Rezension über:

Tanya Stabler Miller: The Beguines of Medieval Paris. Gender, Patronage, and Spiritual Authority (= The Middle Ages Series), Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2014, 293 S., 8 s/w-Abb., ISBN 978-0-8122-4607-0, GBP 36,00
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Rezension von:
Letha Böhringer
Historisches Institut, Universität zu Köln
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Letha Böhringer: Rezension von: Tanya Stabler Miller: The Beguines of Medieval Paris. Gender, Patronage, and Spiritual Authority, Philadelphia, PA: University of Pennsylvania Press 2014, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 9 [15.09.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/09/25276.html


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Tanya Stabler Miller: The Beguines of Medieval Paris

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Diese Monographie füllt eine Forschungslücke, denn die bislang ausführlichste Studie (von gut 60 Seiten!) zu den Pariser Beginen datiert von 1893. [1] Die verstreuten und eher zufällig überlieferten Quellen lassen einzelne Ereignisse und Konstellationen punktuell aufscheinen, gestatten indes aber kaum Rückschlüsse auf Strukturen und Entwicklungen; daher werfen die sieben Kapitel des Bandes gleichsam Schlaglichter auf einige Aspekte beginalen Lebens in Paris, die einzigartig sind und von der wichtigen Rolle zeugen, welche die Beginen in der Stadtgesellschaft spielten.

Im ersten Kapitel steht die Gründung des Pariser Beginenhofs durch König Ludwig den Heiligen im Mittelpunkt. Nach seiner Rückkehr vom Kreuzzug 1254 gründete und förderte der König zahlreiche Spitäler und religiöse Gemeinschaften. Ende 1255 besuchte er den Beginenhof St. Elisabeth in Gent und holte aus Flandern die erste Meisterin für seine Pariser Gründung. Obwohl Gründungsdokumente für den wohl einzigen Beginenhof außerhalb Flanderns und Brabants (10) nicht überliefert sind, besteht kein Zweifel an der persönlichen Beteiligung Ludwigs, der überdies auch seine Nachfolger testamentarisch verpflichtete, seine Stiftung politisch und finanziell weiter zu fördern: an eine Anzahl armer Frauen, namentlich verarmte Adlige, wurden regelmäßig Pensionen ausgezahlt. Im Beginenhof sah der König die Möglichkeit, den Parisern eine große Anzahl - mehrere hundert - vorbildhafter Frauen vor Augen zu stellen, die ihr Leben der Bußfertigkeit und dem Gebet widmeten. Überdies sollte die Stiftung auch seine eigenen Frömmigkeitsideale widerspiegeln: "the beguinage brought together the king's twin concerns of personal piety and Christian kingship" (25).

Das Leben im Beginenhof, soweit es sich aus den wenigen Zeugnissen rekonstruieren lässt, wird im zweiten Kapitel entfaltet. Im Pariser Hof lebten - wie in den flandrischen Vorbildern - reiche und arme Frauen in eigenen Häusern oder gestifteten Konventen, die Kontakte zu ihren Familien, Arbeitgebern und Geschäftspartnern sowie Klerikern pflegen konnten. Wie es scheint, spielten bei der Vergabe von Plätzen auch Schutz- und Klientelbeziehungen eine Rolle (allerdings verwendet die Autorin diese Terminologie nicht). Um 1300 sind Beginen bezeugt, die Verbindungen zum Königshof hatten, wie etwa eine Hofdame der Königin Isabella von Valois (44), und manche Patrone besorgten Plätze für Frauen aus ihrer Dienerschaft. Als Meisterinnen fungierten mehrfach Angehörige von Familien, die Beamte der Pariser Stadtregierung oder des Königshofes stellten. Ansehen und Beliebtheit des Beginenhofs wurden auch durch eine Schule gefördert, die nachweislich im 14. Jahrhundert bestand. Durch sie wurden vermutlich vor allem Etikette, Lesen, Gesang und religiöse Inhalte vermittelt (107f.).

