Rezension über:

Sebastian Haak: The Making of The Good War. Hollywood, das Pentagon und die amerikanische Deutung des Zweiten Weltkrieges 1945-1962 (= Krieg in der Geschichte; Bd. 76), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2013, 331 S., ISBN 978-3-5067-7693-8, EUR 44,90
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Rezension von:
Andreas Kötzing
Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der Technischen Universität, Dresden
Redaktionelle Betreuung:
Empfohlene Zitierweise:
Andreas Kötzing: Rezension von: Sebastian Haak: The Making of The Good War. Hollywood, das Pentagon und die amerikanische Deutung des Zweiten Weltkrieges 1945-1962, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2013, in: sehepunkte 14 (2014), Nr. 3 [15.03.2014], URL: http://www.sehepunkte.de
/2014/03/23852.html


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Sebastian Haak: The Making of The Good War

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Unter den zahlreichen Kriegen, an denen die USA im 20. Jahrhundert beteiligt waren, nimmt der Zweiten Weltkrieg bis heute eine erinnerungspolitische Sonderstellung ein. Der Triumph über NS-Deutschland und das japanische Kaiserreich gilt in den USA - vor allem in Abgrenzung zum militärischen und moralischen Desaster in Vietnam - als der "gute" Krieg schlechthin. Ausschlaggebend dafür ist nicht nur die naheliegende Tatsache, dass die Amerikaner den Krieg siegreich beendeten. Das Bild vom "Good War" wurde vielmehr durch eine Vielzahl von kulturellen und politischen Umständen geprägt, die Sebastian Haak zum Gegenstand einer detaillierten Untersuchung gemacht hat. In seiner 2012 in Erfurt verteidigten Dissertation geht er der spannenden Frage nach, wie und warum sich die Vorstellung vom "Good War" nach 1945 herausgebildet und verfestigt hat. Als Untersuchungsgegenstand nutzt er dabei verschiedene Hollywoodfilme über den Zweiten Weltkrieg, die in den 1950er und 1960er entstanden sind und maßgeblich an der (Re-)Produktion des "Good War"-Bildes beteiligt waren. Dabei geht er von der zentralen These aus, dass sich die Vorstellung vom "Good War" erst durch das Zusammentreffen "einer tradierten amerikanischen Vorstellung von Krieg und Gewalt mit den politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen des Kalten Krieges" entwickeln konnte (21). Er verfolgt einen modernen kulturgeschichtlichen Ansatz, der Filme nicht allein als mediale Quelle, sondern als Teil einer popular culture und damit als Aushandlungsort für gesellschaftliche und kulturelle Machtbeziehungen begreift.

Im ersten Teil seiner Untersuchung geht Haak der Frage nach, warum sich nach 1945 eine so enge Kooperation zwischen Militär und Filmindustrie entwickeln konnte. Zwei offenkundige Gründe - das Interesse des Militärs an einer positiven Selbstdarstellung, um dadurch einerseits die Rekrutierung neuer Soldaten zu unterstützen und andererseits die steigenden Ausgaben des Staates für das Militär zu rechtfertigen - vertieft er dabei nicht weiter, weil diese in der Forschung schon wiederholt thematisiert worden sind. Haak geht es mehr um eine generelle Analyse der politischen und gesellschaftlichen Umstände während des Kalten Krieges. Erst die vielfach beschworene Gefahr einer kommunistischen Unterwanderung während der McCarthy-Ära habe die Entstehung des "militärisch-filmischen Komplex" ermöglicht. Die Argumentation ist stimmig, wenngleich insgesamt wenig überraschend, da in der Forschung zur politischen Kultur des Kalten Krieges schon häufig auf die starke Durchdringung aller gesellschaftlichen Bereiche hingewiesen wurde, insbesondere für den Bereich des Films und der Literatur. Das "Warum"-Kapitel fällt insgesamt auch etwas kursorisch aus, da verschiedene Aspekte mitunter nur kurz angerissen werden, zum Beispiel der damals - nicht nur in den westlichen Staaten - weit verbreiteten Glaube an die unmittelbare Wirkmacht von Filmen und ihr vermeintlicher Einfluss auf das Publikum.

