sehepunkte 17 (2017), Nr. 6

Monika Polit: Mordechaj Chaim Rumkowski - Wahrheit und Legende

Judenräte und ihr Handeln waren und sind sehr umstritten. Bereits zu Lebzeiten, während ihres Handelns in den Gettos standen sie im Kreuzfeuer der Kritik, schwankten die Urteile der Zeitgenossen zwischen Verdammung und Bewunderung. Nach dem Krieg wurden über die Einschätzung ihrer Handlungsspielräume und ihrer Strategien erbitterte, lange Zeit vor allem innerjüdische, Debatten geführt. Hierauf machen Hans-Jürgen Bömelburg und Jürgen Hensel in ihrem instruktiven einführenden Aufsatz zur deutschen Übersetzung des Buches von Monika Polit aufmerksam.

Daher ist es fast etwas verwunderlich, dass es so lange gedauert hat, bis erste empirische biografische Arbeiten zu den prominentesten Judenratsvorsitzenden Czerniaków [1] und Rumkowski vorliegen. Im Falle Rumkowskis ist dies besonders erstaunlich, da dieser einer der wohl umstrittensten jüdischen Funktionsträger war und ist. Mit Monika Polits 2012 auf Polnisch und nun in deutscher Übersetzung vorliegender Studie, die in Polen bereits für Diskussionen gesorgt hat [2], ist diese Lücke zwar nicht gefüllt, aber doch ein Anfang gemacht worden.

Die Warschauer Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin aus dem Jiddischen präsentiert eine emphatische Revision verbreiteter Rumkowski-Bilder, indem sie vor allem Rumkowskis Vorkriegsbiografie heller ausleuchtet als die gesamte Forschung vor ihr. So kann sie das starke Engagement Rumkowskis in der Jüdischen Gemeinde in Łódź sowie seine soziale Arbeit im Bereich der Waisenfürsorge neben seiner eigentlichen Tätigkeit als Fabrikant ausführlich und aufschlussreich darlegen.

Nach diesem ersten, Neues zutage fördernden Teil gibt es einen Bruch in der Studie, verlässt Polit jedoch den Pfad einer empirisch gesättigten biografischen Darstellung. Sie wechselt die Perspektive und begibt sich auf Spurensuche nach dem Persönlichkeitsbild von Rumkowski, wie es sich in seinen Reden, in der Getto-Chronik, in Briefen an ihn sowie in der Literatur manifestiert. Anfangs gelingt es Polit, vor allem im Abschnitt über Rumkowskis Reden, Wurzeln seines Handelns beziehungsweise Redens im Getto in seinen zionistischen Grundüberzeugungen, die aus der Zwischenkriegszeit herrühren, freizulegen.

Im weiteren Verlauf der Studie allerdings verliert sie den historischen Kontext und auch Quellen, die ihre Sicht nicht stützen, mehr und mehr aus dem Blick. Briefe, Bittschreiben und Dankesbekundungen an Rumkowski sind sicherlich ein interessanter und bei Weitem noch nicht ausgeschöpfter Quellenfundus. Der Aussagewert der Passagen über diese Dankesbriefe, Hochzeitseinladungen oder Einladungen zum Beschneidungsfest und Ähnlichem für das Profil Rumkowski ist allerdings marginal, weil in allen Fällen der zur Einordnung und zum besseren Verständnis notwendige Kontext fehlt. Überdies waren solche Schreiben im Getto extrem interessegeleitet - man wollte ja etwas vom Judenältesten - und sagen daher allenfalls etwas darüber aus, was nach Einschätzung der Gettobewohner Rumkowski wohl hören beziehungsweise lesen wollte, um ihn ihren Anliegen gewogen zu stimmen. Angesichts mancher Inhalte stellte sich dem Rezensenten mit einem gewissen Unbehagen auch die Frage, ob solche Zeugnisse wirklich mit dem vollen Namen der Absender publiziert werden müssen.

Der Holocaust und die spezifische Position von Lodz / Litzmannstadt und Rumkowski bleiben in den drei auf die Zeit des Gettos bezogenen Kapitel insgesamt schwach bis gar nicht ausgeleuchtet; allerdings ist die Autorin auch Literaturwissenschaftlerin und erhebt selbst gar nicht den Anspruch, eine geschichtswissenschaftliche Biografie schreiben zu wollen. Doch auch und gerade wenn man dies berücksichtigt, zeigen sich weitere Schwachstellen des Buches im Kapitel über das Rumkowski-Bild in der Literatur. So legt Polit mitunter falsche Maßstäbe an literarische Werke an, etwa wenn sie Arnold Mostowicz, einem Überlebenden des Gettos, vorwirft, er habe für seine Erzählung (!) keine biografischen Nachforschungen zu Rumkowski angestellt. [3] Sein Werk sowie das von Adolf Rudnicki zieht Polit ohnehin nur pflichtschuldig heran. Sie berücksichtigt dabei nur jene Ausschnitte, die sie mit überzogener Polemik belegt, und lässt den Leser weitgehend im Unklaren, worum es in diesen Werken geht.