Neben der königlichen Patronage bilden die wirtschaftlichen Aktivitäten ein weiteres "Alleinstellungsmerkmal" der Pariser Beginen. Im Zusammenhang mit der Seidenherstellung und -verarbeitung seit dem ausgehenden 13. Jahrhundert gelang es etlichen von ihnen, als Meisterinnen und Händlerinnen Zugang zu dem prestigeträchtigen Wirtschaftszweig zu erlangen. Steuerrollen (Livres de la Taille) verschiedener Jahre um 1300 ermöglichen es, 106 Beginen namentlich zu identifizieren. Für 42 Frauen wird der Beruf genannt, und von diesen arbeiteten 37 in der Produktion oder Vermarktung von Seide (Liste 173f.). Die meisten von ihnen waren Spinnerinnen oder Herstellerinnen von Galanteriewaren wie Hauben, Börsen und Gürteln. Aus der Beschreibung der Werkstätten geht hervor, dass es sich um Produktion im Verlagssystem handelte (71ff.), die von der Händlerseite her organisiert wurde, d.h. kapitalkräftige Kaufleute versorgten Spinnerinnen oder Näherinnen mit Rohstoffen und nahmen die fertigen Garne und Produkte ab, um sie zu Markt zu führen. Beginen verlegten auch andere Beginen oder wirkten als Meisterinnen in Betrieben, wo wiederum Beginen beschäftigt wurden. Ob solche Werkstätten auch als deren Wohnungen oder gar als Beginenkonvente fungierten, wird angedeutet, aber nicht weiter ausgeführt (vgl. 76: "These households functioned as both convent and workshop..."; "informal beguine households").

Kapitel 4 und 5 befassen sich mit der religiösen Unterweisung der Beginen vor allem durch die Kleriker der Sorbonne, die regelmäßig im Beginenhof predigten. Unter den zahlreichen erhaltenen Musterpredigten befinden sich auch Ansprachen der magistra, die ein klerikaler Sammler dieser Texte offenbar als autoritativ und bewahrenswert erachtete. Die Ermahnungen der magistra betonen die Bedeutung der inneren Haltung (Liebe zu Gott, Reue und Zerknirschung) gegenüber rein äußerlichen Glaubensvollzügen. Im Anschluss an die Untersuchungen von Nicole Bériou [2] beschreibt Miller die Beginen nicht als passive Empfängerinnen religiöser Unterweisung, sondern vielmehr als aktive Zuhörerinnen. Sie sollten den Predigern ein unmittelbares Echo auf die Qualität ihrer Sermones geben und zudem die empfangenen Lehren durch Wort und vorbildhafte Lebensweise weiter verbreiten. Mit Recht betont die Autorin, dass konflikthafte Situationen zwischen Beginen und Säkularklerus in der Forschung bislang überbewertet wurden und "instances of cooperation, collaboration and mutual benefit" (83) zu kurz kamen.

Die beiden abschließenden Kapitel haben die Bedrohungsszenarien nach den beginenfeindlichen Dekreten und Untersuchungen zu Anfang des 14. Jahrhunderts zum Thema sowie das Ausmaß und die Bedeutung der königlichen Protektion. Durch sie überstand der Beginenhof manche Verdächtigung und Anfeindung, doch konnte selbst hochrangige Unterstützung nicht verhindern, dass die Attraktivität des Beginenhofes im 15. Jahrhundert allmählich schwand, zumal die Universität sich nicht mehr für ihn engagierte. Seuchenzüge, Kriege und allgemeiner wirtschaftlicher Niedergang (es wurde für die Frauen immer schwieriger, das Eintrittsgeld aufzubringen und Renten einzutreiben) trugen dazu bei, dass um 1470 kaum noch Beginen im Hof lebten - die Übergabe an die franziskanische Observanz war die letzte Konsequenz.

