sehepunkte 17 (2017), Nr. 9

Jan Schleusener: Raub von Kulturgut

Das Projekt begann mit einem Zufallsfund: Im Jahr 2007 stieß man bei Bauarbeiten im Münchner Stadtmuseum auf eine Akte in einem Büromöbel, das offensichtlich seit Jahren nicht mehr verwendet worden war. Statt wie alle anderen Schriftgüter den ordentlichen Weg in die Archive zu nehmen, schlummerte die Mappe mit der Aufschrift "Ehemaliger Judenbesitz. Wiedergutmachungsakt" über Jahrzehnte unentdeckt im Zentrum der bayerischen Landeshauptstadt.

Tatsächlich wird man die Dokumentensammlung wohl als kleinen Sensationsfund bezeichnen können, belegt sie doch nichts anderes als die "einzige Kunstraubaktion dieser Größenordnung auf dem Gebiet des 'Altreichs'", wie der Autor hervorhebt (200). Dass sich diese Raubaktion in München, der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung" und der "Hauptstadt der deutschen Kunst" ereignete, kann zunächst kaum überraschen. Nur wenige Städte spielten für die nationalsozialistische Bewegung und deren Massenverbrechen eine derart herausgehobene Rolle wie München. Nur wenige Städte haben aber auch das Interesse der Forschung so auf sich gezogen, wie eben diese Stadt. Das gilt für die Geschichte der NSDAP, der Kommunalverwaltung und der Judenverfolgung, aber eben auch für die Lokalgeschichte des Raubes im engeren Sinne [1]. Es ist daher ein besonderes Verdienst der insgesamt überzeugenden Studie Schleuseners, den Aktenfund in einen analytischen Rahmen gestellt zu haben, der das vielschichtige Bild der NS-Geschichte Münchens um einige bemerkenswerte Schattierungen ergänzt.

Der Autor nähert sich dem Thema Raub von Kulturgut in fünf Kapiteln, die die Studie chronologisch und systematisch untergliedern. Ausgehend von der Vorgeschichte der "Beschlagnahme" (Kap. 1) setzt sich Schleusener mit den Ereignissen selbst sowie mit den involvierten Tätern (Kap. 2-4) auseinander und beleuchtet abschließend die Nachkriegsgeschichte (Kap. 5), die "Zweite Geschichte der Beschlagnahme", wie sie der Autor in Anlehnung an Peter Reichel bezeichnet.

Es ist Schleusener dabei ein besonderes Anliegen, die singuläre Münchner Aktion in den breiteren Kontext der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Kunstraubpolitik zu stellen und die Leitfragen nach Tätern, Opfern und Profiteuren sowie deren Beziehungsgeflecht im Rahmen einer "Gesellschaftsgeschichte von Verfolgung und Antisemitismus im Bereich der Kunst" zu beantworten. Der "integrierte Ansatz" bezieht die Perspektive der Betroffenen und deren Perzeption der Ereignisse als zentrale Elemente in die Studie mit ein, sofern die schwierige Quellenlage das überhaupt zulässt.

Folgerichtig beschäftigt sich der Autor zunächst mit allgemeinen Parametern der antisemitischen Verfolgungs- und Kommunalpolitik im Nationalsozialismus, bevor er sich den Bedingungen des Raubes von Kulturgut und insbesondere der Beschlagnahme von "entarteter" Kunst zuwendet. Allein in München fielen in diesem Kontext fast 20.000 Werke in die Hände von Tätern und Profiteuren, die das Kunst- und Kulturgut zum Teil "verwerteten", zum Teil aber auch als "wertlos" abstempelten und vernichteten. Wie so viele andere Plünderungen auch stand die Aktion Kunstraub in der bayerischen Landeshauptstadt im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Pogrom vom 9. November 1938, der in vieler Hinsicht noch bestehende Dämme gegen eine radikale Verfolgung und Ausplünderung der jüdischen Minderheit brechen ließ. Innerhalb von "wenigen Tagen und Wochen" (63) stellte die Gestapo unter Mithilfe von Kunstsachverständigen in 69 jüdischen Haushalten Kunst- und Kulturgegenstände sicher - in Abwesenheit der Eigentümer, die man häufig in das Konzentrationslager Dachau verschleppt hatte. Die dort herrschenden, menschenunwürdigen Haftbedingungen dienten dann gezielt als Druckmittel, um Vermögensübertragungen mit der erzwungenen Zustimmung der Opfer scheinlegal abzuwickeln.

Der Münchner Sonderfall ermöglicht es Schleusener, den für den Raub jüdischen Vermögens durchaus typischen breiten Kreis an Tätern und Profiteuren exemplarisch aufzuzeigen. Lokale Beamte und Parteifunktionäre waren genauso involviert wie höchste Funktionsträger bis hin zu Hitler selbst, der sich in Kunstsachen ein besonders weitreichendes Mitspracherecht hatte einräumen lassen. Die Gestapo war ebenso beteiligt wie Angehörige der Reichskulturkammer, der NSDAP-Gliederungen, Museumsdirektoren, Kunstsachverständige oder die Reichsfinanzverwaltung, deren Eingreifen gleichzeitig die Grenzen der Durchsetzungsfähigkeit regionaler Akteure markierte (88). Dabei nimmt der Autor auch Akteure in den Blick, die zwar nicht direkt zu den Tätern zählten, aber dennoch vom Raub jüdischen Vermögens, etwa im Rahmen von Versteigerungen, profitierten. Und er zeigt das vielfältige Spektrum an Handlungsoptionen der Beteiligten auf, das von einer Schrittmacherfunktion über Handlangerdienste bis hin zur Teilnahmeverweigerung reichen konnte. Letztere gab es freilich nur im absoluten Ausnahmefall und nicht etwa aufgrund von Empathie mit den Betroffenen, sondern aus ökonomischen Gründen, wie Schleusener hervorhebt.

