Rezension über:

Laurie R. Cohen: Smolensk under the Nazis. Everyday Life in Occupied Russia (= Rochester Studies in East and Central Europe), Rochester, NY: University of Rochester Press 2013, XIII + 364 S., ISBN 978-1-58046-469-7, GBP 65,00
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Rezension von:
Tatjana Tönsmeyer
Wuppertal / Essen
Redaktionelle Betreuung:
Peter Helmberger
Empfohlene Zitierweise:
Tatjana Tönsmeyer: Rezension von: Laurie R. Cohen: Smolensk under the Nazis. Everyday Life in Occupied Russia, Rochester, NY: University of Rochester Press 2013, in: sehepunkte 15 (2015), Nr. 3 [15.03.2015], URL: http://www.sehepunkte.de
/2015/03/26107.html


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Laurie R. Cohen: Smolensk under the Nazis

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Smolensk war vor der Eroberung durch deutsche Truppen am 16. Juli 1941 eine überwiegend russischsprachige Großstadt mit 157.000 Einwohnern. Bei ihrer Befreiung 26 Monate später war die Stadt völlig zerstört, die Bevölkerungszahl auf ein Viertel gesunken, und die Überlebenden blieben vielfach für den Rest ihres Lebens von den Geschehnissen gezeichnet. Wie Krieg und Besatzung die Stadtgesellschaft veränderten, untersucht Laurie R. Cohen in ihrer Studie, in der sie "normale Bürger" als Akteure in den Mittelpunkt stellt. Dabei ist es ihr ein Anliegen, "die tatsächlichen menschlichen Kosten des Krieges" (3) und die "emotionalen Effekte" der Besatzung (z. B. 11) zu beleuchten. Mit ihrer Konzentration auf die einheimische Bevölkerung reiht sie sich in eine Reihe jüngerer Studien und Dokumentationen ein, die Besatzungsgeschichte nicht mehr primär mit Blick auf deutsche Täter schreiben, sondern stärker die Besetzten und deren Umgang mit den durch die Okkupation geschaffenen Bedingungen in den Vordergrund stellen. [1] Cohen gliedert dazu ihre Untersuchung in vier Großkapitel: Nach der Rekapitulierung der Methoden stellt das zweite eine Bestandsaufnahme der verübten Gewalt dar. Das dritte Kapitel ist den Deutungen der Besetzten gewidmet ist, bevor das letzte Fragen der (Re-)Etablierung sowjetischer Narrative nach Ende der Okkupation diskutiert.

In ihrem Alltag sah sich die drastisch dezimierte Einwohnerschaft von Smolensk einer Mehrheit von bis zu 50.000 Wehrmachtssoldaten gegenüber, die zusammen mit ihren Unterstützern fast den gesamten unzerstörten Wohnraum beschlagnahmten. Dies sowie der Mangel an Lebensmittel, die daraus resultierende Praktiken des Notbehelfs, aber auch Arbeitseinsätze und brutale Rekrutierungen zur Zwangsarbeit prägten das tägliche Leben. Hinzu traten vielfältige Gewalterfahrungen von Plünderungen bis hin zu Massenverbrechen wie den Exekutionen von Juden, Roma und Kriegsgefangenen. Gewalt war hier wie in anderen Gebieten der besetzten Sowjetunion allgegenwärtig, sichtbar und konnte in Form von willkürlichen Verhaftungen und Erschießungen grundsätzlich jeden treffen.

Cohens genauer Blick auf die einheimische Bevölkerung zeigt, dass im besetzten Smolensk doppelt so viele Frauen wie (einheimische) Männer lebten und von fünf Personen jenseits des Kinderalters zwei Teenager waren. Angesichts der vielen dort stationierten deutschen Soldaten ist die Frage nach Kontakten zwischen ihnen und vor allem einheimischen Frauen unumgänglich, zumal fast nur Beschäftigungsverhältnisse in deutschen Diensten die Chance auf eine einigermaßen ausreichende Lebensmittelversorgung boten. Zeitzeugeninterviews zeigen die Unterschiede, die es unter der einheimischen Bevölkerung in der Bewertung dieser Kontakte gab: Während Frauen darin zwar Prostitution sahen, diese aber als Arbeit interpretierten, die sie letztlich billigten, galt dies für die ländliche männliche Bevölkerung, die die betreffenden Frauen auf demütigende Weise brandmarkte, nicht. Ungeachtet dessen waren Beziehungen zwischen Soldaten und einheimischen Frauen an der Tagesordnung und wurden, wie Regina Mühlhäuser gezeigt hat, nur in Ausnahmefällen geahndet. [2] Fraglich jedoch bleibt, welche "emotionalen Effekte" damit verbunden waren und ob sich Frauen in Smolensk ähnlich wie Ruth Klüger in Wien "emotional von 'ihren' Männern verlassen" (221) fühlten. Hier bleibt Cohen auf Spekulationen angewiesen.

