sehepunkte 16 (2016), Nr. 6

Karen Nolte: Todkrank

Allen Versprechungen zum Trotz hat die moderne Medizin dem Tod seinen Schrecken nicht nehmen können. Im Gegenteil, die Angst vor dem medizintechnisch verlängerten Sterben ist weit verbreitet, wie sich nicht zuletzt an der anhaltenden öffentlichen Debatte über assistierten Suizid und Patientenverfügungen zeigt. Die grundlegende Frage nach dem "guten Tod" und dem Umgang mit unheilbar Kranken und Sterbenden kann jedoch auf eine Geschichte zurückblicken, die schon lange vor der modernen "Apparatemedizin" begann.

Unter dem griffigen Titel "Todkrank" legt die Medizinhistorikerin Karen Nolte (Universität Würzburg) nun eine Studie vor, die sich eingehend mit dem Sterben und der Sterbebegleitung im 19. Jahrhundert befasst. Darin geht es zunächst um die Geschichte der Herausbildung palliativer Ansätze in der Medizin und deren Abgrenzung gegenüber konkurrierenden religiösen Deutungsmustern und Praktiken. Gleichzeitig rückt Nolte jedoch auch, so wie in ihren früheren Arbeiten zur Hysterie um 1900, die Perspektive und die "Eigensinnigkeiten" der Patienten ins Blickfeld. Zur Beantwortung der Frage nach den konkreten sozialen Praktiken des Sterbens und der medizinischen und religiösen Sterbebegleitung bezieht sie sich auf Roy Porters "Medizingeschichte von unten" ebenso wie auf Ansätze aus der Alltags- und Geschlechtergeschichte und der historischen Anthropologie.

Leitmotiv der Studie ist die "Medikalisierung des Todes" im 19. Jahrhundert. Dieser Untersuchungszeitraum ist gut gewählt, denn die Medizin erreichte damals einen Grad an Professionalisierung und Verwissenschaftlichung, der Ärzten neue Handlungsmöglichkeiten und -spielräume erschloss. Die tatsächlichen therapeutischen Möglichkeiten blieben im Urteil der Zeitgenossen und vor allem im historischen Rückblick meist ernüchternd; dennoch versuchten Ärzte zunehmend, auch schwerst- und todkranke Patienten in kurativer Absicht zu operieren oder zumindest palliativ zu behandeln. Mit der Medikalisierung des Lebensendes verschob sich der ärztliche Zuständigkeitsbereich in die Sterbezimmer, wodurch es auch zur Überschneidung ärztlich-medizinischer und pastoral-seelsorgerischer Aufgaben kam. Entsprechend beschreibt Nolte die Geschichte der Sterbebegleitung im 19. Jahrhundert als Geschichte einer Konkurrenz zwischen Ärzten und Priestern und zwischen medizinischen und religiösen Deutungen von Leiden, Schmerzen und Tod.

Noltes Interesse gilt jedoch nicht nur den Ärzten und Priestern, sondern der "Sterbebettgesellschaft", zu der sie neben den Sterbenden selbst und den Vertretern der erwähnten Professionen auch Pflegende, Angehörige und das soziale Umfeld zählt. Aus diesem Ansatz ergeben sich zwei Schwerpunktsetzungen: Erstens legt Nolte den Fokus auf solche Sterbende, die nicht plötzlich und unerwartet verstarben, sondern ihren Tod als Ende eines längeren Krankheitsprozesses vorhersehen und reflektieren konnten. Die in dieser Hinsicht häufigsten Krankheiten - Krebs, Schwindsucht und Wassersucht - werden im ersten Kapitel der Studie im Kontext der zeitgenössischen medizinischen Lehre dargestellt, wobei Nolte explizit darauf verzichtet, heutige Krankheitskonzepte auf die historischen Begriffe zu projizieren.

Zweitens spiegelt sich der Ansatz einer patientennahen Perspektive in der Medizingeschichte auch in der Auswahl der Quellen wider. Neben allgemeineren ärztlichen Abhandlungen zur palliativen Behandlung unheilbar Kranker und deontologischen Schriften stützt sich Nolte auch auf eine Reihe von Quellen, die bis zu einem gewissen Grade Rückschlüsse auf die subjektiven Erfahrungen einzelner Kranker erlauben sollen. Im Falle bürgerlicher Sterbender sind dies insbesondere Tagebücher, die von den Kranken und ihren Angehörigen selbst verfasst wurden; zur Untersuchung ärmerer Schichten, von denen kaum selbst geschriebene Texte überliefert sind, greift Nolte vor allem auf Briefe und Berichte aus der Armen- und Krankenpflege zurück. Diese Quellen erweisen sich im Kontext der Studie als besonders fruchtbar, denn sie erlauben nicht nur Einblicke in die Erfahrungen der Sterbenden, sondern auch in die Lebenswelt, die Erfahrungen und Einstellungen der von der Medizingeschichte oft übersehenen Pflegenden.

