sehepunkte 15 (2015), Nr. 7/8

Raiko Hannemann: Die unerträgliche Leichtigkeit des Vorurteils

Götz Aly ist ein äußerst produktiver Autor, der bei seiner Leserschaft immer wieder für Wirbel sorgt. So war es mit seinem Werk Hitlers Volksstaat (2005), mit seiner Analyse der 68er-Revolution Unser Kampf (2008) und auch mit seinem Buch Warum die Deutschen? Warum die Juden? (2011). Wie aus dem Titel zu entnehmen ist, versucht Aly die Fragen zu beantworten, weshalb es ausgerechnet die Deutschen waren, die für die sogenannte Judenfrage eine so radikale "Endlösung" anboten und praktizierten und weshalb der Wunsch nach einer "Endlösung" gerade auf die Juden zielte. Raiko Hannemanns Kritik richtet sich nicht gegen die Fragestellung, sondern gegen die Antwort, die Aly anbietet, oder besser, gegen die "antiemanzipatorischen Vorurteile", aus denen die Antwort abgeleitet wird. Was nach der Meinung Hannemanns so verblüfft, ist ein Paradox, nämlich dass Aly "auf einen wahren Kern [zusteuert], um kurz davor scharf abzubiegen" (72).

Alys Antwort beruht, so Hannemann, auf zwei Grundpfeilern. Einerseits ist es das Stereotyp des reichen, geschäftstüchtigen Juden, "Profiteure der Moderne" (56), und anderseits das Stereotyp des neidvollen Deutschen, der dazu nicht von bürgerlichen Werten, sondern von einer sozialdemokratischen Denkweise motiviert war und ist. Alys Devise lautet: "Aus linkem 'Spießertum' musste 'der Holocaust entstanden sein'" (18). Nach Hannemanns Auslegung geht es für Aly also in erster Linie um die Ehrenrettung und Rehabilitierung der bürgerlichen Gesellschaft (133ff.). Der Auslöser für Hannemanns scharfe Kritik war der Erfolg dieser Thesen Alys und das überwiegend positive Echo des Buches (wie auch "Hitlers Volksstaat") sowohl im Feuilleton als auch in der Historikerzunft, obwohl Aly bekanntlich für diese "Zunft" eher als Außenseiter gilt. Aus der Sicht von Hannemann ist es umso ärgerlicher, weil er Alys These als "Symptom allgemeiner Entwicklung in Geschichtsdiskurs und Gesellschaft überhaupt" versteht, in einem Zeitalter der Ideologielosigkeit. Im Klartext: Die Tatsache, dass die Sozialdemokratie und der Sozialismus, nicht das Bürgertum und die bürgerlichen Werte zur Zielscheibe der Gesellschaftskritik Alys geworden sind, d.h. der linke Flügel sowohl für die Fehltritte der Vergangenheit als auch der Gegenwart verantwortlich gemacht werden, und dazu von einem ehemaligen 68er-Renegaten - das ist es, was Hannemann, der in der DDR geboren ist, so sehr erzürnte.

Bereits die Titel der sechs Hauptkapitel des Buches lassen den Leser ahnen, worauf es dem Verfasser ankommt: Deutsche Befindlichkeit in der Historiografie, Antisemitismusforschung, totalitarismustheoretische Geschichtsspekulation, das Bürgerliche hinterm Stacheldraht, warum Juden? Warum Aly? Der Duktus des Hannemannschen Textes ist verbittert bis sarkastisch. Hannemann liest Alys Buch als "Streitschrift im Kampf zwischen Freiheit und Sozialismus", die als Empfehlung gegen den Sozialismus geschrieben wurde. Vor allem kritisiert Hannemann Alys Versuch, Sozialismus, Sozialstaat und Volksgemeinschaft als synonyme Begriffe zu verwenden und gleichzeitig den Antisemitismus mit Marxismus und Sozialdemokratie zu verzahnen (74). Es verwundert nicht, dass Hannemann dem Vergleich mit der Nolte-Debatte vor 30 Jahren einen "Exkurs" (138-143) widmet. Auch weitere Formulierungen in Hannemanns Kritik erinnern den Leser an die damalige Debatte - angeprangert werden etwa die Relativierung und "Historisierung". Die von Aly verwendete Methode der historischen Analogie hält Hannemann für eine entlastungsmotivierte, die allerdings nicht nur bei Aly zum Vorschein komme.

