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Johannes Wischmeyer: Mehrfachbesprechung: Gerd-Rainer Horn: The Spirit of Vatican II. Western European Progressive Catholicism in the Long Sixties, Oxford: Oxford University Press 2015. Einführung, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 6 [15.06.2016], URL: http://www.sehepunkte.de
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Mehrfachbesprechung: Gerd-Rainer Horn: The Spirit of Vatican II. Western European Progressive Catholicism in the Long Sixties, Oxford: Oxford University Press 2015

Einführung

Von Johannes Wischmeyer

Wann hat eine historische Monographie das Zeug zum Trendsetter? Die Zauberformel kennen wir nicht, aber über das Rezept dürfte im großen und ganzen Einigkeit bestehen: Das Thema sollte nicht abseitig sein. Erfolgversprechend ist vielmehr, Vertrautes in ein neues Licht zu rücken. Der Autor muss die Chuzpe haben, allgemein konsentierte Fragen auf originelle Weise neu zu beantworten. Wenn ihm außerdem gelingt, bislang unverbundene Ansätze und Forschungsdiskurse produktiv zusammenzuführen, und er das Ganze in lesbarer und engagierter Form präsentiert, dann hat das Werk zwar noch keine Klassikergarantie. Aber es kann getrost als richtungsweisend bezeichnet werden.

Gerd-Rainer Horn legt in diesem Sinn einen Trendsetter vor, der der Forschung zur europäischen Religions- und Gesellschaftsgeschichte der sechziger und siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts neue Impulse gibt. Die Frage nach den Wirkungen des Zweiten Vatikanischen Konzils auf neue soziale Bewegungen in Süd- und Westeuropa reißt gleichzeitig ein Fenster auf im Saal der etablierten Konzilshistoriographie. Diese verharrt häufig noch in nicht immer von der Anmutung der Langeweile geschützten Debatten zwischen den Deutungsparadigmen Kontinuität oder Bruch, Reform oder Ressourcement. [1] Unbestritten spielt das Konzil als transnationales Medienereignis mitsamt seiner innerkirchlichen "Rezeption" eine Schlüsselrolle in der Zeitgeschichte der römisch-katholischen Kirche und ihrer vielfältigen organisatorischen Einheiten weltweit. [2] Das II. Vatikanum ist aber gleichzeitig ein Katalysator gesellschaftlicher Transformationsprozesse im Kontext des Epochendatums "1968" - nicht in erster Linie, und das ist eine Pointe Horns, durch die Inhalte der in Rom verabschiedeten Konzilsentscheidungen, sondern vor allem durch die bereits im Vorfeld in Gang gesetzten, im kirchlichen Kontext neuartigen Verfahren der Meinungsbildung und der medialen Öffentlichkeitsinszenierung.

Mittlerweile ist klar, dass viele Themen der Konzilsagenda nur von den Zeitgenossen bereits beobachtete, längerfristige religionssoziologische Wandlungsprozesse reflektieren. [3] Gerd-Rainer Horn, der in einem Vorgängerwerk bereits die "erste Welle" des progressiven, gesellschaftlich engagierten Linkskatholizismus in Westeuropa beschrieben hat [4], bietet dementsprechend jetzt gleichsam den Blick auf die 'heißen Ränder' des Aggiornamento in der longue durée.

Mit dem Konzil erhielt die römisch-katholische Kirche in zeitlicher Koinzidenz mit "1968" ein fokussierendes Sinndatum, das ihre ohnehin angelegte transnationale Ausrichtung verstärkte und das etwa dem zeitgenössischen Protestantismus in dieser Dimension völlig fehlt. Thomas Großbölting stellt bezeichnenderweise in der Gliederung seiner Religionsgeschichte der Bundesrepublik nach 1945 der Konzilsrezeption die evangelischen Kirchentage und Akademien gegenüber. [5] Zwar spielt "1968" beispielsweise für den westdeutschen Protestantismus eine mindestens ebenso wichtige Rolle wie für die von Horn beleuchteten katholischen Milieus in den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Italien und Spanien. Aber die Perspektiven blieben trotz des protestantischerseits gern betonten Internationalismus vergleichsweise partikular. [6]