Zur Darstellung ist anzumerken, dass die Gliederung wenig glücklich gewählt ist, weil das Kapitel über die Seidenproduktion die Ausführungen unterbricht, in denen der Beginenhof im Mittelpunkt steht, und die Ausführungen zur religiösen Bildungswelt und zu den Entwicklungen im späten Mittelalter manche Längen und Wiederholungen aufweisen. Eine der wenigen Publikationen zum Beginenhof aus jüngerer Zeit wurde übersehen [3] und die deutschsprachige Forschung kaum zur Kenntnis genommen. Wertvolle Erkenntnisse zu Frauenarbeit und Frauenzünften in der Seidenindustrie kann man den Arbeiten von Margret Wensky über die Kölner Frauenzünfte entnehmen, denn ebenso wie in Paris gelang es in Köln den Frauen, einen neuen und rasch aufsteigenden Wirtschaftszweig zu dominieren. [4] Überdies wird die Rolle der französischen Königinnen bei der Förderung der Beginen nicht eigens thematisiert, obwohl in der Beginenforschung die große Bedeutung von Stifterinnen und Förderinnen (z.B. die Gräfinnen von Flandern) ein Gemeinplatz ist - und in der im Buch mehrfach zitierten Lebensgeschichte Ludwigs des Heiligen aus der Feder des Jean de Joinville heißt es, dass Königin Margarethe Beginen als Kammerfrauen beschäftigte. [5]

Trotz dieser Anmerkungen steht die Bedeutung der Forschungen von Tanya Stabler Miller außer Frage, denn mit ihren Studien zu den Pariser Beginen, vor allem zum Beginenhof und seinen Beziehungen zur Universität und zum Königshof, vermag sie unser Wissen über das Spektrum beginaler Lebensweisen um wichtige Aspekte zu erweitern. Die disparate Quellenlage erschwert eine solche Arbeit immens, und daher ist gebührend zu würdigen, dass die Autorin die grundlegende Monographie zum Thema vorgelegt hat. Zu den bisweilen etwas verblüffenden Unterschieden zwischen den akademischen Welten Deutschlands und den USA gehört freilich, dass in Deutschland eine Doktorarbeit in der Regel mit Stolz als solche bezeichnet wird, während dies jenseits des Atlantiks wenig gilt; mit keinem Wort weist Frau Miller darauf hin, dass das Buch aus ihrer Doktorarbeit bei Sharon Farmer erwachsen ist. [6]


Anmerkungen:

[1] Léon Le Grand: Les béguines de Paris, in: Mémoires de la Societé de l'Histoire de Paris et de l'Île-de-France 20 (1893), 295-357.

[2] Nicole Bériou: La prédication au béguinage de Paris pendant l'année liturgique 1272-1273, in: Recherches augustiniennes 13 (1978), 105-229.

[3] Panayota Volti: Architecture et vie béguinales en milieu urbain: le béguinage parisien, in: Mulieres religiosae et leur univers: Aspects des établissements béguinaux au Moyen Âge tardif. Actes de la journée d'études du 27 octobre 2001 à l'Université Paris X - Nanterre (Histoire Médiévale et Archéologie 15), Amiens 2003, 75-103.

[4] Margret Wensky: Erwerbstätige Frauen in der mittelalterlichen Stadt - ein Vergleich der europäischen Metropolen Paris, London und Köln, in: Geschichte in Köln 49 (2002), 47-61.

[5] Jean de Joinville: Vie de Saint Louis, hg. von Jacques Monfrin, Paris 1995, 321, c. 645: une de beguines la royne.

[6] Tanya Suella Stabler: Now She is Martha, Now She is Mary. Beguine Communities in Medieval Paris (1250-1470), University of California at Santa Barbara, Dissertation for the degree Doctor of Philosophy in History, 2007 (UMI Dissertation Services No. 3283731).

Letha Böhringer