Für die Betroffenen variierten die Erfahrungen je nach entzogenen Gegenständen, Alter, Vermögensverhältnissen oder sozialem Hintergrund, auch wenn der Kunstraub für alle mindestens einen einschneidenden Verlust von "kultureller Identität" und "kultureller Heimat" bedeutete (202). Während einige die Entziehung bereits psychisch gebrochen und in apathischer Regungslosigkeit erdulden mussten, trieb die Plünderungsaktion andere auch direkt in die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten, da ihnen der Vermögensverlust jede Chance auf Emigration nahm und sie dadurch endgültig in den Teufelskreis aus Verfolgung, Plünderung, Verarmung, Ghettoisierung und Ermordung gerieten (159). Einige wenige der überlebenden Verfolgungsopfer schließlich wagten bereits in den 1940er Jahren einen Neuanfang in Bayern, etwa Otto Bernheimer, der zu den ersten Münchner Remigranten zählte (188).

Die Geschichte nach 1945 ist in dieser Studie mehr als ein bloßer Appendix. Durch die Analyse der Spruchkammer- und Wiedergutmachungsverfahren versucht der Autor, die Genese der unterschiedlichen Narrative aufzuzeigen, die in der Nachkriegszeit entstanden. Sie tragen zum Verständnis der Frage bei, warum die Rückerstattung der geraubten Kunst- und Kulturgüter bis heute virulent ist. Mit wohltuender Nüchternheit analysiert Schleusener die verschiedenen Aufarbeitungsversuche. Er widersteht der Versuchung, angesichts der durchaus vorhandenen Härten die komplizierten Rückerstattungsverfahren gleichsam als "zweite Verfolgung" polemisch abzuqualifizieren, wie das in anderen Studien bereits geschehen ist [2]. Angesichts der häufig ausgesprochen milden Urteile in den Entnazifizierungsverfahren gelingt es dem Autor dennoch, dem Leser jenen faden Beigeschmack zu vermitteln, den die zum Teil ausgesprochen schnelle Integration ehemaliger Täter in die bundesrepublikanische Lebens- und Arbeitswelt hinterlässt.

Kleinere Schwächen in Ansatz und Aufbau können den positiven Eindruck, den die Studie hinterlässt, nicht wesentlich mindern. So nehmen die ausführlichen Lebensläufe der Täter und Akteure etwa ein Viertel der gesamten Studie ein, ohne dass die Relevanz einzelner biografischer Stationen für den Raub klar zur Geltung kommt. An dieser Stelle hätte eine Straffung der Publikation gut getan. Für das Verständnis der Münchner Raubaktion hätte zudem ein kürzerer Verweis auf die vorangegangenen Plünderungen in Wien wohl gereicht. Fraglich bleibt schließlich, ob nicht der Begriff der "erweiterten Gestapo" im vorliegenden Zusammenhang den breiten Täter- bzw. Akteurskreis und die vielschichtigen Beteiligungsgrade und Handlungsmotive nicht eher verdeckt als analysieren hilft. Im Gesamturteil bleibt es aber dabei: Schleuseners Studie ist eine insgesamt überzeugende und lesenswerte Analyse einer besonderen Raubaktion in der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung". Sie ergänzt die Geschichte Münchens im "Dritten Reich" und die Geschichte des Raubes von Kulturgut um wichtige Aspekte.


Anmerkungen:

[1] Stellvertretend für die zahlreichen Studien zur "Arisierung", fiskalischen Verfolgung, Deportation oder der Kommunalverwaltung in München sei hier das Projekt München im Nationalsozialismus. Kommunalverwaltung und Stadtgesellschaft hgg. von Andreas Heusler u.a. genannt: Bspw.: Annemone Christians: Amtsgewalt und Volksgesundheit. Das öffentliche Gesundheitswesen im nationalsozialistischen München, Göttingen 2013; vgl. auch den profunden Katalog des NS-Dokumentationszentrums: Winfried Nerdinger (Hg.): München und der Nationalsozialismus, München 2015.

[2] So etwa Christian Pross: Wiedergutmachung. Der Kleinkrieg gegen die Opfer, Berlin 2001.

Rezension über:

Jan Schleusener: Raub von Kulturgut. Der Zugriff des NS-Staats auf jüdischen Kunstbesitz in München und seine Nachgeschichte (= Bayerische Studien zur Museumsgeschichte; Bd. 3), Berlin: Deutscher Kunstverlag 2016, 223 S., 76 s/w-Abb., ISBN 978-3-422-07366-1, EUR 49,90

Rezension von:
Axel Drecoll
Institut für Zeitgeschichte München - Berlin
Empfohlene Zitierweise:
Axel Drecoll: Rezension von: Jan Schleusener: Raub von Kulturgut. Der Zugriff des NS-Staats auf jüdischen Kunstbesitz in München und seine Nachgeschichte, Berlin: Deutscher Kunstverlag 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 9 [15.09.2017], URL: http://www.sehepunkte.de/2017/09/30799.html


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