Rezension über:

Julian Jachmann: Von Serlio bis Ledoux. 'Differenz und Wiederholung' in seriellen Publikationen zur französischen Wohn- und Residenzarchitektur (= Kölner Architekturstudien; 91), Köln: Kunsthistorisches Institut, Abteilung Architekturgeschichte 2016, 2 Bde., 700 S., 118 s/w-Abb., ISSN 0640-7812, EUR 40,00

Rezension von:
Sabine Frommel
École Pratique des Hautes Études, Paris
Redaktionelle Betreuung:
Kristina Deutsch
Empfohlene Zitierweise:
Sabine Frommel: Rezension von: Julian Jachmann: Von Serlio bis Ledoux. 'Differenz und Wiederholung' in seriellen Publikationen zur französischen Wohn- und Residenzarchitektur, Köln: Kunsthistorisches Institut, Abteilung Architekturgeschichte 2016, in: sehepunkte 17 (2017), Nr. 6 [15.06.2017], URL: http://www.sehepunkte.de
/2017/06/29448.html


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Julian Jachmann: Von Serlio bis Ledoux

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Die Studie konzentriert sich auf die Entwicklung serieller Drucke in Frankreich innerhalb von 250 Jahren und versucht, Ordnungskriterien herauszukristallisieren, wie Wissen reproduziert, vermittelt und kanonisiert wurde. Die Reihe der Werke wird als ein kohärentes historisches Phänomen betrachtet, zu dessen Deutung "Différence et répétition", das Hauptwerk des Philosophen Gilles Deleuze aus dem Jahr 1968 herangezogen wird. Dieser machte das Verhältnis von Wiederholungen und Unterschieden zur Grundlage seines metaphysischen Systems und geht von einer dynamisch-prozessualen Interdependenz aus. Jachmann zeigt ein enges und reiches Geflecht von Relationen und Analogien: die spannende wechselseitige Befruchtung zwischen Architekturpublizistik, Philosophie und historischen Diskursen. Er leistet so einen Beitrag zur Geschichte der Wissenschaft und der Erkenntnistheorie.

Das Kapitel "Rekonstruktion eines historischen Publikationsformates" beleuchtet die Darstellungsmethoden, den Dialog von Text und Zeichnung wie auch die in den jeweiligen Werken vorherrschenden Prinzipien. Die wachsende Koordinierung des Materials, die Optimierung der Vermittlungstechniken, der Umbruch vom Holzschnitt zum Tiefdruck sind Antriebskräfte aufschlussreicher Veränderungen.

Den Ausgangspunkt bilden Sebastiano Serlios Sechstes und Siebentes Buch, die der Bolognese nach Ankunft am Hofe Franz I. im Jahr 1541 konzipierte und die von den folgenden französischen Publikationen rezipiert und mit lokalen Entwicklungen in Einklang gebracht wurden. Serlio bedient sich klar koordinierter Zeichnungen in zweidimensionalen Projektionen, die, Raphaels Empfehlungen in seinem Brief an Leo X. aus den Jahren 1518-1519 folgend, aus einer Trias von Grundriss, Aufriss und Schnitt bestehen. Sie nehmen stets Rücksicht auf die serielle Struktur des Gesamtwerks und sind von lakonischen allgemeinverständlichen Erläuterungen begleitet.

Jacques Androuet du Cerceau schließt an dieses Modell an. Er stellte den ökonomischen Standpunkt der Baupraxis in den Mittelpunkt und zielte auf eine größere Bedeutungsdichte und Steigerung der Anschaulichkeit. Ganz andere Prioritäten verfolgte der Protestant Jacques Perret im Traktat Des fortifications et artifices (1601), bei dem es um die Einbindung von Wohnbauten in befestigte Städte nach den Religionskriegen geht. Die dreidimensionale Aufsicht wirkt hier wie ein Puppenhaus, das man nach Art eines Architekturmodells stockwerksweise auseinandernehmen und in verschiedenen Zuständen betrachten kann. Die Manière de bien bastir pour toutes sortes de personnes des Pierre Le Muet (1623) benutzt Grundstücksgröße und materialökonomische Kriterien als Richtlinien und bemüht sich, standardisierte Balkenspannbreiten auf geschlossene Grundrissbilder abzustimmen.

Nachdem die Prinzipien der 1671 gegründeten Académie Royale d'Architecture andere Prioritäten verfolgt hatte, setzte erst mit Claude Jomberts Architecture moderne ou l'art de bâtir pour toutes sortes de personnes (1728) und der Art de bâtir des maisons de campagne (1743) des Charles-Etienne Briseux eine neue Folge ein, wobei letztere durch das konsequente Ordnungsraster, das sich auf eine Abstimmung von Kapitel- und Serienstruktur gründet, neue Zeichen setzt. Einen Höhepunkt erreichte Jean-François de Neufforge im Recueil élémentaire d'Architecture (1757-1780), der das hierarchische Raster von Säulenordnungen mit der Grundstücksbreite von Wohnbauten in ein harmonisches Verhältnis bringt.

