Worten die Abgrenzung zwischen Kindheits- und Jugendforschung gestreift, und Kindheit wird dann im Sinne der UNO-Kinderrechtskonvention des Jahres 1989 auf Menschen unter 18 Jahren bezogen, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass dies eine Definitionsmöglichkeit unter anderen darstellt. Ebenfalls in der Einleitung wird zurecht betont, dass Kindheiten Gegenstand unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen sind, "deren reiche Forschungsgeschichte seit den 1960er Jahren systematisch und übersichtlich" abgebildet werden soll. (17)

Eine methodisch gut nachvollziehbare Entscheidung der Autorin ist sicher, Philipp Ariès und seiner Geschichte der Kindheit ein eigenes Kapitel zu widmen und dann in weiteren Abschnitten, unter wiederholter Bezugnahme auf Ariès, das Mittelalter und die Frühe Neuzeit zu behandeln. Alle Kapitel sind mit Literaturempfehlungen versehen und enthalten zudem, im Layout deutlich hervorgehoben, kurze Begriffserklärungen und auch einige Abbildungen. Es folgt ein systematisches Kapitel zu Kindheitskonzepten, dann wieder zwei chronologische Abschnitte zum 19. und 20. Jahrhundert, drei quellenbezogene zu Kinderbildern, Kinderliteratur und Kindheit und Film. Der Band schließt mit einem globalgeschichtlichen und einem rechtsgeschichtlichen Kapitel.

Im Folgenden seien einige Anmerkungen zu dieser Gliederung erlaubt: Während die Verbindung von chronologischen und methodischen Aspekten einleuchtet, sind einige thematische Kapitel vom Umfang her recht knapp, andere ausgesprochen umfangreich behandelt. Zu letzteren gehört "Kinderliteratur", dem sich die Autorin wesentlich detaillierter zuwendet als beispielsweise dem "langen 19. Jahrhundert". Warum werden "Kinderbilder" und "Kindheit und Film" in zwei gesonderten Kapiteln und nicht etwa Kindheit "im Fokus von bildender Kunst, Film und Fotografie" vorgestellt? Zweifellos ist, wie eingangs angesprochen, eine Gliederung stets eine Entscheidung, die so oder anders getroffen werden kann. So hätten kurze Unterabschnitte wie "Die Kinder und die Nation", "Kindheit und Arbeiterbewegung", "Das pädagogische Moratorium" oder "Kriege und Vertreibung" chronologisch an verschiedenen Orten Platz finden können.

Angesichts der Forschungsschwerpunkte der Autorin in Ostmitteleuropa ist nachzuvollziehen, dass die besondere Aufmerksamkeit Martina Winklers Kindheiten in der Sowjetunion gilt, während den beiden Weltkriegen und ihren Folgen vergleichsweise kurze Abschnitte gewidmet werden. Das muss nicht gegen diese Einführung sprechen, mit der die Autorin zweifellos Neuland betritt. Zu fragen wäre allerdings, warum Erik H. Eriksons "Kindheit und Gesellschaft" oder sein Buch "Der vollständige Lebenszyklus" nicht erwähnt werden. Weitere Fragen lassen sich anschließen: Warum wurden zentrale Erkenntnisse der Psychologie, die den Blick auf Kinder grundlegend veränderten, beispielsweise aus der Bindungsforschung, nicht berücksichtigt? Warum sind die Publikationen der interdisziplinären Studiengruppe "Kinder des Weltkrieges" nicht im Blickfeld der insgesamt gesehen durchaus gründlich und umfangreich recherchierten Literatur, obwohl diese ausgesprochen inter- beziehungsweise transdisziplinär, durchaus auch im Hinblick auf Kindheits- als Psychohistorie ausgerichtet ist? [2] Warum wurden Sammelbände wie "Kinder und Krieg" im epochenübergreifenden Zugriff nicht erwähnt? [3]

Mut und Unbefangenheit als Voraussetzung einer solchen Einführung haben wohl auch einen Preis. Sie ist insgesamt gesehen für Studierende zweifellos hilfreich, im Hinblick auf wissenschaftliche Desiderate und Perspektiven erschiene ein Handbuch zur Geschichte der Kindheit, von einer ganzen Reihe von Expertinnen und Experten verfasst, oder eine Kindheitsgeschichte Ostmitteleuropas wünschenswert. Insofern sei der vorliegende Band als Impuls verstanden und für Studierende empfohlen. Vielleicht sieht sich Martina Winkler ermutigt, sich europäisch auf dem weiten Themenfeld noch stärker zu vernetzen und dann - auch mit motivierten, neugierigen Studierenden - dieses in Teilen und an Teilthemen Ostmitteleuropas in den kommenden Jahren zu vertiefen.