Die intensive Einbeziehung patientennaher Quellen ist unbestreitbar eine der Stärken der Studie; sie ist jedoch zugleich auch der Grund für eine erhebliche Einschränkung ihrer Reichweite. Nolte beschränkt ihre Untersuchung auf das protestantisch-pietistische Milieu, das einerseits aufgrund ständiger Selbstreflexion und einer ausgeprägten Schreibkultur zahlreiche Ego-Dokumente hinterlassen hat, und aus dem andererseits auch viele Briefe und Berichte von Diakonissen überliefert sind, die auch in ärmlichen Milieus an der Pflege Sterbender beteiligt waren. Diese Fokussierung ist durch die Quellenlage gut begründet und erlaubt den Umgang mit dem Sterben und den Sterbenden auch im Kontext religiöser Praktiken und Deutungsmuster zu verstehen. Offen bleibt jedoch die wesentliche Frage, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten in dieser Hinsicht zwischen protestantischen, katholischen, jüdischen sowie weniger religiös geprägten Milieus bestanden.

Gerade in den letzten Jahren sind zur Geschichte des Sterbens, des "guten Todes", der "Euthanasie" und der Palliativmedizin einige wegweisende Studien erschienen [1] - eine Forschungskonjunktur, die sich aus neuen Perspektiven in der Körper- und Emotionengeschichte ebenso speist wie aus aktuellen medizinethischen Debatten vor dem Hintergrund demografischen Wandels.

Noltes Studie leistet einen wichtigen Beitrag zu diesem Forschungsfeld. Dies betrifft zunächst das Verhältnis von Medizin und Religion im 19. Jahrhundert. Wie die Studie überzeugend und differenziert aufzeigt, entwickelten sich aus der Konkurrenz am Sterbebett unterschiedliche Ansätze im Umgang mit Sterbenden, aber auch Überschneidungen im Bereich der ärztlichen Seelsorge und Pastoralmedizin. Spannend zu lesen sind auch Noltes eindrückliche Schilderungen der chirurgischen Eingriffe, denen schwerkranke Patienten - oft noch vor der Einführung anti- und aseptischer und anästhetischer Methoden - unterzogen wurden. Entgegen der verbreiteten Ansicht standen Ärzte auch im 19. Jahrhundert schweren Krankheiten nicht tatenlos gegenüber.

Die eigentliche Stärke der Studie liegt jedoch nicht darin, dass das bisherige Bild des Sterbens und der Sterbebegleitung im 19. Jahrhundert grundlegend revidiert würde, sondern in ihrer Quellennähe. Es ist Noltes Interesse an den Schicksalen, Erfahrungen und "Eigensinnigkeiten" der Patienten und Pflegenden, das die Studie trägt und lesenswert macht und ihrem Gegenstand durchaus neue Nuancen und Aspekte abgewinnt.

Lediglich zwei Mängel seien dennoch angemerkt: Dies ist zum einen das Fehlen einer kohärenten chronologischen Struktur. Die einzelnen Kapitel sind thematisch organisiert und funktionieren daher auch als eigenständige Essays; die Frage nach den größeren historischen Entwicklungslinien und Veränderungen rückt dabei jedoch meines Erachtens zu weit in den Hintergrund. Etwas knapp fallen leider auch Einleitung und Fazit, und damit die synthetisierende Einordnung zahlreicher Aspekte der Studie, aus. Gerade hier hätte durch eine stärkere Anbindung an die erwähnten aktuellen Debatten die zweifellos gegebene Relevanz einer differenzierten, medizinhistorischen Perspektive unterstrichen werden können.

Diese Punkte können jedoch den insgesamt positiven Gesamteindruck nicht trüben: Es handelt sich um eine detailreiche und im positiven Sinne quellennahe Studie, in der Perspektiven der Alltags- und Geschlechtergeschichte und der Medizingeschichte auf fruchtbare Weise zueinander finden und so einer aktuellen Debatte zu mehr historischer Tiefenschärfe verhelfen. Die Darstellung ist durchweg anschaulich und auch medizinhistorisch interessierte Laien werden den Band mit Gewinn lesen können.


Anmerkung:

[1] Michael Stolberg: Die Geschichte der Palliativmedizin. Medizinische Sterbebegleitung von 1500 bis heute, Frankfurt am Main 2011; Isabel Richter: Der phantasierte Tod. Bilder und Vorstellungen vom Lebensende im 19. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2010; Gerrit Hohendorf: Der Tod als Erlösung vom Leiden. Geschichte und Ethik der Sterbehilfe seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland, Göttingen 2013.

Rezension über:

Karen Nolte: Todkrank. Sterbebegleitung im 19. Jahrhundert: Medizin, Krankenpflege und Religion, Göttingen: Wallstein 2016, 260 S., 5 s/w-Abb., ISBN 978-3-8353-1852-6, EUR 24,90

Rezension von:
David Freis
Westfälische Wilhelms-Universität, Münster
Empfohlene Zitierweise:
David Freis: Rezension von: Karen Nolte: Todkrank. Sterbebegleitung im 19. Jahrhundert: Medizin, Krankenpflege und Religion, Göttingen: Wallstein 2016, in: sehepunkte 16 (2016), Nr. 6 [15.06.2016], URL: http://www.sehepunkte.de/2016/06/28439.html


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