Im sehepunkte-FORUM ordnen Vertreter dreier Fachrichtungen Horns Forschungsbeitrag aus ihrer jeweiligen Sicht ein: Claus Arnold (Mainz), katholischer Kirchen- und Theologiehistoriker und Kenner der vorkonziliaren progressiven Theologie, hebt Horns Innovationsleistung beim Erschließen neuer Quellen hervor. Daniela Sarasella (Mailand), Zeithistorikerin und Expertin für den intellektuellen Linkskatholizismus des 20. Jahrhunderts, nimmt vor allem den ideengeschichtlichen Kontext in den Blick. Ungleich stärker als die vor allem durch Hubert Wolf angeregte deutschsprachige Forschung, die die vorbereitende Rolle des theologischen Modernismus für die Konzilsentscheidungen betont, hebt sie auf die Bedeutung zeitgenössischer philosophischer, vor allem heterodoxer marxistischer Diskurse im Vorfeld des Konzils ab. Klaus Große Kracht (Münster) schließlich, Spezialist für religiöse Zeitgeschichte, pflichtet Horn darin bei, dass die von diesem dokumentierten Phänomene des gesellschaftlich breitenwirksamen linkskatholischen Engagements - vorübergehend - einen deutlichen Kontrapunkt zur Dekadenzgeschichte der Religion im Europa der 1960er und 70er Jahre darstellen.

Horns stellenweise farbige Darstellung konfrontativer innerkirchlicher Konstellationen mag dem Leser immer wieder Lichtjahre entfernt scheinen. Doch in Tagen, in denen ein südamerikanischer Pontifex mit einer Umweltenzyklika global Furore macht und die aus dem Geist des II. Vatikanums entstanden Gemeinschaft von San Egidio im Zusammenhang der Flüchtlingskrise regelmäßig auf den vorderen Seiten der Weltpresse erscheint [7], ist die Aussicht auf ein anstehendes "third wave" des römisch-katholischen Progressismus vielleicht gar nicht abwegig.

Anmerkungen:
[1] Zum Stand der überwiegend theologie-, liturgie- und institutionengeschichtlich akzentuierten Forschung vgl. den dreiteiligen Literaturbericht von Massimo Faggioli: Die theologische Debatte um das Zweite Vatikanische Konzil. Ein Überblick, in: Theologische Quartalschrift (2012), 169-192; 281-304; (2013), 260-270; eine thematische Orientierung gibt der Sammelband von Franz X. Bischof / Stephan Leimgruber (Hgg.): Vierzig Jahre II. Vatikanum. Zur Wirkungsgeschichte der Konzilstexte, Würzburg 2005; kirchengeschichtlich vgl. v.a. die in diesem Jahr mit dem Band zu Afrika abschließende achtbändige Reihe "Kirche und Katholizismus seit 1945" (Hg. Erwin Gatz, Paderborn u.a. 1998-2016).
[2] Hierauf reagiert eine Vielzahl von theologie- und kirchengeschichtlichen Rezeptionsstudien; einen Überblick zu englischsprachigen Beiträgen bietet Faggioli (2013), 365; aus dem deutschsprachigen Raum s. bes. die thematische Ausgabe des Rottenburger Jahrbuchs für Kirchengeschichte, Bd. 26 (2007). Die lokale bzw. regionale Ebene überschreiten nur wenige Fallstudien, vgl. als gelungene Ausnahme Stefan Voges: Konzil, Dialog und Demokratie. Der Weg zur Würzburger Synode 1965-1971, Paderborn u.a. 2015.
[3] Vgl. Wilhelm Damberg: Abschied vom Milieu? Katholizismus im Bistum Münster und in den Niederlanden 1945-1980, Paderborn u.a. 1997; für den amerikanischen Katholizismus: Stephen J.C. Andes / Julia Young (eds.): Local church, global church : Catholic activism in Latin America from Rerum Novarum To Vatican II, Washington, D.C. 2016.
[4] Gerd-Rainer Horn: Western European Liberation Theology. The First Wave (1924-1959), Oxford 2009.
[5] Thomas Großbölting: Der verlorene Himmel. Glaube in Deutschland seit 1945, Göttingen 2013, 150-167.
[6] Vgl. etwa den Sammelband: Siegfried Hermle / Claudia Lepp / Harry Oelke (Hgg.): Umbrüche. Der deutsche Protestantismus und die sozialen Bewegungen in den 1960er und 70er Jahren, Göttingen 2007.
[7] Vgl. nur FAZ vom 09.06.2016, 3.

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