Rezension über:

Corinne Bouillot: La Reconstruction en Normandie et en Basse-Saxe après la seconde guerre mondiale. Histoire, mémoires et patrimoines de deux régions européennes (= Collection Histoire & Patrimoines), Rouen: Presses universitaires de Rouen et du Havre 2013, 515 S., 115 Abb., ISBN 978-2-87775-575-7, EUR 37,00
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Rezension von:
Carla Aßmann
Ludwig-Maximilians-Universität, München
Empfohlene Zitierweise:
Carla Aßmann: Rezension von: Corinne Bouillot: La Reconstruction en Normandie et en Basse-Saxe après la seconde guerre mondiale. Histoire, mémoires et patrimoines de deux régions européennes, Rouen: Presses universitaires de Rouen et du Havre 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 6 [15.06.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/06/23767.html


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Corinne Bouillot: La Reconstruction en Normandie et en Basse-Saxe après la seconde guerre mondiale

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Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg ist derzeit Gegenstand zweier öffentlicher Kontroversen. Zum einen geben Pläne, damals zerstörte Gebäude jetzt wieder zu errichten, Anlass zu Diskussionen über den Platz von Erinnerungen an die Kriegszerstörung. Bekanntestes Beispiel ist das Berliner Stadtschloss. Gleichzeitig stellt sich die Frage nach dem Umgang mit der Nachkriegsarchitektur. Zwar sind einzelne Bauten bekannter Architekten als historisches Erbe anerkannt, doch gilt das nicht für die große Masse der Gebäude. Selbst identitätsstiftende Bauten sind vom Abriss bedroht. Dagegen regt sich vermehrt Protest.

Fragen nach kollektiver Erinnerung und städtischer Identität bilden auch einen Schwerpunkt im vorliegenden Sammelband über den Wiederaufbau in der Normandie und in Niedersachsen. Die Stadtgeschichte beschäftigt sich seit gut zwanzig Jahren mit dem Themenkomplex Wiederaufbau. Seit dem spatial turn der Kulturwissenschaften spielen Prozesse der Aneignung und Identitätsbildung dabei eine zentrale Rolle. Dennoch gibt es bislang nur wenig Forschung, die diese Fragen in europäischer Dimension behandelt. Dieses Forschungsfeld wird in "La Reconstruction en Normandie et en Basse-Saxe" bearbeitet.

Der zwei Regionen und nationale Kontexte vergleichende Zugang ist auch ein Ertrag mehrjährigen wissenschaftlichen Austausches. Im Jahr 2008 eröffnete die Ausstellung "Rouen et Hanovre: la reconstruction", kuratiert von Cécile-Anne Sibout und Stephanie Springer, die auch in diesem Buch vertreten sind. Von 2006 bis 2009 drehte sich ein Austauschprogramm der Universitäten Rouen und Osnabrück um das Thema Zerstörung und Wiederaufbau (s. Kapitel 10). Ein internationales Kolloquium über den Wiederaufbau europäischer Städte seit 1945 im Jahr 2009 erweiterte noch einmal den Rahmen des Vergleichs. [1]

"La Reconstruction en Normandie et en Basse-Saxe" geht von einer doppelten Bedeutung des Begriffs Wiederaufbau aus, der nicht nur die materielle Rekonstruktion der Städte, sondern auch Prozesse der wirtschaftlichen und politischen Neuausrichtung umfasst. Ein besonderes Augenmerk gilt der Beziehung zwischen der Erinnerung an die Kriegszerstörung und der Darstellung des Wiederaufbaus.

Vier thematische Achsen gliedern den Sammelband. Jede bündelt fünf Beiträge deutscher und französischer Autorinnen und Autoren. Sie eröffnen sehr unterschiedliche Zugänge zu den jeweiligen Themen, von der Kulturgeschichte über die Analyse von Akteurshandeln bis hin zu Projekten der Oral History.

Zu Beginn des ersten Teiles, "Contextes, principes et réalisations", fasst Danièle Voldman, Expertin für den Wiederaufbau in Frankreich, die Unterschiede, Gemeinsamkeiten und Problemstellungen der deutschen und französischen Wiederaufbaupolitik zusammen. Der einzige international vergleichende Beitrag des Bandes konstatiert, dass weniger der Status des Siegers oder Verlierers als vielmehr die zentralistische bzw. föderalistische Organisation des Staates verantwortlich für die jeweiligen Besonderheiten waren. Trotz dieser unterschiedlichen Voraussetzungen überwogen die Ähnlichkeiten sowohl in den anfänglichen Problemlagen als auch in den richtungsweisenden Entscheidungen städtebaulicher Rekonstruktion. So fiel die Wahl zwischen kurz- und langfristigen Lösungen angesichts der Notlage grundsätzlich immer auf dauerhaft angelegten Wiederaufbau.

In den folgenden vier Aufsätzen werden die konkreten Ausgangslagen und die Durchführung des Wiederaufbaus in Niedersachsen, Hannover und Rouen beleuchtet.