Einen anderen forschungsstrategischen Zugriff auf Kindheiten wählen Elke Kleinau und Ingvill C. Mochmann. Wissenschaftlich überzeugend, weil auf bereits intensiver Arbeit und kollegialen Vernetzungen aufbauend, haben sie 2015 in Köln eine Konferenz zum Thema "Besatzungskinder und Wehrmachtskinder - Auf der Suche nach Identität und Resilienz" organisiert, deren Ergebnisse in dem Sammelband "Kinder des Zweiten Weltkrieges. Stigmatisierung, Ausgrenzung, Bewältigungsstrategien" dokumentiert werden. [4] Einige Expertinnen und Experten, die bereits 2015 an einem Band zu Besatzerkindern mit Schwerpunkten Deutschland und Österreich mitgewirkt haben, sind auch an dem Konferenzband 2017 beteiligt, der den Blick auf nach wie vor bestehende Forschungsdesiderate richtet. Es werden Erfahrungsgruppen in dem breiten Spektrum der "Kinder des Krieges" berücksichtigt, die bislang eher weniger untersucht worden sind. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen außerdem durchaus positive Lebensnarrative von "Kindern des Krieges": die lebensgeschichtliche Integration von Kindheits- und Adoleszenzerfahrungen, sowie solche schützenden, stabilisierenden Faktoren, auf die sie trotz belastender Lebensumstände aufbauen konnten, und die in den Psychowissenschaften häufig unter dem Stichwort "Resilienz" zusammengefasst werden.

"Kinder des Krieges", so betonen die Herausgeberinnen in der Einleitung, sind keineswegs mit "Kriegskindern" gleichzusetzen. Erstere sind vielmehr Kinder, die "Besatzungssoldaten mit einheimischen Frauen [...] gezeugt" haben. "Für den zweiten Weltkrieg gilt das sowohl für Soldaten der deutschen Wehrmacht in den okkupierten Gebieten als auch für Angehörige der alliierten Streitkräfte (sowjetische, britische, amerikanische, französische)." (13) Die Autorinnen und Autoren "fragen, wie die Kinder ihre widrigen Lebensumstände bewältigten, die einerseits eine gesunde psychische Entwicklung erheblich erschweren konnten, andererseits aber auch gerade in der Auseinandersetzung mit ihnen zur Entwicklung psychischer Widerstandskraft beitragen konnten." (16) Sie interessieren sich zudem für ihre rückblickende subjektive "Lebenszufriedenheit". [5] Zurecht betonen die Herausgeberinnen, wie schwierig es für Forscherinnen und Forscher unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen ist, sich über Begriffe wie "Identität" oder "Resilienz" zu verständigen. Leider belassen sie es bei dem Hinweis darauf, ohne einleitend zu erklären, auf welche Definitionen und auf welche maßgebliche Literatur sich die Konferenzbeteiligten verständigt haben. (25)

Der Band ist in sechs Kapitel gegliedert, von denen sich drei Abschnitte "Kinder des Krieges", ihrem Aufwachsen und den lebenslangen Auswirkungen ihrer belasteten Kindheiten facettenreich aus der Sicht verschiedener Wissenschaftsdisziplinen widmen, zunächst aus geschichtswissenschaftlicher, dann aus psychologischer und politikwissenschaftlicher, schließlich aus jener der Biografieforschung. Ein fünftes Kapitel erweitert die Perspektiven über die Besatzerkinder hinaus, zum Beispiel mit kurzen Einblicken in jüdische Flüchtlingskindheiten oder solche der Quislinge, (Kinder aus norwegischen Familien, die mit den Deutschen kollaborierten), für die die zentralen Fragestellungen auf jeden Fall sinnvoll sind. Ein letztes Kapitel gilt dem nachdenklichen Brückenschlag der Herausgeberinnen vom Zweiten Weltkrieg in die Gegenwart und Überlegungen, wie aus dem gewonnenen Wissen für die Gegenwart zu lernen sei, und zwar politisch, in der Forschung und auf dem Feld praktischer Hilfestellungen.

Hilfreich im Sinne von Resilienz, so lässt sich zusammenfassen, erwiesen sich wohl oft Umgebungen, die einen sicheren Rückhalt darstellten und Menschen, die Orientierung und Halt gaben. Dafür gibt es in der vorliegenden Publikation eine ganze Reihe von Beispielen, die vorzustellen den Rahmen der Rezension sprengen würden. Verwiesen sei lediglich stellvertretend auf den Beitrag von Andrea Meckel, Ingvill C. Mochmann und Martin Miertsch zu norwegischen Besatzungskindern und den Aufsatz Elke Kleinaus und Rafaela Schmids zu elternlosen Kindheiten.

