Rezension über:

John Newsome Crossley: The Dasmariñases. Early Governors of the Spanish Philippines, London / New York: Routledge 2016, XVI + 264 S., 9 s/w-Abb., ISBN 978-1-4724-6489-7, GBP 95,00
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Rezension von:
Eberhard Crailsheim
Consejo Superior de Investigaciones Científicas (CSIC), Instituto de Historia, Madrid
Redaktionelle Betreuung:
Sebastian Becker
Empfohlene Zitierweise:
Eberhard Crailsheim: Rezension von: John Newsome Crossley: The Dasmariñases. Early Governors of the Spanish Philippines, London / New York: Routledge 2016, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 10 [15.10.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
/2016/10/29196.html


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John Newsome Crossley: The Dasmariñases

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An der Spitze der Philippinen standen im Laufe der Geschichte (und bis heute) zahlreiche schillernde Figuren, die dem Archipel ihren Stempel aufdrückten. Zwei davon waren die Gouverneure Gómez Pérez Dasmariñas (1590-1593) und sein Sohn Luis Pérez Dasmariñas (1593-1596), die die Kolonie im Namen des spanischen Königs leiteten. John Newsome Crossley spürt in seinem aktuellen Buch dem Leben dieser beiden Akteure nach und spannt den Bogen von der Geschichte der Familie in Galizien und den zahlreichen Verdiensten Gómez Pérez' auf der spanischen Halbinsel, über seine Ernennung zum Gouverneur der Philippinen bis hin zu seinem Ableben und den Bemühungen seines Sohnes den Tod des Vaters zu ahnden.

Über hundert Gouverneure verwalteten die Philippinen in der Zeit der spanischen Kolonialherrschaft zwischen 1565 und 1898, doch verhältnismäßig wenige Einzelstudien liegen vor und kaum eine, die nicht auf Spanisch verfasst ist. [1] Die "Dasmariñases", wie Crossley den Vater und den Sohn gemeinsam nennt, fanden zuletzt vor über hundert Jahren in einer Monografie Beachtung. Crossleys Werk ist somit ein willkommener Beitrag der sich zudem der spanischen Historiografietradition teilweise entzieht. Sein Buch baut auf einer früheren Biografie auf, die er 2011 verfasste, über den spanischen Piloten, Soldaten und Priester Hernando de los Ríos Coronel, eines Zeitgenossen und Weggefährten der beiden Dasmariñases. [2] Beide Bücher haben den Verdienst, dass sie über bekanntes Quellenmaterial und bekannte Quellencorpora hinausgehen: Neben der voluminösen Quellenedition von Blair und Robertson [3] und dem unerschöpflichen Indienarchiv in Sevilla (AGI) greift Crossley v.a. auf eine 628 Seiten starke bislang unbekannte, frühe Geschichte der Philippinen zurück, die er nach der Fundstelle, der Lilly Library der Indiana Universität, "Lilly Historia" nennt.

Die 18 Kapitel des Buches sind grob chronologisch orientiert, haben aber thematische Schwerpunksetzungen: Herkunft der Familie, philippinischer Kontext, Beziehung zu Chinesen und Japanern, Expeditionen in Luzón, nach Kambodscha und auf die Molukken Inseln. Lediglich zwei Kapitel fallen etwas heraus, in denen sich Crossley den Briefen Gómez Pérez' (Kapitel 12) und seinem Letzten Willen (Kapitel 13) widmet. Beides hätte vielleicht besser in der (sehr kurzen) Einleitung oder in anderen Kapiteln Platz gefunden.

Crossley's Absicht ist es, die Ziele seiner Protagonisten verständlich zu machen und ihre Erfolge und Misserfolge zu beschreiben. Von Beginn an werden die beiden als die besten (xi-xii) der frühen Gouverneure der Philippinen dargestellt, als aufrichtig und hingebungsvoll (3). Gómez Pérez war eine "aufrechte Person, die seinem König und seinem Glauben ergeben war" (xi) und Luis Pérez stand ihm darin nicht nach, sondern übertraf ihn in seinem religiösen Eifer sogar noch. Dies lässt schon durchscheinen, dass Crossley - wie schon bei De los Ríos Coronel - eine weitgehend positive Haltung zu seinen Protagonisten entwickelt. Folglich liest sich die Arbeit über weite Strecken wie eine Apologetik, die belegen möchte, dass die Dasmariñases (trotz ihrer Intoleranz gegenüber Muslimen und ihres ambivalenten Verhältnisses zu Chinesen) tatsächlich gute und aufrechte Gouverneure waren, die tragisch an den Umständen scheiterten. Gómez Pérez sei sogar durch den einzigen Fehler ("the one mistake") den er in der Ausübung seines Amtes beging ums Leben gekommen (2). Kritisch anmerken lässt sich daher, dass eine etwas distanziertere, kritischere Haltung der Arbeit gutgetan hätte - die Schriften Gómez Pérez' Gegenspielers Bischof Salazars hätten sicherlich Material dazu geliefert. (Der Herrscher Japans wird demgegenüber, ohne ersichtlichen Grund, als Diktator und Tyrann bezeichnet. 134, 139).