Das "Herzstück" von Haaks Untersuchung bilden die Fallstudien zu insgesamt sechs Filmen, anhand deren Entstehungsgeschichte er den Aushandlungsprozess des "Good War"-Bildes zwischen Hollywood und Militär analysiert (94-257). Konkret handelt es sich dabei um "Battleground" (USA 1949), "Sands of Iwo Jima" (USA 1949), "The Best Years of Our Lives" (USA 1946), "The Young Lions" (USA 1958), "The Naked and the Dead" (USA 1958) und "The Longest Day" (USA 1962). Ausgehend von detaillierten Inhaltsbeschreibungen zeigt Haak anhand von prägnanten Szenen, bestimmten Figurenkonstellationen oder eingängigen Dialogen auf, in welch unterschiedlichen Schattierungen sich die Vorstellung des "Good War" in den jeweiligen Filmen widerspiegelt. Anhand von Produktionsunterlagen, Dienstanweisungen und Schriftwechseln belegt er, wie eng dabei die Zusammenarbeit von Regisseuren, Produzenten und Angehörigen des Militärs im Einzelfall sein konnte.

Lobenswert ist, dass Haak vereinfachende Argumentationen meidet und mit einem akteurszentrierten Ansatz stets auch die persönlichen Motive der involvierten Personen hinterfragt. Ihm gelingt dadurch eine vielschichtige Einschätzung der Filme und ihres Entstehungsprozesses, die über eine reine inhaltliche Interpretation hinausgeht. Auf eine simple Formel lässt sich der "militärisch-filmische Komplex" daher nicht reduzieren. Kennzeichnend ist jedoch das wechselseitige Abhängigkeitsverhältnis, das die Herausbildung des "Good War"-Bildes unterstützte: Während die Filmemacher und ihre Produktionsfirmen auf eine Zusammenarbeit mit dem Militär angewiesen waren, da sie ohne das angeforderte Equipment (Flugzeuge, Panzer, Waffen, Uniformen, Soldaten als Statisten etc.) ihre Filmprojekte nicht hätten realisieren können, erhoffte sich das Militär von den Filmen eine positive Lobbyarbeit. Dass es dabei häufig zu Konflikten kam, die manchen Film sogar an den Rand des Scheiterns brachten, liegt auf der Hand. Denn sofern sich Regisseure um einen kritisch-differenzierten Blick auf die "Realität" des Krieges bemühten, sah sich das Militär oftmals "genötigt", gegen umstrittene Szenen zu intervenieren. Seine Machtstellung nutzte das Militär dabei häufig schon während der Begutachtung von Drehbuchentwürfen aus - missliebige Szenen, die nicht in die eigene "Good War"-Vorstellung passten, konnten hier leicht verhindert werden. Für die 1950er Jahre konstatiert Haak dabei einen vorsichtigen Wandel: Während die Regisseure und Produzenten anfangs noch zu vielen Zugeständnissen bereit waren und sich den mitunter sehr umfangreichen "Wünschen" des Militärs fügten, um die Produktion ihrer Filme nicht zu gefährden, wehrten sich Filmemacher Anfang der 1960er Jahren verstärkt gegen die Einflussnahme des Militärs, die zunehmend auch von einer breiten Medienöffentlichkeit kritisch beäugt wurde.

Haaks Arbeit bietet insgesamt einen spannenden und kenntnisreichen Einblick in die Hintergründe des "militärisch-filmischen Komplexes" in den USA in den 1950er Jahren. Dass man allein mit den hier näher analysierten Filmen nicht die gesamte Entstehung des US-spezifischen "Good War"-Bildes erklären kann, ist naheliegend - dies bedarf zweifelsohne einer komplexeren Analyse, die auch andere Medien (und deren Rezeption) mit in den Blick nimmt. Haaks Studie bietet hierfür eine Vielzahl inspirierender Ansätze.

Andreas Kötzing