Wie in den meisten Sammelbänden sind nicht alle Beiträge gleichermaßen überzeugend, indes erweisen sich Beteiligungen an solchen Projekten nicht zuletzt für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Chance, ihre noch in den Anfängen befindlichen Studien vorzustellen. Die Bandbreite der Erfahrungen und Prägungen jüdischer Kriegskinder- und Kriegsjugendlicher, die durch Flucht und Emigration ihr Leben retten konnten, lässt sich in dem Beitrag von Daniela Reinhardt zu "Erinnerungen jüdischer Flüchtlingskinder an ihre Schulzeit im englischen Exil" allenfalls erahnen, zumal er nicht mit grundlegender Literatur gerahmt wird. Kritisch anzumerken wäre auch, dass in der Einleitung Hinweise auf wichtige, in der langjährigen Kriegskinderforschung kritisch und kontrovers diskutierte Resilienzforschungen fehlen. [6]

Insgesamt gesehen jedoch ist der Konferenzband nicht zuletzt aufgrund der Frage nach positiven Lebensbilanzierungen und protektive Faktoren im Leben von "Kindern des Krieges" eine wichtige Ergänzung bisheriger Forschungen und sei unbedingt zur Lektüre empfohlen.

Es gibt nach wie vor, wie an den beiden hier rezensierten Publikationen deutlich wird, zweifellos noch viele offene Fragen auf einer ganzen Reihe von Feldern der Kindheitenforschung. Ein Handbuch zur Kindheitengeschichte wäre, wie oben angedeutet, ebenso als Großprojekt denkbar wie beispielsweise eine nach wie vor ausstehende Bibliografie der Fachliteratur aus den unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen, die mit Kindheiten im Zweiten Weltkrieg und deren Folgen in der Nachkriegszeit befasst sind. Und schließlich: Nach wie vor sind - und dies ist die Grundlage jeder historischen Forschungsarbeit - immer wieder Quellen zu entdecken und auszuwerten, die bislang so gut wie keine Beachtung in wissenschaftlichen Studien gefunden haben. [7]


Anmerkungen:

[1] https://docupedia.de/zg/Winkler_kindheitsgeschichte_v1_de_2016, zuletzt aufgerufen am 29.09.2017.

[2] Zum Beispiel: Hartmut Radebold / Werner Bohleber / Jürgen Zinnecker (Hgg.): Transgenerationale Weitergabe kriegsbelasteter Kindheiten. Interdisziplinäre Studien zur Nachhaltigkeit historischer Erfahrungen über vier Generationen, Weinheim / München 2008.

[3] Alexander Denzler / Stefan Grüner / Markus Raasch (Hgg.): Kinder und Krieg. Von der Antike bis in die Gegenwart, Berlin / Boston 2016. Siehe auch: Barbara Stambolis: Aufgewachsen in "eiserner Zeit". Kriegskinder zwischen Erstem Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise, Gießen 2014.

[4] Vgl. sehepunkte 16 (2016), Nr. 2 zu: Barbara Stelzl-Marx / Silke Satjukow (Hgg.): Besatzungskinder. Die Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich und Deutschland, Wien / Köln / Weimar 2015.

[5] Vgl. Bilanzierende Lebenserzählungen: "Vom guten Spiel mit schlechten Karten", in: Barbara Stambolis: Töchter ohne Väter, Stuttgart 2012, 158-176.

[6] Insa Fooken / Jürgen Zinnecker (Hgg.): Trauma und Resilienz. Chancen und Risiken lebensgeschichtlicher Bewältigung von belasteten Kindheiten, Weinheim / München 2007.

[7] Zum Beispiel: Dorothy Macardle: Children of Europe. A Study of the Children of Liberated Countries: Their War-time Experiences, their Reactions, and their Needs, with a Note on Germany, London 1951. Siehe dazu demnächst Barbara Stambolis: Die Praxis britischer Jugendarbeit in Westfalen: Erziehung durch Begegnung, im Druck.

Rezension über:

Martina Winkler: Kindheitsgeschichte. Eine Einführung, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2017, 240 S., 32 s/w-Abb., ISBN 978-3-525-30106-7, EUR 35,00

Elke Kleinau / Ingvill C. Mochmann (Hgg.): Kinder des Zweiten Weltkrieges. Stigmatisierung, Ausgrenzung, Bewältigungsstrategien, Frankfurt/M.: Campus 2016, 311 S., 9 s/w-Abb., 9 Tabl., ISBN 978-3-593-50569-5, EUR 39,95

Rezension von:
Barbara Stambolis
Münster
Empfohlene Zitierweise:
Barbara Stambolis: Aktuelle Publikationen zur Kindheiten-Forschung (Rezension), in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 11 [15.11.2017], URL: http://www.sehepunkte.de/2017/11/30763.html


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