Ein zweiter Kritikpunkt betrifft den Kulturbegriff Crossleys. Immer wieder erfährt man, dass es die Dasmariñases auf den Philippinen mit zahlreichen verschiedenen Kulturen zu tun hatten (xi, 3, 27, 227), was die Beziehungen zwischen Spaniern und Indigenen erschwerte. Dem kann man durchaus etwas abgewinnen, doch erstens wird dieser Punkt nicht weiter vertieft und zweitens sollte man die vielen Kulturen der Philippinen nicht der einen spanischen Kultur und der einen amerikanischen Sprache gegenüberstellen - auch hier gilt es selbstverständlich zu differenzieren.

Formal kann man lediglich anmerken, dass das Lektorat anscheinend vergessen hat, sich den vorangestellten Ankündigungstext im Buch anzusehen, was dem Leser leider gleich zu Beginn den ansonsten falschen Eindruck von Schlampigkeit vermittelt. Positiv ist die aufgrund der vielen Zitate von Zeitzeugen gegebene Nähe zu den Ereignissen und die kontrastierenden Darstellungen zahlreicher Quellen zu bestimmten Ereignissen. Kapitel 6 hätte aber auf einige Zitate verzichten können und eine übersichtlichere Karte des Expeditionsgebietes hätte das Lesen der Wegbeschreibung erleichtert.

Die Schilderung der Expedition ins Magat Tal in Nordluzón (Kapitel 6-9) scheint Crossley ein besonderes Anliegen zu sein und stellt einen Höhepunkt des Buches dar. Der besondere Wert dieses Teils - der meines Erachtens nach auch die besondere Länge (gut ein Viertel des Buches) rechtfertigt - besteht darin, dass man einen hervorragenden Einblick bekommt, wie die frühe Phase der Unterwerfung der indigenen Bevölkerung vonstattenging. Crossley streicht hier die Unterschiede zur Eroberung Amerikas hundert Jahre zuvor heraus. Detailliert werden Inbesitznahme, Schwüre, Geschenke, Gewalt - und besonders die Vermeidung von Gewalt -, die Frage der Konversion und des Tributes und die Bedeutung von (weiblichen) Übersetzern und indigenen "Hilfstruppen" für die Spanier beschrieben. Dabei zeigt sich, dass in der Frühphase der spanischen Herrschaft auf den Philippinen bei Weitem nicht alle Teile des Archipels effektiv unter spanischer Kontrolle standen. Bei der Beschreibung der Expeditionen kommen Crossley seine persönliche Reiseerfahrung zugute, die er im Magat Tal sammeln konnte - auf den Spuren Luis Pérez Dasmariñas'.

Crossley führt uns, so lässt sich schließen, anhand von teils unbekannten Quellen eine dynamische Dekade philippinischer Geschichte vor Augen, die richtungsweisend oder zumindest paradigmatisch für die folgenden Jahrhunderte spanischer Kolonialherrschaft in Südostasien war. Mit großem Fachwissen legt er die administrativen und personellen Schwierigkeiten dar, mit denen das Spanische Imperium permanent zu kämpfen hatte, im Mutterland und in den Kolonien. Auch wenn die Biografie ein wenig kritischer gegenüber den Protagonisten hätte ausfallen können, ist sie dennoch mit viel Gewinn zu lesen, besonders von Frühneuzeithistorikern Südostasiens und des Spanischen Imperiums.


Anmerkungen:

[1] Spanische Institutionen die sich mit einzelnen Gouverneuren beschäftigt haben sind v.a. die Escuela de Estudios Hispano-Americanos in Sevilla (Gouverneur Manrique de Lara und Marques de Ovando), der Consejo Superior de Investigaciones Científicas (Valdés Tamón) oder auch die Universität von Granada (Arechederra).

[2] John Newsome Crossley: Hernando de los Ríos Coronel and the Spanish Philippines in the Golden Age, London 2011. Rezensiert vom Autor in: H-Soz-Kult, 01.05.2014, www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21226.

[3] Emma Helen Blair / James Alexander Robertson (eds.): The Philippine Islands 1493-1803, 55 volumes, Cleveland 1903-09.

Eberhard Crailsheim