Die Kapitel 6 bis 10 widmen sich unter der Überschrift "Lectures et représentations" den Bildern des Wiederaufbaus und ihren Intentionen. Zwei Beiträge analysieren die zeitgenössische Berichterstattung in Presse und Film. Doch auch der Städtebau selbst sollte bestimmte Botschaften transportieren, wie Georg Wagner-Kyora anhand eines Vergleichs von Hannover und Braunschweig zeigt. Während die Entscheidungsträger in Braunschweig darauf bedacht waren, durch die Rekonstruktion bestimmter Gebäude eine neue, bundesrepublikanische Tradition zu kultivieren, positionierte sich die Stadtplanung in Hannover außerhalb jeder Tradition und ergänzte den modernistischen Wiederaufbau durch ornamentale historische Elemente. Überdies zeigt der Artikel den Wiederaufbau als widersprüchlichen Aktionsrahmen, in dem die städtischen Eliten mit Entscheidungen über Abriss, Erhalt oder Neubau architektonischer Monumente auch einen Konsens über die Identität der Stadt aushandelten. Die Gründe für die Zerstörung wurden dabei absichtlich verdunkelt.

Mit einer Untersuchung der Entwicklung und medialen Darstellung von modernen Musterwohnungen verbinden Élisabeth Chauvin und Pierre Gencey die in der Nachkriegszeit dominierende Wohnungsfrage mit dem kulturellen Wandel, der sich im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs vollzieht.

Besonders überzeugend ist die Konzeption des dritten Teils, "Questions sociales et constructions identitaires". Alle Beiträge stellen den maßgeblichen Einfluss sozialstruktureller Veränderungen in der Nachkriegszeit auf das Entstehen und den Wandel von Identitäten heraus. Jean-Marie Cipolat-Gotet interpretiert den Wiederaufbau Rouens als umkämpfte Gentrifizierung von oben, Sophie Victorien untersucht die Wirkung des negativen Images eines Arbeiterviertels auf dessen innere Organisation. Corinne Bouillot analysiert das Zusammenspiel von Geschlechterrollen und der Betätigung von Frauen im Niedersachsen der ersten Nachkriegsjahre, den Mythos der schnellen und gelungenen Integration von Flüchtlingen und Vertriebenen unterzieht Jochen Oltmer einer Überprüfung. John Barzman zeigt anhand einer "cité provisoire", wie sich aus einer erzwungenen Lebenssituation in kürzester Zeit eine positive lokale Identität herausbilden konnte, die sogar den Wohnort selbst überdauerte.

Die Beiträge des letzten Teils, "Mémoires et patrimoines", behandeln sowohl die Schaffung von Gedenkorten als auch die Bedeutung von Erinnerung und den Umgang mit materiellen Andenken an Zerstörung und Wiederaufbau. Dass nicht nur in Deutschland der Wiederaufbau auch als Prozess der Verdrängung seiner Ursache verstanden werden muss, legt Pierre Bergel überzeugend dar. Die "seltsame Amnesie" in Caen im Hinblick auf die Zerstörung der Stadt durch die Alliierten und die Geschichte ihrer Rekonstruktion blockiere bis heute die städtische Entwicklung. Einen fruchtbaren Umgang mit persönlichen Erinnerungen in der Geschichtswissenschaft beschreibt hingegen Thorsten Heese in dem sehr anschaulichen Beitrag über ein Oral-History-Projekt.

Auch der Anhang versammelt Ausschnitte aus Zeitzeugenberichten zu den behandelten Themen sowie Beschreibungen aller in den Beiträgen erwähnten Filme.

Die Vielfalt der Themen und Perspektiven fügt sich zu einem anregenden Gesamtwerk zusammen, das neue Einsichten in den Prozess und die Dynamik des Wiederaufbaus bietet. Unterstützt wird diese Wirkung durch die reiche Bebilderung. Inhaltliche Überschneidungen zwischen den einzelnen Beiträgen und Themenachsen sind bei der Lektüre bereichernd, denn sie erlauben dem Leser, verschiedene Perspektiven einzunehmen und eigene Bewertungen zu wagen. Den interregionalen Vergleich legt der Band eher nahe, als dass er ihn selbst schon vollzieht: Bis auf wenige Ausnahmen nehmen die Beiträge jeweils nur einen Ort in den Fokus. Dies ist nicht als Kritik zu verstehen, ist es doch der Anspruch der Zusammenstellung, Grundlagen zu schaffen. Wie es John Barzman am Ende seines Beitrags formulierte: "Il y a là un matériau qui pourrait être exploité pour des comparaisons."[2]


Anmerkungen:

[1] Internationales Kolloquium "Wiederaufbau der Städte: Europa seit 1945/ Rebuilding European Cities: Reconstruction Policy since 1945", organisiert von Georg Wagner-Kyora, Adelheid von Saldern und Axel Schildt an der Universität Hamburg vom 23.-25. September 2009. Der Tagungsband ist gerade erschienen: Georg Wagner-Kyora (Hg.): Wiederaufbau europäischer Städte / Rebuilding European Cities: Rekonstruktionen, die Moderne und die lokale Identitätspolitik seit 1945 / Reconstructions, Modernity and the Local Politics of Identity Construction since 1945 (= Beiträge zur Stadtgeschichte und Urbanisierungsforschung; Bd. 15), Stuttgart 2014.

[2] John Barzman: Reconstruction, identités et mémoire des cités provisoires de l'agglomeration havraise. Réflexions sur un projet mené à Gonfreville-l'Orcher en 2004, 287-299, hier 299.

Carla Aßmann