Zum Thema "Warum die Juden?" wirft Hannemann Aly vor, beim Versuch, die Argumente der Antisemiten zu widerlegen, das antisemitische Image der Juden zu übernehmen, wie oft bei Philosemiten üblich (so auch bei Thilo Sarazin, den Hannemann mit Aly vergleicht, 167, 172). Alys Charakterologie der Juden als "fremddefinierte Minderheit" wie auch "die Konstruktion eines jüdisch-nichtjüdischen Antagonismus" steht, so Hannemann, in gefährlicher Nähe zu antisemitischen Ressentiments (46, 86). Aly nehme den Antisemitismus beim Wort, statt ihm zu widersprechen, und halte ihn nur für die falsche Antwort auf einen "realen jüdischen-nichtjüdischen Konflikt" (62). Die Tatsache, dass Karl Marx von Aly nicht den Juden zugeordnet und Werner Sombart nicht als Antisemit bewertet wird, lässt Hannemann staunen. Auch darüber, dass der israelische Shoah-Historiker Yehuda Bauer sich für Alys Buch begeisterte, ist Hannemann verwundert (99). Für einen Kenner der Forschungsliteratur über Antisemitismus falle es allerdings leicht, Alys Vorwürfe gegen die dominante Antisemitismusforschung zurückzuweisen (108ff.). Auch der Diskurs im deutschen Liberalismus des 19. Jahrhunderts zur "Judenfrage" legt nahe, Alys "Überzeugung, das (markt)-liberale Bürgertum sei der natürlichste Verbündete und Emanzipator 'der Juden'", nicht zuzustimmen (130).

Parallel zur Kritik an der Antwort auf die erste Frage läuft die Kritik der anderen, entscheidenden Frage: "Warum die Deutschen?". Aly wird als Vertreter der klassischen Totalitarismuskritik präsentiert, die es ermöglicht, Nationalsozialismus und Sozialismus in einen Topf zu werfen. Aly wird, nicht zu Unrecht, der Wunsch nach "Delegitimierung des Sozialstaates" (118) vorgehalten, wie auch die Identifizierung des Antisemitismus mit Antibürgerlichkeit bzw. die Bezeichnung des Antisemitismus als "kleiner Bruder des Sozialismus" (81). Hannemann sieht Aly als repräsentativ für einen Teil der 68er-Generation, die sich in Richtung Renegatentum entwickelte (wo übrigens eine "Solidarität mit dem jüdischen Staat" eine entlastende Funktion hinsichtlich ihrer eigenen linken Vergangenheit übernimmt, 171).

Die Fokussierung auf eben diese biografische Erklärung für die Wucht, mit der Aly "Linke" provoziert, ist selbstverständlich kein Alleinstellungsmerkmal Hannemanns und nicht nur als Reaktion auf das kritisierte Buch zu werten. Hannemann zieht die Zeithistoriker Martin Sabrow, Michael Wildt und Hans-Ulrich Wehler als Schützenhilfe heran. Dass man in der historischen Forschung auch Sozialdemokraten in die Nähe des Antisemitismus bringen kann, ist ja spätestens seit dem Erscheinen des Buches von Rosenmarie Leuschen-Seppel 1978 nicht unbekannt. Wenn aber die Ehrenrettung der bürgerlichen Gesellschaft so weit geht, dass auch die preussisch-fridericianische Tradition marginalisiert wird, muss die These Alys, so Hannemann, hinterfragt werden.

Hannemann erklärt auch den Erscheinungszeitpunkt des Buches, "wieso jetzt" - es geht um die neo-liberale Reaktion auf die Krise seit 2008, wo "der Gerechtigkeitsruf [...] nicht mehr für, sondern gegen soziale Gleichheit" ertönt (177). Wenn auch die Polemik Hannemanns dem Leser zu wütend und ideologisch erscheinen mag, seine These verdient eine seriöse Diskussion. Weshalb diese Erwiderung auf Alys Buch bislang keinen deftigen Streit in der Zunft ausgelöst hat, ist eine weitere Frage, die man sich nun stellen darf.

Alles in allem stellt das Buch eine interessante Lektüre dar, nicht nur weil es sich mit dem Phänomen Götz Aly auseinandersetzt, sondern auch weil hier eine Grundsatzfrage angegangen wird, die für die Debatte über das "Ende der Geschichte" relevant ist.

Rezension über:

Raiko Hannemann: Die unerträgliche Leichtigkeit des Vorurteils. Zu einer Funktionalisierung des historischen Antisemitismus im gegenwärtigen Geschichtsdiskurs, Berlin: Neofelis Verlag 2014, 198 S., ISBN 978-3-943414-63-9, EUR 16,00

Rezension von:
Moshe Zimmermann
The Hebrew University of Jerusalem
Empfohlene Zitierweise:
Moshe Zimmermann: Rezension von: Raiko Hannemann: Die unerträgliche Leichtigkeit des Vorurteils. Zu einer Funktionalisierung des historischen Antisemitismus im gegenwärtigen Geschichtsdiskurs, Berlin: Neofelis Verlag 2014, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 7/8 [15.07.2015], URL: http://www.sehepunkte.de/2015/07/27044.html


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