Rezension über:

Peter N. Bell: Social Conflict in the Age of Justinian. Its Nature, Management, and Mediation, Oxford: Oxford University Press 2013, XVII + 393 S., 36 s/w-Abb., ISBN 978-0-19-956733-1, GBP 80,00
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Rezension von:
Hartmut Leppin
Historisches Seminar, Goethe-Universit├Ąt, Frankfurt/M.
Redaktionelle Betreuung:
Mischa Meier
Empfohlene Zitierweise:
Hartmut Leppin: Rezension von: Peter N. Bell: Social Conflict in the Age of Justinian. Its Nature, Management, and Mediation, Oxford: Oxford University Press 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 4 [15.04.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/04/23384.html


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Peter N. Bell: Social Conflict in the Age of Justinian

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Belfast ist nicht Konstantinopel, doch die Städte haben Gemeinsamkeiten: Sie wurden von gewaltförmigen Konflikten erschüttert, die gerne religiös begründet wurden. Und Peter Bell kennt sie beide, die eine aus persönlicher Erfahrung, die andere aus den Quellen. Mit seinem Buch will er Beobachtungen, die er in Nordirland und an anderen Orten der Welt gemacht hat, für die althistorische Forschung fruchtbar machen, was dem Werk eine spezielle Note verleiht.

Überraschend ausführlich und apologetisch begründet Bell eingangs die Heranziehung bekannter theoretischer Klassiker (etwa Marx, Durkheim oder Weber) und die Anwendung transepochaler Vergleiche. Er bekennt, dass er vom historischen Materialismus beeinflusst ist, ohne Dogmatiker zu sein, und reflektiert die Schwierigkeiten einer Klassenanalyse in einer von Statuszuweisungen bestimmten Gesellschaft.

Bei der Analyse der Konflikte selbst betont er die Ungleichheit der Lebenssituationen in den verschiedenen Teilen des Reiches und die wachsende Ungleichheit; die sozialen Beziehungen seien gerade gegenüber der ländlichen Bevölkerung immer stärker von Ausbeutung - ein ihm wichtiges Wort - bestimmt gewesen, wovon die Städte trotz ihrer inneren Spannungen insgesamt profitiert hätten. Zu Recht unterstreicht er auch, dass selbst bei wirtschaftlicher Prosperität, wie sie neuerdings für das 6. Jahrhundert gerne betont wird, die Lage des Einzelnen prekär sein kann. Erhellend ist der Vergleich mit dem modernen subsaharischen Afrika (63). Eine besondere Aufmerksamkeit schenkt er den Patronageverhältnissen auf dem Lande, die den Unterschichten zwar Vorteile bringen konnten, die aber vor allem den Grundbesitzern zugute gekommen seien, die letztlich auch von der Gesetzgebung trotz einzelner Maßnahmen zugunsten der coloni stärker profitiert hätten.

Neben der Landwirtschaft identifiziert Bell zwei weitere zentrale Konfliktfelder: Zirkusfaktionen und Kirchen. Die Gemeinsamkeit zwischen beiden sieht er darin, dass sie überregional organisiert waren und Anhängerschaften hatten, die sich quer zu Klassen und Statusgruppen zusammenfanden. Er warnt davor, die Häufigkeit der Gewaltausbrüche, die in den Quellen bevorzugt erscheinen, zu überschätzen. Wie in anderen Zusammenhängen argumentiert Bell mit Ambivalenzen: Die Faktionen konnten disruptiv sein, aber auch manipuliert werden. In diesem Kapitel spielt Prokop als glaubhafte Quelle eine größere Rolle, als man nach Bells modischen Bemerkungen in der Einleitung ("Exorcizing Procopius", 15) erwarten würde.

Religiöse Auseinandersetzungen interpretiert Bell vor allem als soziopolitische Konflikte, die vor dem Hintergrund der wachsenden Macht der Bischöfe zu sehen seien, und erklärt Widerstände gegen theologische Änderungen nicht ohne Grund gruppenpsychologisch, weswegen selbst minimale Unterschiede für die Gruppenidentität wichtig gewesen sein können. In der Betonung derartiger emotionaler Faktoren schlagen sich Bells Erfahrungen mit mühsamen Verhandlungen in Nordirland besonders deutlich nieder. Den kaiserlichen Kurs seit Chalkedon beschreibt er gleichsam idealtypisch und betrachtet ihn im Wesentlichen als konsistent: Kaiser seien sich bewusst gewesen, dass sie ein Reich mit äußerst vielfältigen Interessen regierten, sie seien aber auch nicht in der Lage gewesen, sich aus religiösen Angelegenheiten herauszuhalten; diese beiden Faktoren seien die Grundlage ihrer Taktik und Strategie gewesen, und die Kaiser hätten bevorzugt Kompromisslösungen gesucht (192ff.). Das Modell vermag gewiss bestimmte Phasen kaiserlicher Politik gut zu erklären, doch erscheint es am Ende zu grobmaschig. Bell räumt selbst ein, dass es Ausnahmen geben konnte. Der Rezensent neigt weniger stark als Bell dazu, Kaisern ein rationales und langfristig orientiertes Handeln zu unterstellen, würde Ausnahmen höher gewichten und stärker mit einem Wechsel der Taktik rechnen - bezeichnend ist, dass Bell dem Konzil von 536 [1] in seiner Darstellung der Entwicklung kaiserlicher Politik keine Bedeutung beimisst, das ja die Gesetzeslage der Miaphysiten markant änderte.

