Rezension über:

Alessandra Bartolomei Romagnoli: Una memoria controversa. Celestino V e le sue fonti (= Quaderni di Hagiographica; 11), Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzo 2013, XXI + 334 S., ISBN 978-88-8450-522-4, EUR 48,00
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Rezension von:
Karl Borchardt
Monumenta Germaniae Historica, München
Redaktionelle Betreuung:
Ralf Lützelschwab
Empfohlene Zitierweise:
Karl Borchardt: Rezension von: Alessandra Bartolomei Romagnoli: Una memoria controversa. Celestino V e le sue fonti, Firenze: SISMEL. Edizioni del Galluzo 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 7/8 [15.07.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/07/24601.html


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Alessandra Bartolomei Romagnoli: Una memoria controversa

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Der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. 2013 lenkte die Aufmerksamkeit unweigerlich erneut auf seinen Vorgänger Cölestin V., Peter vom Morrone, den bis dahin einzigen allgemein anerkannten römischen Papst der Kirchengeschichte, der freiwillig auf sein Amt verzichtete. Peter hatte nicht dem Kardinalskollegium angehört, war jedoch auf Initiative König Karls II. von Neapel nach langer Vakanz von den zerstrittenen Kardinälen 1294 gewählt worden. Den Sitz der römischen Kurie verlegte er nach Neapel, trat aber bereits nach wenigen Monaten zurück und verstarb 1296 als Gefangener seines Nachfolgers Bonifaz VIII. (1294-1303). Diese unerhörten Vorgänge hatten schon bei den Zeitgenossen lebhafte Diskussionen ausgelöst, bis hin zu Dantes "Che fece per viltade il gran rifiuto" (Inferno iii.60), und sie faszinieren auch heute noch die geschichtswissenschaftliche Forschung. Leben, Taten und Schicksale des frommen Eremiten Peter vom Morrone, der sich von interessierten Kreisen in Sulmona und Aquila gerne gebrauchen ließ, um eine die jahreszeitliche Viehtrift (Transhumanz) aus den Abruzzen in die Ebenen der Campagna einerseits, Apuliens andererseits fördernde und organisierende Mönchsgemeinschaft zu begründen, können inzwischen als in den Grundzügen gut bekannt gelten. [1]

In Buchform abgedruckt werden hier sieben quellengestützte Beiträge der Verfasserin zur Geschichte Cölestins V., erschlossen durch zwei Indices und eine gemeinsame Auswahlbibliographie. Sechs Beiträge erschienen bereits zwischen 1994 und 2005 als Aufsätze. Neu ist allein der einleitende Abschnitt "Agiografie celestiniane: il dossier medioevale" (3-65), ein auf aktuellem Editionsstand beruhender kommentierter Überblick über die Quellen zu dem "Engelpapst". Behandelt werden an erster Stelle die Akten des 1313 unter Clemens V. abgeschlossenen Kanonisationsprozesses, der es trotz französischen Drucks sorgfältig vermied, Bonifaz VIII. nachträglich in ein schlechtes Licht zu rücken und dadurch das Vorgehen französischer Verschwörer 1303 in Anagni zu rechtfertigen. Hinzu kommen dann die in engerem Sinne hagiographischen Lebensbeschreibungen des Heiligen, vor allem die zu Lebzeiten begonnene sogenannte Autobiographie Cölestins V., dann eine fast ebenso frühe, Peters Ordensbruder Tommaso da Sulmona zugeschriebene Vita [2], ferner das Opus metricum, das der Kardinal Iacopo Stefaneschi 1319 dem Hauptkloster der von Peter begründeten Ordensgemeinschaft S. Spirito bei Sulmona übersandte [3], und zwei spätmittelalterliche Viten, eine auf Italienisch durch Stefano Tiraboschi aus Bergamo (14. Jahrhundert) [4] und eine auf Lateinisch des Pariser Universitätsgelehrten und späteren Kardinals Pierre d'Ailly († 1420) [5]; die für die Memoria des Heiligen ebenfalls wichtige Vita durch Maffeo Vegio aus Lodi († 1458) wird nicht mehr näher erörtert. Neue Erkenntnisse zu allen diesen Quellentexten sind nicht zu notieren. Dabei gäbe es zweifellos Möglichkeiten, mittels einer systematischen Prosopographie der frühen Angehörigen der von Peter, besser in Peters Namen begründeten Mönchsgemeinschaft der Morroneser, später nach ihm Cölestiner genannt, den Entstehungskontext der frühen hagiographischen Texte genauer aufzuhellen. Auch zu Stefano Tiraboschi könnte man möglicherweise weiterkommen, schrieb er doch im Auftrag seiner Schwester Mansueta, Äbtissin bei den Benediktinerinnen von S. Grata in Bergamo, für die er auch eine Vita von deren Klosterheiliger Santa Grata verfasste. Das alles jedoch würde die Auswertung ungedruckter Quellen aus zahlreichen, verstreuten Archiven voraussetzen.