Ein Umschwung schlägt sich deutlich in Louis-Ambroise Dubuts Architecture Civile (1803) und Claude-Nicolas Ledoux' Architecture considérée sous le rapport de l'art, des mœurs et de la législation (1. Band 1804 publiziert) nieder. Durch die Plastizität der Perspektiven antwortet Ledoux sensualistischen Tendenzen, während die Vogelschau aus dem urbanistischen Fluchtpunkt seiner utopischen Argumentation entspricht. Einen Bruch führte Jean-Nicolas-Louis Durand herbei, der an seine Lehrerfahrungen an der École polytechnique gebunden ist. Im Recueil et parallèle des édifices de tout genre (1799-1801) stellt jede Tafel in Form einer Synopse eine besondere Kategorie von Bauten der Geschichte und der Gegenwart dar, deren Systematik durch orthogonale Projektionen und einen einheitlichen Maßstab gesteigert ist.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Entwicklung von Distributionen, in denen sich die Veränderungen des Zeremoniells und sozialen Lebens widerspiegeln, und dies nicht nur bei den Funktionen der einzelnen Räume und deren Beziehungen untereinander, die dem wachsenden Bedürfnis nach Kommodität gehorchen, sondern auch im Wandel des Verhältnisses von Privatheit und Öffentlichkeit. In den Serien treten interessante Komponenten wie das Aufeinanderabstimmen von Distribution und Grundrissästhetik, die Rolle der Symmetrie als formales Prinzip, Entwurfsverfahren oder auch inhärentes Wachstumsgesetz, die Korrespondenz von innen und außen und das Ideal des frei aufragenden Baukörpers an die Oberfläche. Die Beispiele fordern den Rezipienten durch eine unerschöpfliche Vielfalt möglicher Lösungen zu neuen Kombinationen auf und begünstigen die Geschmacksbildung.

Das Vierte Kapitel "Wissensfelder-Wissensformen" legt das Augenmerk auf die Ordnungsmuster dieser Werke und lotet Gemeinsamkeiten mit ähnlichen Kategorien in geisteswissenschaftlichen Disziplinen aus. Serlio wird hier als gelehrter und theoretisch ambitionierter Autor vorgestellt. Die zweigleisige Darstellung der Entwürfe gemäß der französischen und italienischen Tradition soll an die frühneuzeitliche Theorie zum Verhältnis des Lateinischen zu zeitgenössischen Volkssprachen erinnern. Es werden Zusammenhänge mit der Topologie oder Topik aufgezeichnet, die in der aristotelischen Theorie der antiken Rhetorik verwurzelt sind und durch die Neuauflagen der Di invenzione dialectica des niederländischen Humanisten Rudolf Agricolas (1515) in Paris um 1540 eine starke Rezeption erfuhren.

Es wird hier erwogen, dass sich der Bolognese durch das Studium von De puplici copia rerum ac verborum commentarii duo des Erasmus von Rotterdam über das Thema der varietas in Kenntnis gesetzt habe, das er in seinen Traktaten souverän anwendet. Die entscheidende Frage ist allerdings, inwieweit man Serlios Traktat als autonome Leistung betrachten kann und bis zu welchem Grad hier nicht italienische Vorbilder dominieren.

Sein formales Vokabular wie auch das Vorhaben, einen mehrbändigen Traktat zu veröffentlichen, entstanden während seines Aufenthalts in Rom in den Jahren 1523/25 an der Seite seines Meisters Baldassarre Peruzzi. Das Sechste Buch, das architektonische Typologien gemäß dem sozialen Status bestimmt, ist im Traktat des Francesco di Giorgio, Peruzzis Lehrer, vorgebildet. Über diesen hätte Serlio auch von Leonardos Manuskript B (Institut de France) erfahren haben können, das aus einer Gruppe von zentralisierten und longitudinalen Kirchen besteht, die an einer typologischen und geometrischen Entwicklungsreihe partizipieren.

Auch hat er sich gewiss auf wissenschaftliche Traditionen seiner Heimatstadt Bologna und deren Universität gestützt, die spezifische Methoden der Taxonomie entwickelt hatten. Deren Überlieferung juristischer Glossen bereitete einen effizienten Dialog von Text und Bild vor, der dem illustrierten Traktat der Renaissance förderlich war. In Bologna hatte Serlio sich mit den mescolanze vertraut gemacht, architektonischen Mischformen, mit denen er auch später während seines dreizehnjährigen Aufenthalts in Venedig konfrontiert sein sollte. Hinzu tritt die autobiografische Komponente. Ein nicht unbedeutender Teil seiner Zeichnungen variiert seine eigenen Projekte und Realisationen (Schloss von Ancy-le-Franc, Hôtel du Grand Ferrare, Badepavillon in Fontainebleau, Neubau des Louvre), an denen er erfahren hatte, wie schwer sich die Bräuche Frankreichs und Italiens verbinden lassen.

Eine Reihe von Parallelen und Analogien, die Julian Jachmann aufzeigt, laden zum Weiterdenken ein. Bei du Cerceau ist dies die Beziehung zur höfischen Kultur oder, in seinem Spätwerk, zu den Essais von Michel de Montaigne (1572). Dennoch vermögen die theoretischen Klammern mit dem Denkgebäude des Gilles Deleuze, wie sie im Kapitel "Serialität und Differenz-Architektur und Wiederholung" ausgeführt werden, nicht recht zu überzeugen, angefangen beim Aleatorischen, das dem albertianischen Konzept des Gesamtkunstwerks widerspricht, in dem bis zum kleinsten Details alles von einem übergeordneten Prinzip bestimmt wird.

Auch ist der Vollständigkeitsanspruch der zitierten Autoren durchaus in ihrer eigenen Zeit verankert, vom universellen Theatrum eines Giulio Camillo über die großen Bauhütten der Renaissance bis hin zur Encyclopédie. So scheint das letzte Kapitel etwas unter dem Zwang der Schlüssigkeit zu leiden, auch wenn interessante Parallelen zwischen dem Werk des französischen Philosophen und den seriellen Publikationen neues Licht auf die Architekturpublizistik und -theorie der Neuzeit werfen. Leider erstarren einige Beobachtungen zu Befunden, die auf fragilem Boden stehen und die historischen Zeugnisse in eine andere Realität zwängen.

Sabine Frommel