sehepunkte 16 (2016), Nr. 11

Anne Dubet / Sergio Solbes Ferri (eds.): La construcción de la hacienda hispánica en el largo siglo XVIII

Die beherrschenden Themen der Finanzgeschichte waren bisher, nicht nur was die iberische Welt betrifft, vorwiegend die Mechanismen der Erhebung und der Eintreibung, sowie die Verwendung von Steuerzahlungen. In den vergangenen Jahren hat etwa die Forschung zum "Steuerstaat" die Entwicklung der staatlichen Prärogativen im fiskalischen Bereich in den Blick genommen und die schrittweise Ausweitung der staatlichen Kompetenzen von der frühneuzeitlichen Verpachtung der Steuereinziehung hin zu einer territorialisierten, verstaatlichten Steuerverwaltung analysiert. [1]

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt der vorliegende Sammelband. Die Autoren der zwölf Beiträge plädieren für eine weniger teleologische Betrachtung des Steuerwesens im Hinblick auf eine spätere, vermeintlich überlegene Organisation. Vielmehr soll durch eine stärkere Konzentration auf die Akteure und eine der jeweiligen Zeit angemessene Untersuchung ihrer Interessen und Handlungsspielräume eine dynamischere Geschichtsschreibung entstehen, die der Vielfalt der Kräfte, die den politischen Prozess des Ancien Régime prägten, eher gerecht wird.

Dazu ist es unerlässlich, wie die Autoren der ersten beiden Artikel über die französische Historiografie zu den gens de finance in der Frühen Neuzeit betonen, das Zusammenspiel von Monarchie und Kreditgebern von damaligen und auch von heutigen Werturteilen zu befreien und stattdessen die unentbehrliche Rolle, die diese Männer in der Fiskalverwaltung spielten, hervorzuheben. Denn in einer Zeit, in der es der Krone aufgrund der politischen Strukturen unmöglich war, detaillierte Informationen über die Finanzkraft in den Provinzen zu erlangen und im nächsten Schritt die Steuern einzutreiben, waren die Geschäftsleute in den Provinzen verlässlichere Partner als die zu besteuernden lokalen Eliten, denen naturgemäß an einer möglichst geringen Steuerlast gelegen war. Ständische und regionale Privilegien machten darüber hinaus eine Ausweitung der Steuerbasis unmöglich, sodass das private Kreditwesen in Zeiten eines erhöhten Geldbedarfs für die Krone weitgehend die einzige Finanzierungsmöglichkeit darstellte (Noël, Dedieu).

Die Verflechtung von privaten und "öffentlichen" Interessen war demnach Teil des Systems und wurde offenbar so lange nicht thematisiert, wie sich die privaten Gewinne aus dem Dienst an der Monarchie in einem gewissen Rahmen bewegten. Offenbar wurden diese Gewinne jedoch im Lauf der Zeit in dem Maße zunehmend als problematisch betrachtet, wie die Krone den Anspruch entwickelte, die private Steuereintreibung ihrer direkten Verwaltung zu unterstellen. Die hier vorliegenden Untersuchungen über die königlichen Intendanten in Valencia, denen es 1763 verboten wurde, Kommissionen von Kaufleuten anzunehmen, die Aufträge von der Krone erhielten (Franch Benavent), sowie über die Bemühungen um die Ersetzung der Steuerpächter durch staatliche Beamte (González Enciso) und auch über die Anschuldigungen gegen den Finanzminister López de Lerena Ende der 1780er-Jahre (Melón Jiménez) geben davon Zeugnis.

Den Kaufleuten standen jedoch auch in jener Zeit viele Wege offen, etwa durch Ämterkauf, auf verschiedenen Ebenen Teil der königlichen Steuerverwaltung zu werden. Francisco Andújar Castillo, der sich in den vergangenen Jahren verstärkt dem Thema der Korruption zugewandt hat [2], betont auch hier das Desiderat, die Akteure hinter den Finanz- und Wirtschaftsreformen näher zu betrachten, da viele dieser Reformen erst durch das Verständnis des Zusammenwirkens von privaten und königlichen Interessen nachvollziehbar würden.

In diesem Sinne werden im vorliegenden Band auf einer zweiten Ebene die Beziehungen und Verhandlungen der Krone mit den lokalen Eliten der Teilreiche, vor allem Neuspaniens, untersucht, in denen die Rolle der privaten ökonomischen Interessen greifbar gemacht werden. Da die Einführung neuer Steuern angesichts der vielfältigen persönlichen, aber vor allem auch der regionalen Privilegien ausschied, war die Krone ständig gezwungen, neue Zahlungen mit den lokalen Eliten auszuhandeln. Dedieu und Sánchez Santiró betonen dabei, dass die Tatsache, dass die Krone im 18. Jahrhundert nur selten die Cortes einberief, nicht bedeutete, dass man vom juristischen Grundsatz des consentimiento, das heißt, der grundsätzlichen Zustimmung des Volkes in Steuerangelegenheiten, abwich.