Bequem in einem Band zugänglich sind nun auch die älteren Arbeiten von Alessandra Bartolomei Romagnoli zu dem Kanonisationsprozess unter Clemens V., zum Wandel der Vorstellungen über die Heiligkeit bei Begründern von Ordensgemeinschaften während des 11. bis 15. Jahrhunderts, zu den Spuren der Register Cölestins V. im Vatikanischen Archiv, zur Darstellung von Cölestins Abdankung in zeitgenössischen Chroniken, zu Dantes Haltung gegenüber dem Papsttum und dem "Engelpapst" sowie über das Nachleben Cölestins V. im Spannungsfeld von Geschichte und Legende. Auch bei diesen schon früher gedruckten Arbeiten wurde vorwiegend der Forschungsstand kompetent zusammengefasst. Die Register Cölestins V. als "inedito" anzusprechen, erweckt falsche Erwartungen; vielmehr gibt es im Vatikanischen Archiv gar keine Register Cölestins V. mehr, sondern nur wenige Abschriften in Reg. Vat. 46A; die Gründe dafür und Bonifaz' VIII. Reaktion, als er 1295 die Urkunden seines angeblich zu schwachen und unerfahrenen Vorgängers summarisch widerrief, verdienen weitere Untersuchungen.

Das Spektrum der immer wieder, auch schon von anderen wie Walter Capezzali, Arsenio Frugoni, Paolo Golinelli, Vincenzo Licitra, Luigi Pellegrini oder Paola Ungarelli in jüngerer Zeit behandelten Quellen jedoch wird durch die vorliegende Zusammenstellung von kleinen Einzelveröffentlichungen nicht ausgeweitet. So findet sich keinerlei Hinweis auf des Ramon Lull "Llibre d'Evast e d'Aloma e de Blaquerna [!] son fill", später kurz Blanquerna genannt [6], die bereits in den 80er Jahren des 13. Jahrhunderts entstandene fiktive Lebensbeschreibung eines frommen Mönchs, der eigentlich immer Eremit werden wollte, um alle Versuchungen zu überwinden, sich dann aber zum Abt und sogar zum Papst wählen ließ, beraten durch seinen Freund Ramon die Kirche reformierte und anschließend abdankte, um doch noch als Eremit die höchste Vollendung zu erlangen. Der Text ist keineswegs unbekannt, gilt er doch als eine Inkunabel der katalanischen Literatur. Inhaltlich verweist er auf anscheinend verbreitete Wunschvorstellungen der Zeit des Peter vom Morrone, deren mögliche Rückwirkung auf konkrete Ereignisse zu thematisieren wäre. Nichts findet sich auch zu dem bemerkenswerten Umstand, dass die ab den 60er Jahren des 13. Jahrhunderts formierten Morroneser/Cölestiner von Anfang an keine unbegrenzten Amtszeiten für ihre Vorsteher mehr kannten, anders als die traditionellen Benediktiner, aber auch die neuen monastischen Gemeinschaften des 11. bis frühen 13. Jahrhunderts einschließlich der Bettelorden, wo der Generalmagister der Dominikaner und der Generalminister der Franziskaner noch auf Lebenszeit gewählt wurden. Ein Vergleich mit begrenzten Amtszeiten in italienischen Kommunen würde sich hier anbieten.

Insgesamt wird man den Band immer wieder mit Gewinn für Einzelheiten heranziehen, um sich über den Forschungsstand zu informieren. Eine Gesamtdarstellung der Überlieferung und der Memorialproblematik aber war nicht intendiert und wird auch nicht geboten. Viele Fragen bleiben offene Desiderata für künftige Arbeiten.


Anmerkungen:

[1] Peter Herde: Cölestin V. (1294) (Peter vom Morrone). Der Engelpapst. Mit einem Urkundenanhang und Edition zweier Viten (Päpste und Papsttum; 16) Stuttgart 1981; auch italienisch Celestino V (Pietro del Morrone) 1294. Il papa angelico, a cura di Quirino Salomone, traduzione di Anna Maria Voci, L'Aquila 2004; Karl Borchardt: Die Cölestiner. Eine Mönchsgemeinschaft des späteren Mittelalters (Historische Studien; 488) Husum 2006.

[2] Ediert bei Peter Herde: Die ältesten Viten Papst Cölestins V. (Peters vom Morrone) (Monumenta Germaniae Historica, Scriptores rerum Germanicarum, nova series; 23), Hannover 2008, 65-88 (die sogenannte Autobiographie), 103-222 (Tommaso da Sulmona).

[3] Ediert bei Franz Xaver Seppelt: Monumenta coelestiniana. Quellen zur Geschichte des Papstes Coelestin V. (Quellen und Forschungen aus dem Gebiete der Geschichte; 19), Paderborn 1913, 3-146.

[4] Ediert bei Herde, Cölestin V., 296-336.

[5] Ediert bei Seppelt, Monumenta 147-182.

[6] Kritische, annotierte Ausgabe durch Salvador Galmés, Ramon Llull: Libre de Evast e de Blanquerna, 4 Bände (Els nostres clàssics; A 50/51, 58/59, 74, 75), Barcelona 1935-1954.

Karl Borchardt