Überzeugend dagegen sind die Ausführungen zur besonderen Situation vor allem von Jugendlichen, die sich in Folge der Besatzung nicht selten in einer speziellen Phase der "Kindererwachsenen" wiederfanden. "Kinder" waren nun die, für die die Regelungen zur Arbeitspflicht, die für jüdische Jugendliche ab 12 Jahren bestand, für die anderen ab 15 Jahren, (noch) nicht galten. Auch blieben im ersten Jahr der Okkupation die Schulen geschlossen, im zweiten fand der Unterricht nur sehr unregelmäßig statt. Wenn auch schlechter bezahlt, rückten Jugendliche somit vielfach in die Rolle von (Mit-)Ernährern ihrer Familien auf; dies galt allem für jene, die ihre Angehörigen im Ghetto mit Hilfe von Tauschhandel und kleinen Diebstählen über Wasser hielten. Gleichzeitig erzählen Cohens (männliche) Interviewpartner über diese Zeit nicht selten in Form von "Abenteuergeschichten", in denen sie mit Gleichgesinnten auch nachts und trotz Ausgangssperren in der zerstörten Stadt unterwegs gewesen seien, denn "die Deutschen kümmerten sich nicht sehr um Kinder" (228).

Für viele der geschilderten Erfahrungen war in der sowjetischen Nachkriegsgeschichte mit ihrer Narration vom Großen Vaterländischen Krieg kein Platz. Während die Befreiung des "Mutterlandes", der Mütter, Schwestern und Töchter, zu den am stärksten propagierten Zielen im Kampf gegen die Okkupanten zählte, wurde den Frauen gleichzeitig vorgeworfen, den Besatzern erlegen zu sein, sei es als Prostituierte, sei es als Zwangsarbeiterinnen. Frauen wurden somit wegen ihrer Verwundbarkeit gleichermaßen idealisiert und verurteilt, ohne dass angesichts der Heldenmythen ihre tatsächlichen Erfahrungen in der Erinnerungskultur Berücksichtigung gefunden hätten.

Cohen fächert über die hier berücksichtigten Aspekte hinaus eindrücklich Alltagserfahrungen "normaler Menschen" im besetzten Smolensk auf und zeigt, ähnlich wie auch Karel Berkhoff, dass diese keineswegs vor allem bestrebt waren, ruhmreiche Taten zu vollbringen, sondern dass sie vollauf damit beschäftigt waren, unter schwierigsten Bedingungen zu überleben. Nachdenklich stimmen die wiederholten Verweise auf "emotionale Aspekte" und auf "Traumatisierungen". Es steht außer Frage, dass das Schicksal der Betroffenen in vieler Hinsicht von großem Leid geprägt war, doch hat zum Beispiel Svenja Goltermann darauf hingewiesen, dass auch ein Begriff wie der der "Traumatisierung" historisiert werden muss und nicht voraussetzungsfrei auf historische Kollektive rückprojiziert werden kann. [3] Dessen ungeachtet liegt mit dem Buch von Laurie R. Cohen ein weiterer Beitrag zum Alltag unter deutscher Besatzung vor, der deutlich macht, dass für das Verständnis von Okkupation die Geschichte der Täter um eine Geschichte der Besetzten und jene der Interaktionen zwischen beiden ergänzt werden sollte.


Anmerkungen:

[1] Mit Blick auf die Sowjetunion standen bisher vor allem belarussische und ukrainische Gebiete im Mittelpunkt der Forschung. Siehe als Auswahl z. B. Bernhard Chiari: Alltag hinter der Front: Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrussland 1941-1944, Düsseldorf 1998. Karel Berkhoff: Harvest of Despair. Life and Death in Ukraine Under Nazi Rule, Cambridge/Mass. 2004. Tanja Penter: Kohle für Stalin und Hitler: Arbeiten und Leben im Donbass 1929 bis 1953, Essen 2010. Michael Christ: Die Dynamik des Tötens. Die Ermordung der Juden von Berditschew, Ukraine 1941-1944, Frankfurt/M. 2011. Alltagserfahrungen unter Besatzung dokumentiert auch die im Entstehen begriffene Quellenedition "World War II: Everyday Life Under German Occupation", hsrg. v. Włodzimierz Borodziej, Peter Haslinger, Stefan Martens, Irina Sherbakova und Tatjana Tönsmeyer.

[2] Regina Mühlhäuser: Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Soldaten in der Sowjetunion, Hamburg 2010. Siehe mit Blick auf Polen jetzt auch Maren Röger: Kriegsbeziehungen. Intimität, Gewalt und Prostitution im besetzten Polen 1939 bis 1945, Frankfurt am Main 2015.

[3] Siehe Svenja Goltermann: Die Gesellschaft der Überlebenden. Deutsche Kriegsheimkehrer und ihre Gewalterfahrungen im Zweiten Weltkrieg, München 2009.

Tatjana Tönsmeyer