Vom Inhalt von Andrzej Barts "Fliegenfängerfabrik" [4] erfährt man zwar weitaus mehr, doch auch hier vergisst Polit, dass sie es mit einem Roman und nicht mit einer geschichtswissenschaftlichen Dissertation zu tun hat. So kritisiert sie, aus dem Roman ergebe "sich leider nichts Neues, denn jeder, der sich für die Egodokumente aus dem Getto Litzmannstadt interessiert, weiß schließlich seit Langem, welcher Ansicht über Rumkowski der Beamte Jakub Poznański war, und welcher der im Ghetto verhungerte, junge linke Idealist Dawid Sierakowiak" (224). Von ihrem methodisch fragwürdigen Ansatz vollkommen fehlgeleitet kommt sie so auch zu der polemischen Kritik, der Roman sei "ein kümmerliches, plattes Ergebnis voller faktografischer Fehlgriffe" (226). Eine Steigerung ins Absurde erfährt eine solche gleichermaßen unnötige wie im Hinblick auf literarische Werke unqualifizierte Polemik in Monika Polits Beurteilung des Romans "Die Elenden von Łódź" des schwedischen Schriftstellers Steve Sem-Sandberg. [5] Ihm wirft sie, einen Kollegen zustimmend zitierend, "effekthascherische Geschichtsfälschung" (232) vor, die sie vor allem in "den grell überzogen und verlogen dargestellten sexuellen Exzessen, die Rumkowski begangen haben soll" (ebd.) am Werke sieht. Ganz gleich wie man Sem-Sandbergs Roman oder die den kritisierten Passagen zugrundeliegenden Erinnerungen von Lucille Eichengreen [6] auch beurteilen mag, kann von "Geschichtsfälschung" oder "verlogen" in einem primär literaturwissenschaftlichen Diskurs über ein literarisches Werk eigentlich keine Rede sein, ohne dass dies disqualifizierend auf die Verfasserin zurückverweist.

Der zentrale Schwachpunkt des Buches liegt sicherlich darin, dass sich Polit nicht entscheiden konnte, ob sie eine Biografie oder eine literaturwissenschaftliche Studie schreiben wollte. Letztlich wird sie daher weder dem einen noch dem anderen gerecht, zumal der literaturwissenschaftliche Teil für sich gravierende basale Mängel aufweist. Eine Studie über Praxis und Spielräume des Handelns Rumkowskis im Getto Lodz / Litzmannstadt auf empirischer Basis erscheint daher nach der Lektüre von Polits Studie als ein noch drängenderes Desiderat als zuvor.


Anmerkungen:

[1] Marcin Urynowicz: Adam Czerniaków 1880-1942. Życie i działalność, Warszaw 2009.

[2] Exemplarisch sei hier verwiesen auf die Beiträge von Michał Głowiński, Andrea Löw und Agnieszka Żółkiewska, in: Zagłada Żydów 9 (2013).

[3] Arnold Mostowicz: Był sobie król, in: ders.: Żółta gwiazda i czerwony krzyż, Warszawa 1988, 113-126.

[4] Andrzej Bart: Die Fliegenfängerfabrik, Frankfurt/M. 2011.

[5] Steve Sem-Sandberg: Die Elenden von Łódź. Roman, Stuttgart 2011.

[6] Lucille Eichengreen: Von Asche zum Leben. Erinnerungen, Hamburg 1992; dies.: Rumkowski, der Judenälteste von Lodz. Autobiographischer Bericht, Hamburg 2000.

Rezension über:

Monika Polit: Mordechaj Chaim Rumkowski - Wahrheit und Legende (= Klio in Polen; 18), Osnabrück: fibre Verlag 2017, 271 S., ISBN 978-3-944870-02-1, EUR 29,80

Rezension von:
Markus Roth
Arbeitsstelle Holocaustliteratur, Justus-Liebig-Universität, Gießen
Empfohlene Zitierweise:
Markus Roth: Rezension von: Monika Polit: Mordechaj Chaim Rumkowski - Wahrheit und Legende, Osnabrück: fibre Verlag 2017, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 6 [15.06.2017], URL: http://www.sehepunkte.de/2017/06/23246.html


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