Der dritte Hauptteil widmet sich der Mediation und dem Management von ideologischen Konflikten, worunter Bell auch religiöse fasst. Er geht von einem starken Heidentum aus - wobei er die Perspektivität der Quellen zu wenig beachtet, sodass seine fleißige Aufzählung von einschlägigen Zeugnissen auf den Seiten 235-246 unterkomplex bleibt, weil sie den christlichen Polemiken zu sehr traut. Zudem vermutet er verdeckte Konflikte zwischen Christen und Heiden wie auch von solchen innerhalb der höheren Klassen in Hinblick auf die Legitimität von Justinians Herrschaft. Namentlich betont er den Niedergang der Paideia zugunsten eines hegemonialen christlichen Diskurses, der die vorhandene Ordnung legitimierte und Konflikte glättete.

Auf der Linie der jüngeren Forschung betont Bell die Verwundbarkeit Justinians und fragt nach dessen Antworten, die er in dem Bestreben sieht, den Idealen kaiserlicher Herrschaft, namentlich der Gerechtigkeit, zu entsprechen, ferner in einem Bündnis mit verschiedenen Gruppen - dem Volk, den Juristen und der Kirche (insbesondere über die Stärkung der Bischöfe), wobei er in einem schnellen Durchgang die Phasen des Kampfes um Legitimität durchspricht und schließlich einige Gesetzestexte unter diesem Gesichtspunkt erörtert. Ein kurzes, etwas isoliertes Kapitel ist abschließend der Hagia Sophia gewidmet, die von Bell eindringlich als politisches Monument, als Ideologie in Stein, gedeutet wird, das vor dem Hintergrund der Polyeuktoskirche zu sehen ist. Am Ende vergleicht er die Hagia Sophia, die er mit der Liturgie als Gesamtkunstwerk begreift, mit Hitlerschen Inszenierungen.

Das Buch behandelt kenntnisreich wichtige Punkte und eröffnet ein breites Panorama. Störend ist manches: Große Teile der internationalen Literatur werden nicht wahrgenommen. Die Frage des Umgangs mit dem Heidentum hätte bestimmt präziser beschrieben werden können, wenn Bell Johannes Hahn und Jitse Dijkstra herangezogen hätte, die Frage der Theologie, wenn er sich mit Alois Grillmeier oder Karl-Heinz Uthemann auseinandergesetzt hätte. Die Art des Umgangs mit Gegenpositionen ist bisweilen unfair. [2] Bell pflegt ferner die Attitüde des Unkonventionellen und lässt die Leser gerne an seinen vielfältigen Lesefrüchten teilhaben, von Guicciardini bis Boris Johnson; es werden auch seine (in der Tat ungewöhnlichen) Lebenserfahrungen beschworen, die bisweilen erhellend, oft aber irrelevant sind: Muss man wirklich in Ghana gewesen sein, um zu erfahren, dass Recht sich nicht immer durchsetzen lässt? Derartige Bemerkungen stören den Fluss der Abhandlung, und hier hätte das Lektorat eingreifen müssen.

Doch die Lektüre der engagierten, theoretisch informierten und von guter Quellenkenntnis getragenen Arbeit lohnt sich gleichwohl. Sie greift weit über Justinian hinaus und stellt ihn so in einen breiten Zusammenhang. Zugleich bildet sie eine willkommene Erinnerung an die Härte der Konflikte und an die Bedeutung ökonomischer Interessen in der Zeit Justinians.


Anmerkungen:

[1] Fergus Millar: Rome, Constantinople and the Near Eastern Church under Justinian: Two Synods of C.E. 536, in: JRS 98 (2008), 62-82.

[2] Wenn er auf Seite 158, Anm. 156 Meiers These, Justinian habe den Nika-Aufstand inszeniert, mit einem üblen Vergleich als Verschwörungstheorie abtut, hätte er zumindest den einschlägigen Aufsatz (Mischa Meier: Die Inszenierung einer Katastrophe: Justinian und der Nika-Aufstand, in: ZPE 142 (2003), 273-300) zitieren und sich damit auseinandersetzen müssen, statt ohne Seitenzahl eine Monographie zu zitieren, wo der Gedanke gar nicht dargelegt wird. Ebenso unfair ist, wie er auf Seite 143, Anm. 94 mit Constantin Zuckerman umgeht.

Hartmut Leppin