Die scheinbar unzureichende Durchsetzung des absolutistischen Machtanspruchs, der für das 18. Jahrhundert immer wieder hervorgehoben wird, erscheint im Licht dieser Darstellung als ein selbstverständlicher Prozess permanenter Verhandlungen und einer ständigen Anpassung der Politik an die lokalen Gegebenheiten. [3] Die entsprechenden Artikel des Sammelbandes führen dabei deutlich vor Augen, wie groß der Handlungsspielraum der lokalen Akteure in den sich oft Jahrzehnte hinziehenden Reformprozessen dabei war, und dass es meist sowohl der Krone gelang, ihre Interessen weitgehend durchzusetzen, als auch den Eliten, ihre Zugeständnisse an anderer Stelle zu kompensieren. Die Beiträge von del Valle Pavón, Celaya Nández und Sánchez Santiró über verschiedene Momente der "bourbonischen Reformen" in Neuspanien untersuchen in diesem Zusammenhang, wie die dortigen lokalen Eliten es verstanden, ihre Macht in den Verhandlungen mit der Krone so weit zu konsolidieren, dass sie die revolutionäre Epoche nach 1808 überdauern konnte.

Dass diese Verhandlungen nicht nur eine Angelegenheit der weiter entfernten Territorien waren, wie häufig konstatiert wird, sondern durchaus auch in den Provinzen der Iberischen Halbinsel gängige Praxis war (sogar über die vielzitierte Abschaffung der regionalen Privilegien in den Reichen der ehemaligen Krone von Aragón nach dem Erbfolgekrieg hinaus), zeigen die Beiträge von Franch Benavent über die fiskalischen Reformen im Valencia und von Solbes Ferri über die territorialen Privilegien im Spanien des 18. Jahrhunderts insgesamt. Gerárd Chastagnaret analysiert abschließend den schwindenden Handlungsspielraum der Monarchie im 19. Jahrhundert gegenüber den ökonomischen Eliten am Beispiel der Besteuerung der spanischen Minen.

Aus alledem ergibt sich ein dynamisches Bild des langen 18. Jahrhunderts, in dem viele Akteure den politischen Reformprozess prägten. Dies trägt nicht nur zu einer Bereicherung der Finanzgeschichte jenseits der rein technischen Dimension bei, sondern zeichnet insgesamt ein vielfältigeres Bild des Ancien Régime, das weit über die lange übliche Darstellung des bilateralen Ringens zwischen "absolutistischen" Bestrebungen der Krone und den lokalen Eliten hinaus weist. Andújar Castillo plädiert in diesem Kontext für eine Ausweitung der Quellenbasis von den offiziellen Dokumenten der Finanzverwaltung hin zu einer stärkeren Nutzung juristischer Quellen, wie etwa Notariatsprotokollen, oder von Privatarchiven, sowie für eine größere Zahl von Mikrostudien, die den Kenntnisstand über die betreffenden Akteure, ihre Interessen und Artikulationsmöglichkeiten ausweiten können. Der vorliegende Band gibt damit vielfältige Anstöße zu einer neuen Orientierung (nicht nur) der Finanzgeschichte, die weit über die spanische Welt hinausgehen und die in den nächsten Jahren noch viele interessante Ergebnisse bringen dürften.


Anmerkungen:

[1] Vgl. etwa Richard Bonney (ed.): The Rise of the Fiscal State in Europe, c. 1200-1815, Oxford 1999; Peter Rauscher / Andrea Serles / Thomas Winkelbauer (eds.): "Das Blut des Staatskörpers". Forschungen zur Finanzgeschichte der Frühen Neuzeit (= Historische Zeitschrift. Beihefte. Neue Folge; Bd. 56), München 2012.

[2] Francisco Andújar Castillo: El sonido del dinero. Monarquía, ejército y venalidad en la España del siglo XVIII, Madrid 2004; und neuerdings: Pilar Ponce Leiva / Francisco Andújar Castillo (eds.): Mérito, venalidad y corrupción en España y América, Madrid 2016.

[3] So wie es in der Forschung über das 17. Jahrhundert bereits seit Längerem geläufig ist, vgl. beispielsweise Anne Dubet: Hacienda, arbitrismo y negociación política. Los proyectos de erarios públicos y Montes de Piedad en los siglos XVI y XVII, Valladolid 2003; Arrigo Amadori: Negociando la obediencia: gestión y reforma de los virreinatos americanos en tiempos del conde-duque de Olivares (1621-1643), Sevilla 2013.

Rezension über:

Anne Dubet / Sergio Solbes Ferri (eds.): La construcción de la hacienda hispánica en el largo siglo XVIII. Mélanges de la Casa de Velázquez, Madrid: Casa de Velazquez 2016, 309 S., 9 s/w-Abb., ISBN 978-84-9096-040-0, EUR 32,00

Rezension von:
Alexandra Gittermann
Hamburg
Empfohlene Zitierweise:
Alexandra Gittermann: Rezension von: Anne Dubet / Sergio Solbes Ferri (eds.): La construcción de la hacienda hispánica en el largo siglo XVIII. Mélanges de la Casa de Velázquez, Madrid: Casa de Velazquez 2016, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 11 [15.11.2016], URL: http://www.sehepunkte.de/2016/11/29045.html


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